Die Mutterliebe – ein Auslaufmodell?

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Die Liebe zum Kind verändert sich im Lauf der Jahre. Foto: lenanet (iStock)

Ob Partner oder Job: Fürs ganze Leben ist fast nichts mehr. Ausser eine Sache soll es noch sein: die Mutterliebe. Doch ist sie dies wirklich, oder war sie es gar nie? Hat sich die selbstlose Mutterliebe emanzipiert und wurde kündbar? Und was ist Mutterliebe überhaupt: ein gesellschaftliches Konstrukt, eine gottgegebene Lebenspflicht oder ein biologisches Diktat? Ein Interview mit Pasqualina Perrig-Chiello, Honorarprofessorin der Universität Bern, spezialisiert auf Entwicklungspsychologie der Lebensspanne und familiale Generationenbeziehungen.

«Mutterliebe ist lebenslang. Da kannst du nichts dagegen machen», pflegt meine Mutter zu sagen. Eine universell gültige Wahrheit oder ein veralteter Zopf?
Pasqualina Perrig-Chiello: Mutterliebe ist lebenslang. Sie kann sich jedoch – wie auch die Beziehung Mutter-Kind – über die Lebensspanne verändern. Sie kann intensiver und inniger werden oder zu einer Entfremdung führen. Ausschlaggebend sind in der Regel die Bindungsmuster, welche die Mutter selbst empfangen hat und weitergibt. Diese frühen Bindungserfahrungen mit unseren Müttern und Vätern begleiten uns ein Leben lang. Waren diese gut, werden sie als wertvolle Ressource wahrgenommen. Waren sie schlecht, so können sie als eine schwerwiegende Hypothek empfunden werden. Brüche sind dabei manchmal unumgänglich.

Mutterliebe ist ein höchst emotionales Thema. Darum zu den Fakten: Was ist Mutterliebe?
Leider herrscht eine riesige Verwirrung darüber, was Mutterliebe ist und sein sollte. Die politische Instrumentalisierung des Begriffs ist dabei offensichtlich, irritierend und verunsichernd. Tatsache ist, dass von einem psychologischen Standpunkt aus gesagt werden kann, dass Mutterliebe eine Emotion ist, die sowohl körperlich bedingt ist (erhöhte Oxytozinwerte vor, während und nach der Geburt) als auch sozial erlernt wird. Je nach historischer Zeit, gesellschaftlichem Kontext, sozialem Umfeld und der Persönlichkeit und Bindungserfahrung der Mutter kann die Mutterliebe unterschiedliche Formen annehmen und stark variieren. Fakt ist, dass Kleinkinder in hohem Masse abhängig von konstanter Feinfühligkeit und Fürsorglichkeit sind und dies entscheidend für eine gelungene Entwicklung des Kindes ist. Ein Auslaufmodell wird Mutterliebe nie werden, sondern eine Notwendigkeit bleiben. In diesem Kontext ist Mutterliebe jedoch nicht an die leibliche Mutter gebunden. Diese Liebe kann auch von anderen Bezugspersonen – sei es der Vater, die Grosseltern oder die Adoptivmutter – erbracht werden, und zwar zum absoluten Wohl des Kindes. Leibliche Mütter haben kein Monopol auf Mutterliebe.

Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello. Foto: PD

Mitlieben, mitleiden, und das ein Leben lang: Wie weit kann sich eine Mutter überhaupt der Mutterliebe entziehen?
Wieso sollte sie sich ihr entziehen? Jede enge Beziehung, ob Mutterliebe oder partnerschaftliche Liebe, impliziert aufgrund ihrer Intimität und Nähe immer die Gefahr der Verletzlichkeit. Wer liebt, macht sich verletzlich – das ist der Preis der Liebe. Aber die Mutterliebe sollte nicht zur Selbstaufgabe führen. Mit anderen Worten: Eine Mutter sollte sich nicht nur über die Rolle der Mutter definieren.

Die Gesellschaft und die Einstellungen zur Mutterschaft haben sich verändert. Was haben diese Veränderungen mit der Mutterliebe gemacht?
Es gibt früher wie heute gute und schlechte Mütter. Wobei das Kriterium für gut und schlecht meines Erachtens nur das Wohl des Kindes sein kann. Die gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen definieren aber die Erwartungen an die Mütter. Es gab Zeiten, in denen es legitim war, Kleinkinder von einer Amme aufziehen zu lassen. Heute haben Kinder in unserer Gesellschaft zunehmend Seltenheitswert und bekommen dadurch eine hohe Beachtung. Damit sind auch die Erwartungen an die Mütter sehr hoch.

