Eltern, hört auf euren Bauch

Mamablog

Elternsein ist keine Wissenschaft. Foto: Geber86 (iStock)

Weshalb einfach, wenns auch kompliziert geht? Das fragt man sich zuweilen, wenn man wieder einen neuen Elternratgeber in der Hand hält oder von «neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen» erfährt. Es werden Erziehungsstile verhandelt, Verhaltensweisen diskutiert, Werte bewertet und Tipps gegeben, wie sich Eltern in welchen Situationen idealerweise zu verhalten haben. Das alles kann helfen, doch man kann davon durchaus auch konfus werden.

Diese Verwirrung kann so weit gehen und verunsichern, dass man elementarste Dinge – Eltern-Basics, quasi – vergisst: das Gutenachtlied etwa. So erging es der Autorin Lindsey M. Roberts von der «Washington Post». Die Amerikanerin beschreibt in einem Artikel, welche Tricks und Methoden sie und ihr Mann während der ersten zwei Lebensjahre ihres Kindes alle angewendet haben, um ihr Kind – endlich! – nach vielen Stunden zum Einschlafen zu bringen. Am Babybett gesungen aber haben sie kaum. Das sei ein Versäumnis gewesen, schreibt sie. Denn Gutenachtlieder, ob selbst gesungen oder leise abgespielt, helfen Kindern, sich zu entspannen und das Einschlafritual für alle zu vereinfachen; selbstverständlich verweist sie dabei auch auf ein Buch.

Weshalb die junge Mutter ihrem Baby kaum vorsang, kann sie sich selbst nicht erklären, zumal sie Singen doch eigentlich liebe: «Vielleicht dachte ich, dass sich die Elternaufgaben im 21. Jahrhundert über das Krippenwiegen und mütterliche Summen weiterentwickelt hätten», so Roberts. «Wie mit allem, was mit Elternsein zusammenhängt, musste ich offenbar zuerst herausfinden, was nicht funktioniert.»

Das von Roberts beschriebene Verhalten mag mit einer allgemeinen Technik- und Wissenschaftsgläubigkeit zu tun haben. Jedes Problem, jede These und Methode kann man kurz googeln; zahlreiche Tipps und Tricks sind immer in Griffnähe. Doch die spürbare Verunsicherung ist es auch. Es scheint, die elterliche Intuition, das Bauchgefühl und die nötige Gelassenheit blieben auf der Strecke – nicht nur bei der betreffenden Autorin, auch bei anderen Eltern.

Wie sonst ist zu erklären, dass auch über andere Basics immer wieder ernsthaft aufgeklärt und informiert wird? Gehören folgende Dinge nicht auch zum gesunden Menschenverstand?

Mit dem Kind reden

«Sprechen Sie lieber mit Ihrem Kind», hiess Anfang Jahr eine Plakatkampagne in mehreren Städten Deutschlands, die Eltern auf ihre Vorbildfunktion aufmerksam machen wollte. Grund: Experten war aufgefallen, dass Eltern mehr auf ihre Handys schauen als zu ihren Kindern. Das sei schlecht, denn Kinder brauchten sozialen Kontakt, müssten die Sprache erlernen – und benötigten ein gutes Vorbild, was die spätere Mediennutzung anbelangt.

Das Kind frei spielen lassen

Kleine Kinder sollen vor allem eines: spielen und dabei Erfahrungen sammeln. Nicht damit gemeint sind Games und Apps, sondern Spielerfahrungen mit anderen Kindern und Materialien. Doch das ist längst nicht mehr selbstverständlich: Kita-Mitarbeiterinnen berichten von Babys, die sich nur mit Smartphones in der Hand wickeln lassen, und kleinen Kindern, die Spielen ohne Handy erst lernen müssen. Schweizer Pädagoginnen fordern, den Kindern wieder mehr Zeit zum freien Spiel zu geben. Es sei die beste Frühförderstrategie bei Kindern überhaupt. (Lesetipp: Freies Spiel ist für kleine Kinder elementar.)

Sich mit anderen Eltern absprechen

«Eltern, redet miteinander, spannt zusammen und setzt gemeinsame Regeln durch.» Dieser Satz ist von Fachleuten immer wieder zu hören. Vor allem Eltern von Jugendlichen haben oft das Gefühl, sie müssten alles im kleinen Kreis der Familie lösen. Sie kämpfen mit Problemen rund um Smartphone-Nutzung, Schule, Ausgang und Sucht und schämen sich häufig dafür, sich anderen Eltern anzuvertrauen. Doch wieso nicht einmal den Hörer in die Hand nehmen, um sich mit den Eltern der Freunde des Sohnes oder der Tochter in gewissen Punkten abzusprechen? Eine einfache Methode, die oft Klarheit bringt und kleine Wunder bewirken kann.

