Leben


Philippe Zweifel am Mittwoch den 2. Dezember 2009

Ihr Kinderlein glotzet

Zweijährige setzt man nicht vor den Fernseher. Das weiss die ganze Welt, ausser natürlich den Amerikanern und, nun, mir. Als ich kürzlich die Sendung «In the Night Garden» entdeckte, warf ich meine fernsehkritischen Erziehungsprinzipien über Bord und meinen Sohn auf die Couch. Von dort verfolgen wir nun jeden Abend, wie Igglepiggle, Upsy Daisy, Makka Pakka und andere Figuren in einem magisch anmutenden Wald umherhüpfen. Ab und zu schiesst ein Zug – das Ninky Nonk – aus dem Gras und an Baumstämmen entlang hoch. Nicht, dass ich verstehen würde, was abläuft. Für meinen Sohn ergibt aber alles Sinn. Dies ist sein Reich, hier sind seine Freunde, die zu ihm sprechen. Und er antwortet ihnen, lacht und jauchzt.

Vielleicht denken Sie jetzt: Unsinn! Fernsehen macht dick, dumm und gewalttätig, wer bereits als Kleinkind fernsieht, lernt schlechter lesen, ist weniger kreativ und nimmt Dinge oberflächlich auf. Ausserdem wird die Sprachentwicklung gestört und überhaupt verblöden Kinder vor der Glotze. Kurz: Dieser «Night Garden» ist doch nichts anderes als die Teletubbies!

Mit dem letzten Punkt haben Sie nicht ganz unrecht; die Macher sind tatsächlich dieselben. Da hören die Gemeinsamkeiten jedoch auf. Der «Night Garden», eine raffinierte Mischung aus Computeranimation und realen Elementen, hat die BBC über 20 Millionen Franken gekostet und verhält sich zu den Teletubbies etwa so wie Mozart zu DJ Ötzi. Mit ihrer entrückten Bildsprache und den wehmütigen oder Jahrmarkt-artigen Klängen ist die Sendung halb poetisches Sandmännchen, halb psychedelische Erfahrung. Das mag auch an der Erzählerstimme liegen, die Derek Jacobi gehört. Wie der grosse Shakespeare-Mime von Pinky Ponk, Tombliboo und Og-Pog erzählt, muss man gehört haben. Vor allem aber macht der «Night Garden» den Fernseher nicht zum Babysitter. Keine überforderten Mütter will man hier entlasten, auch keine wilden Tänze auslösen, sondern ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit bieten. Mit dem Ziel, den Kindern die Angst vor dem Zubettgehen zu nehmen.

Sie merken, hier schreibt ein Fan. Dabei habe ich versucht, den «Night Garden» zu hassen, bin jedoch innert Kürze seiner gütigen Macht unterlegen. Ich will Ihnen die vielen weiteren Highlights der Sendung indes ersparen und komme auf die Medienerziehung zurück. Natürlich ist Kleinkinderfernsehen keine Entwicklungsnotwendigkeit. Die Teletubbies-Forschung in den 90ern hat aber auch gezeigt, dass die Wirkung des Fernsehens überschätzt und der eigene erzieherische Einfluss unterschätzt wird. Und, Hand aufs Herz: Geht es bei der ganzen «Einstiegsdroge»-Debatte im Grund nicht um ein TV-ideologisches Gefecht unter Erwachsenen? Kinderfernsehen ist doch eine Frage des Masses und der Betreuung. Natürlich verwahrlosen Kinder im Fernsehdschungel, wenn man sie dort täglich während Stunden alleine lässt. Funktioniert das Medium aber nicht als Reizquelle, sondern bietet gezielt Inhalte, die das Kind in der Lage ist zu verarbeiten: why not?

