
Knigge macht Schule: Kinder an einem Benimm-Morgen in einem deutschen Kindergarten
Eine Kindergesellschaft ist gemeinhin kein Anlass, an dem man die Resultate tadelloser Kinderstuben vorgeführt bekommt. Die kleinen Gäste sind überdreht und auch der kleinste gemeinsame Nenner an Anstand, den Fünf- und Sechsjährige normalerweise aufbringen, also das «Bitte» und «Danke» geht im Spiel und Spass oft unter. Deshalb war ich jüngst ganz benommen vom Benimm eines blonden Jungen, den meine Kleine mit zwei anderen Gschpänli zum Spielen eingeladen hatte. Bei der Ankunft stürmte er nicht einfach wie seine Kollegen mit einem «Hallo» rein, sondern reichte mir zur Begrüssung artig die Hand. Er wusch sich unaufgefordert die Hände, bevor er zu Tisch kam, um Kuchen zu essen und als die anderen ihr Stück verputzt hatten und ihn zum weiterspielen drängten, blieb er ungerührt sitzen, um seinen Teller auszuessen.
Kerzengerade sass der blonde Junge da und spiesste gerade gekonnt die letzten Kuchenreste auf die Gabel, als ihn seine Rotznase in ein Benimm-Dilemma manövrierte. Erreichte sie doch just die Oberlippe, als er die letzte Gabel Kuchen zum Mund führen wollte. Für einen kurzen Augenblick erstarrte der Junge am Tisch, während der Rotz nun über seine Lippen tropfte. Offensichtlich verbot ihm seine gute Kinderstube sowohl ein geräuschvolles Hochziehen des Nasensekretes als auch das Putzen der Nase am Tisch. Und sein ausgeprägter Benimm-Instinkt hielt ihn davon ab, den Kuchen mit dem Rotz im Mund verschwinden zu lassen. Jedenfalls legte er nun die Gabel in die Tellermitte, entschuldigte sich und verschwand im Badezimmer, um seine Nase zu putzen. Als er zurückkehrte, hatten die Kinder das Spiel ohne ihn begonnen.
Verglichen mit dem kleinen Jungen, der hinter seinem grossen Anstand fast verschwand, benahmen sich die anderen Kinder rüpelhaft. Meine Tochter miteingeschlossen. Dabei lege ich durchaus Wert auf Manieren. Die Mädchen wissen, dass man sich erst vom Tisch erhebt, wenn alle fertig gegessen haben. Sie haben gelernt, anständig zu grüssen und sich im Zug sozialverträglich aufzuführen. Aber wenn sie in ein Spiel versunken sind, ziehen sie schon mal ihre Nase hoch. Ich finde das, ehrlich gesagt, nicht so schlimm. Regeln ohne Ausnahmen werden in der Erziehung schnell zum Drill. Es ist mir also lieber, meine Töchter lassen dann und wann den Knigge links liegen als Spiel und Spass. Nehme ich deswegen meine Rolle als Anstandscoach auf dem Testgelände der Familie nicht ernst genug?
In seinem neuen Buch «Lebenstil und Umgangsformen» schreibt Bernard von Muralt, Experte in Sachen Etikette und Benimm, dass genau dieses Coaching letztlich entscheide, in welcher Liga die Kinder einst spielen werden. Weil sich früh übe, wer ein Meister der Sozialkompetenz werden wolle. Er befindet sich mit dieser Meinung in guter Gesellschaft: In Deutschland gibt es seit kurzem Schulen, die Anstand auf den Stundenplan setzen. Offenbar brauchen die heutigen Kinder Nachhilfe im Benehmen. Der Autor listet deshalb auch gleich auf, welche 10 Benimmregeln bei Dreijährigen zu einer guten Kinderstube gehören:
- «Bitte» und «Danke» sagen
- Hygieneregeln praktizieren (Händewaschen vor jedem Essen, nach jedem Toilettengang)
- Beim Husten die (linke) Hand vor den Mund halten
- Das Essen sachgemäss behandeln
- Nicht alles anfassen und zurücklegen
- Sich geradehalten beim Gehen – Hände aus den Taschen
- Beim Grüssen: Hände aus den Hosentaschen und Blickkontakt halten
- Wörter korrektverwenden. «Essen» statt «Happihappi»
- Freiräume der Eltern, Geschwister, Spielgefährten respektieren
- Umwelt, Tiere und Pflanzen achten
Sind Sie damit einverstanden? Oder anders gefragt: Wieviel Knigge braucht ein Kind?
