Leben


Michèle Binswanger am Dienstag den 8. Dezember 2009

Wo der Kinder-Horror wohnt

MAMABLOG-Where-the-wild-things-are

Monster mit Bub. Szene aus Spike Jonzes Film «Where the wild Things are».

Ich liebte Maurice Sendaks «Wo die wilden Kerle wohnen». Ich liebte es, wie der Held Max zu Hause herumtobt. Ich liebte, wie er stolz auf seinem Segelschiff in unbekannte Lande schippert und liebte, wie er die wilden Kerle niederstarrt. Jetzt erkenne ich darin meine eigenen Kinder wieder.

Nun wurde der Klassiker verfilmt und zwar von Spike Jonze, einem der besten Regisseure, die Hollywood meiner Meinung nach zu bieten hat. Noch habe ich den Film nicht gesehen, aber er hat bereits eine interessante Diskussion ausgelöst. Einige Eltern nämlich monierten, der Film sei furchtbar unheimlich, die Monster zu beängstigend, die Farben zu düster, das ganze wenig erbaulich und mithin für Kinder denkbar ungeeignet. Sie riefen andere Eltern dazu auf, den Film links liegen zu lassen.

Das konnte wiederum Maurice Sendak nicht auf sich sitzen lassen. In einem Interview mit Newsweek ging er mit furchtsamen Eltern hart ins Gericht. Er würde ihnen empfehlen, sich zur Hölle zu scheren. Wenn Kinder sich ob des Films zu sehr ängstigten, sollten sie halt gehen oder sich in die Hose machen. Doch die Frage, ob der Film für sie tauglich sei, «kann ich nicht akzeptieren», sagte er.

Zunächst finde ich Sendaks Reaktion verständlich, wenn man bedenkt, vor welchem Hintergrund er argumentiert. Als er das Buch 1963 in den USA veröffentlichen wollte, führte er einen erbitterten Streit. Sein Buch endet damit, dass Max von seinem Abenteuer nach Hause zurückkehrt, und sein Essen ist noch immer «heiss», heisst es im Buch. Der Verleger fand, es sollte besser «warm» heissen, denn an heissem Essen könne sich ein Kind verbrennen. Sendak weigerte sich aber, das «heiss» herzugeben und die Story abzuflachen. Die USA, sagte er heute, sei «disneyfiziert». Alles werde abgerundet, lieblich und harmlos gemacht, so wie Mickey Mouse, der ein «fettes Nichts» sei. Es herrsche die Vorstellung, Kindern könne nur Harmloses zugemutet werden. Er habe die Kinderwelt letztlich so darstellen wollen, wie sie sei, durchaus auch beängstigend und unheimlich.

Die Kinder geben ihm recht. Sie lieben sein Buch noch heute, auch wenn es den einen oder andern Alptraum beschert. Auch der Erfolg der grossen Kinderbuchklassiker von den Märchen der Brüder Grimm über die Werke Tomi Ungerers bis zu Astrid Lindgren ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass sie die dunkle Seite der Phantasie nicht ausklammern. Die Lust an der Angst ist im Menschen tief verwurzelt und kein Vorrecht der Erwachsenen.

Die Frage ist nun aber, ob ein unheimliches Buch und ein unheimlicher Film dasselbe sind. Immerhin erlaubt das Buch dem Kind beim Lesen sein eigenes Tempo, während ein Film sein eigenes Tempo setzt und Bilder auf die Kinder loslässt, die sie auch nicht ein zweites Mal konsultieren können. Sie müssen dann selber damit fertig werden. Die Frage ist also: welche Art Horror kann einem Kind im Film zugemutet werden? Oder sind wir Eltern einfach Weicheier, weil wir uns vor den Ängsten unserer Kinder mehr fürchten, als diese sich letztlich vor dem Film?

102 Kommentare zu „Wo der Kinder-Horror wohnt“

  1. zysi sagt:

    richtige männer schrecken vor nichts zurück, auch nicht vor dem mamablog ;-)

  2. Katharina sagt:

    @gargamel: wie ist das nun mit dem Bible Belt?

    also ein Jack Daniel’s 25yr Reserve ist angenehm smooth. Kommt aus Tennessee. Ach ja, Ist glaub ich im Bible Belt.

