Leben


Michèle Binswanger am Freitag den 11. Dezember 2009

Wie viel FKK ist in der Familie erlaubt?

Natürlich nackt - aber wie viel Nacktheit ist zu viel?

Natürlich nackt - aber wie viel Nacktheit ist zu viel?

Manche Leute behaupten, Kinderkriegen mache konservativ. Das mag sein oder auch nicht. In meinem Fall bewirkte das Familiendasein eher die Befürchtung, dass ich in gewissen Hinsichten nicht konservativ genug auftrete. Etwa wenn es um Fragen der Kleidung geht – beziehungsweise das gelegentliche Fehlen selbiger, wenn ich mich in der Wohung bewege. So lümmeln meine Kinder, wenn ich morgens aus der Dusche steige, gern im Badezimmer rum, um beispielsweise mit mir die gesammelten Werke Bill Wattersons zu erörtern, insbesondere die Frage, wie das mit der Existenz von Hobbes zu verstehen sei, der ja ein Stofftier ist, in Calvins Realität aber auch ein wirklicher Tiger.

Bislang habe ich mir darüber wenig Gedanken gemacht – nicht über die spezifische Existenzform eines Hobbes, sondern über die Tatsache, dass es ein Problem sein könnte, wenn Kinder ihre Mutter zuweilen nackt sehen. Aber jüngst stiess ich auf eine Kontroverse, welche die Schauspielerin Hilary Swank in den USA auslöste. In einem Interview bekannte sie, dass ihr sechsjähriger Stiefsohn sie ab und an auch nackt antreffe. Die internationale Presse kolportierte die Aussage eifrig und schob Befürchtungen aus Psychologenmund nach, dass Swanks Verhalten eine Gefahr für die psychosexuelle Entwicklung des Sohnes sein könnte.

Ich fröne weder der Freikörperkultur, noch rechne ich mich zum Naturismus, jener Lebensreformbewegung von 1900, die den Körper mittels Nacktbaden und Ausdruckstanz, Vollkornkost und Fleischverzicht aus den zivilisatorischen Fesseln und von seiner zwanghaften Sexualisierung befreien wollten. Allerdings führte eine Reportage mich einst in ein Camp solcher Naturisten, wo ich deren Lebensweise und Philosophie studierte, ihnen beim nackten Volleyball-Spiel, Kartenspielen und Kochen zusah – natürlich selber gänzlich unbekleidet. Zunächst war das etwas seltsam, aber wo Nackte die Norm sind, fallen Unbekleidete auch nicht auf, dafür die Hemmungen bald ab. Und so fand ich nichts mehr dabei. Nackt-Sein oder nicht Nackt-Sein – auch nur eine Frage gesellschaftlicher Konvention, sagte ich mir.

Auch ich sah meine Eltern unbekleidet aus dem Bett steigen, und ich glaube nicht, dass ich einen Schaden davon getragen habe. Im Gegenteil, ich mag meinen Körper, er ist mein bester Freund. Und bis zur Swank-Debatte kam ich noch nicht mal auf die Idee, dass dieser Freund eine unbewusste Gefahr für die psychosexuelle Entwicklung meiner Kinder sein könnte.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, sprach ich eine befreundete Psychologin auf das Thema an. Sie versicherte mir, dass FKK in der Familie, sofern nicht sexuell konnotiert, völlig harmlos sei. Natürlich seien Schamgrenzen individuell und müssten respektiert werden, so lange aber auf niemanden Druck ausgeübt werde, gebe es keinen Grund zur Besorgnis. Das hat mich beruhigt. Denn es ist ja nicht so, dass ich mich morgens darum reisse, nackt mit meinen Kindern über Calvin und Hobbes zu diskutieren. Vielmehr scheinen sie von Natur aus eine naturistische Einstellung zum nackten Körper zu pflegen – das also als völlig normal zu empfinden. Und ich finde das gut.

Und was halten Sie davon?

166 Kommentare zu „Wie viel FKK ist in der Familie erlaubt?“

  1. Stefan sagt:

    Sündenfall hin oder her, der spielt eigentlich keine Rolle. Da niemand wirklich beweisen kann, dass es sich so zugetragen hat. Fakt ist aber. Das der Körper etwas natürliches ist, dessen wir uns nicht zu schämen brauchen.

