
Nicht jeder Spleen hält bis ins Erwachsenen-Alter vor. Szene aus dem Theaterstück «Mnemopark» von Stefan Kaegi und Rimini-Project.
Es war eine harmlose kleine Frage. Aber wie das mit Fragen manchmal so ist, führte sie zu weiteren Fragen und brachte am Schluss fast das Haus zum Einsturz, das Haus der mentalen Stabilität meiner Schwester.
Was sich mein Neffe denn so zur Weihnacht wünsche, wollte ich wissen. Ihre Antwort war ein Stossseufzer der Stärke neun auf der Richterskala. Die Siku 3726 Strassenbahn oder den 1617 Gelenkbus, den Nahverkehrszug habe er schon, aber der Doppelstock Linienbus sei noch offen. Auch eine Karte vom Liniennetz der öffentlichen Verkehrsbetriebe Basel wäre willkommen.
«Immer noch?» erkundigte ich mich, was einen weiteren Stossseufzer provozierte und ihre dem gleichgültigen Himmel entgegengeschleuderte Frage: «Wann hört das endlich auf? So habe ich mir das nicht vorgestellt!»
Die Grundfesten ihrer mentalen Stabilität wanken, weil ihr Sohn, ein wunderhübscher, hochintelligenter Junge von sieben Jahren, einen mysteriösen Spleen hat. Und der interferiert mit ihren Vorstellungen eines gesunden, normalen Familienlebens, die durchaus konventionell sind und Besuche im Zoo oder Sonntagsspaziergänge beinhalten. Das aber lässt den Sohn kalt wie einen Tiefseefisch. Wo andere Hochbegabte über Schachbrettern oder den Klaviersonaten Beethovens brüten, gilt sein ausschliessliches Interesse Trams, Bussen und Zügen. Manchmal auch Postautos. Für ihn geht die Sonne auf, wenn er mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt rattert, wobei er die Haltestellen in Rekordzeit auswendig kennt und sich einen Spass daraus macht, seinen Mitreisenden zu verkünden, wo sie gleich aussteigen und wohin sie dann umsteigen können. Da ist er in seinem Element. Wahrscheinlich ist sein Gehirn in Form eines Liniennetzes des öffentlichen Verkehrs angelegt.
«Ist doch süss», versuchte ich meine Schwester zu beruhigen.
«Mit den Jahren verliert es seinen Reiz», erwiderte sie.
«Das ist bloss eine Phase», meinte ich.
«Sie hält nun schon seit vier Jahren an», sagte sie.
«Hm», sagte ich.
«Eben», sagte sie.
Meine Psychologenfreundin, bevorzugte Ansprechpartnerin für solche Probleme, zuckte bloss die Schultern. «Spezialinteressen», sagte sie. «Inselbegabungen.» Ansonsten sei das Phänomen in der Literatur nicht näher beschrieben, man könne also davon ausgehen, dass es normal sei. Tatsächlich interessiert sich auch mein Bub seit Jahren für Waffen und ich erinnere mich, dass ich selber eine fanatische Pferdenärrin war und meinen Deutschlehrer zur Verzweiflung brachte, weil ich zu jedem Aufsatzthema eine Abhandlung über Pferde schrieb. Mit Einsetzen der Pubertät verdrängte das Thema Männer allerdings die Pferde, die mich mittlerweile nur noch marginal interessieren.
Meine Schwester ist klug genug, dem Glück ihres Sohnes nicht im Weg zu stehen. Zum Trost sang ich ih aber Mani Matters Lied vom Künstler vor, der eines schönen Sonntags mit seiner Staffelei über Land geht und in einer Kuh am Waldrand das perfekte Sujet für sein Meisterwerk findet. Er malt die Wiese, den Wald und kommt am Schluss zur Hauptsache, der Kuh. Aber die ist, oh Schreck, inzwischen verschwunden und auch keine andere ist gewillt, ihren Platz einzunehmen. «D‘Wält isch so perfid, dass si sich sälte oder nie, nach Bilder wo mer vo‘re gmacht hei richtet. Und so hei ou a däm Sunntig die banousehafte Chüeh, dä Asatz zumene Meischterwärk vernichtet» singt Matter. Die perfekte Parabel für die Elternschaft.


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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@ Michèle Binswanger
Die meisten Schreiber haben bis jetzt von der anderen Seite her nachgedacht. Müsste sich eine Mutter Sorgen machen, wenn der Bub während Jahren nur das eine Thema verfolgt?
Ihre Frage, wie kann eine Mutter damit umgehen, wenn sich das Kind anders entwickelt als vorgestellt – diese Frage ist viel weiter und dazu eine Büchse der Pandora. Wenn man die aufmacht, dann darf man sie nicht zu schnell wieder schliessen, weil sonst die Hoffnung nicht in die Welt kommt.
