Leben


Nicole Althaus am Mittwoch den 9. Dezember 2009

Auch Mutter will mal krank sein dürfen!

Und wer pflegt Mutter, wenn sie krank wird?

Und wer pflegt Mutter, wenn sie krank wird?

Ich habe zwar noch leichte Temperatur, aber ich bin nicht mehr so überhitzt, dass die Gedanken, die ich produziere, sofort verdampfen und sich in nichts auflösen. Deshalb muss ich  – bevor ich mich für den Rest des Tages da hin verziehe, wo ich eigentlich schon länger hätte liegen müssen, nämlich ins Bett -  noch ein kleines politisches Anliegen loswerden: Krank sein dürfen gehört in den Kanon der Menschenrechte.

Es mag wie ein Paradox klingen, es ist aber in Wirklichkeit eine Folter, wenn man krank ist und nicht krank sein darf. Das wissen alle, die schon mal mit 39,2 Fieber, Schüttelfrost und Co. einen ganz normalen Tag mit zwei  Kindern hinter sich bringen mussten, also vor allem Mütter. Speziell solche von Kleinkindern. Bevor diese sich übergeben müssen, haben Sie in der Regel  bereits unzählige verkotzte Betten gewechselt, meist nachts, zig Liter Tee gekocht und eingeflösst, stundenlang getröstet und zugehört, sämtliche Kinderbücher im Haus dreimal vorgelesen, tubenweise Pulmex eingeschmiert, irgendwelche Kügeli abgezählt oder wirkungsvollere  Medikamente auf diversen Wegen in Kinderorganismen gebracht. Denn Viren haben -  das ist eine bisher leider noch viel zu wenig erforschte biologische Auffälligkeit – immer schon alle anderen Familienangehörige flachgelegt, bevor sie sich zusammenrotten und mit vereinten Kräften Mutter den Rest geben. Das erklärt dann auch, warum Vater bei der Arbeit ist, wenn Mutter krank wird, und dort auch grauenhaft viel aufzuarbeiten hat: Er wurde ja gerade eben von Mutter gesund gepflegt und kann nun nicht schon wieder im Büro fehlen, um seinerseits Mama aufzupäppeln.

Mutter ist also auf sich gestellt, wenn die Viren sie gebodigt haben. Aber leider nicht mutterseelenallein. Da ist ja noch der Rest der Familie, der wieder gesund und schampar hungrig ist und der auch Hausaufgaben hat oder Langeweile und genug Energie für Geschrei und Gezank. Das alles ist der Mamagesundung natürlich nicht förderlich. Aber wenn diese über Kopf-, Hals- oder ein anderes Weh klagen sollte, kann sie nicht mit grosser Empathie rechnen, weil das haben die Lieben ja bereits hinter sich: «Mir gings auch so», heisst es dann zum Trost, «ich habe geglaubt, ich schaffs nicht mehr zum WC. Machst Du mir noch eine Schokolade, bitte?»

Darum muss man die Mutter verstehen, die es für einmal nicht erwarten kann, dass die beiden geliebten, aber gottlob schulpflichtigen Kinder aus dem Haus  sind und ihr wenigstens zwischen Frühstück und Mittagessen für drei Stunden erlaubt ist, da hinzugehen, wo sie hingehört: ins Bett. Doch dann kommt, Sie entschuldigen die Wortwahl,  diese blöde Sau von Schweinegrippe und raubt Mutter auch noch dieses kleine bisschen Krankseindürfen. Die Kleine nämlich kehrt nach einer halben Stunde wieder heim, weil alle Kindergärtler und Unterstufenschüler im Kanton Zürich zu Hause bleiben müssen, wenn ein Familienmitglied angeschlagen ist. Auch wenn niemand weiss, ob das attackierende Virus H1N1 heisst und selbstverständlich auch dann, wenn das Kind bereits krank war und deshalb immunisiert ist. Das klingt paradox, ist aber in Wirklichkeit eine Folter.  Das hab ich aber glaub schon gesagt, deshalb lege ich mich jetzt ins Bett.

75 Kommentare zu „Auch Mutter will mal krank sein dürfen!“

  1. Thomas sagt:

    …neue lateinische rechtschreibung.