Und wo steht in diesem ganzen Wandel die Vaterliebe?
Väter sind immer mehr im Fokus – und das ist gut so. Sie können durch ihr aktives Engagement in bedeutsamer Weise Stress reduzieren und somit beitragen, dass sowohl sie als auch ihre Partnerinnen die Liebe zum Kind besser entfalten können und das Wohl des Kindes besser wahrnehmen. Allerdings braucht es noch mehr Investment – seitens der Männer wie seitens der Gesellschaft. Wir sind noch weit von einem paritätischen Mitwirken der Männer in Haushalt und Erziehung entfernt.

Früher waren Patchworkfamilien vor allem durch böse Stiefmütter und die Absenz von Mutterliebe geprägt. Schneewittchen lässt grüssen. Was bedeutet Mutterliebe in der «Patchworkfamilien-Welt» heute?
Patchworkfamilien waren früher eine Notwendigkeit, denn viele Kinder verloren damals ihre Mütter. Heute «verlieren» sie eher die Väter, da nach einer Scheidung die Kontakte zum Vater nachweislich loser sind. Patchworkfamilien haben heute in der Schweiz zumeist eine bessere Position als früher, da die meisten materiell gut abgesichert sind. Der Kampf um die gerechte Verteilung von materiellen Ressourcen und sozialen Privilegien fällt weg. Geblieben ist wohl auf emotionaler Ebene die heikle Balance des Investments in die eigenen Kinder und in jene des Partners.

48 Kommentare zu «Die Mutterliebe – ein Auslaufmodell?»

  • Jan Holler sagt:

    Gestatten? Ein wenig aus dem realen Leben:
    http://ze.tt/serie-ohne-meine-eltern-wenn-eltern-ihr-kind-misshandeln/
    .
    Liebe, ob Mutterliebe oder Vaterliebe, Geschwisterliebe usw. ist nicht selbstverständlich. Es gibt auch Eltern, die ihre Kinder nicht lieben.

    • Tamar von Siebenthal sagt:

      Ja, das ist traurige Realität. Da muss noch nicht einmal Misshandlung und/oder Missbrauch im Spiel sein.

      Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.

  • Richard Keller sagt:

    Mutterliebe bedeutet auch sicherzustellen, dass ihre Kinder bei Trennung /Scheidung der Zugang und der regelmässige Kontakt zu ihren Vätern bleibt (wobei letztere auch ihre Verantwortung den Kindern gegenüber übernehmen müssen).

    Hier haben Gerichte und Behörden lange versagt. Heute, wo die Wissenschaft unbestritten aufzeigen kann, dass die alternierende Obhut das beste Modell für die Kinder ist, findet langsam ein Umdenken (z.B. Europarat empfiehlt heute Doppelresidenz) statt. Mutterliebe bedeutet also auch zu akzeptieren und sicherstellen, dass das Aufwachsen mit beiden Elternteile für die Kinder das Beste ist. Auch wenn es einem selbst nicht passt.

    • Susi sagt:

      Schön gesagt, stimme da zu!

      • Tamar von Siebenthal sagt:

        Tja, nun müsste nur noch der Vater seine Liebe gegenüber seinen Kindern beweisen, indem er sich für seine Kinder interessiert. Tut er das nicht, wird er halt zum Erzeuger degradiert.

  • Dedicated server sagt:

    Ebenfalls moglich sei, dass Lebensmittelbehorden fur eigene Tests Zugriff auf die DNA-Datenbank erhalten konnten. Ein Kilogramm Rindfleisch aus Weidenmast schneidet in Sachen Umweltbelastung schlechter ab als Fleisch aus der Grossviehmast.

  • Virtual Private Servers sagt:

    Fashion-Ikone Ines de la Fressange entfacht mit ihrem zweiten Buch den Hype um die franzosische Frau neu.

  • Tamar von Siebenthal sagt:

    Mutterliebe (Vaterliebe) sollte bedingungslos sein, aber in meinem Bekanntenkreis gibt es Einige, welche den Titel Mutter/Vater nicht verdienen.

