Was Eltern und Kinderlose verbindet

Es müssen nicht immer Kinderthemen sein: Freundinnen im Gespräch Foto: iStock

Eltern sind überschätzt. Findet Wirtschaftsprofessor Peter V. Kunz. Gewollt Kinderlose handeln egoistisch. Sagte dagegen Papst Franziskus. Auch im Mamablog wurde das Thema Eltern vs. Nicht-Eltern wiederholt debattiert, zuletzt mit der Frage: Killt Elternschaft Freunde?

Die Vorurteile, die über Eltern und Nicht-Eltern kursieren, sie sind nicht neu. Eher langlebig und hartnäckig. Hier die Nicht-Eltern: Sie betrauern verloren geglaubte Freundschaften mit Leuten, die inzwischen mühsame Kinder haben, verbringen ihre Freizeit an Vernissagen und auf Kreuzfahrten und drehen sich immer um sich selbst. Da die Eltern: Sie halten sich für bessere Menschen, weil sie den Fortbestand der Menschheit sichern, reden stundenlang von Schorfbefall und rennen an ihrem einzigen Arbeitstag um 16.15 Uhr aus dem Büro. Der Nachwuchs, er fiebert halt.

«Erzähl du mir nichts von Stress!»

Ja, vielleicht kennt man tatsächlich diese eine kinderlose Person, die fünfmal im Jahr Fernreisen macht und sich dennoch über zu wenig Zeit für sich beklagt. Und eventuell hat sich der eine oder andere Elternteil schon dabei ertappt, etwas lang über schlaflose Nächte berichtet und über die kinderlose Bekannte gedacht zu haben: «Erzähl du mir nichts von Stress!» Trotzdem schrillt doch bei all den Unterstellungen auch der Klischee-Alarm.

Egal, wie wahr die Vorurteile sind oder nicht, etwas steckt bestimmt drin: Nämlich die Gefahr, sie so oder so irgendwann zu glauben, wenn sie ständig betont werden. Ein Förderprogramm für Verständnis und Toleranz jedenfalls sind sie nicht. Warum also nicht mal die Dinge fokussieren, die Eltern und Nicht-Eltern verbinden?

Als lockeres Aufwärmtraining könnten wir uns zum Beispiel mit der verbindenden Erfahrung leidiger Kommentare trösten. Sicher ist es nervig, dauernd zu hören: «Na, wärs nicht Zeit für Nachwuchs?» Wohl ähnlich nervig wie für manche Eltern die ständige Frage, wann es denn ein Geschwisterchen gibt.

Flexible Arbeitsmodelle begünstigen alle

Dann zu Handfesterem: den Steuern! Wir alle bezahlen sie, auch für Dinge, die wir nicht benötigen. Sei das für Schulen, auf die wir keine Kinder schicken, oder für Museen, die wir nie besuchen. Für Parkanlagen, durch die wir nicht spazieren, oder für Altersheime, in die wir – na, ja – nicht wirklich wollen. Doch alles kommt der Allgemeinheit zugute. Und diesen solidarischen Gedanken kann ja eigentlich niemand schlecht finden.

Was zum Klassiker AHV führt: Alle profitieren, wenn heute und künftig einbezahlt wird. Vielleicht zahlen einige Nicht-Eltern heute mehr ein, weil sie mehr Erwerbsarbeit leisten. Gleichzeitig erziehen Eltern künftige Zahlende und sind froh, wenn sie durch flexible Arbeitszeitmodelle alles unter einen Hut bringen. Aber auch Nicht-Eltern haben Vorteile, wenn Arbeitgeber gegenüber ebendiesen Modellen aufgeschlossener werden. Auch sie könnten Zeit gewinnen, beispielsweise für Hobbys oder gemeinnützige Betätigungen.

Alles nur eine Phase …

Apropos Gemeinnützigkeit: Ja, Eltern tragen zum Erhalt der Gesellschaft bei. Doch auch viele Nicht-Eltern engagieren sich sozial. Sei es, eben, mit gemeinnütziger Arbeit, in politischen Ämtern oder mit Care-Aufgaben.

Die intensivste Phase der Elternschaft ist zudem – ja – eine Phase. Selbst in dieser intensivsten Zeit sprechen nicht alle Eltern nur von ihren Kindern, und hätten, falls doch, nicht alle Nicht-Eltern kein Verständnis. Und sie geht vorbei, diese Phase. In sämtlichen anderen Lebensphasen sitzen wir alle nach wie vor in ähnlichen Booten.