  3. gargamel sagt:

    @katharina: ich denke sie wissen schon, welchen “bible belt” ich meinte… obama-bashing und harry-potter-führt-reine-kinderseelen-direkt-dem-satan-zu-sprüche…

    btw: bourbon, rye, tennessee… das zeugs kann man allenfalls in die cola giessen, richtige männer trinken single malts…

  4. Katharina sagt:

    “harry-potter-führt-reine-kinderseelen-direkt-dem-satan-zu-sprüche” So war das nicht gemeint. ich weiss dass bible belt traeger sogar bei disney filmen versteckte mitteilungen sehen….

    dass obama ausser reden nicht viel erreicht ist auch unter demokraten laengst klar. aber lassen wir’s.

    eine gut sortierte hausbaar hat immer scotch, bourbon und ein paar single malts. denjack Daniel’s 26yr Reserve kann man nicht kaufen.

    whisky und cola… das ist doch soooo eighties. womoeglich im weissen polyester-anzug und rueschelhemd mit fluegelkragen… bee gees bloecken wie bruenfptige geissen im neon licht.

  5. Thomas sagt:

    …gab’s der herr den gibbs im schlaf oder mit dem bible-belt?

  6. gargamel sagt:

    @katharina: eben, sowas trinkt man nicht… weder einzeln noch gemixt.

  7. max sagt:

    @gargamel
    Ist mir schon aufgefallen, dass es bei Aristoteles keine “Prinzipien” sind sondern Postulate.

    Aus der Forderung nach der Einheit der Zeit und der Einheit der Handlung ergibt sich implizit und redundant die Einheit des Ortes. Das ist eine rein informationstheoretische Angelegenheit. Ich vermute, Aristoteles war genug Gelehrter, um dies als selbstverstädndlich zu nehmen.

    Wissen hat viel mit Denken zu tun und Ganzwissen mit diszipliniertem Denken. Aber ist nicht unbedingt das k.o. Kriterium für “richtiger Mann”.

  8. max sagt:

    @Matthias:
    ADHS ist ja als Syndrom spezifiziert und nicht eigentlich die Diagnose einer Krankheit. Ich kann nur wiedergeben, was mir die Heilpädagoginnen aus ihrer Ausbildung und Praxis beschreiben. Dafür bin ich nicht der Experte.

    Die Meinung ist, dass kleine (3 bis 4-jährige) Kinder sich schlecht entwickeln, wenn sie vor dem Fernseher sind, selber passiv und mit ständig wechselnden Bildern übergossen. Sie könnten stattdesse mit ihrer Mamma Scherenschnitte zu machen oder mit den Gspänli zu sändelen.

    Die Folge dieser Entwicklungsstörung ist dann die Unfähigkeit eines 7-jährigen, eine Viertelstunde lang still zu sitzen und sich konzentriert einer Aufgabe zu widmen.

    Solche Überlegungen gehen dahin, ein ADHS gar nicht entstehen zu lassen – rechtzeitig vorzubeugen.

    Aristoteles in seiner Poetik hat durchaus eine moderne Entwicklungspsychologie verfasst.

  9. Katharina sagt:

    @Thomas: angesichts der Tonlage der Brueder Gibbs nehm ich an, mit dem bible belt. punktgenau auf die gear-box. meist geht dann die tonlage ins hoechste sopranino…..afik.

  10. Heidewitzka sagt:

    Das dumme an verfilmten Geschichten ist doch, dass diese mit der Fantasie von Erwachsenen umgesetzt werden. Und die ist für Kinder teilweise in der Tat ausserordentlich ängstigend. Zum Beispiel Harry Potter als Film finde ich für meine Kinder nicht wirklich erbaulich. Dieser erzeugte den Erfolg, dass sie sich tatsächlich fast “in die Hose machten” und seither dunkle Zimmer meiden und überall Dementoren vermuten. Hingegen vom Buch sind sie ganz gefesselt, erzeugen die Spannung mit ihrer eigenen kindlichen Fantasie und formen die Figuren in einer Art, die sie fassen können. Nichts desto trotz denke ich, Angst hat immer auch einen gewissen Reiz. Ich war ganz erstaunt, als mir eine Bekannte erzählte, ihre Kinder hätte vor nichts Angst. So, so. Ich möchte nicht wissen, welchen Nervenkitzel diese dereinst suchen werden, um einen gewissen Reiz und Spannung zu erzeugen, wenn man als Kind bereits in vielerlei Hinsicht abgestumpft ist. Und manche Filme stumpfen mit Sicherheit auf Dauer ab. Egal ob Potter, Disney oder wilde Kerle aller Art. Es ist doch am Ende alles eine Frage der Form und des Ausmasses, das man den Kindern zumutet. Wohldosierte kindliche Ängste zu bewältigen ist durchaus nützlich für die Zukunft, sofern diese nicht in einer für Kinder unfassbaren und traumatisierenden Art daherkommen.