    Nicht die Zeugung/Geburt gibt das Recht sich Eltern zu nennen, sondern die Fürsorge die man einem Kind entgegenbringt.

  • mila sagt:

    Ein wenig irritiert bin ich schon, evt. zu unrecht. Aber: es geht im Text um Mutterliebe, und es wird in den bislang wenigen Kommentaren fast nahezu über anderes geschrieben. Adoption, Eltern- oder Vaterliebe. Ist denn das Thema wirklich nicht auch eine eigene Betrachtung wert? Nur schon, weil Mütter nach wie vor den Gross- oder Mehrteil der ganz alltäglichen Betreuungs- und Erziehungsarbeit leisten (was der Rolle des Vaters per se keinen Abbruch tut). Und weshalb sollte Mutterliebe quasi differenzlos in Elterliebe aufgehen? Es gibt Eltern (als Paar), es gibt Väter, es gibt Mütter. Jede dieser damit verbundenen Liebesformen ist bedeutsam – und zugleich, wenigstens mE, nicht beliebig austauschbar. Ich würde daher davon absehen, das alles in einen (Eltern-)Topf zu werfen.

    • mila sagt:

      Interessanterweise ist man ja sonst in diesem Forum im Allgemeinen sehr auf Unterscheidung bedacht (wie beim Stichwort Gender immer wieder ersichtlich wird). Weshalb dann nicht auch hier?

      • Brunhild Steiner sagt:

        @mila
        weil mich stört dass die Mutterliebe als etwas einzigartiges, ganz spezielles erhöht wird. Die lebenslange Liebe… .
        Zumindest drückt das immer wieder mal so durch wenn man es vor „Archivhintergrund“ liest.
        Es darf gerne betrachtet werden, ich empfinde es allerdings eher als begrüssenswerter Fortschritt dass dann zunehmend auch-Bezug auf den Vater, die Eltern als Paar, genommen wird. Und den Menschen einfällt, dass der Vater ebenso lebenslang liebt.

    • Widerspenstige sagt:

      Bin da absolut derselben Ansicht, mila.

      Zu schade, dass das Thema ausgerechnet über Ostern plaziert wurde in der Hoffnung (der Redi?), dass sich eine rege Diskussion entladen würde. Es sind ja immer noch vorwiegend die Frauen/Mütter, die die Ostertradition hoch halten und mehr als beschäftigt sind mit sozialem/emotionalem Beziehungsknatsch. Aber das wird gerne ausgeblendet und verniedlicht – ist ja Privatsache und soll möglichst unter dem Deckel der Anonymität gehalten werden. Deshalb wohl die spärlichen Kommentare und ja, ein Beweis mehr für die Berechtigung der Mutterliebe als Thema.

      Speziellen Dank an die wichtige öffentliche Stimme von Pasqualina Perrig-Chiello, welche mich auch in einer ‚Clubsendung‘ im SRF1 beeindruckt hat.

    • Sportpapi sagt:

      @mila: Wie unterscheidet sich denn Mutterliebe von Vaterliebe? Warum müssen die Unterschiede herausgearbeitet bzw. dargestellt werden?
      Und: Hat BS mit Ihren Bedenken nicht recht, dass hier immer wieder die Mutterliebe überhöht dargestellt wird, was dann in der Folge auch die Basis ist, beispielsweise einseitige Sorgerechts- und Obhutszuteilungen zu rechtfertigen usw. Etwas, was sicherlich auch bei WS immer wieder mitschwingt.

    • mila sagt:

      Ich konnte aus diesem Text keine Überhöhung herauslesen, dies grundsätzlich. Und speziell zu Ihnen, SP: sonst betonen Sie bei jeder Gelegenheit, dass Väter Kinder tendenziell weniger begluggern, ihnen mehr Freiräume lassen, aber ggf. auch mehr fordern… und jetzt wollen Sie ein (mehr oder weniger differenzloses) Elter sein? 😉 Das geht für mich nicht auf. Für mich gesprochen: ich bin Mutter, kein Neutrum. Mit meinem Mann bilde ich ein Elternpaar, aber keine Elternfront. Unsere Tochter profitiert nicht zuletzt auch von unseren Unterschieden in Umgang, Pflege und Spiel. Wir beide waren phasenweise stark gefordert, aber auf unterschiedliche Weise. Der Alltag mit Kind fordert einen anders, als ein anstrengender Bürotag. Und unruhige Nächte betreffen uns beide.