  2. max sagt:

    @Nicole Althaus: Also erstmal, gute Besserung.
    Dann für ein ander mal: Ihre grössere ist 10-jährig. Ein wenig Essen auftischen für sich und die kleinere und Tee kochen, das sollte ein Kind in dem Alter können. Dann gibts halt Kellogs Flocken und Joghurt und Dosenfutter. Und brav und still sein und selber die Zähne putzen und Pijama anziehen, das können die auch und vielleicht sind dann halt eine Woche lang die Aufgaben nicht so gut gemacht.

    Kurzum, die Welt geht nicht unter, wenn die Mutter ein paar Tage krank ist, vorausgesetzt die Kinder sind erzogen zum veranwortlichen Selbertun und Selberdenken.

  3. Anna sagt:

    Nun ja, manchmal kommt man eben doch nicht drum herum, es eben doch alleine schaffen zu müssen. In unserem Fall hatte unsere ganze Familie (mit drei Kleinkindern) eine mühsame Magen-Darm-Grippe. Jemanden ins Haus lassen konnten wir einfach nicht, nachdem wir merken mussten, dass wir andere, die uns helfen wollten, angesteckt hatten….

  4. Secutor sagt:

    ist nicht nur dir aufgefallen. bist du lateinlehrerin?

  5. Maja sagt:

    Sicher kann eine Mutter mal krank sein. Die Kinder spüren doch, dass Mami oder Papi gepflegt werden müssen. Kinder sind in solchen Situationen sehr hilfsbereit. Meine waren es auf jedenfall. Wenn meine Mutter krank war, hat mein Vater gekocht, dass war jedesmal ein Gaudi (er konnte nämlich nicht richtig kochen). Jeder hat getan was er konnte.
    Wünsche auch gute Besserung.

  6. Mamacita sagt:

    @ roger Wild Alimente=krank sein, Zusammenhang?

  7. sianti sagt:

    Liebe Frau Althaus. Besten Dank für Ihren Beitrag. Genau so ist es. Gute Besserung!

  8. Michael Tovar sagt:

    Liebe Frau Althaus,

    sie haben beschrieben, wie es bei uns zugeht, ziemlich exakt. Meine Frau würde sich sofort wiedererkennen. Ich mich als Vater auch, abgesehen von “Er wurde ja gerade eben von Mutter gesund gepflegt” (meine Mutter wohnt nicht bei uns).

    Das ist wirklich ein Problem, und mir tut es leid, dass eine Mutter keinen Krankenschein ausfüllen kann und dadurch den Status “krank” hat. (An dieser Stelle: Sie werden vermutlich wissen, dass krank sein für einen Vater in Gegenwart von Kindern ebenfalls eine Tortur ist. Lustig, wenn der Arzt dann sagt: Sie brauchen Ruhe. ich kann Ihnen versichern, jeden Winter denke ich: bloß nicht krank werden!).

    Es gibt aber auch eine andere Seite. Es ist so, dass Mütter sich das krank sein selbst nicht erlauben. Sie sind zwar krank, sagen sich selbst aber, sie dürfen es nicht sein. Und haben damit ja so Unrecht nicht, die Realität bestätigt sie darin ja auch (den Kindern ist das ja sowas von egal, wenn Mutter röchelt. Eigentlich erschreckend).

    So schwierig das nun für eine Mutter sein kann und ist, glaube ich, bleibt letztlich nichts anderes übrig, als zu sagen: “Leute, ich bin krank und funktioniere nicht, und will auch nicht. Ihr müsst jetzt mal ohne mich klarkommen, wie ist mir egal, Hauptsache ihr lasst mich in Ruhe.” Warum sollte die Realität dann nicht genauso zeigen, dass das auch geht? Und die Kinder plötzlich rücksichtsvoll sein? Und der Mann sich freinehmen? (bzw. es gibt ja sogar einen Anspruch auf Freistellung in diesen Fällen).

    Beste Grüße,
    Michael Tovar

  9. sista hope sagt:

    gute besserung! sie haben ja sooooo recht!

  10. Rahel sagt:

    @ Miochael Tovar

    Also meinen Kindern war es bis jetzt noch nie egal, wenn ich mal krank war…………….

  11. Rahel sagt:

    Entschuldigung, sollte “Michael” heissen!