  2. Anonymous sagt:

    Also ich sperre die badezimmertür zu, wenn meine nichte und neffe zu besuch sind, gerade weil diese gerne ins badezimmer kommen würden, während ich dusche.
    Bei den eigenen Kindern ist eine etwas schwierigere Frage, zuviel scham gibt dem körper ev eine unnatürliche übersexualisierte aura. Zuwenig scham vielleicht einen ödipus komplex

  3. Verena Angliker sagt:

    Ich kann mich daran erinnern, wie ich mich vor Jahren mit einer Freundin irgendwo in Kanada (nach einem herrlichen Bad in einer Termalquelle) nackt unter die Dusche der Umkleidekabine gestellt habe. Wir waren ja in der Frauenkabine! Und sowieso waren praktisch keine Leute (resp. Frauen) da. Wir waren uns keines obszönen Verhaltens bewusst.

    Ahnungslos trat plötzlich ein kleines etwa 4-jähriges Mädchen (vielleicht war es auch ein Junge) um die Ecke – das Kind blieb stehen und starrte uns mit grossen Augen an, eine Sekunde später folgte die Mutter um dieselbe Ecke – entsetzt warf diese schützend ihre Hände vor die Augen des Kindes und zerrte es aus der Gefahrenzone.
    Wir mussten einsehen, dass unser (europäisches) Verhalten für Kanadier an sexuelle Belästigung grenzte. Wir waren wohl alle ziemlich rot vor Scham. Ich hoffe bis heute, das Kind hat wegen meiner Nacktheit keinen Schaden davon getragen… aber es weiss jetzt wenigstens, wie eine nackte, erwachsene Frau aussieht.

    Noch was zu den prüden Amerikanern: Auf einer Boulevard-Internetseite habe ich mal vernommen, dass auch Kevin Bacon und seine Frau Kyra Sedgwick nackt vor ihren Kindern in der Wohnung rumlaufen – dies nur wenn das Kindermädchen nicht da sei. (-: Das hat mich dann doch etwas beruhigt – vielleicht gibt es ja doch ein paar Bewohner des nordamerikanischen Kontinentes, die ihren Kindern einen natürlichen Umgang mit Nacktheit vermitteln wollen. Bacons Aussage veranlasste aber viele US Kommentarschreiber zu entsetzten Reaktionen.

  4. Roger sagt:

    Frau Angliker, bitte respektieren Sie andere Kulturen. Es müssen nicht alle die Dinge so sehen wie Sie.

  5. Verena Angliker sagt:

    Repektiere ich vollkommen!
    Entschuldigen Sie, wenn das bei Ihnen so angekommen ist…

  6. Thomas Läubli sagt:

    @Konrad: Der Spiessbürger bist du. Sonst hättest du längst gemerkt, dass meine Aussagen ebenfalls ironisch & sarkastisch sind (falls du überhaupt weisst, was “Eironeia” ursprünglich bedeutet)…

  7. Ulrich sagt:

    Wenn GOTT gewollt hätte, dass wir nackt herumlaufen, dann würden wir so auf die Welt kommen… ;o)

  8. Rahel sagt:

    Yes………………;-)

  9. Walti sagt:

    wir sind immer in den Ferien nackt baden gegangen. Keine der Kinder hat einen Schaden davon getragen. Was haben wir gelernt. Wir haben die eigene Scham ablegen gelernt, die wir von zu hause aus auferlegt bekommen haben. Die Kinder sind früh mit nackten Menschen zurecht gekommen und haben in der Pubertät wieder die natürliche Scham erhalten. Sie haben, so meine ich eine natürliches Verhalten der eigenen Sexualität bekommen. Auf den Badeplätzen sind alle nackt und wir verstehen heute nicht warum muss man Badehosen anziehen wenn man ins Wasser geht. Da bekommt man ja nur nasse Hosen. Also warum muss man Hosen anziehen? Wir jedenfalls wissen nicht warum. Es gibt eigentlich keinen Grund, nur den einen. Die Menschen haben mit der Sexualität ein grosses Problem und können Sex und nackt Leben und Baden nicht auseinander halten und Respekt vor dem Mitmenschen haben: ” Kleider machen Leute, Keine Kleider machen Menschen”

  10. christophe sagt:

    hilfe oder gottlob – ich bin unter meinen kleidern nackt
    gudnackt und gudtag
    cz

  11. Strandbueb sagt:

    Es ist doch schlimm, wie viel Unhuebsches man ansehen muss, bis mal etwas Huebsches auftaucht.

