Leben


Nicole Althaus am Montag den 14. Dezember 2009

Mütter ans Lehrerpult?

Willig und Billig: Mutter als Hilfslehrerin in der Volksschule

Willig und Billig: Mutter als Hilfslehrerin in der Volksschule.

Fast hätte ich mich gestern Morgen über einer Schlagzeile in der «NZZ am Sonntag» verschluckt: «Hausfrauen als Hilfskräfte für überlastete Lehrer» stand da auf der Front. Und weiter hinten konnte man nachlesen, dass die Schulbehörden darüber nachdenken, die überlasteten Lehrkräfte «unkompliziert und kostengünstig» mit Hausfrauen und Müttern als Assistentinnen zu entlasten. Die Klassen sind überfüllt und heterogen, die Schüler überfordert oder gelangweilt, die Lehrer überlastet und die Schulbehörden mit ihrem Latein am Ende: Jetzt soll Mama helfen die Sparsuppe auszulöffeln.

Nächstes Jahr gehen schweizweit 7400 Lehrerinnen und Lehrer in Pension, der pädagogische Nachwuchs fehlt. So massiv sind die  Rekrutierungsprobleme, dass diverse Schulpflegen Pensionierte ins Schulzimmer locken oder  Lehrerinnen und Lehrer aus Deutschland anheuern. Sozusagen als letzte Option streckt man nun die Fühler nach den Hausfrauen und Müttern aus. Nach einer Schnellbleiche an einer Pädagogischen Hochschule, sollen diese dem Lehrer zur Hand gehen: Hausaufgaben korrigieren zum Beispiel oder Kinder separat unterstützen. Und das bitte willig und billig!

Die Idee ist bestechend einfach und passt punktgenau zum Sparkurs, mit dem in unserem Land Schulpolitik betrieben wird. Und sie ist nicht neu: In Grossbritannien, aber auch in einigen deutschen Bundesländern stehen sogenannte «Ein-Euro-Jobber» seit Längerem am Lehrerpult. Allein in Berlin schätzt man, dass rund 3000 Billig-Hilfskräfte pädagogische Arbeiten am Rand übernehmen: Für ein paar Euros beaufsichtigen sie die Schülerschaft in den  Pausen, helfen bei der Hausaufgabenstunde aus und springen notfalls auch ein, um kranke Lehrer zu vertreten.

Aber ist die Idee auch gut? Erwartungsgemäss rief das Modell in Deutschland subito Kritiker aus Gewerkschafts- und Lehrerkreisen auf den Plan. Sie monierten, dass man damit Tür und Tor für ein Billig-Lehrer-Konzept öffne. Erwartungsgemäss wurden ihre Bedenken als linker Reflex abgetan. Als Angst vor dem Verlust von Privilegien. Nur: Jeder, der ab und zu einen Blick in ein Klassenzimmer wirft, weiss: Der Lehreralltag ist längst kein mit Privilegien gesäumter und fürstlich entlöhnter Sonntagsspaziergang mehr. Sonst stünde man – marktwirtschaftlich gedacht -  in der Branche Schlange und man wäre jetzt nicht mit dem Latein am Ende. Das Problem nämlich, das nun mit Dumping-Hilfslehrern zugedeckt werden soll, ist selbstverschuldet: Sparübung um Sparübung haben eine sinnvolle und vorab nachhaltige Reaktion auf das absehbare Rekrutierungsproblem in der Schweizer Volksschule verunmöglicht. Konkret: Kleinere Klassen,  wettbewerbsfähige Lehrerlöhne, flankierende Massnahmen zur Integration.

Nun greift man auf die altbekannte wirtschaftliche Manövriermasse Mutter und Hausfrau zurück. Vielleicht lassen sich ja tatsächlich gut ausgebildete Mamas für einen schlecht bezahlten Hilfsjob im Schulzimmer rekrutieren.  Aber: Lösen lässt sich damit langfristig kein einziges Problem unserer Volksschule. Die Klassenmama kann die Lehrkräfte weder bei Elterngesprächen, noch bei schulinternen Sitzungen entlasten. Sie kann nichts ausrichten gegen die Heterogenität der Klassen und noch viel weniger gegen Integrationsprobleme. Genau diese aber bringen laut einer Studie Lehrer an den Anschlag.