Genau das tut der «Night Garden». Das und noch viel mehr. So kommt es vor, dass mein Sohn sich etwas anderem zuwendet und mich mit dem Ninky Nonk zurücklässt. Dann schaue ich die Sendung schon mal alleine zu Ende. Vielleicht hab ich als Kind zu wenig ferngesehen.

zweifelPhilippe Zweifel, 36, ist Kulturredaktor bei Newsnetz und Vater eines Sohnes. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

85 Kommentare zu „Ihr Kinderlein glotzet“

  1. Rahel sagt:

    Ich bin auch der Meinung dass ein generelles Fernsehverbot oder gar der totale Verzicht auf so ein Gerät den Kindern nicht viel nützt, da der Nachholbedarf umso grösser wird! Wichtiger ist wirklich, wie schon oft genannt, dass die Kinder den verantwortungsvollen Umgang mit dieser Kiste lernen!

  2. Mamamia sagt:

    @ nada: sehr schöner Kommentar!
    Glaube auch das TV und Computer, wie der Besitz eines Natels dazugehören, wie der Strom im Haushalt.
    Es ist eine Kulturquelle, wie auch Wissens- und Informationsquelle.

  3. gargamel sagt:

    @mamamia: tv würd’ ich jetzt nicht gerade “kulturquelle” nennen…

  4. Mamamia sagt:

    Kann man schon, Gargamel! Die Filme sind das Kulturgut unserer Zeit. Filmwissenschaften kann man sogar studieren. Ich persönlich liebe Filme und kann ziemlich viel Informationen über die meisten ausgeben. Wann gemacht, wer Regie geführt, wehr mitgespielt, etc.
    Die Musik auch, auch wenn du, oder ich an manche Lieder die Heute durch die Röhre dröhnen keinen gefallen finden, sind sie trotzdem eine kulturelles Produkt.

  5. Hans-Ueli sagt:

    @ Katharina: http://www.babytv.com/ ist toll, aber in Argentinien habe ich eine Baby Channel (24 h) gesehen, voraussichtlich aus USA. Die Figuren sind nicht so agressiv, ohne Ecken und Kanten. Nur Mond, Entlein, Schmetterling etc, sie bewegen sich ganz langsam und alles in herrlichen Pastelltönen. Schade, dass das Programm hier nicht empfangen werden kann, dies ist speziell für die noch Kleineren geeignet. Und auch nach stundenlangem Fernsehen können die Eltern beruhigt sein: Weder politische, religiöse (Samichlaus!) oder andere Frühbeeinflussung ist zu befürchten! Leider habe ich keine Informationen wie gross der Bildschirm sein muss, damit das Baby seine Nackenmuskulatur stärken kann, wenn es den Objekten während der ganzen Reise über den Bildschirm folgt. ;-((

  6. gargamel sagt:

    @mamamia: wenn ich tv sage, dann meine ich tv-produktionen (nicht die wieder-/weiterverwertung von kinofilmen bzw. musik). und der grossteil der tv-produktionen ist nun mal müll auf unterstem niveau und sowieso nur die unterbrechung zwischen zwei werbeblöcken (ich weiss, dass es ausnahmen gibt… auch ich kenne HBO, etc.)

    ich habe schon seit jahren keinen tv-anschluss mehr, dafür eine riesige dvd-sammlung (da auch filmfreak)…

  7. Mamamia sagt:

    @ gargamel: ja da gib ich dir recht! tv-produktionen sind Müll. Im übrigem, habe ich manchmal das Gefühl, das deutschsprachiges Fernsehe am wenigsten Vielfalt und Auswahl an Sendungen hat. Bzw. bewegt man sich von Müll über Werbepause zum Schrott.
    Ich bin auch fast nur an DVD’s guggen!

  8. Matthias sagt:

    “To introduce these students to the idea that contemporary sources of pop culture can actually make you think, I used Steven Johnson’s Everything Bad is Good for You as a primer; his book argues that videogames, television, and film have advanced far beyond their primitive roots, and can teach us skills far different (and often more useful) than simple literacy. An introduction like this is necessary to overcome the cultural bias at work that immediately deems new forms of media to be worthless, and sometimes dangerous, in comparison to more established and familiar ones. After all, treasured and esteemed art forms like the novel were once regarded at time-wasting trash and the source of all society’s ills; now we’re just happy when kids read anything, regardless of its wizard or vampire content.”
    Und ein ganzer Artikel wie man Studenten durch Videospiele schult: http://www.1up.com/do/feature?cId=3177144 (aus dem ist auch der Auschnitt).