      • mila sagt:

        Will sagen: Mütterliches und väterliches Gefordertsein stellt sich anders dar, insbesondere wenn Familien- und Erwerbsarbeit mehrheitlich je einer Person zufallen. Darüber könnte und sollte man reden, denke ich. Und ein arbeitender Vater wird sich vermutlich nicht in der geschilderten (Über-)Belastung einer nicht oder niederprozentig berufstätigen Mutter wieder erkennen können (et vice versa). Probleme sollten entsprechend vielfältig dargelegt und diskutiert werden können, mE.

      • Sportpapi sagt:

        @mila: Es ging ja um LIEBE, nicht um Belastung. Und letztlich, wenn schon, auch um Rollen. Im Text ist es ja angetönt, dass „Mutterliebe“ auch durch andere Bezugspersonen erbracht werden kann. Konsequent fertig gedacht heisst das, dass Väter die Rolle von Müttern ausüben können, womit eben diese Austauschbarkeit gegeben wäre.
        Und damit ist es eher speziell, wenn dann die Rollenteilung zum Thema wird. Und wieder konsequent: Was, wenn beide Eltern voll arbeiten und die Kinder tagsüber fremdbetreut werden? Kommt die „Mutterliebe“ dann von der Nanny?
        Und nein, wir sind keineswegs differenzlose Eltern. Ich würde sogar bis zu einem bestimmten Grad unsere Rollen als klischeehaft traditionell bezeichnen. Aber das könnte auch anders sein…

      • mila sagt:

        Ach, wissen Sie, dass mit dem animus und der anima ist ein alter Hut. Individuen sind immer ein Gemisch verschiedener Persönlichkeitsanteile, so dass selbstredend ein Vater auch fürsorglich sein kann. Aber ich halte die Personen nicht für austauschbar, auch dann nicht, wenn der Vater mehr betreut und entsprechend ‚traditionell‘ mütterliche Aufgaben (‚Rolle‘) übernimmt. Er wird es auf seine Weise tun, und ich persönlich finde das gut. Einem Kind kann der Vater nicht die Mutter 1:1 ersetzen, und umgekehrt. Alles andere zu behaupten ist einfach ‚mainstream‘-Gleichmacherei, die de facto nicht gegeben ist (bei zwei vorhandenen Elternteilen). Und selbst Alleinerziehende sind nicht beides-in-einem, sondern sie selbst. Auch wenn sie teils notwendigerweise mehr ‚Rollen‘-Anteile übernehmen.

      • mila sagt:

        Vielleicht muss ich es anders ausdrücken: die ‚Rollen‘ (Zuschreibungen von Aufgaben, Rollenbildern etc.) sind weitgehend austauschbar, und darauf kommt es mir ehrlich gesagt auch nicht an. Die individuellen Personen sind es nicht. Man täte zweifellos gut daran, dies im Konfliktfall zu berücksichtigen. Die meisten tun das ja auch.

      • mila sagt:

        Insofern: Nein, ich liebe nicht wie ein Vater. Wäre er nicht da, würde er massiv fehlen. Das tut auch eine fehlende Mutter. Man frage die Kinder, die vater- oder mutterlos aufwachsen, für eine realistische Antwort. Denen geht es nicht darum, ob die ‚Mutterrolle‘ oder ‚Vaterrolle‘ anderweitig ausgefüllt wurde. Die Person hat gefehlt.

      • Sportpapi sagt:

        @mila: Sie begeben sich auf ein gefährliches Pflaster… Bezogen auf die Arbeitswelt würde das ja manche Diskriminierung auch rechtfertigen.
        Hier aber: Ihre Haltung ist zumindest nicht deckungsgleich mit der der Aut orin.

      • mila sagt:

        Ich stehe gerade etwas auf dem Schlauch… respektive, was hat das alles mit der Arbeitswelt zu tun, und mit allfälliger Diskriminierung? Ich für meinen Teil habe einfach Mühe mit der Entpersonalisierung durch Rollenorientierung, das ist alles.

