Leben


Nicole Althaus am Donnerstag den 17. Dezember 2009

Warum er weiterschläft, wenn Baby weint

Stellt er sich nur taub, oder hört er das Baby tatsächlich nicht?

Stellt er sich nur taub, oder hört er das Baby tatsächlich nicht?

Es ist ein Klassiker, der im Zankrepertoire jedes frischgebackenen Elternpaars hohe Einschaltquoten geniesst: nächtliches Babygeschrei. Spätestens nach dem Abstillen stellt sich in einer gleichberechtigten Beziehung nämlich die Frage: Wer steht auf? Und noch davor: Wer wacht auf?

Die Rollenverteilung ist klar. Zumindest war sie das bei uns: Er stand auf, er übernahm die Schicht in der Hälfte aller unruhigen Nächte, mindestens. Er wickelte das Kind, summte ihm sämtliche Melodien, die er kannte, ins Öhrchen und trug es durch die Wohnung, stundenlang. Aber ich war immer zuerst wach. Ich wurde schon wach, wenn meine Babys bloss Luft holten, um den allerersten Schrei auszustossen. Und nicht selten musste ich ihn für seine Nachtschicht wecken.

Natürlich könnte man auch diese Eigenschaft einfach in der Schublade meines «mütterlichen Kontrollwahns» versorgen. Aber wissen Sie was, liebe Leserin und lieber Leser? Ich hab einen noch viel passenderen Ort zur Entsorgung des Problems gefunden: den Keller der  Evolution. Die Männer stellen sich nämlich nicht, wie manch böse Zunge behauptet, einfach taub, wenn das Baby weint. Es ist nur so, dass ihn eine Fliege eher aufweckt als ein Baby. Das ist jetzt nicht das zynische Fazit meiner subjektiven Erfahrung, sondern das  Resultat einer Studie. Während selbst kinderlose Frauen durch kein anderes Geräusch schneller aufgeschreckt werden als durch das Weinen eines Babys, rangiert Säuglingsgeschrei nicht einmal unter den Top Ten der Lärmquellen, die Männern den Schlaf rauben. Das behaupten Wissenschafter des britischen Mindlab. Sie haben im Schlaflabor Männern und Frauen verschiedene Geräusche vorgespielt und mittels eines Elektroencephalographen die Veränderungen der  Gehirnaktivität der Probanden aufgezeichnet.

Laut Psychologe David Lewis kann der Mann also  gar nichts dafür, dass er nachts nicht senkrecht im Bett steht, wenn der Säugling jammert. Schuld sind, Sie erraten es, die Gewohnheiten unserer Vorfahren. Die steinzeitliche Rollenteilung, so glaubt Lewis, habe dazu geführt, dass Frauen sensibel reagieren auf alle Geräusche, die sie mit einer  potenziellen Gefahr für das Kind assoziieren, während sich Männer nur dann aus der Ruhe bringen lassen, wenn sie den Krach als  Bedrohung für die ganze Familie einschätzen. Als Beweis führt der Psychologe die Top Ten der Lärmquellen an, die Männer und Frauen den Schlaf rauben.

Frauen wachen auf, wenn 1. das Baby weint, 2. der Wasserhahn tropft, 3. draussen Betrunkene lärmen, 4. der Liebste schnarcht, 5. eine Fliege surrt, 6. Bauarbeiter bohren, 7. Sirenen lärmen, 8. ein Autoalarm losgeht, 9. der Wind heult oder 10. jemand das WC spült

Männer weckt 1. der Autoalarm, 2. der Wind, 3. eine Fliege, 4. Schnarchen, 5. WC-Spülung, 6. Grillenzirpen, 7. Sirenen, 8. das Ticken einer Uhr, 9. Baulärm, 10. undichter Wasserhahn.