Siehe dazu: Kein Funken Anstand, Freitag, 4. Dezember 2009, 09.00-09.35, DRS 2
Über Anstand debattieren unter der Leitung von Martin Heule: Bernard von Muralt, Autor des Buches «Lebensstil und Umgangsformen» und Nicole Althaus, Koautorin des Mamablog auf Tages-Anzeiger Online.


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
auf Facebook




























































































” Ein rechter Mann ist ein gut erzogener Gentleman” so wie etwa der Regis Francis Xavier Philbin im St. Moritz am Central Park South. Very Velvetty.
Was ist Erfolg und Ziel einer Pfadi Gruppe?
Oha – es gibt hier doch einige, welche ihren Kindern zwar Respekt vor den Mitmenschen, aber anscheinend keinen Anstand beibringen wollen, denn dieser gehört ja ins viktorianische Zeitalter (ob das zumüllen eines Blogs mit X Posts nicht nur unanständig, sondern auch respektlos ist? oder nur unanständig?).
Jedoch ist Anstand auch der Transporteur des Respektes – ohne Antand erkennt man den Respekt nicht.
Jedenfalls, interssant zu wissen wäre vielleicht, dass später im Leben denjenigen, welche (viktorianische?) Anstandsregeln vermissen lassen, sich nicht nur Türen nicht öffnen, sondern sich sogar Türen verschliessen – meist unbemerkt durch die Betroffenen selbst.
Aber Anstand ist nicht nur Selbstzweck, sondern hilft, dass die Menschen einigermassen reibungsfrei nebeneinander leben können, und das ist je länger je wichtiger.
Dass sich hier, in diesem Blog, Eltern über solche Regeln mokieren, gibt keine gute Prognose für die Zukunft – und bereits die aktuelle Situation ist ja nicht besonders gut, zumindest, wenn man den Zeitungsberichten über Gewalttaten Jugendlicher und den eigenen Augen vor allem im städtischen Raum (Tram, Bahn) Glauben schenkt.
Typisch ist denn auch, dass sich einzelne hier gleich daran festbeissen, ob diese oder jene Regel für ein 4-jähriges Kind bereits zumutbar sei – als ob dies das Thema wäre – wichtig ist doch, DASS die Eltern (nach bestem Wissen) DANN die jeweilige Anstands-Regel in Kraft setzen, wenn es altergerecht sinnvoll und möglich erscheint – und vor allem, DASS sie es überhaupt tun und nicht den bequemen Weg des ewigen Ausdiskutierens wählen.
Denn eins sei hier nicht vergessen: die spätere Umwelt hat meist wenig Lust auf ständiges diskutieren und auch wenig Lust auf Rüpel (weibliche wie männliche).
Wer seinem Kind nicht rechtzeitig die ganze Palette der Anstandsregeln beibringt, erweist ihm einen Bädendienst.
@Katharina 3. Dezember 2009 um 21:20
>>>>>>>>>>>>>
zu regel drei. das kommt auf den kulturellen kontext an. in arabischen laendern gibt man sich die linke an . daher schneuzt man in die rechte, genauso wie die rechte zum putzen nach dem scheissen verwendet wird. eine verletzung dieser konvention kann fatale folgen haben.
>>>>>>>>>>>>>
Mach das um Himmelswillen nicht mit der rechten Hand, das putzen und so, meine ich – im Orient ist die linke Hand unrein, mit dieser jemanden anzufassen ist gar nicht gut: berühre nie jemanden (wenn überhaupt, als Frau) mit der linken Hand!
Nicmms aber nicht tragisch, Deine Verwechslung von links und rechts – meine Frau dreht den Schlüssel auch immer zuerst in die falsche Richtung.
Aber nicht vergessen: links ist pfui….