  12. mario59 sagt:

    Also das Schamgefühl wird sich mit dem Alter der Kinder schön ändern. Und dann wollen sie sich nicht nackt den Eltern zeigen und schongarnicht die Eltern nackt sehen

  13. Puistola Grottenpösch sagt:

    “…wieviel Nacktheit ist zuviel?” lautet die Bildunterschrift. Die Antwort gibt Michèle Binswanger selbst:
    “Nackt-Sein oder nicht Nackt-Sein – auch nur eine Frage gesellschaftlicher Konvention”. Dies belegt sie durch diese Geschichten aus den USA, die Schilderungen aus dem Familienalltag und dem Naturisten-Camp.
    Konventionen scheinen also je nach gesellschaftlicher Gruppe und Weltgegend verschieden zu sein. Freiheit, auch körperliche, darf nicht an der Konformität zu blossen Konventionen scheitern, Freiheit ist nicht an Mehrheit und Gewohnheit gebunden, auch wenn dies nach dem Minarettverbot so scheinen mag. Nacktheit ist die Freiheit von Kleidung. Diese Freiheit zu beanspruchen mag unkoventionell sein und von Konformisten abgelehnt werden. Verhindert kann und darf sie nicht werden, denn die Freiheit steht über Konvention und Konformität.
    Wenn etwas Kindern Schaden zufügt, ist es nicht die Freiheit, sondern der Zwang zur Konformität. Nackte Eltern sollen daher ihre Kinder ebensowenig zur Nacktheit zwingen wie bekleidete Eltern die Nacktheit tabuisieren. Fremde Nacktheit kann Kindern ebenso leicht erklärt werden wie fremdartige Kleidung: “Bappi, worum sind die Lüüt blutt?”, “Mami, worum händ die Manne es Tuech um de Chopf gwicklet?” – “Die finden das richtig so”. Damit muss niemand von seiner eigenen Vorstellung zu Kleidung und Nacktheit abweichen, die Haltung des Anderen bleibt Sache des Anderen.
    So einfach.

  14. Bühler sagt:

    Die Zeit in der Mann und Frau im dicken Wollnachthemd unter die Bettdecke stiegen und sich nie nackt begegneten ist zum Glück vorbei – oder doch nicht?

  15. a:albers sagt:

    Nackheit in der Familie ist volkommen akzeptabel. Problematisch wird es aber erst wenn frau/mann in der Küche steht und etwas heiss anbraten muss. Wegen den Spritzer muss mann/frau sehr aufpassen und vorsorgen. Meine Frage ist diese: Ist man dann nackt oder gekleidet??

  16. Rudi sagt:

    problematisch ist es nur, wenn jemand beim nacktsein stinkt.

  17. Angelo R. sagt:

    Also ich wäre gerne der keine Stiefsohn von Hilary Swank………..;-).

  18. Angelo R. sagt:

    …..kleine……….

  19. dean sagt:

    meine eltern waren jahrgang 1905 und sie haben sich nie versteckt oder eingeschlossen. nackt war bei uns alltag.
    bin froh darüber

  20. chrigu sagt:

    Ich verstehe nicht ganz, wieso man/frau so besorgt ist, dass die eigenen Kinder etwas von der Sexualität ihrer Eltern “mitbekommen” könnten. Sexualität ist ebenso normal, wie Nacktheit. Ich denke ein forciertes Verbergen und Verheimlichen ist viel “unnormaler”. Wobei ich keineswegs Mindsmissbrauch schönreden will. Es ist aber ein sehr grosser Unterschied, ob jemand versucht Kinder in seine sexuellen Handlungen einzubeziehen, oder lediglich diese vor übergrosser (und derart auch traumatisierender) Prüderie schützt.

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