Ausserdem werten  Mütter und Hausfrauen im Klassenzimmer den Lehrerberuf nicht auf, wie das so oft und zu Recht gefordert wird, sondern ab. Nicht etwa, weil ihre Arbeit wertlos ist, sondern weil sie fördern, was nicht zuletzt die Befürworter der Schulsparpolitik  regelmässig beklagen: die Feminisierung des Lehrerberufes.

Vor allem aber sind Mütter und Arbeitslose als billige Hilfs-Pfästerli für den arg malträtierten Schulkörper nichts als ein Placebo. Eine kurzfristige Symptombekämpfung. Wer das Problem, an dem unser Schulsystem krankt, lösen will, kommt nicht darum herum eine unangenehme Frage zu beantworten:  Wie viel ist uns die Volksschule noch wert?

235 Kommentare zu „Mütter ans Lehrerpult?“

  1. Yvonne sagt:

    Karin !!! Du bringst es auf den Punkt genau. Was mich ärgert ist Eltern haben immer mehr pflichten aber keine rechte. Kinder sollen immer früher in den Kindergarten aber die Anforderungen werden nicht angepass. Es werden klein Kinder eingeschult ob wohl jeder weiss das es eigendlich noch zu früh ist. Sie werden einfach durch die Schule geschleift und wenn sie genug haben werden sie Terapiert. Und zum guten schluss können diese Mütter ” die ja nur nerven ” wieder hin halten und die Lehrer unterstützen.
    Ich frage mich wie konnten unsere Eltern und Grosseltern nur ohne diese unterstützung gross werden … oder liegt es woll gerade daran das unsere Politiker solche Schulreformen unterstützen.

    • lucie sagt:

      Yvonne
      wir haben viel integratin auf privater ebene gemacht .Das könntet ihr mit ausländischen Mütter gut zusammen üben.

  2. A.Spiekermann-Gothuey sagt:

    Ich habe als pädagogische Assistentin innerhalb eines Pilotprojektes in Deutschland gearbeitet und kann sehr positive Bilanz ziehen: auch eine ” nur” Hausfrau und Mama hatte vor ihrer Familie einen qualifizierten Beruf, dazu die erzieherische und schulische Erfahrung mit eigenen Kindern – manch einem theoriebelasteten, jungen Kollegen konnte ich da mit gesundem Menschenverstand, Lebensweisheit und Kommpetenz eine große Hilfe sein. Und am Lehrerpult standen wir ja nicht, sondern waren eine unterrichtsbegleitende, unterstützende ” Maßnahme” , die von den Päödagogen an unserer Schule sehr dankbar angenommen wurde. Und manch’ verhaltensauffälliger Schüler kam in seperatem Raum, in meiner Anwesenheit und mit meiner Hilfe zur Ruhe und zu tollen Lernergebnissen. Viele kritische Situationen im Schulalltag konnte kompensiert werden und erlaubten dem ” Voll-Pädagogen” sich mit mehr Ruhe und Gelassenheit auf das zu konzentrieren, wofür er angestellt war: das Unterrichten!!! Wir haben die Arbeit des Lehrers nicht abgewertet, sondern sie wurde, seinem Anspruch entsprechend in Ruhe unterrichten zu dürfen , aufgewertet.

  3. merel sagt:

    Kommt sicher auf die berufliche Qualifikation der pädagogischen Assistentin an. Mir stellt sich nur die Frage, warum diese Frauen lieber unbezahlt ihre Qualifikation anbieten anstatt dies gegen Bezahlung tun. Dies fördert meiner Ansicht nach Abwertung der angestellten Lehrer, welche sich die vorhandenen bezahlten Stellenprozente aufteilen müssen, da diese eher gekürzt werden.