Zu guter Letzt: Eine kinderfeindliche Gesellschaft kann doch auch sonst nicht allzu freundlich sein. Wo ein kindlicher Pieps mürrische Blicke nach sich zieht, wird auch jeder andere Laut über soundsoviel Dezibel unwillkommen sein, und sei es bloss ein Lachen. Wer will so schon leben? Dies allein wäre Grund genug, sich hin und wieder an Verbindendes zu erinnern. Und zu sagen: Lasst uns Freunde bleiben!

23 Kommentare zu «Was Eltern und Kinderlose verbindet»

  • Elisa sagt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Eine kleine Korrektur sei hier jedoch angebracht: Herr Professor Kunz ist kein Wirtschaftsprofessor, sondern ein Wirtschaftsrechtsprofessor – das ist ein Unterschied.

  • fabian sagt:

    Finde ich toll, dass vor allem kinderlose Männer Teilzeitarbeitsangebote nutzen, mehr sogar als kinderhabende Männer (21% vs 13%, Umfrage Sotomo 2016)
    Das deutet halt leider daraufhin, dass Teilzeitarbeiten ein Privileg ist: Weniger arbeiten, genug verdienen. Die linke Kampagne fürs Teilzeitarbeiten scheint also vor allem privilegierten Gutverdienern zugute zu kommen. Wenigverdiener haben wenig davon.

  • Rémy sagt:

    7 462 423 926 Einwohner auf der Erde am 12.04.2017 um 09h25, bis heute Abend werden est 230000 mehr sein, morgen nochmal 230000 dazu, und so weiter…
    Das ist der hauptsächliche gemeinsame Nenner zwischen allen Menschen.
    Think about it! Und dem Papst einen lieben Gruss

    • Nick sagt:

      Eigentlich müsste man den Kinderlosen danken. Sie opfern ihr Recht auf ungezügelte Vermehrung zum Erhalt der natürlichen Resourcen. Wie wäre es mit Steuervorteilen und einem Orden für alle Kinderlosen ü50?

  • Katharina sagt:

    Der inverse Drumph Effekt ist leider nicht nachhaltig, auch wenn Ihr Aufruf eigentlich richtig ist – er entspricht ja auch der ersten Regel erfolgreicher Verhandlungsstrategie – build on common grounds.

  • Jo Mooth sagt:

    Schade übrigens, dass dieser gut geschriebene Beitrag wenig Echo in Form von Kommentaren erntet. Das kann nicht nur an Ostern liegen. Ich habe den Verdacht, dass sich Eltern dazu nicht äussern mögen: schliesslich kriegen sie Jahr für Jahr eine Rosine mehr.

  • Tamar von Siebenthal sagt:

    Was Eltern, Kinderlose, Alte, Behinderte, Arme, Reiche gemeinsam haben? Wir alle sind Menschen. Wäre schön, wenn man sich dementsprechend benehmen würde.

  • Susi sagt:

    Ich denke, echte Freunde verliert man nicht dadurch, dass man Kinder hat oder nicht. Aber vielleicht wird der Kontakt für ein paar Jahre einfach weniger intensiv, weil man mit Kindern oft nicht so flexibel ist wie vorher.
    Aber auseinanderleben kann man sich aus vielen Gründen.

    • Susi sagt:

      Ich hatte mich irgendwann übrigens gewundert, wie viel Interesse einige meiner kinderlosen Freunde für mein Kind zeigten/zeigen, mir ging das zu meiner noch kinderlosen Zeit wohl etwas ab, mich interessierten die Kinder meiner Freunde eigentlich nicht gross, aber sie störten mich auch nicht, ich war da etwas indifferent. Deshalb gehe ich jetzt aber eben auch nicht davon aus, dass sich alle für meine Tochter interessieren müssen. Ich bin ja nach wie vor ein Individuum.

  • Zufferey Marcel sagt:

    Anstatt ständig neue Gräben aufzuschütten, könnte man sie ja auch wieder zuschütten: Kinderlose gegen Eltern, Alte gegen Junge, Reiche gegen Arme, Frauen gegen Männer, Akademiker gegen Nicht-Akademiker, etc.: Alles Blödsinn! Wir sollten langsam damit beginnen, das Verbindende zu betonen, nicht das Trennende!