      • Susi sagt:

        @mila: Ich finde auch, Sie bewegen sich da irgendwie bitz auf dünnem Eis.
        Was ist denn mit schwulen Paaren, oder mit lesbischen? Ist es denn Ihrer Meinung nach unzulässig/“nicht gut“, ein Kind mit zwei Vätern oder Müttern aufwachsen zu lassen?

      • Sportpapi sagt:

        @mila: Mit Entpersonalisierung hat das nichts zu tun. Sondern damit, eine Rolle fix einem Geschlecht zuzuordnen, also biologisch zu erklären.
        Bis zur Idee, dass Frauen zu Chefposten gar nicht geeignet sind – dafür haben sie umso mehr Mutterinstinkt… – ist es dann nicht mehr weit.

      • mila sagt:

        Da haben Sie mich beide missverstanden: mir geht es weder um eine soziokulturell noch biologisch ‚fixe’/fixierte Rolle. Väter können ‚mütterlicher‘ sein als Mütter, und umgekehrt – es geht um die Individuen dahinter. Im Regelfall sind das eine Frau und ein Mann, die ein Kind zeugen und/oder es grossziehen. Im Regelfall Schweiz leisten die Mütter mehr Erziehungs-, die Väter mehr Erwerbsarbeit – dies bringt unterschiedliche Belastungen mit sich (ist in meinen Augen aber geschlechtsunabhängig, respektive aufgabenbedingt; es ist die derzeitige ‚Norm‘, aber keine unumgehbare, soziokulturell gibt es Freiheit für andere Modelle). Aber soweit ich weiss, nennen Kinder gleichgeschlechtlicher Eltern diese nicht identisch, und empfinden sie auch nicht gleich.

      • mila sagt:

        Für mich spricht daraus ein Bedarf nach einer prinzipiellen Differenzierung. Weil die Eltern weder eins sind, noch ‚dasselbe‘ (das ‚Elter‘, für mich ein grauenhafter Ausdruck). Brunhild würde sagen, dass es für die Differenzierung Mann und Frau braucht. Ich operiere wie gesagt nicht mit derart fixen Rollen-Begriffen oder -Vorstellungen. Aber ich merke auch, dass mir ein direkter Austausch mit gleichgeschlechtlichen Eltern fehlt, für ein differenziertes Bild. Ich kenne kein einziges solches Eltern-Paar. So ein Realitäts-Einblick täte immer gut, vor jedwedem Hypthetisieren und Theoretisieren. Vermutlich sind diese Familien genauso stinknormal wie die Mehrheit von uns Gegengeschlechtlichen. Dann wäre alles Drumherum im Grunde viel Lärm um nichts.

      • mila sagt:

        Ganz persönlich gesprochen verstehe ich nicht, weshalb man Mutterliebe bildlich gesprochen kleinreden muss, um Vaterliebe zu erhöhen. Liebe hat viele Gesichter, für alle hat es im Rahmen einer Familie genug Raum. Und eigentlich sollten sie sich gegenseitig wachsen lassen, be-stärken. Statt sich (mE nach künstlich) identisch gleichschalten zu wollen.

      • Sportpapi sagt:

        @mila: „Ganz persönlich gesprochen verstehe ich nicht, weshalb man Mutterliebe bildlich gesprochen kleinreden muss, um Vaterliebe zu erhöhen.“
        Das ist jetzt quasi das Pferd von hinten aufgezäumt. Tatsächlich ist es so, dass von Mutterliebe, von „ein Kind braucht die Mutter“, von Mutterinstinkten und vom „härtesten Job der Welt“ ganz häufig die Rede ist.
        So dass man hin und wieder versucht ist zu sagen, dass es da auch noch Männer gibt, die Väter sind. Und eine Bedeutung haben.

      • mila sagt:

        Ein Kind braucht die Muter, es braucht den Vater. Es braucht Eltern, die gemeinsam den ‚härtesten‘ Job der Welt machen. Manchmal sind diese nicht die leiblichen Eltern. Manchmal muss es eine/r alleine tun, aufgrund der Umstände. Ich kenne ehrlich gesagt nur eine Mutter in der Überhöhungs- und zugleich Überforderungsfalle, und Sie? Die Gesellschaft als Ganzes hat sich längst bewegt, aber wie immer ist ein kleiner Rest, der Probleme hat, am Lautesten. Das nervt mich zunehmend, egal in welchem Bereich.

