Leben


Michèle Binswanger am Mittwoch den 16. Dezember 2009

Von Spleens und Kühen

Nicht jeder Spleen hält bis ins Erwachsenen-Alter vor. Szene aus dem Theaterstück Mnemopark von Stefan Kägi.

Nicht jeder Spleen hält bis ins Erwachsenen-Alter vor. Szene aus dem Theaterstück «Mnemopark» von Stefan Kaegi und Rimini-Project.

Es war eine harmlose kleine Frage. Aber wie das mit Fragen manchmal so ist, führte sie zu weiteren Fragen und brachte am Schluss fast das Haus zum Einsturz, das Haus der mentalen Stabilität meiner Schwester.
Was sich mein Neffe denn so zur Weihnacht wünsche, wollte ich wissen. Ihre Antwort war ein Stossseufzer der Stärke neun auf der Richterskala. Die Siku 3726 Strassenbahn oder den 1617 Gelenkbus, den Nahverkehrszug habe er schon, aber der Doppelstock Linienbus sei noch offen. Auch eine Karte vom Liniennetz der öffentlichen Verkehrsbetriebe Basel wäre willkommen.
«Immer noch?» erkundigte ich mich, was einen weiteren Stossseufzer provozierte und ihre dem gleichgültigen Himmel entgegengeschleuderte Frage: «Wann hört das endlich auf? So habe ich mir das nicht vorgestellt!»

Die Grundfesten ihrer mentalen Stabilität wanken, weil ihr Sohn, ein wunderhübscher, hochintelligenter Junge von sieben Jahren, einen mysteriösen Spleen hat. Und der interferiert mit ihren Vorstellungen eines gesunden, normalen Familienlebens, die durchaus konventionell sind und Besuche im Zoo oder Sonntagsspaziergänge beinhalten. Das aber lässt den Sohn kalt wie einen Tiefseefisch. Wo andere Hochbegabte über Schachbrettern oder den Klaviersonaten Beethovens brüten, gilt sein ausschliessliches Interesse Trams, Bussen und Zügen. Manchmal auch Postautos. Für ihn geht die Sonne auf, wenn er mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt rattert, wobei er die Haltestellen in Rekordzeit auswendig kennt und sich einen Spass daraus macht, seinen Mitreisenden zu verkünden, wo sie gleich aussteigen und wohin sie dann umsteigen können. Da ist er in seinem Element. Wahrscheinlich ist sein Gehirn in Form eines Liniennetzes des öffentlichen Verkehrs angelegt.

«Ist doch süss», versuchte ich meine Schwester zu beruhigen.
«Mit den Jahren verliert es seinen Reiz», erwiderte sie.
«Das ist bloss eine Phase», meinte ich.
«Sie hält nun schon seit vier Jahren an», sagte sie.
«Hm», sagte ich.
«Eben», sagte sie.

Meine Psychologenfreundin, bevorzugte Ansprechpartnerin für solche Probleme, zuckte bloss die Schultern. «Spezialinteressen», sagte sie. «Inselbegabungen.» Ansonsten sei das Phänomen in der Literatur nicht näher beschrieben, man könne also davon ausgehen, dass es normal sei. Tatsächlich interessiert sich auch mein Bub seit Jahren für Waffen und ich erinnere mich, dass ich selber eine fanatische Pferdenärrin war und meinen Deutschlehrer zur Verzweiflung brachte, weil ich zu jedem Aufsatzthema eine Abhandlung über Pferde schrieb. Mit Einsetzen der Pubertät verdrängte das Thema Männer allerdings die Pferde, die mich mittlerweile nur noch marginal interessieren.

Meine Schwester ist klug genug, dem Glück ihres Sohnes nicht im Weg zu stehen. Zum Trost sang ich ih aber Mani Matters Lied vom Künstler vor, der eines schönen Sonntags mit seiner Staffelei über Land geht und in einer Kuh am Waldrand das perfekte Sujet für sein Meisterwerk findet. Er malt die Wiese, den Wald und kommt am Schluss zur Hauptsache, der Kuh. Aber die ist, oh Schreck, inzwischen verschwunden und auch keine andere ist gewillt, ihren Platz einzunehmen. «D‘Wält isch so perfid, dass si sich sälte oder nie, nach Bilder wo mer vo‘re gmacht hei richtet. Und so hei ou a däm Sunntig die banousehafte Chüeh, dä Asatz zumene Meischterwärk vernichtet» singt Matter. Die perfekte Parabel für die Elternschaft.

99 Kommentare zu „Von Spleens und Kühen“

  1. Roger sagt:

    @adi: Max hat am 16.12. 11.40h das Wort “looser” verwendet und um 13.29h spezifiziert, dass er “Luser” meint. Dies hat er heute um 05.09h nochmals bestätigt. Es geht hier also um “Luser” und nicht irgendwelche englische Spitzfindigkeiten.

    Mäld mi ab.

  2. Adi sagt:

    @gargamel

    So ist es. Eigentlich spielt es ja keine Rolle. Aber ich finds trotzdem toll wie die Luuser Fraktion hier um Erklärungen ringt. Sogar AE vs BE wird bemüht um auszuweichen ;)

    Aber eben: richtige Männer machen keine Fehler. Soviel habe ich jetz zumindest begriffen.

  3. Adi sagt:

    @Roger

    Max kann einfach keinen Fehler zugeben. Wenn Seine Freundinnen bei ihm über männliche “loser” reklamieren, weil sie nichts besseres im Kopf haben als rumzusaufen etc., dann ist wohl eher “Versager” gemeint als “Lausbub” :p

    Da hilft dir auch deine militärische Abmeldung nicht weiter :)

  4. gargamel sagt:

    @adi: richtige männer leben nach zwei grundsätzen:
    1. ich habe immer recht.
    2. sollte ich einmal nicht recht haben, tritt automatisch punkt 1 in kraft.