Schon allein wegen ihres Unterhaltungswertes wollte ich Ihnen diese Liste nicht vorenthalten: Der Autoalarm auf Platz eins – welch schlagender Beweis für steinzeitliche Verhaltensmuster!  Zudem möchte ich mit diesem Meilenstein Darwinscher Geschlechtererkenntnis, die ja grad sehr en vogue ist, allen Eltern von Kleinkindern ein paar möglichst  friedfertige weihnachtliche Nächte bescheren. Denn: Wenn er das Baby nicht hört, muss er sich auch nicht verantwortlich fühlen und sie sich nicht fragen, warum er weiterschnarcht, oder? Die Evolution hat eben für jedes Paarproblem die passende Lösung , wie praktisch!

39 Kommentare zu „Warum er weiterschläft, wenn Baby weint“

  1. Biene sagt:

    Hahahaha… sehr schön!
    Und prost wenn er zu allem hin noch mit Ohropax in einem andern Zimmer schläft!

  2. opa meier sagt:

    Natürlich würde mich Autolärm aus dem Schlaf reissen, ich muss mit meinem Jagdkollegen ja in der Frühe einen Mammut erlegen gehen, sonst geht heute nichts in der Küche. Von meinen Vorfahren haben nur jene überlebt, die pünktlich mit Gewehr an der Strasse standen… Das war leicht ironisch, aber im Ernst: Die Evolution scheint für alles herhalten zu müssen. Bei solchen Erklärungsversuchen bin ich immer etwas skeptisch. Ebenso bei der erwähnten Rangliste. Insbesondere, wenn es einfach um Babygeschrei geht bzw. es sicher anders wäre, wenn’s ums EIGENE Kind geht.

    Es könnte auch sein, dass die Mutter ganz einfach eine intimere Bindung hat zu einem Kleinkind als der Vater und deshalb sensibler darauf reagiert. Was nicht heissen soll, dass auch ER mal die Nachtschicht übernehmen soll. Bei uns habe ich übrigens beobachtet, dass die Qualität der Nachtruhe oft davon abhing, in welcher Verfassung die Kinder am Abend vorher waren, will sagen: Haben wir ihnen schon vorher Ruhe geben können, war dann auch unsere Nachtruhe gesichert.

  3. Ylene sagt:

    Hmm, mein Mann steht in über der Hälfte der Fälle jeweils schon beim Kleinen am Bettchen, während ich noch mit aufwachen beschäftigt bin – falls ich überhaupt aufwache.

  4. Mike sagt:

    Ich muss grinsen. Bei uns ist es genau so. Meine Frau erwacht viel schneller und muss mich für Nachteinsätze meistens wecken :-)

  5. Rahel sagt:

    Bei uns ist es auch meistens so, dass ich die Kinder höre. Entweder erwacht mein Mann nicht oder fragt mich, wenn ich aufstehe: ” Was isch los? ” :-) . Aber es hat auch schon die Situation gegeben, dass er mich wecken musste weil eines unserer Kinder weinte. Dann stehe natürlich ich auf und lasse ihn schlafen ( obwohl er es sicher auch machen würde, hat mich auch schon häufig gefragt ob er gehen soll ) , denn ich denke, als Versorger unserer Familie braucht er seinen Schlaf ( und tagsüber hat ers ja eh schon genug stressig ) Also um ehrlich zu sein stellte sich mir die Frage: “Wer steht wann und wie häufig auf oder überhaupt nicht?” gar nie! Anders ist es natürlich wenn eines unserer Mädchen weint, er noch auf ist aber ich schon im Bett bin, dann lässt er mich natürlich schlafen und kümmert sich um die Sörgeli!

  6. Bionic Hobbit sagt:

    Echt witzig und trifft bei uns total zu!! Ich bin aber froh, dass die Forscher herausgefunden haben, dass uns mein Mann vor wirklichen Gefahren wie Autodieben, Fliegen oder naechtlichen Klospuelern behueten wuerde!!
    Schoen, wenn man seine Unarten mit der Evolution erklaeren kann. Moechte wissen, wieso ich den Deckel nie richtig aufs Komfiglas schraube, wahrscheinlich erhoeht das auch unsere Ueberlebenschancen irgendwie.