Vertrauen haben

Nie gab es mehr Elterngesuche und Einsprachen an Schulen im Kanton Zürich wie letztes Jahr. Eltern wollen, dass ihre Kinder in dieses Schulhaus kommen und jener Lehrerin zugeteilt werden. Der Sohn soll mit dem besten Freund in der Klasse sein und die Französischnote eine halbe Note erhöht werden. Doch was bringt es letztlich wirklich? Stünde uns allen nicht etwas mehr Vertrauen und Gelassenheit gut an?

Was fehlt? Ergänzen Sie die Liste.

25 Kommentare zu «Eltern, hört auf euren Bauch»

  • Nadine sagt:

    Ich hätte ein neues diskussionsthema: lernen eure kinder auch den umgang mit negativ-gefühlen? Wie, wenn sie diese nicht auch vorgelebt bekommen mit ‚tiefenentspannten dauerlächelnden eltern‘? -oder erschaffen wir hier gerade die generation ’schöne-neue-welt‘ mit dauergutgelaunten, absolut sachlichen köpfen? Soll unsere gesellschaft wirköich so aussehen? -wie farblos und nüchtern!

  • tststs sagt:

    Hmmmm, ich würde für „das Gegenteil“ plädieren: Man hole sich möglichst viele Ratschläge ein UND höre auf sein Bauchgefühle, welche man ausprobieren möchte!

    • Rudolf Wildberger sagt:

      Bauchgefühl unnd Vernunf sind nicht Gegenätze oder das Gegenteil, wie tststs meint. Nicht nur die Vernunft muss geübt werden, sondern auch das Bauchgefühl muss lernen, welche Ratschläge vernünftig und sinnvoll sind. Gehen kann wie oben vorgeschlagen nur mit gehen gelernt werden.

  • Anja Meyer sagt:

    Immer diese anti-Wissenschaftlichkeit. Als ob das was Steriles waere, nur im Labor und so. Eben nicht! „Die Wissenschaft“ sagt ja gerade, dass es Koerperkontakt und Interaktion braucht, damit sich Kinder gesund entwickeln. Dass viele Kleinkinder offenbar mit Handies abgespiesen werden ist sicher nicht was „die Wissenschaft“ vorschlaegt, sondern scheint eher die Intuition (also das Bauchgefuehl) vieler Eltern zu sein. Ich schlage also vor wir hoeren NICHT auf den Bauch, denn der will oftmals lieber die kurzfristigere Schnellloesung als die anstrengende langfristige Loesung, welche „die Wissenschaft“ proklamiert.

    • Martin Frey sagt:

      Das sehe ich genauso, Frau Meyer. Im Gegenteil, ein bisschen mehr Wissenschaftsgläubigkeit gerade auch in gesundheitlichen Fragen würde nicht wenigen Eltern gut anstehen.
      Das könnte man nämlich auch unter dem Motto ‚Vertrauen haben‘ subsumieren.
      Am besten verbunden mit den universalen Empfehlungen ‚vertrauen Sie nicht blind irgendwelchen Forenmamis‘ sowie ‚vertrauen Sie keinen selbsternannten Heilern und Gurus, nur weil andere das tun‘.

      • Rudolf Wildberger sagt:

        Nicht mehr Wissenschaftsgläubigkeit, sodern mehr Vertrauen in die Wissenschaft. Glaube ist blind und es ist nur Zufall, ob man einem Guru, Wunderheiler oder Wissenschaftler folgt. Um nicht nur blind zu vertrauen braucht es auch ein minimales Wissen und den gesunden Menschenverstand und den muss man auch anwenden.

  • Lukas Zimmermann sagt:

    Das kleinere Kind hat einem während Monaten keine Tiefschlafphase gönnt, auf dem Herd ist etwas knapp vor dem Anbrennen, das Telefon klingelt, man sollte eigentlich noch einkaufen gehen. Und dann quengelt das grössere Kind, läuft einem dauernd absichtlich vor die Füsse. Was sagt dann das Bauchgefühl, die Intuition? Dass es einem in den Fingern juckt. Der zivilisierte Elternteil beisst in solchen Situationen jedoch auf die Zähne und bleibt freundlich.