  5. max sagt:

    @Adi

    Ja, so ist es leider mit uns Schweizern: Wir schauen Kinofilme und meinen, wir täten Amerika kennen.

    In einer amerikanischen Studenten WG wollten meine Wohngenossen unbedingt mit mir in die Videothek fahren und “Betty Blue” ausleihen. Sie sagten mir, den Film musst Du sehen, so ist Amerika wirklich. Für sie war das der absolute Klassiker, DER amerikansiche Geheimtip.

    Als ich Ihnen sagte, dass ich schon längst das französischsprachige Original im Kino gesehen hatte, da blieb ihnen der Latz offen.

    Hollywood Filme waren dort keine kulturellen Ereignisse, sondern einfaches Konsumgut, einmal gesehen und schon vergessen.

  6. Adi sagt:

    @max

    Damit magst du recht haben. Und dennoch wage ich zu behaupten, dass in Amerika ein loser genauso ein loser ist wie bei uns. Auch ausserhalb der Kinosäle: Ein Verlierer/Versager.

  7. gargamel sagt:

    eigentlich ist’s ja ganz einfach (mäxchen hat’s ja bereits erklärt): eigentlich wollte er den dialektausdruck “luser” schreiben, seine finger tippten aber automatisch und in korrekter englischer orthographie (wie es für ein ch-dialekt wort überhaupt eine korrekte englische orthographie geben kann, das sei mal dahingestellt) “looser”. das kann schon mal vorkommen, wenn man in dieversen fremdsprachen so sehr zuhause ist wie unser richtiger mann…

  8. Rahel sagt:

    Ich verstehe den ganzen Rummel um dieses eine Wörtli nicht! Glaubt doch dem Max einfach dass er “Luser” und nicht “Looser” gemeint hat und die Sache ist vom Tisch! Somit könnte man nämlich zum eigentlichen Thema zurückkehren! Stundenlanges Hickhack um Peanuts, tststs………

  9. Adi sagt:

    @gargamel

    Haha, köstlich :)

  10. gargamel sagt:

    “betty blue”, ein französischer film nach einem französischen buch der in frankreich spielt, zeigt das wirkliche amerika..? mmh…

  11. Tamara sagt:

    @Rahel 11.25h: Männer :-) (hab gestern etwa um diese Zeit schon etwas geschrieben, dass ich hier wiederholen könnte).

  12. max sagt:

    @gargamel:

    Genau die Frage habe ich meinen amerikanischen Wohnpartnern auch gestellt. Sie waren absolut überzeugt, dass Betty Blue ein amerikanischer Film ist, ein amerikanischer Geheimtip und ja, dass er das wirklich Amerika zeigt. Ich habe das als Beispiel gebracht für den Adi, der meint er kenne die USA aus Hollywood-Filmen.

    Rechthaben: Exakt, so ist es – ich habe immer recht. ABER das ist eine ganz private Tragik. Es ist ein schlimmes Schicksal, wenn man am Schluss jedesmal recht hat. Darüber gibt es nichts zu lachen und es gehört auch nicht öffentlich diskutiert.

  13. max sagt:

    Ja liebe Dattelpalme, schreiben Sie doch etwas über Bubenspleens. Ich werde es gerne lesen und auch antworten.

  14. Rahel sagt:

    @ Tamara

    :-)

  15. Adi sagt:

    @Tamara, Rahel

    Ihr habt beide absolut recht. Aber ich denke es hindert euch niemand daran zum eigentlichen Thema zurückzukehren. Die Loser Diskisson (und vor allem diejenige um “richtige Männer” ^^) konnte ja nur entstehen weil nicht genug zum eigentlichen Thema gepostet wurde.

  16. Tamara sagt:

    Mein lieber Herr @max: Sie verwenden ein Substantiv, dass mangels anderer weiblicher Teilnehmer bei diesem hirnlosen Schrott hier mal auf mich beziehe. Wenn Sie mein Kommentar um 10.49h im erwähnten Themenblog lesen (Lesen, Schreiben, Rechnen…), dann kämen Sie auf die von Ihnen gewünschte Antwort.

    Mit freundlichen Grüssen,
    Ihr Savannengewächs

  17. Tamara sagt:

    …aber Sie haben natürlich vollkommen recht: Dattelpalmen wachsen nicht in der Savanne. Deshalb beziehe ich Ihre Epistel auch nicht auf mich :-)

  18. gargamel sagt:

    @max: die amis haben also noch weniger ahnung als wir, was das wahre us-amerika ist, wenn sie einen froschfresser-film für ein abbild des wirkliche amerika halten… wollten sie das sagen?

    und von wegen recht haben: wie nochmals war das mit den lustigen einheiten von zeit, ort und handlung..? aber da legen sie ja lieber den mantel des schweigens darüber, gell…

  19. Rahel sagt:

    Zurück zum Thema: ich finde diesen Trend, dass man sich gleich Sorgen machen muss wenn sich das Kind für etwas ganz besonders interessiert, irgendwie erschreckend!

    • Michèle Binswanger sagt:

      @Rahel: Ich finde es geht gar nicht so sehr darum, ob man sich Sorgen machen muss, oder nicht, sondern darum, wie man damit umgeht, wenn die Kinder sich in eine andere Richtung entwickeln, als man sich vorgestellt hat.

  20. Rahel sagt:

    @ Michèle Binswanger

    Wenn letzteres der Fall ist, dann machen sich manche Eltern dann eben doch Sorgen………

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