    Ich denke, man sollte auch hier einmal Vorurteile abbauen. Wenn Videospiele dumm machen, warum gibt es den soviele Physiker, Mathematiker, etc. pp. die Videospiele spielen? Tragisch eigentlich das auch die heutigen Erwachsenen noch den Mist glauben, immerhin sind Videospiele nun auch schon 30 Jahre alt. Der TV sogar schon gute 50. :P

  9. gargamel sagt:

    @matthias:
    1. die diskussion geht v.a. darum, ob 2jährige bereits mit tv in kontakt gebracht werden sollen…
    2. das tv-programm hat sich in den 50 jahren qualitativ doch eher zurückentwickelt, oder sehen sie das anders?

  10. mirjam sagt:

    Meine Eltern verboten mir prinzipiell das Fernsehen. Das Resultat war folgendermassen: Immer wenn sie im Ausgang waren, huschte ich (sobald die Rücklichter unseres Autos verschwunden waren) an die Glotze. Meine Eltern versuchten auf verschiedene Art und Weise mir das Fernsehen zu vergällen. Aber ich fand alle Finten raus. DVD-Gerät zwischenschalten, Steckerleiste finden, Kabel vertauschen – alles half nichts.
    Jetzt, als Mutter bin ich der Meinung dass Kinder ihrem Alter entsprechend fernsehen sollen dürfen (was für ein Satz!).
    Verbote bringen nichts – im Gegenteil. Verbote sind kontraproduktiv und machen das Verbotene umso attraktiver.
    Es kommt immer auf den Umgang an. Der Konsum muss angemessen sein, mit den Kindern abgemacht werden. Z.B. eine Sendung pro Tag mit dem Kind aussuchen, dann nach der Sendung abstellen und sich nicht von den grossen Kulleraugen des Kindes beeindrucken lassen.
    Noch eines: Das Vorurteil, dass die “Amis” nur ihre Kinder vor den Fernseher setzen finde ich daneben. Ich kenne viele Amerikaner (bin selber halb Amerikanerin) und niemand aus meinem amerikanischen Umfeld setzt seine Kinder vor den Elektronischer Babysitter.

  11. Katharina sagt:

    @gargamel: HBO hat inzwischen auch Werbung. Und Sport. Als wenn wir neben 50 Varianten von ESPN plus Spiele im Pay per View noch einmal Sportkanäle brauchten.

    Zudem gehört der Kanal zu NBC. die sind seit Jahren Clueless und wundern sich, dass deren Zuschlaferzahlen wegnicken. Ich zahle einfach nicht 12 USD extra für einen rehash version 99 von Seinfeld, Knochenklempner und Cop mit sexy Dedektiv fängt Boehlimann der dann keiner ist.

    Aber ich liebe die original Serie Seinfeld. Immer noch genial. Allerdings nur auf Englisch.

    Zum kulturellen. Es ist unfair, film und tv in einen Topf zu schmeißen. Film ist ein ganz anderes Medium (Kinosaal, grosse Leinwand bis zu IMAX, super Sound usw) als TV.

    Einige Dinge auf dem TV-Format haben allerdings schon Kultstatus und gehören damit zum Kulturgut. So z.b. die genannte Seinfeld Sitcom.

    Oder Muppets und Sesamstrasse.

    Als Dampfloks aufkamen, gab es die Diskussion wegen dem Untergang des Abendlandes auch schon. Abgesoffen ist es aber (noch) nicht.

  12. Katharina sagt:

    @mirjam: “setzt seine Kinder vor den Elektronischer Babysitter” nun…. wir kaufen eben diese neuen Roboter aus Japan. Da gibt es Pflegeroboter, Empfangsroboter und auch fuer die Kids. sind einfach noch etwas teuer.

    das mit dem TV Konsum ist hier eine Frage der Schicht.

  13. Therese Stutz sagt:

    Heute haben viele generell ein Problem mit Autoritäten, Vorschriften und ebenso auch Benimm-Regeln. Wie wollen sie denn das den Kindern beibringen wollen? Man ist ja immer sooo individuell. Deshalb sind unsere Vorortszüge ja immer sooo sauber.