  7. juhee sagt:

    ohropax sind die lösung! wenn ich nicht dran bin mit nacht- und morgenschoppendienst, dann müssen die rein, sonst nützt die aufteilung dem schlaf gar wenig… es fällt jedoch jedesmal ziemlich schwer, zu glauben/wissen, dass das arme kind länger jammern muss als (m.E.) nötig. trotzdem: soviel emanzipation muss sein.

  8. Tamara sagt:

    Zu Punkt 3: Also ich würde auch aufwachen, wenn drinnen Betrunkene lärmen :-) . Meine Konklusion aus dem Experiment: Im Laborraum gab es mehr Fliegen (mehr Nennungen) als Autos. Korrekt? – Wie auch immer: Hauptsache, Mann beteiligt sich an der Mühsal des unterbrochenen Schlaf. Das braucht manchmal eine kleine Aufforderung…

  9. Martin A. sagt:

    Ja, die Studien. Um beim Englischen zu bleiben: Take it with a pinch of salt. Sehr wahrscheinlich hat die Studie wirklich nur Unterhaltungswert.

    Ich stehe zu 90 Prozent auf in der Nacht. Ich höre den leisesten Pips, habe immerhin gelernt nicht gleich loszurasen. Mir wäre es aber nie in den Sinn gekommen meine Frau zu wecken und zu sagen dass sie nun dran sei. Konsequenterweise müsste man dann eine Strichliste führen. Super. Bin ich gesundheitlich angeschlagen oder sollte aus irgendwelchen Gründen sonst schlafen, sage ich das schon vor dem zu Bett gehen und dann bleibe ich einfach liegen. Auch wenn ich dann meistens immer noch zuerst aufwache.

  10. gargamel sagt:

    sind die kinder schon etwas grösser (sprechalter), kann man sie heimlich davon überzeugen (bestechen), bei erwachen nach muttern bzw. vatern zu rufen…

  11. Laura sagt:

    Manchmal habe ich das Gefühl, dass neben mir das Haus einstürzen könnte, mich das aber nicht um meinen gesunden Schlaf bringen könnte, hingegen, wenn draussen in weiter Ferne ein junger Fuchs jammert, dann steh ich im Bett. Als die Kinder klein waren, hat das auch so funktioniert, wie Nicole Althaus sagt, ich war schon wach, wenn das Kind Luft geholt hat um zum Schreien anzusetzen :-)
    Meinen Mann habe ich übrigens schlafen lassen, aus demselben Grund wie Rahel, schliesslich muste er den ganzen Tag arbeiten und ich hatte ja trotz der drei Kinder ab und zu mal Zeit um mich auszuruhen. Es wäre mir eigentlich auch nie in den Sinn gekommen, ihn zu wecken, wenn ich schon wach war, das hätte ich irgendwie unfair ihm gegenüber gefunden.

  12. max sagt:

    Nach dem Lesen des verlinkten Textes: Die Studie wurde im Auftrag eines Medikamentenherstellers erstellt und sollte die Argumente liefern für die Werbekampangne. Dafür ist sie geeignet, für nicht viel mehr.

    Es ist übrigens nicht säuselnder Wind sondern heulender Wind in dem Text erwähnt.

    Evolution: Hinweise auf ein diffuses Missverständnis von dem was Darwin möglicherweise gesagt hat, wenn man den Darwin lesen täte, das gehört heutzutage in den Sozialwissenschaften zum guten Ton. Man könnte auch einfach sagen, der Herrgott hat es so gewollt. Das wäre genau so wissenschaftlich.
    Ein solches Experiment taugt jetzt wirklich das allerletzte für die Beantwortung evolutionstheoretischer Fragestellungen.
    Es stellt sich die alte Frage nach “nature or nurture”. Die Männer und Frauen sind konditioniert durch die kulturelle Umgebung.
    Dann wäre die Frage, welche der Geräusche gewohnt sind für die Testperson. In welcher Umgebung schlafen sie sonst? Männer, die wegen heulenden Windes aufwachen, die wachen vielleicht auf, weil es ungewohnt ist.
    Technische Dinge wie ein Autoalarm wurden an das angepasst, was wir am ehesten aufnehmen und nicht umgekehrt. Vielleicht ist es einfach eine Steigerung von heulendem Wind. Oder vielleicht ist es eine Steigerung von schreiendem Säugling.