  4. Peter Sch. sagt:

    Viele leicht behinderte Kinder kommen SO in den Genuss einer 1:1 Betreuung. Sonderklassen werden abgeschafft, nicht übel. Der “schwache” hat echt die Möglichkeit, wieder voll integriert werden zu können. Sehr gut! KEIN Lehrer schafft es, den vorgeschriebenen Stoff in der geplanten Zeit “einzupauken”, wenn er noch 1 – 3 behinderte Kinder (Störfaktor?) voll mitschleppen will/muss. Wie segensreich ist doch da ein mütterliches Einspringen. Ich kenne nur echt motivierte Mamis die sich einer solch schwierigen Augabe hingeben. Mit Engagement. Genau dem Engagement das LehrerInnen NICHT INS KLASSENZIMMER TRAGEN MÖCHTEN…

  5. Schutzengel sagt:

    Früher wurden alle Wundefitzigen neugierigen Kinder, die zuviel wissen wollten, zuviele Fragen stellten, den Lehrer forderten schnell ausgegrenzt und in Sonderschulen gesteckt. Wenn man Glück hatte mit einem Gutachten eines Psychiaters, wurde dann eine IV Rente eingerichtet und das Kind in die Sonderschule gesteckt, Ich habe es nicht über mich gebracht meinen lustigen aufgeweckten Sohn zum IV-Renter zu stempeln, er hätte es mir nie verziehen, dafür wurde er bie in die OS gemobbt bis es nicht mehr ging, und wir selber Privatschule für ihn bezahlen mussten, von der Gemeinde Kanton bekamen wir keinen Franke Steuergeld zurück Chancengerechtigkeit in der reichen Schweiz, Mit Reintegration der normalen Kindern tut man sich schwer zu easy war die schnelle ausgrenzung damit der Lehrer ungestört unterrichten kann, was für ein katholisches Schulsystem wie lange noch wollen wir Kinder unterrichten anstatt ihren Selbstwert aufzubauen. Schade. zum Glück gibt es eine zweite und dritte Chance. Leider nicht für alle.. Es gibt Kantone wie BS wo Integration seit 10 Jahren gelingt, wenn alle es wollen und zusammen am selbstn Strick in die selbe Richtung ziehen, gelingt der Change -

  6. Lea sagt:

    Die Schweiz, ein Land von Ausgrenzern…

  7. Eric Stassel sagt:

    Es tragen die Jammernden allesamt Mitschuld an diesem Dilemma, hat doch jedes Land exakt die Politiker, die es verdient – will heissen, die es gewählt hat. Früher zogen die Menschen noch auf die Strassen, um die Veränderung bei Missständen zu erwirken, heute machen sie ihrem Unmut lieber in einem Internetforum Luft und die Faust im Sack.

  8. Lutz Kamm sagt:

    ..leider habe ich das selber bereits in der Vergangenheit miterleben dürfen. Die Rektorin musste unbedingt Weiterbildung geniessen. Und da zufällig auch zwei Hochbegabte in der Klasse meiner Tochter waren, musste sie nicht nur wegen Englisch sondern auch noch wegen diesen beiden SchülerInnen ‘nachsitzen’.
    Damit der Unterricht (für die restlichen 95%) nicht zukurz kommt, wurden wir als Eltern aufgefordert, die Rektorin an den fehlenden Stunden zu ‘ersetzen’. Die Vor- und Nacharbeitung der Stunde würde sie allerdings noch selber vornehmen.
    Mir blieb die Spucke weg. Man stelle sich vor, das würde bei jedem Beruf so von statten gehen. Ich mache Weiterbildung (..ob diese überhaupt sinnvoll sind, wollen wir an dieser Stelle mal nicht in Frage stellen), und meinen Job machen dann ??? Wozu dann überhaupt noch Ausbildung, wenn doch mal alle kurz mal ran können..
    Gerade die Schulbildung stellt hohe Ansprüche. Nicht umsonst werden unsere LehrerInnen über Jahre hin ausgebildet. Für mich darf sich daher die Frage nach einer solche Vertretung gar nicht stellen. Mögen zwar solche Vertretungen in Ausnahmefällen sinnvoll, und in noch wenigeren Fällen möglich sein (..siehe Kommentar v. 4.02.), so ist es generell nur ein weiterer trauriger Beweis für die Kurzsichtigkeit unserer Politiker, der Gesellschaft und somit uns allen..