    Dieses Hochjubeln von (weiblicher?) Intuition, geht mir auf den Geist. Wir haben einen Kopf, um ihn zu gebrauchen, nicht nur zur Verzierung. Und diese Intuitions-Ideologie ist auch unehrlich, denn in der Realität hegt man seinen Kindern gegenüber nicht immer nur freundliche Gefühle, die man dann besser nicht nachgibt.

  • Anh Toàn sagt:

    „Vertrauen haben“ „Gelassenheit“ „gesunder Menschenverstand“ ich denke, dafür gibt es unzählige Kurse im Netz und der Persönlichkeitsverbesserungsindustrie.

    Was ich damit sagen will: Wenn man kein Vertrauen hat, ängstlich ist, ist der Ratschlag, halt einfach vertrauensvoll und gelassen in die Zukunft zu blicken, so nützlich wie ein Kropf.

  • Rosa sagt:

    Babys lassen sich nur mit Smartphone in den Händen wickeln? Albtraum. Das Wickeln war für uns ein schönes Ritual und wir haben uns neugierig gegenseitig beobachtet. Ist heutzutage das Wickeln nur eine automatisierte Arbeit, die schnell erledigt werden muss?

  • Sportpapi sagt:

    Einmal mehr also der Ratschlag, auf keine Ratschläge zu hören?
    Und dann Vertrauen und Gelassenheit, passieren lassen quasi, aber dann wieder gemeinsame Regeln, Angst vor Medienkonsum, Organisation von freiem Spielen?
    Ich halte das für etwa so authentisch wie die Kosmetiktipps zum perfekten „Nude-Look“…

    • Reincarnation of XY sagt:

      aber aber… Angst vor Medienkonsum… DAS ist natürlich der gesunde Menschenverstand, (genauso wie man anstatt ins GYM doch einfach mit dem Poschtiwägeli einkaufen kann).
      Uns fehlt eben dieser gesunde Menschenverstand, weil wir schon zuviel auf IPad geschaut haben (und regelmässig ins GYM gehen).

      • tina sagt:

        du xy, ich habe mich schon mindestens 2mal gefragt, ob du auf meine behauptung anspielst wenn du das poschtiwägeli erwähnst :).
        ich schrieb, dass ich ohne wägeli einkaufe, ich meine im laden, sondern nur körbli schleppe. ich kaufe für eine kleine familie ein, darunter 2 fast erwachsene männer, falls du dich erinnerst was man da so alles reinhaut in dem alter. das IST sport, 2mal wöchentlich. ich habe nun 1 jahr lang etwas gespörtelt (brrrr… wie ekelhaft) und weiss es nun genau ;-). es läuft unter hochintensivintervalltraining und trainiert wird der ganze körper. so siehts aus :). ich meinte NICHT die familieneinkäufe wie sie so üblicherweise im team praktiziert werden.

      • Reincarnation of XY sagt:

        nein, nein, nein – du musst nicht jeden Schuh anziehen, der so rumliegt…
        Ich beziehe mich auf einen Blogbeitrag in dem über Fitnesscenterbesucher die Nase gerümpft wurde, mit dem Fazit, dass man sich das Fitnessabo sparen könnte, wenn man statt mit dem Auto mit Kleinkindern zu Fuss mit Poschtiwage (dieses Ding, das unsere Mütter noch hatten) in die Migros ginge

      • tina sagt:

        ah dann ist ja gut 🙂 habe ihn ja nicht angezogen, nur gefragt obs meiner ist

  • tina sagt:

    zur gelassenheit:
    gerade gestern ging mir durch den kopf, dass man das als eltern oft hört und liest: man soll gelassen sein. die leute wünschen sich gelassenheit. und ich habe oft gedacht, wie grausam falsch ich doch wieder reagierte, als ich mich furchtbar aufregte. ein paar tage/wochen/monate/jahre später merkte ich aber wirklich nicht selten, dass genau mich aufzuregen das beste war, was ich tun konnte ;-). ich konnte nichts am umstand ändern, aber dass ich mich aufregte darüber, zeigte immerhin deutlich meine haltung dazu. man braucht nicht zu strafen oder überzeugen und nichts zu ändern (denn häufig geht das sowieso nicht). aber sich aufregen hat wirkung

    • tina sagt:

      es ist ein widerspruch: man wünscht sich gelassenheit aber würde man permanent ruhig und gelassen sein wollen? erträgt man solche menschen auf dauer? also ich auf keinen fall.