  13. Jörg Frey sagt:

    Also, ich muss sagen wenn unsere Kleine schreit (was selten vorkommt), stehe ich gerne auf (nicht immer….lach).
    Ich verstehe auch Väter nicht, die nicht aufstehen.
    Es ist doch ein ganz tolles Gefühl, wenn Man(n) seine Kinder beruhigen darf und kann.
    Die meisten Frauen sind doch auch dankbar dafür !!!
    Allen eine schöne Weinacht.
    LG Jörg

  14. Reto S. sagt:

    Alles CHABIS! Seit Jahren wache ICH, DER VATER zuerst auf wenn die Kinder MAMI! schreien. Dann trage ich den Dreijährigen zu uns ins Bett. Er kuschelt sich ans Mami, wechselt dann aber schnell zu mir – was er im Schlaf nicht merkt. Und wenn er erwacht ist er entsetzt und sucht das Mami nebenan. Aber ich mag dem Mami den Tiefschlaf gönnen…! Und meine Zeit wird noch kommen!

  15. carine sagt:

    bei uns bestand die arbeitsteilung darin, dass ich aufwachte, ihn wecken durfte und er das kind beruhigte. :-) Nicht ganz so ungerecht, wie es sich liest, denn: wenn er wach war, hatte er innert sekunden alle geistigen und physischen fähigkeiten, die nötig sind um ein kind zu trösten, während ich wahrscheinlich das arme geschöpf gar nicht gefunden, geschweige denn hätte ansprechen können!

  16. Sisifee sagt:

    Meine Oropax schlagen zwei Fliegen aufs Mal: Meinen schnarchenden Mann und die schreienden Kinder. Mit dem richtigen Modell lassen sich die Evolution, die Biologie, die Hormone, Überbesorgtheit und strapazierte Nerven lahmlegen.

    Zwar ist es bei uns auch so, dass ich beim kleinsten Pieps im Bett stehe, während mein Mann noch lange schläft, aber wir teilen jeweils auf, wer dran ist – und sich gegebenenfalls im Zimmer neben den Kindern einquartiert. Das ist nicht zwangsläufiger der, der arbeitet – ehrlich gesagt finde ich einen Tag im Büro um einiges weniger nervaufreibend als ein Tag mit den Kindern.
    Ein krankes oder besonders unruhiges Kind kriegt eine Extramatraze bei uns im Zimmer, so können wir im Halbschlaf reagieren.

    Die evolutionstheoretische Erklärung der Problematik hat ihren Reiz, ist aber untauglich als Lösungsansatz im Alltag…

  17. Christian Mueller sagt:

    Meine Freundin tut mir jetzt schon leid. Mich weckt gar nix! Haha! wenn ich schlafe, dann schlafe ich. Erst nach meinem absoluten Minimum von 6 Stunden Schlaf kann mich etwas wecken.
    Wenn wir dann also mal Kinder haben, werde ich bei Geschrei bequem weiterschlummern. Auch wenn nebendran eine Bergbaufirma nach Goldadern gräbt. Es sei denn meine Freundin haut mir eins aufs Dach, dann muss ich wohl auch mal ausrücken.
    hehe.

  18. Yves sagt:

    Ich kann nur sagen, dass ich selbst meinen extra lauten Wecker nicht immer wahrnehme. Vielleicht wird diese Fähigkeit im Militär trainiert. Da lern der Mann nämlich auch in einem Fahrenden Panzer und ohne Gehörschutz zu schlafen ;-)

  19. Yves sagt:

    @Christian Mueller: Genau so. Auch das grösste Gewitter lässt mich einfach friedlich weiter schlummern. Ist eine tolle Sache, vor allem wenn jemand in der Stadt lebt ;-)

  20. Jürg sagt:

    Während der Stillzeit habe ich gelernt nicht aufzuwachen wenn die kleine Schrie. Wenn ich mir um die kleinen Sorgen mache, (röchelnde Atemgeräusche) wache ich eher auf. Ich glaube wir können uns selber konditionieren.

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