  9. exVater sagt:

    ..einerseits gibt es so viele Arbeitslose andererseits zu wenig Lehrpersonal das zeigt Fehler in der Politik.
    Weiters wenn die Mütter arbeiten wollen warum tun sie das nicht in den Jobs, die sie vor den Kindern innehatten?
    Wenn die Mütter aber so schlecht ausgebildet sind, dass sie nicht in ihrem Beruf unterkommen können reicht es dann für die Kinder? Wenn es für die Kinder reicht wozu haben wir dann eine Lehrerausbildung?

    • Sabine Schneider sagt:

      Es gibt durchaus gut gebildete, arbeitswillige Mütter, welche nicht in ihren angestammten Beruf zurückkehren können. Teilzeitarbeit ist leider nach wie vor in vielen Unternehmen keine Selbstverständlichkeit.

  10. Schutzengel sagt:

    Was im Moment im Kanton Aargau abgeht, ist eine absolute Katastrophe, nach dem abgelehnten Bildungs-Kleeblatt macht nur die Regierung was sie will, es ist alle möglich, wie es der einzelnen Schule grad ins Konzept passt. Ich verstehe nicht, dass sich da die Eltern nicht endlich zur Wehr setzen, denn schliesslich haben sie keine Wahl – Zwangseinschulung in der Gemeinde wo die Steuern bezahlt werden, Mitsprache .. Blockzeiten – Mittagstisch – Aufgabenhilfe. alles wird sehr teuer verrechnet, so dass es nie rentabel wird für die Gemeinde und damit bereits gestorben, Aber dafür viele Mio. in Schulraum da nur beste Materialen, hilft den Gebäude-Wert erhalten, ChancenGrechtigkeit – kennen wir nicht, dafür Todsparen, alles so lassen wie es eh nie war, ich bin schockiert. und niemand wehrt sich,, die Angst scheint riesig, vor WEM?

  11. Brunner sagt:

    Warum nicht Mütter in der Schule?, sie haben immerhin Erfahrung betreffend Erziehung und Kinderförderung, sie wissen aus eigener Erfahrung, wie man Kinder motiviert. Wenn solche Schulassistentinnen neben den Einsätzen noch geschult werden, wäre dies perfekt. Denn bis jetzt hat die Wirtschaft ja Mütter die nach 10 Jahren und mehr Unterbruch zurück in die Berufswelt wollten, oft stiefmütterlich behandelt. Wiechtig ist, dass eine Wiedereinsteigerin der eine Quereinsteigerin begleitet und geschult wird, dann stimmt auch die Qualtiät. èbrigens habe ich während der Schulkarriere meiner Kinder auch “gut ausgebilddete Lehrer* kennen gelernt, die absolut fehl am Platz waren und besser einen anderen Beruf erlernt hätten, da sie absolut eine Zumutung für die Kinder/Jugendlichen waren.

  12. Juri sagt:

    Diese Lehrer haben schon 13 Wochen Ferien, um 15.05 Uhr Feierabend, einen hohen Lohn und da müssen jetzt noch die Hausfrauen dessen Job übernehmen? Diese Berufsgattung wird durch solche Ideen so richtig zu Boden gerichtet. Vielleicht muss dies auch geschehen, damit endlich wieder Ruhe einkehrt.

    • Eni sagt:

      Träumen Sie weiter Juri. Wenn Lehrer so viele Ferien, um 15.00 Feierabend und einen so hohen Lohn hätten wie Sie glauben, dann gäbe es keinen Lehrermangel.

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