  11. gargamel sagt:

    @max: Aus der Forderung nach der Einheit der Zeit und der Einheit der Handlung ergibt sich implizit und redundant die Einheit des Ortes.

    wie bitte? einheit von ort und handlung impliziert, dass die geschichte nur an einem ort stattfinden kann??? wo haben denn sie ihre logischen fähigkeiten trainiert? bei den tele-tubbies???

    und warum dieses rigorose formale konzept für kinder irgendwie “besser” sein soll, das haben sie immer noch nicht erklärt…
    und inwiefern sie mit echten und nicht nur theoretischen kindern zu tun haben möchte ich auch immer noch gerne wissen…

  12. gargamel sagt:

    wir brauchen eine edit-funktion!

    wie bitte? einheit von zeit und handlung impliziert, dass die geschichte nur an einem ort stattfinden kann??? muss das natürlich heissen…

  13. max sagt:

    @gargamel: Ja, die edit Funktion wäre nützlich. Aber dann wäre die Einheit der Zeit nicht mehr gewährleiset.

  14. gargamel sagt:

    na mäxe, wie wär’s mit einem männlichen “ok, ich hab’ unsinn verzapft”?

  15. max sagt:

    @gargamel: Mich interessiert mehr die Frage, ob kleine Kinder ein Filmmonster ertragen oder nicht. Meine Beobachtung ist, dass es eher nicht das Monster ist, sondern der Film und dass es mehr der Aufbau eines Filmes ist als der Film an sich. Das war mein Beitrag zum Blogartikel von Frau Binswanger.

    Epistemologische Überlegungen mag ich ehrlich gesagt nicht im mamablog diskutieren. Aus meiner heutigen Sicht ergibt sich implizit und redundant die Einheit des Ortes aus der aristotelischen Einheiten der Handlung und der Zeit. Ob das für Aristoteles selbstverständlich war, würde ich mit einem Altphilologen diskutieren, der mir besser Auskunft geben kann über die Begrifflichkeit von “Raum” und “Ort” bei Aristoteles.

  16. Fritz Nussbaumer sagt:

    Jedes gute Kinderbuch ist spätestens dann unbrauchbar, wenn das Kind die Verfilmung des Buches gesehen hat.
    Kinderbücher sind zum lesen und erzählen geeignet. Werden sie verfilmt, kann keine Fantasie mehr aufkommen.
    Gerade das aber ist das Wichtigste wenn Kinder Bücher lesen oder erzählt bekommen: sie wollen und müssen die Bilder und die Abläufe selbst imaginieren können.

  17. Ich bin genau gleich alt wie das Buch. Es hat mich mein Leben lang begleitet. Als “Wild Things” und ich beide 25 waren, hatte ich Gelegenheit, beim Verleger in New York die Original-Illustrationen zu betrachten, anlässlich des damals durchgeführten Neudrucks. Sendak’s intuitiv-psychologischer Stil ist für mich die höchste Form von Kinderliteratur.

    Der Film hat mich so sehr bewegt, dass ich selbst fast schockiert war. Ich musste mich darüber ausführlich äussern:

    http://www.blog.jlabus.ch/Blog_site_domain/5.12.09.html

    würde mich freuen über Kommentare.

  18. gargamel sagt:

    @max: Aus meiner heutigen Sicht ergibt sich implizit und redundant die Einheit des Ortes aus der aristotelischen Einheiten der Handlung und der Zeit.

    einmal mehr behaupten macht das nicht logischer… hätten sie die güte, mir das herzuleiten?

  19. Mouse sagt:

    ? Wieso sollte man nicht Rum-Cola oder Whiskey-Cola trinken? Weil man dann nicht elitär oder salonfähig wäre? Dann stehe ich gerne dazu: ich trinke das sehr gerne und ich schäme mich kein Bisschen dafür. Im Gegenteil!

  20. Rahel sagt:

    @ Mouse

    Dafür brauchst Du Dich auch gar nicht zu schämen! Ich trinke das nämlich auch sehr gerne! Also sind wir schon zwei Tiefflieger :-)

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