  12. gargamel sagt:

    noch was von wegen “gesetzlicher anspruch auf freistellung zur krankenpflege angehöriger”: klar gibt’s die, ist aber meines wissens auf 3 tage pro jahr beschränkt… je nach krankheit/krankheitshäufigkeit kommt man da nicht weit…

  13. Stefan W sagt:

    Selbstverständlich dürfen Mütter auch mal krank sein. Sobald die Kinder erwachsen und ausgezogen sind, kein Problem.

  14. Mia sagt:

    @ simone und so weiter: man kann das auch umdrehen: die Mütter sind immer (selber) schuld. Frau Althaus hat sich bereits gerechtfertigt (Mann im Ausland), ich kann’s ja auch noch tun: Mann Selbständigerwerbend (sprich: Kunden laufen davon, wenn… , kein Geld kommt rein, wenn….).

    Aber warum muss man sich als Mutter immer rechtfertigen? Fällt es Euch allen denn so wahnisnnig leicht, im Gaggo rumzutelefonieren und überall zu erklären, dass man krank ist und Hilfe braucht, um dann zu hören, dass Nachbar X am Nachmittag schon was vorhat und seine Kinder eh bei Nachbarin Y deponiert hat, dass die Grossmutter einen Termin beim Coiffeur hat, die Freundin Z Überstunden machen muss und keiner scharf darauf ist, noch schnudernde halb kranke Kinder zu hüten?? So läuft das nämlich ab. Und man ist nur noch k.o., will sich nicht rechtfertigen und seine Ruhe… Also Kids vor den TV, hélas. Nach dem fünften Telefon hat man nämlich die Nase GESTRICHEN voll.

    Es ist nicht schlechter Wille hüben und drüben, aber Tatsache ist, dass man als Mutter ziemlich verplant ist und schlecht kurzfristig noch die Kinder einer andern Familie übernehmen kann, wenn man mit seinen zum Zahnarzt, zum Fussball, zum Weiss-ich-was muss.

    Also bitte keine schwachsinnigen Schuldzuweisungen und pseudosychologischen Analysen.

  15. zysi sagt:

    irgendwie kommt mir dabei auch der bergdoktor aus der CH in den sinn
    http://www.youtube.com/watch?v=HNqfH3EKKGM
    ab 1:14 min

  16. simone sagt:

    @mia: ich habe auch schon “fremde” kinder mitgenommen zu terminen von unseren, ob jetzt sportliche oder andere. mit ihnen kann ich genau so spielen, buecher lesen oder malbuecher mitnehmen wie mit meinen. wenn mich jemand um hilfe bittet wueren solche sachen mich sicher nicht hindern. dann sitzen die kinder halt mal zu viert oder mehr hinten im auto, da wir selber schon drei haben. bis zu fuenft koennen sie sich auch angurten. sonst gebe ich eines von mir ab zu einem “gschpaenli” und habe mehr platz.

    sie schreiben ja auch, sie haetten die oma rausgeschmissen, weil sie dem kranken kind gipfeli und o-saft gegeben hat. kann das nicht mal passieren?
    und dass die oma gestresst war, weil sie sie nicht erreichen konnte, ist das nicht menschlich? auch wenn es natuerlich keine loesung dazu gab. aber das kann man ja besprechen, und mit einem: “es tut mir leid, dass du gestresst warst. ich kann das verstehen. trotzdem danke ich dir herzlich fuer deine hilfe.” wird auch der haussegen nicht fuer immer schief haengen.

    und ja, ich wuerde auch mehr als fuenf leute anrufen, wenn ich hilfe brauche. hab auch schon verwandte und freunde aus dem ausland angerufen… und schlussendlich immer liebevolle hilfe gefunden.

    selber bin ich auch schon 1000 km zuggefahren, freigenommen und habe fuer meine eigenen kinder eine nachbarin eingespannt, um einer freundin zu helfen. das ist ja auch kein opfer, sondern macht das leben spannend.