      • Sportpapi sagt:

        @mila: Ich kenne wenige. Aber ich lese von vielen…

      • mila sagt:

        Die Frage ist doch: was sind ‚viele‘? Die ‚Normalität‘ wird in den Medien nicht abgebildet, da nicht nachrichtenrelevant. Ich würde mich hüten, allein auf Basis von Blogkommentaren und aufmerksamkeitsheischenden Darstellungen davon auszugehen, dass ‚viele‘ Mütter sich im Mutterallmachtswahn befinden… die meisten sind einfach nur froh (und dankbar), dass sie die grosse Verantwortung für ein Kind gemeinsam mit dem Vater tragen können – selbst im Trennungsfall.

      • Sportpapi sagt:

        @mila: Mir geht es um die öffentliche Debatte, an der Sie und ich uns beteiligen. Und in der ein bestimmtes Bild immer wieder gezeichnet wird. Da einfach jeweils wieder die Ebene zu wechseln auf „ich kenne niemanden im Alltag“ halte ich für nicht zielführend.

      • mila sagt:

        Noch einmal anders ausgedrückt: was prägt denn die ‚öffentliche‘ Debatte (Medienberichterstattung, Blogkommentare)? In aller Regel nicht der Normalfall… Sie als ehemaliger Journalist sollten das eigentlich wissen. Egal ob es um Scheidungen, Risikobewetungen, Kriminalstatistiken geht, es ist immer das Leidige selbe. Das Extrem, das Sensationelle erhält überproportionale Aufmerksamkeit.

  • tststs sagt:

    Ich fände es übrigens interessant, auch einmal ein Interview zu diese Fragen mit einem Naturwissenschaftler (z.B. Neurobiologe) zu lesen.

  • Marianne sagt:

    Genau. Und Vaterliebe ist ebenso essentiell. Meine Kinder brauchen uns beide genauso.

  • Karin sagt:

    Vaterliebe zu den Kindern ist genauso wichtig!
    Mein Mann hat auch einen fixen Vatertag, manchmal zwei pro Woche. Dies ist für alle ein Privileg, da ich auch arbeite und alle wissen, was es gegenseitig heisst. Auch die Gross-Eltern machen mit. Alle lieben die Kinder sehr!

  • Adoptivkind sagt:

    Schon interessant wissen viele in den Kommentaren hier über die Gefühlslage von Adoptivkinder bescheid, ohne selbts eines zu sein. Leibliche Eltern suchen & finden hat ganz und gar nichts mit Mutterliebe/-Suchen/finden zu tun. Erstrecht viele zerüttelte Wohlstandsfamilienverhältnisse ohne Adoptionen zeigen mir auf, dass dies nicht ein Grund dafür oder dawieder ist.

  • Hans Knecht sagt:

    Menschen brauchen Liebe. Erst recht kleine verletzliche Kinder.
    Und der Vorteil der eignene leiblichen Eltern liegt darin, dass sie genetisch am nahestehendsten sind und daher eigentlich am ehesten ein Verständis für die Kinder aufbringen können sollten.
    Des weiteren darf Liebe, Mutterliebe meines Erachtens nicht dazu führen dass man Alles für das Kind tut und so das Kind an sich bindet und zur Unselbständigkeit entwickelt. Sondern, wer jemand anders wirklich uneigennütz liebt, der erfreut sich auch daran dass sich die andere Person, hier das Kind, sich zur Selbständigkeit entwickelt und eines Tages seinen eigenen Weg geht, gehen kann. …

    • Hans Knecht sagt:

      Daher sollten die Eltern die Kinder begleiten und beratend zur Seite stehen und nur dann einschreiten wenn eine Gefahr drohnt welche das Kind überfordert oder dessen Ego verführt.
      Nur was ist wenn man als Vater oder Mutter selbst schon zu einem Ego-Verhalten verführt wurde?

      Des weiteren führen Männer meines Erachtens oftmals einen Haushalt von Natur aus anders und werden daher wohl immer aus der Sicht einer Frau einem paritätischen Mitwirken fern bleiben.

  • Brunhild Steiner sagt:

    Leicht ratlos, was genau ist der Punkt?