@gargamel
Meine Beobachtung in den USA war, dass die Leute sehr lokal denken, sehr lokal handeln und sehr lokal informiert sind. Ob es etwas wahres “us-amerikanisches” gibt, weiss ich nicht. Wo immer ich war, da erlebten die Leute ihre lokale Umgebung als das eigene. Wenn meine Freunde und Gesprächspartner mit Filmen aus Hollywood konfrontiert waren, dann war das einfach Hollywood, nichts anderes – ein genauso lokales Phänomen geschaffen von Leuten, die in Kalifornien unter sich bleiben, ihre eigenen Beziehungsnetze pflegen und dort genauso lokal denken und lokal informiert sind.
Kurzum: Hollywood war aus Sicht meiner amerikansichen Freunde einfach eine weitere Form von Bünzlitum.
Ich habe meine Freunde so verstanden, dass man einen französischen Film ausleihen muss, wenn man sich einem bestimmten Lebensgefühl hingeben will und nicht nur einige oberflächliche bünzlige Klischees servieren lässt. (Jetzt abgesehen davon, ob einem Betty Blue gefällt).
@max: Sie waren absolut überzeugt, dass Betty Blue ein amerikanischer Film ist, ein amerikanischer Geheimtip und ja, dass er das wirklich Amerika zeigt. haben sie geschrieben, das ist imho etwas ziemlich anderes als dass man einen französischen Film ausleihen muss, wenn man sich einem bestimmten Lebensgefühl hingeben will und nicht nur einige oberflächliche bünzlige Klischees servieren lässt.
(btw: so funktioniert das also, mit dem immer recht haben: was kümmert mich mein dummes geschwätz von vor einer stunde: jetzt behaupte ich etwas komplett anderes…)
und bevor man ganz hollywood in ein und denselben topf schmeisst und offensichtlich das gesamte us-filmschaffen damit meint (was nichts anderes ist als selber einem klischee zu frönen) sich vielleicht mal streifen wie z.b. “american beauty”, “american history x”, “requiem for a dream”, “gran torino” oder “no country for old men” anschauen.
und noch was “betty blue” ist ein mässig guter film, und ihre kumpels (das unterstell’ ich jetzt einfach mal) mochten ihn wohl v.a. wegen der “european nudity” von beatrice dalle (einer mässig talentierten actrice)…
Oh schade, die Loser Debatte ist zuende, jetzt erfahren wir nie ob ein richtige Man nun ein Luser, Loser oder ein Looser ist.
Zum Ursprungsthema hab ich auch noch eine Anekdote:
Mein Cousin, aufgewachsen auf einem Bauernhof, hatte sein Spezialgebiet im Thema Zuchtbullen gefunden.
Wenn die Kuh mal wieder stierig wird, kommt ja schon längst nicht der Muni zum Einsatz, sondern der Tierarzt vorbei.
Der Bauer befasst sich vorgänging damit, welcher Zuchtbulle am besten zu seiner Kuh passt, und wählt dann die Samen des Muni welches am besten passt.
Dazu gibt es Kataloge mit x-Angaben zu den Munis (resp wie dessen Töchter sich entwickelt haben), wie Milchleistung, Grösse, Gewicht, Euterform, Melkbarkeit, etc.
Besagter Cousin hatte sich sehr intensiv mit diesen Katalogen befasst, und konnte an Familientreffen den Nichtbauern detailbewusst und ausführlich darüber berichten, wieso seine Kuh A jetzt mit dem Samen von Muni B besamt (befruchtet, gedeckt oder was auch immer) worden sei und nicht Muni C, und was für eine Stategie er für Kuh D plane. Er behandelte diese Thema so locker und natürlich (für ihn war das ja auch etwas alltägliches) ohne bei den Anwesenden peinliche Blicke oder Gekichere zu provozieren oder wahlweise romantische Bilder vom Leben auf dem Bauernhof zu zerstören.
Dennoch, gewisse Tanten hätten es wohl lieber gehabt, er hätte den anwesenden Cousinen besser was von “Nächster Halt Bahnhof – Umsteigemöglichkeit in alle Richtungen” erzählt als darüber wie das läuft wenn der Muni mit der Kuh.
So, und nun weiter im Thema “Das wirkliche Amerika”.
@Adi: looser / to loose und loser / to lose sind korrekte schreibweisen von woertern im englischen und amerikanischen gem. Cambridge Dictionary und Webster. die differenzen und aehnlichkeiten kann jedes bei den genannten sites selber nachschauen.
auf einem us keyboard gibt es keine umlaute und das character map applet ist bemuehend. das browser plug-in fuer deutsche woerterbuecher (sowohl fuer firefox als auch fuer opera) ist so rudimentaer dass es bei woertern von mehr als drei silben aufgibt. zeitverschwendung. das microsoft broswer produkt ist mir zu langsam (die sicherheitsaspekte lassen wir mal aus, dazu gibt es foren mit jahrelangen flamewars). grundsaetzlich ist das hier eine kommentarfunktion mit einem simplen html formular. kein forum mit entsprechender software (edit-funktion, verfolgen von threads usw.) somit etwas mehr als twitter aber weniger als ein forum. somit tippen leute schnell was nach gewohnheit. es gibt diverse poster hier, die ziemlich sicher in nordamerika sind…
aber eben adi, man erkennt sich ja. dir geht es ja nur darum, zu diskreditieren. sehr schnell geht das damit, jemanden als halbgebildeten fucktard darzustellen. ich hab noch etwas gefilte fish uebrig. willst du es essen?