      • Ka sagt:

        Also wenn ich mich aufrege, dass ich, wenn ich nach Hause komme, kaum die Türe öffnen kann und zuerst über Schuhe, Jacken und Schultheks klettern muss, dann finde ich meine Aufregung sehr angebracht. Auch wenn meine Kinder mein Geschimpfe total deplatziert und als völlig unnötigen Stress beurteilen, mir tut es gut und sie wissen dann wenigstens, dass ich zu Hause bin ;).
        Wo ich mir aber Gelassenheit wünsche, ist im Umgang mit dem Scheitern meiner Kinder, z.B. wenn wichtige Prüfungen anstehen, Schulzuteilungen, Berufswahl etc. Hier ist Gelassenheit und das Versichern, dass schon alles gut kommt für uns Eltern eine wichtige Basis für das Vertrauen unserer Kinder gegenüber, was sich dann auch wieder auf sie überträgt und ihnen mehr Sicherheit gibt.

      • tina sagt:

        🙂
        ach. im grunde könnte man auch nerven sparen wenn man sich nicht über schuhe aufregt, die herumliegen wo sie nicht sollen. manchmal mache ich extra ein theater deswegen, und kichere in mich.

        scheitern der kinder: ja, auch da, nicht aufregen um nerven zu sparen und energie. aber ich bin sicher, wenn man diese – im gegensatz zu den unordentlichen kleidern – wichtigen dinge gelassen nimmt, kann das auch den effekt haben, dass es unwichtig wirkt. aber das kind ist einem wichtig und darum regt man sich halt auf.

        ist natürlich eine frage des alters der kinder und natürlich ihres charakters. und ich halte es für wichtig, dass da nicht nur 1 verantwortlicher erwachsener seinen einfluss hat auf die kinder.

  • Reincarnation of XY sagt:

    Das ist auch meine Methode. Ich höre auf meinen Bauch. Ich entscheide mich intuitiv für das, was sich richtig anfühlt.
    Das Problem: „der Bauch“, die Intuition, ist nicht ein angeborenes höheres Wissen, sondern ist durch Erfahrung entstanden (auch die Erfahrungen, an die wir uns gar nicht mehr bewusst erinnern). So kommt es dann auch, dass sich der „gesunde Menschenverstand“ je nach Mensch, um 180 Grad divergieren kann.
    Es gibt Menschen, die machen intuitiv das Richtige und solche die machen intuitiv das Falsche. Es ist deshalb wichtig, dass wir die Ohren offen haben für neue Informationen. Dann, nach den nötigen Updates, sollten wir wieder auf unseren Bauch hören.

    • tina sagt:

      haha ja wie wahr. mein bauch ist so ein mieser ratgeber zum beispiel ;-). aber eben auch nicht 100%, sonst wüsste man ja was zu tun ist

      • tina sagt:

        rückblickend stelle ich aber auch nicht selten fest, dass es sich mittendrin steckend schrecklich falsch anfühlte, und dabei habe ichs wirklich gut angepackt

      • Reincarnation of XY sagt:

        Ja, tina richtig.
        Was ich sagen wollte, die Argumentation ist sehr naiv: gesunder Menschenverstand vs. Technik- und Wissenschaftsgläubigkeit.
        Common sense ist Kultur- und erfahrungsbedingt. Heute gebietet der gesunde Menschenverstand, das Kleinkind nicht mit Süssigkeiten vollzustopfen oder es im Auto in einen Maxi Cosi zu setzen, weil wir Technik und Wissenschaft intuitiv in unseren Überlegungen berücksichtigen.
        Frühere Generationen hielten aufgrund ganz andrerer Erfahrungen und anderem Kenntnisstand vieles für gesunden Menschenverstand, was uns die Haare zu Berge stehen liesse: z.B. dass eine Ohrfeige noch keinem geschadet habe oder Rauchen in Wohnzimmer.

      • tina sagt:

        achso, ja, das stimmt natürlich. allerdings gab es nicht so viele generationen autofahrende eltern vor uns. aber die art, wie man die welt anschaut, hat natürlich auch mit der entwicklung der technik zu tun

      • tina sagt:

        gerade autofahren, süssigkeiten und rauchen sind aber auch eine frage des wohlstands. wer gerade mit dem überleben in einem weltkrieg kämpft, der schlägt sich nicht mit der gesundheitsschädigenden wirkung von rauchen herum

  • Tanja Theis sagt:

    Das ist der Grund für meinen Kurs „Entspannt durch den Alltag mit Kindern“. Wir arbeiten an der Intuition und entwickeln das Vertrauen, auf unser Bauchgefühl zu hören.

Kommentar

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