    • Jo Mooth sagt:

      Einverstanden. Bis vor einigen Jahren und oft auch heute noch kämen Eltern und Kinderlose recht gut aus miteinander, wären da nicht die leidigen Familienpolitiker, die immer mehr fordern für ihre Klientel, eben „die Familien“, und das unter dem Deckmäntelchen der Gleichstellung von Frau und Mann. Wer wegen Kita-Kosten arm wird, soll auch finanzielle Unterstützung erhalten, nicht aber, wer bloss zurückstecken muss, weil er nun Kinder hat.

      • Vierauge sagt:

        Moment, Moment – nicht die Schuld an den Gräben auf andere abschieben! Jede/r entscheidet selbst, wie er sich gegenüber allen von Herr Zufferey aufgezählten Menschengruppen verhalten will. Und ich finde, er – wie auch die Bloggerin – hat völlig recht.

  • Martin sagt:

    Es gibt Paare, die möchten sehr gerne ein Kind, es hat aber noch nicht funktioniert. Da sticht man in ein emotionales Wespennest, mit den Nachwuchsfragen.

    • Tina Balmer sagt:

      Genau! Des weiteren gibt es Menschen, die wissen, dass sie ganz schlechte Eltern wären und es – zum Glück – bleiben lassen. Und solche, die zwar Kinder haben könnten, aber aus welchen Gründen auch immer bereits mit ihrem eigenen Leben überfordert sind (wir wissen NIE was in anderen vorgeht, „reiss dich einfach zusammen“ ist in solchen Fällen wie ein Schlag ins Gesicht) und keine Energie für Kinder haben. Es gibt jene, die gesundheitlich fragil und bei Stress permanent krank sind oder deren Krankheit Stress zum No-Go macht – da sind Kinder auch nicht optimal. Oder die, deren Familienstrukturen so verkorkst sind, dass sie da kein Kind reinbringen wollen, weil sie selber immer noch darunter leiden. Gebt den Fragenden doch mal die knallharte Ehrlichkeit – wirkt nachhaltig.

  • Jasmine sagt:

    Wozu soll der Erhalt der Gesellschaft gut sein? Der Planet zählt genug Menschen. Das Überleben muss also nicht gesichert werden. Ich selber möchte auch Kinder aber aus einem egoistischen Gedanken: ich stelle es mir schön vor Kinder zu haben und diese aufwachsen zu sehen.

  • Simone Hintermeister sagt:

    DANKE!!! für die wahren Worte.

  • Malena sagt:

    Wohltuend anders, dieser Artikel. Widerstehen wir doch mal der Versuchung, unseren eigenen Lifestyle und unsere Entscheidungen durch Abgrenzung und abschätziges Urteilen über andere Menschen und ihre Art, Meinungen oder Bedürfnisse in ein möglichst gutes Licht zu rücken. Gute Argumente in offenem Geist sind immer willkommen – selbstgerechtes Bashing Andersdenkender zum Frustabbau gibts schon zu viel. Gilt für Eltern und Kinderlose, in der Politik, im Gender-Diskurs etc. etc.

    • Hans Hintermeier sagt:

      Stimme dem voll zu.
      Schön geschrieben: „Ein Förderprogramm für Verständnis und Toleranz … Warum also nicht mal die Dinge fokussieren, die …. verbinden?“ –> ja, das brauchen wir mehr. Nicht diese ständige Het ze; Jung gegen Alt, Krank gegen Gesund, Frau gegen Mann, Erwerbstätig gegen Sorgearbeit-Leistende… Hören wir einander fair zu, versuchen die Position des anderen zu erfassen/ verstehen und suchen dann nach gemeinsamen Lösungen statt Abfertigungen.

      Warum immer so hart urteilen, wenn jemand von seinen Ferien oder seinen Kindern erzählt? Es ist doch natürlich und schön, dass die Leute davon erzählen, was sie bewegt/beschäftigt. Warum nicht einfach mal nur zuhören, den anderen ernst nehmen in seinem Erleben (auch wenn man anders fühlt).

      • Andreas Demeter sagt:

        Es ist doch vor allem interessant, dass man in diesen Kämpfen vielfach die Seite bekämpft, der man in einem anderen Zeitpunkt im Leben selbst angehört (hat).

Kommentar

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