die diskussion darueber was amerikanisch und was europaeisch ist, ist so sinnlos wie, welches der beste internet browser sei.
max hat zu lokales denken das wesentliche gesagt. zu hollywood. meine postleitzahl ist 90069. je nach software heisst es west hollywood oder eben los angeles. die post findet es sei los angeles. hollywoodianisches buenzlitum… hat schon was. eine typische frage an parties: are you in The Business ? (Betonung auf dem The und dann Business, gemeint ist showbiz/filmindustrie) wenn die antwort ist, no, I do business consulting, dann kommt, oh, you work , how undelicious.
ich hab auch schon in nyc und der fly-over zone gehaust. alles unterschiedlich und vielfaeltig.
@Dani Kobler
- Darum sagen wir ja Göfferli-Muni, wenn wir den Tierarzt meinen.
@gar kein Mehl:
Ich weiss echt nicht, ob meine amerikanischen Freunde wussten, dass Betty Blue ein französischer Film ist. Es waren IHRE Worte, dass das ein amerikanischer Film sei und ein Geheimtip, der das wahre Leben in Amerika zeige. Es war MEINE Interpretation dieses seltsamen Missverständnisses, dass sie die Hollywood Filme an keine amerikanischen Erlebnisse erinnern, weil sie zu bünzlig sind und dass nur Betty Blue das kann.
Fände ich Betty Blue einen guten Film, dann hätte ich ihn mir mit den vieren angeschaut. Und nein, es waren nicht nur Kumpels, sondern vier Frauen, drei Männer. Andere “uramerikanische” Ereignisse waren noch Brekt (sollte heissen Bertold Brecht) und M.C. Escher!
Ich mache so viele Fehler mit dem Konjunktiv. Möchten Sie nicht meinen Korrektor spielen?
@Adi: Nimm Katharina’s Kommentare nicht zu schwer. Sie hat ihre Valiumpille heute noch nicht eingeworfen.
Bzgl loser, looser, Luser etc. gilt: “Losers spell it loosers.” http://loseloose.com/
@Katharina
Zu “are you in The Buisness” – “oh you work” :
Den kennen wir von der Madame de Meuron: “Junge Maa, syt Dir öpper oder nähmet Dir Lohn”.
Oder von den Bauern im oberen Emmental: Die tun entweder “bauern” oder sie müssen “wärchen” [will heissen Geld verdienen] gehen.
…hätte der titel ” von spleens und schäfchen” gelautet, über wen hätten wir hier wohl gepostet?
…f u!
@J_Randi: Valium? wie kommst Du denn darauf? ich benutze keine Tuning-Substanzen und habe auch keine verschreibungspflichtigen Angstzustaende. Ich empfrhlr, dein eigenes Inventar an kleinen Helferchen zu durchleuchten.
@Thomas: “…f u!” … what?
@Katarina
…bei looser und loser werden wir uns wohl nicht einigen können. Damit muss ich nun leben
Wie du nun auf due Umlautdebatte kommst ist mir nicht ganz klar. Ich habe mich ja nicht zu irgendwelchen Umlauten geäussert sondern nur zu Gross-/Kleinschreibung. Das geht auf einem US keyboard übrigens problemlos.
Aber es ist trotzdem bereichernd noch etwas über deine Webbrowser Vorlieben zu erfahren hier.
Ich denke wenn hier jemand diskreditiert, dann bist es wohl du (wiseass… und das nicht nur in diesem Thread) ^^
@J_Randi
Keine Sorge. Ich denke zwar nicht dass Katharina Valium braucht – sie hat einfach etwas spezielle Ansichten und liebt es sich polemisch an Internet Diskussionen zu beteiligen, was dann wiederum andere Leute dazu animiert ebenso polemisch zu antworten. Medikamente braucht deswegen niemand
@Adi: Eleganter Schlusspass oder wie das heisst. Kompliment. Ich habe einigemale gehoert, dass meine Beitraege polemisch seien. Manchmal ist mir nicht bewusst, dass es polemisch sein koennte. Manchmal dann aber schon. Wohl ab und zu ein Luser (Luusmeitli, das Schweizerdeutsche Wort).
…und immer noch ein luserli!
Bei besonders begabten Kindern ist das ganz normal, wenn sie Sonderinteressen verfolgen – z.T. ihr Leben lang. Ein Beispiel für Busse und Bahnen findet man unter http://www.janzbikowski.de. Dieser junge Mann, den ich seit seinen Kindheitstagen kenne, hat dieses Hobby sogar zum Inhalt von Studium (Logistik) und Beruf gemacht – und ist nicht unglücklich damit geworden