Leben


Nicole Althaus am Donnerstag den 3. Dezember 2009

Muss ein Dreijähriger beim Grüssen Blickkontakt halten?

Knigge macht Schule: Kinder an einem Benimm-Morgen in einem deutschen Kindergarten

Knigge macht Schule: Kinder an einem Benimm-Morgen in einem deutschen Kindergarten

Eine Kindergesellschaft ist gemeinhin kein Anlass, an dem man die Resultate tadelloser Kinderstuben vorgeführt bekommt.  Die kleinen Gäste sind überdreht und auch der kleinste gemeinsame Nenner an Anstand, den Fünf- und Sechsjährige normalerweise aufbringen, also das «Bitte» und «Danke» geht im Spiel und Spass oft unter. Deshalb war ich jüngst ganz benommen vom Benimm eines blonden Jungen, den meine Kleine mit zwei anderen Gschpänli zum Spielen eingeladen hatte. Bei der Ankunft stürmte er nicht einfach wie seine Kollegen mit einem «Hallo» rein, sondern reichte mir zur Begrüssung artig die Hand. Er wusch sich unaufgefordert die Hände, bevor er zu Tisch kam, um Kuchen zu essen und als die anderen ihr Stück verputzt hatten und ihn zum weiterspielen drängten, blieb er ungerührt sitzen, um seinen Teller auszuessen.

Kerzengerade sass der blonde Junge da und spiesste gerade gekonnt die letzten Kuchenreste auf die Gabel, als ihn seine Rotznase in ein Benimm-Dilemma manövrierte. Erreichte sie doch just die Oberlippe, als er die letzte Gabel Kuchen zum Mund führen wollte. Für einen kurzen Augenblick erstarrte der Junge am Tisch, während der Rotz nun über seine Lippen tropfte. Offensichtlich verbot ihm seine gute Kinderstube sowohl ein geräuschvolles Hochziehen des Nasensekretes als auch das Putzen der Nase am Tisch. Und sein ausgeprägter Benimm-Instinkt hielt ihn davon ab, den Kuchen mit dem Rotz im Mund verschwinden zu lassen. Jedenfalls legte er nun die Gabel in die Tellermitte, entschuldigte sich und verschwand im Badezimmer, um seine Nase zu putzen. Als er zurückkehrte, hatten die Kinder das Spiel ohne ihn begonnen.

Verglichen mit dem kleinen Jungen, der hinter seinem grossen Anstand fast verschwand,  benahmen sich die anderen Kinder rüpelhaft. Meine Tochter miteingeschlossen. Dabei lege ich durchaus Wert auf Manieren. Die Mädchen wissen, dass man sich erst vom Tisch erhebt, wenn alle fertig gegessen haben. Sie haben gelernt, anständig zu grüssen und sich im Zug sozialverträglich aufzuführen. Aber wenn sie in ein Spiel versunken sind, ziehen sie schon mal ihre Nase hoch. Ich finde das, ehrlich gesagt, nicht so schlimm. Regeln ohne Ausnahmen werden in der Erziehung schnell zum Drill.  Es ist mir also lieber, meine Töchter lassen dann und wann den Knigge links liegen als Spiel und Spass. Nehme ich deswegen meine Rolle als Anstandscoach auf dem Testgelände der Familie nicht ernst genug?
In seinem neuen Buch «Lebenstil und Umgangsformen» schreibt Bernard von Muralt, Experte in Sachen Etikette und Benimm, dass genau dieses Coaching letztlich entscheide, in welcher Liga die Kinder einst spielen werden. Weil sich früh übe, wer ein Meister der Sozialkompetenz werden wolle. Er befindet sich mit dieser Meinung in guter Gesellschaft: In Deutschland gibt es seit kurzem Schulen, die Anstand auf den Stundenplan setzen. Offenbar brauchen die heutigen Kinder Nachhilfe im Benehmen. Der Autor listet deshalb auch gleich auf, welche 10 Benimmregeln bei Dreijährigen zu einer guten Kinderstube gehören:

  1. «Bitte» und «Danke» sagen
  2. Hygieneregeln praktizieren (Händewaschen vor jedem Essen, nach jedem Toilettengang)
  3. Beim Husten die (linke) Hand vor den Mund halten
  4. Das Essen sachgemäss behandeln
  5. Nicht alles anfassen und zurücklegen
  6. Sich geradehalten beim Gehen – Hände aus den Taschen
  7. Beim Grüssen: Hände aus den Hosentaschen und  Blickkontakt halten
  8. Wörter korrektverwenden. «Essen» statt «Happihappi»
  9. Freiräume der Eltern, Geschwister, Spielgefährten respektieren
  10. Umwelt, Tiere und Pflanzen achten

Sind Sie damit einverstanden? Oder anders gefragt: Wieviel Knigge braucht ein Kind?

Siehe dazu: Kein Funken Anstand, Freitag, 4. Dezember 2009, 09.00-09.35, DRS 2

Über Anstand debattieren unter der Leitung von Martin Heule: Bernard von Muralt, Autor des Buches «Lebensstil und Umgangsformen» und Nicole Althaus, Koautorin des Mamablog auf Tages-Anzeiger Online.

86 Kommentare zu „Muss ein Dreijähriger beim Grüssen Blickkontakt halten?“

  1. Brunhild Steiner sagt:

    …und brauchen dazu sogar weder Raumkapsel, Bleisarg noch Sir Richard Branson’s Virgin Galactic ;-)

  2. roni rüeger sagt:

    und was ist, wenn man für’s Füdli-Putzen beide Hände braucht?

  3. zysi sagt:

    dann grüssen sie eben mit den füssen

  4. Brunhild Steiner sagt:

    Beide Hände?????? Möcht ich mir nicht unbedingt in vivo ausmalen…

  5. Suzy Q. sagt:

    Sagt mal, habt ihr echt nichts besseres zu tun als in diesem Forum noch solch bescheuerte Kommentare abzugeben? Falls nein (und ihr seid wahrscheinlich keine Mamas), dann habt ihr zuwenig Freundinnen oder benötigt einen Psychologen. Tschüss und schönen Abend.

  6. ralph kocher sagt:

    Meine Sohnemann’s müssen weder “DANKE” sagen, noch “BITTE, BITTE” machen – und schon gar nicht sich, zu einem Hofknicks er-demütigen lassen.
    Von solch’ (profund) – dem elitären Pöbel vorbehaltenen Anstaltsregeln halte ich mein Gesinde fern!
    Schlussendlich hat’s rein überhaupt nichts mit “neumodischer Ästhetik” gemein.
    Uns’re gelebt aufklärerische Vernunft (uns doch aber dem eigentlich “Urästhetischen” verpflichtend) dient dem Zwecke allein, sich progressiv – ES entsprechend – entwickeln zu dürfen.
    Logisch gönne ich klar jedem einen (eventualneurotischen) Hang zum Viktorianismus.
    Wehret hingegen EUCH dem Suggestivism…!

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