    @alle:

    wenn wir um hilfe bitten aber erwarten, dass alle sich genau so benehmen wie wir uns das vorstellen, bleiben wir natuerlich alleine (und verdammen unsere kinder, allein unsere handlungsweisen als richtig anzuschauen).

    bei uns heisst das konkret: bei oma und opa gibt’s haufenweise kinderfernsehen (wir haben keinen), viel suesses, spaet ins bett. ABER auch: geschichten von frueher, VIEL ruhe und geduld (was bei uns im alltag manchmal zu kurz kommt) und die erfahrung, dass das leben auf ganz verschiedene arten gelebt werden kann. die kinder wachsten ja nicht bei den grosseltern auf, sondern erleben dieses “schlaraffenland” als wundervolle inseln in unserem normalen (und auf andere weise auch sehr schoenen) familienalltag.

  17. simone sagt:

    @mia: uebrigens: das “schwachsinnig” entspricht wohl ihrer analyse meiner geistigen gesundheit, da ich den text geschrieben habe. darauf kann ich nichts erwidern, koennen wir uns ja nicht selber eine diagnose stellen in diesem bereich.

    wo sehen sie aber eine “pseudopsychologische analyse”?

  18. marvin_m sagt:

    Zu dumm, hat man sich solch’ einen Mann geangelt. Aber wozu hat man selbständige Kinder? Oder Freunde und Verwandte? Oder als DIWIK-Familie zumindest das finanzielle Polster, um einen temporären Hausservice zu bestellen. Und wenn alles nichts nützt, reift die Erkenntnis, dass man bis zur nächsten Grippe etwas verändern sollte.

  19. lisi sagt:

    @mia
    Ich kann nur für mich sprechen, aber bei uns funktioniert diese Nachbarschaftshilfe wunderbar. Die Kinder sind auch nicht ewig ganz klein. Sobald sie in der Mühle der Schule sind haben sie fixe Termine und Schulfreunde. Aber eben, man muss auch bereit sein selber mal ein Kind mitzuversorgen.
    Ich habe durchaus Bekannte und Nachbarn mit welchen ich nicht täglich “Käfele”, sondern man sieht sich mal auf der Strasse und hält einen Schwatz, aber wenn es bei einem von uns “brennt”, sind die anderen zur Stelle. Wenn, wie bei Frau Althaus die Kinder die Grippe ja schon hatten, sind sie auch nicht mehr ansteckend und können für einen Tag bei Schulfreunden untergebracht werden. Kürzlich hat sich eines unserer Kinder so fest verletzt, dass es am Kopf genäht werden musste, da lies die Nachbarin halt den Schwimmkurs sausen und ich konnte mit meinem Kind “go büezä”, während ich wusste, dass die anderen gut aufgehoben sind. Die Grossen könnte ich normalerweise auch alleine lassen, aber die waren so erschreckt, dass ich dies nicht wollte. Auch wollte ich das 2 Kleinkind nicht mit zum Arzt schleppen. Als ich noch ausser Haus gearbeitet habe, habe ich auch mal einen Arbeitstag im Büro sausen lassen für die Nachbarin, da mein Arbeitgeber flexibler ist als ihrer.

    Und, nein mir fällt kein Zacken aus der Krone wenn ich mal rumtelefonieren muss um für die Kinder eine Betreuung zu organisieren. Mütter sind nicht immer an allem selber schuld, dies hat nämlich nichts mit uns als Mutter sondern mit uns als Mensch zu tun. Wenn jeder Mensch immer mehr nur an sich denkt und nur die eigenen Bedürfnisse befriedigt, wird auch jeder einzelne Mensch immer einsamer. Dies ist leider überall in unserer Gesellschaft zu beobachten. Wir sind am twittern, schicken schnell ne SMS oder ein Mail und bei Faceboock haben wir 1000 Freunde. Da müssen wir (die Gesellschaft) schon aufpassen, dass wir die Realität nicht total aus den Augen verlieren. Genau, deshalb müssen wir die sozialen Kontakte pflegen.

  20. Yves sagt:

    Auch Mutter will mal krank sein dürfen… Klar. Da ist der Papa, der sich ohne Probleme 2-3 Tage krank schreiben lassen kann. So übernimmt der Vater ein- oder zweimal im Jahr den Haushalt. Das ist doch super! Auch für die Kinder.

    Rechtlich geht das übrigens ohne Probleme, weil die Kinder hier vorrang haben. 2-3 Tage geht in jedem Fall in Ordnung. Danach sollte eine andere Lösung gefunden werden…

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