Als junge Frau war ich mal Pfadileiterin, es waren alles Buben, eben die jungen Wölfli, ich hab da so eine Schnitzeljagd im Wald vorbereitet , die Kids hatten einfach Freude und haben das auch mitgeteilt. Ich halte Null und Nichtsmehr von diesen rigigden alten Zöpfen , der Pfadigruss war einfach zwei Finger aufzuheben, das hat jetzt wirklich nichts mit “Heil Hitler zu tun”. Sozialisiert bin ich mit Anstandsregeln, Knigge lässt grüssen, Kids sind zum Glück keine Marionetten mehr die sprühen vor Energie, junge Männer können gut mit Kindern umgehen, das beobachte ich oft, ist ja keine Schande, wenn der Mann mal das Kind trägt, ich hab da vieles erlebt mit Kindern, die machen jetzt Geburtagspartys schreiben, machen Zeichnungen teilen sich gegenseitig mit da könnten sich die verbitterten griesgrämigen noch ein Scheibe abschneiden, nach wie vor erfreue ich mich an meinen Grosskindern, die Fragen oder sagen Omi ich habe Hunger, lassen wir doch diese rigiden verlogenen Erziehungsmuster mal los, wir sind ja keine hilflosen abhängige Babys mehr, als Erwachsene Menschen haben wir doch auch das Recht unsere eigenen Entscheidung zu treffen. Durch rigigde und heuchlerische Moral wurde jede Frau, die öffentlich auf der Strasse raucht als Hure abgestempelt, zum Glück ist es nichtmehr wie früher ….. : )))))))))))))). Die Doppelbotschaften von früher, das Hin- und Herreissen , da haben wir ja heute die Chance hinzuschauen oder nicht ? Das Pepsodentlächeln ist nicht so mein Ding.
Ich habe als Partnerin das zweifelhafte Vergnügen, mit einem ehemals schlecht erzogenen Kind zusammen zu sein. An und für sich ist meine andere Hälfte als Mensch in Ordnung. Nur mit dem Benehmen ist das so eine Sache. Es ist sehr schwierig, einem erwachsenen Menschen beizubringen, dass man beispielsweise als jüngerer Mensch zuerst grüsst.
Das mit den sich verschliessenden Türen kann ich nur bestätigen. Obwohl mein Partner in seinem Fachgebiet absolute Spitze ist, kommt er karrieremässig nicht recht vom Fleck. Warum? Weil gerade in den oberen Etagen das Benehmen auch eine Rolle spielt.
Respekt und Anstand haben nichts mit heuchlerischer Moral und / oder Falschheit zu tun. Anstandsregeln sind zudem so einfach, dass sie jedes Kind bereits sehr früh begreifen kann. Wenn diese einfachen Regeln jedoch nicht begriffen werden, dann ist das Kind eben nicht fertig erzogen und wird mit einer reduzierten sozialen Kompetenz durchs Leben gehen müssen. Wenigstens wird es dann nicht ganz alleine sein.
Selbstverständlich lassen sich Anstandsregeln in einfacher Form auflisten, viel wichtiger ist jedoch, zu wissen wie und vor allem in welchem Umfeld ich mich anständig, d.h. angenehm für die direkt beteiligten Menschen verhalte. Das bedeutet also eben nicht ein roboterhaftes anwenden von Handlungsmustern, sondern auch das situativ korrekte Verhalten. Will heissen, mit meinem Waldarbeiter rede ich anders als mit meinem Rechtsanwalt, nicht etwa weil der Rechtsanwalt ein besserer Mensch als der Waldarbeiter wäre, sondern weil die beiden einfach verschiedene Individuen sind und ich jeden auf seine Art zu respektieren habe.
@Jürgen: Wer sich aufgrund historischer Grossereignisse irgendwelchen Anstandsregel verschliesst, und Regeln des Zusammenlebens als latent nazionalsozialistisch versteht, hat überhaupt nichts verstanden! Zudem haben Sie keine Ahnung wie man wen korrekt anspricht.
@Katharina: Wer sich gut benimmt, ist zwar ein angenehmer Mensch, aber nicht zwingend ein Aristokrat.
Es beruhigt mich ungemein, dass die Mehrheit der Eltern finden, dass man schon einem Kleinkind Anstand eintrichtern muss, damit es sich angepasst und respektvoll zu benehmen weiss. Da haben unsere Jugendlichen zum Glück wieder etwas, wogegen sie sich mit aller Macht und mit aller Energie eines Heranwachsenden auflehnen können, das ist wichtig für die Entwicklung und etwas, was in den letzten Jahren mit den hippen Eltern und den ach so diskutierfreudigen Erziehungsberechtigten fast verloren ging.
@Hobbes – genau auf den Punkt gebracht, Ihr erster Absatz. Vielen Dank für den Beitrag, bin ganz Ihrer Meinung.
@Henri: “Aber nicht vergessen: links ist pfui….” Ich hab mich da wohl politisch verfabuliert mit rechts ist pfui und links ist ganz ganz sauber
“denjenigen, welche Anstandsregeln vermissen lassen, sich nicht nur Türen nicht öffnen, sondern sich sogar Türen verschliessen” finde ich die beste Aussage.