    Es ist doch die E L T E R N L I E B E
    welche L E B E N S L A N G gegeben ist, und konstruktiv bis destruktiv, respektive ausgeschöpft/gelebt oder nicht gelebt wird.
    Bloss weil heute „der Vater“ mehr im Fokus steht bedeutet doch nicht dass früheren Vätern die diesbezüglichen Emotionen gefehlt hätten, sie sich nicht emotional auf ihre Kinder eingelassen, sich um sie gekümmert und/oder traurig gewesen wäre wenn das Kind krank war/gestorben ist.

    Und bezüglich „leibliche Mutter“, so einfach ist es eben nicht, sonst hätten nicht- wie schon bemerkt- viele Adoptiv-und Pflegekinder das Bedürfnis ihre leiblichen Eltern (übrigens auch den Vater!) kennenzulernen.

    • Hans Hintermeier sagt:

      Sehe ich auch so. Danke für Ihre Wortmeldung. Schöne Feiertage.

    • tststs sagt:

      Hmmmm, ich würde dem Punkt der Suche nach den leiblichen Eltern aber entgegenstellen, dass dies nichts mit der Elternliebe (der Adoptiveltern) zu tun hat. Adoptivkindern suchen mit oder ohne Liebe erhalten zu haben, weil sie Fragen nach ihren Ursprüngen haben; und das wiederrum ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis.
      Ein Unterschied liegt sicher im Hormoncocktail, ob man ein Kind selber geboren hat oder nicht. Aber auch hier kann man sich fragen, ob und wie sich das zeigt und auf das Kind auswirkt.

      • Brunhild Steiner sagt:

        @tststs
        richtig, es bedeutet dass „volles Mass an Mutterliebe“ (egal über wen als Vermittlerin derselben) nicht bedeutet „es gibt dem Menschen genügend Fundament“, eben gerade nicht wenn dies nicht die biologischen Eltern sind. Bei aller gegebenen Liebe bleiben andere Bedürfnisse ungestillt.
        Diesen Punkt finde ich nicht unwichtig.

  • Zufferey Marcel sagt:

    Bis auf die feministischen Allgemeinplätze ganz zum Schluss ein sehr gutes Interview! Man hat sogar darauf verzichtet, auf das in gewissen Kreisen sehr beliebte und deshalb langsam stinklangweilige #regrettingmotherhood-Züglein aufzuspringen. Im Gesamtkontext dieses Interviews haben mich nicht einmal die postmodernen Denkansätze gestört, da sie sie von Pasqualina Perrig-Chiello ausgesprochen pragmatisch und realitätsnah verwendet werden. Speziell dieser Satz hat mir gefallen:

    „Heute haben Kinder in unserer Gesellschaft zunehmend Seltenheitswert und bekommen dadurch eine hohe Beachtung. Damit sind auch die Erwartungen an die Mütter sehr hoch.“

    Das wäre eine Erkenntnis mit weitreichenden Folgen- wenn man sie denn (endlich) wahrnehmen wollte!

  • Bernhard Strässle sagt:

    Hier wird das Phänomen Mutterliebe seziert. Ein Phänomen, über welches fast jeder mitreden kann. Darum wird kaum jemand in diesem Interview mehr finden, als übliche Allgemeinplätze. Da wir alle – einschliesslich Christa Wüthrich – in irgendeiner Weise in eine Liebesbeziehung zur Mutter, Adoptivmutter, Pflegemutter oder Heimleiterin eingebunden sind, ist eine objektive, unbefangene Erklärung dieser emotionalen Bindung (und auch Abhängigkeit) schwierig. Man müsste das Phänomen von aussen oder an Extremfällen beobachten. Woher kommt es beispielsweise, dass Jugendliche, die von Geburt weg wohlbehütet und geliebt durch Adoptiveltern aufgezogen wurden, keinen Aufwand scheuen, um die leibliche Mutter kennenzulernen? Warum sind dann solche erste Begegnungen meist emotionell so hoch geladen?

    • Michael sagt:

      Jeder kann hier mitreden ? Auch die Männer ???

      • Lena Like sagt:

        Ja auch Männer, denn meines Wissens haben/hatten alle Männer Mütter und haben somit Mutterliebe erfahen.

      • Brunhild Steiner sagt:

        oder noch genauer,
        wir haben alle Eltern und diese Eltern von sehr positiv-prägend bis negativ-prägend erfahren können, wir sind teilweise selbst Eltern und haben uns möglicherweise schon vertieft damit auseinandergesetzt.

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