  14. alfonso sagt:

    sag nur. iGLO-GLOO

    meine kleine liebt diese zwei

  15. Katharina sagt:

    … ist iGLO GLOO ein Kinderprogramm fuer das iPhone?

  16. Vogel sagt:

    Alles schön und gut. Sicher ist das nicht schädlich. Was mich dennoch am Fernsehen für Kleinste stört, sind zwei Dinge:
    1. Das Kind könnte in dieser Zeit etwas anderem, sicher nicht weniger sinnvollem nachgehen, und sei es, auch mal nichts zu tun.
    2. Ich nehme den Machern einer solchen Sendung ihre pädagogischen Absichtserklärungen nicht ab. Denen geht es darum, die Kinder vor die Glotze zu locken, nicht um das Wohl des Kindes.
    Aber lassen Sie sich Ihre Freude nicht nehmen, ich gucke auch recht oft TV, während ich was besseres tun könnte. Nur entscheide ich als Erwachsener nur für mich.

  17. heidi reiff sagt:

    Meine Devise ist einfach, Leben ist Begegnung, im Block wo ich wohne 24 Parteien international, ich begegne Kids einfach so im Lift, die duzen mich auch ab und zu, damit habe ich keine Probleme, es gibt auch Menschen die nicht grüssen, ist das so wichtig ? Mit zu grossen Erwartungshaltungen ist ja der Frust schon vorprogrammiert . Zur eigenen Unterhaltung, aus Ablenkung oder was auch immer hab ich mir so TV-Soaps reingezogen “Verbotene Liebe, Gute Zeiten schlechte Zeiten etc. so nach meiner Wahrnehmung gehts da immer um Ränkespiele, ich habe einfach die Nase voll von diesen Intrigen, ich ziehe mir einfach diesen Bockmist nicht mehr rein, das Glotzophon funktioniert seit 30 Jahren nach wie vor wie ein Oergelchen, echt kein Bildschirmschaden, kein Bildschirmausfall, für Intrigen bin ich einfach nichtmehr zu haben, da zieh mir lieber das Lied von Jan Gabarek rein , das kommt bei mir einfach so rüber “Herzblut” geben wir doch unseren Kindern Freiräume und lassen Sie frei gewähren, holen wir sie doch einfach dort ab, wo sie stehen geblieben sind, behinderte Menschen auch mit Down-Syndrom sind keine “Dubeli”. Die Ueberheblichkeit lässt grüssen.

  18. Matthias sagt:

    @gargamel
    1. die diskussion geht v.a. darum, ob 2jährige bereits mit tv in kontakt gebracht werden sollen…
    Naja, als ob Studenten nun was anderes als 2 Jährige wären… ;)

    2. das tv-programm hat sich in den 50 jahren qualitativ doch eher zurückentwickelt, oder sehen sie das anders?
    Um ehrlich zu sein: Ich hab keine Ahnung wie das TV vor 50 Jahren war.
    Aber ich denke, diese Rückentwicklung betrifft die Grauenhaften Talkshows, Reality Shows, etc. und nicht unbedingt die Zeichentrickfilme (etc.) für Kinder. Ich würde sogar sagen das dass Kinderprogramm heute deutlich besser ist als das “Erwachsenen Programm”. Wobei ja die Serien und co. auch nicht unbedingt schlechter wurden.. Das Problem ist eher der ganze Rest.

    Das einzige wirkliche Problem mit denen Kindern auch in ihrem Kinderprogramm konfrontiert werden sind die tollen Werbungen.

  19. Thomas sagt:

    alles psychos die da herumlungern, weil sie sich vor 10 Jahren die Teletubbies anschauen mussten

  20. katharina sagt:

    hmmmm. ich habe nie und nimmer teletubbies angeschaut! grummel grummel.

    und niemand hat mir die iPhone App fuer Kinder erklaert. ich bekomme wohl dieses Jahr vom Samichlaus nur einen Sack Kohle :-(

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