Leben


Michèle Binswanger am Mittwoch den 25. März 2009

Orgiastische Geburten – bessere Mütter?

Das orgiastische Gebären, von unserer Autorin Nicole Althaus als «Höhepunkt des Schwachsinns» bezeichnet, sorgte hier im Blog für kontroverse Meinungen. Viele Leserinnen und Leser schlossen sich dem Votum der Autorin amüsiert an, der Film erntete aber auch Lob. Er hebe die Geburt aus ihrem «klinischen» Kontext, ermutige die Frauen zu positiven Gefühlen beim Gebären, einige Leserinnen jubelten sogar,  schwer zuzuordnende Gefühle, die sie bei den Geburten ihrer Kinder erlebt hätten, seien endlich bestätigt worden.

So weit, so schön. Trotzdem fand ich den Filmtrailer  ärgerlich. Es beginnt schon bei der Prämisse: Wir hören Stöhnlaute, ergo muss da Lust sein, was mit einem Zusammenschnitt gelöster Gesichter untermauert wird.

Aber Entschuldigung: Schmerz und Lust haben zwar ähnliche akustische Ausdrucksformen, aber Stöhnlaute kritiklos als Zeugnisse eines sexuellen Höhepunkts anzuführen, erscheint mir doch etwas übereilt. Ausserdem erinnert es mich an die ermüdenden Stöhnorgien pornographischer Filmerzeugnisse.

Und überhaupt: Ich habe keineswegs etwas gegen Orgasmen. Aber Aussagen wie: «Das Baby stimuliert auf seinem Weg durch den Geburtskanal erogene Zonen wie der Penis beim Sex» halte ich für eine befremdende Banalisierung des Geburtsakts. Warum muss eigentlich der entblösste, ekstatische, weibliche Körper so notorisch fetischisiert werden? Inzwischen auch und zunehmend von den Frauen selbst? Soll der sexuelle Höhepunkt die Geburt upgraden? Sind wir bessere Mütter, wenn wir beim Gebären kommen? Kriegen wir bessere Babys?

Eine Geburt ist eine alle Grenzen überschreitende Erfahrung. Vielleicht fehlt uns einfach das geeignete Vokabular für dieses Erlebnis. Geburtspornos braucht die Welt dennoch nicht. (mcb)

21 Kommentare zu „Orgiastische Geburten – bessere Mütter?“

  1. Karsten Wolf sagt:

    Ich bin Tantramasseur und mich interessiert das Thema orgastische Geburt. Ich kann mir vorstellen, dass Schmerz und Lust sehr eng nebeneinander liegen, und dass man bei einer entsprechenden inneren Haltung und einer annehmenden, zulassenden, sicheren Umgebung Schmerz in Lust transformieren kann. Unsere aktuelle Geburtskultur ist aber eher verhindernd und kontrollierend, und unsere gesellschaftliche Haltung eher körper- und lustfeindlich.
    Als Mann möchte ich aber nicht gern für die Frau sprechen, sondern den Raum selbst lassen.
    Aber ich würde gern anbieten….
    Karsten Wolf http://www.tiefenschicht.de

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