@hobbes: “Wer sich gut benimmt, ist zwar ein angenehmer Mensch, aber nicht zwingend ein Aristokrat” stimmt schon. Bevor es Klatschblaetter gab, war es umgekehrt aber so, dass gutes Benehmen dazu gehoerte oder man wurde aus dem clan exkommuniziert.
seit gossip a go go muss man sich falsch benehmen, wenn das einkommen von der anzahl nennungen im celebrity kanal abhaengt.
regel nr. 3: in die linke hand husten… und bei ein paar kommentaren “links oder rechts ist pfui”… ist das eine erfindung auf der suche nach neuen regeln?
ausser beim handschütteln -mit rechts- bin ich in meiner kindheit in den 70er, 80er und 90er jahre nie mit der idee konfrontiert worden, dass eine hand die schlechtere oder bessere sei als die andere. ok, linkshänder mussten in der schule schon mal zum teil untendurch, aber ich dachte, wir hätten dieses vorurteil -linkshänder sind nicht normal- überwunden?
@rem75
die Diskussion mit der “Pfui-Hand” bezog sich auf den Islam…
Nein eigentlich nicht. es ging um kulturkontext und politik und das verdrehen von links, rechts und anderen tatsachen.
@rem75
Es ging um den nahen Osten – dort war (ist?) die linke Hand eben tabu.
Und es ging um ein zufälliges Wortspiel.
Alles ausserhalb des Themas.
Henri – nein. erstens war es punktgenau auf dem thema (kultureller kontext, anstand), zweitens ging es nicht um den nahen osten, sondern einen bestimmten kulturkreis, der viel weiter geht und drei kontinente umfasst.
@rem75: Sie haben nun bestimmt durchgeblickt, oder? Niemand wertet Linkshändigkeit ab.
Und es gibt Kulturen, wo die linke Hand für die Schmutzarbeit verwendet wird (in wasserärmeren Gegenden wirds dann ganz materiell schmutzig), und deshalb darf die linke Hand weder zum grüssen, essen etc. gebraucht werden.
Ich frag mich nur eben, was machen die lokalen Linkshänder dort??? Die haben dann aber ein Problem.
Suuper jetzt sollen also schon Kleinkinder Seelenlose Krüppel werden?
Reicht es nicht, wenn später immer mehr anforderungen auf sie einstürmen?
Die alten Zombiefilme zeigen doch wie gleichgeschaltete gefühl- und reglose Wesen aussehen!
Oder die BotoxStars in den Illustrierten zeigen das auch ganz gut!
Etwas anstand ist natürlich geboten, aber das sollte doch eigentlich selbsverständlich sein.
Das es keine rüpelhaften Rotznasen werden oder bleiben!
Aber wie immer werden natürlich Volksgruppen nicht erwähnt!
Ein gutes Beispiel, ich wohne neben einer Baustell und da sind oft Inder auf dem Bauplatz
und machen Picknick etc. Die Kinder dürfen alles, Steine und Dreck in das Baustellen-wasserbecken schmeissen!
Und die Eltern stehen danben und machen- nix!
Die Vorbildfunktion spielt bei der Erziehung natürlich auch eine Rolle.
Wenn Eltern ihre Kinder in einen benimmschule schicken, aber selbst Bauern sind nützt das gar nichts!
@ brunhild, henri, prämami:
danke für die info
trotzdem…
die regel 3 von bernard von muralt lautet:
Beim Husten die (linke) Hand vor den Mund halten.
also doch die linke?
@rem75, naja, weils nicht so angenehm ist wenn man gleich anschliessend an jemandes Husterei
dessen eventuell feuchte, oder zumindest neu-besiedelte Hand entgegengestreckt bekommt
zum anständigen grüssen…,
da hat man sich irgendwann drauf geeinigt, dass die Husthand nicht auch noch die Grüsshand sein soll- und mit rechts grüssen wir glaub, weil wir dann mit dem Kopf eine ganz leichte Bewegung nach rechts machen, unsere rechte Hand geht ein bisschen nach links, unser Kopf ein bisschen nach rechts, und wir nehmen so vorallem die linke Hälfte der anderen Person bewusster wahr. Deshalb sind Namensschildli oder Broschen etc. mit Vorteil an der linken Seite befestigt, sie werden vom Gegenüber beim grüssen sekundenschnell erkannt sozusagen. Weiss nicht wieviel da dran ist, das kommt aus der Abteilung “Stilfragen”.
…das war bloss eine Erklärung, mir fiel soeben siedendheiss ins Bewusstsein: ich hust eigentlch immer in die rechte Hand?!
Himmel nochmal!
“zumindest neu-besiedelte Hand”…. die Viren sind weiter als wir. sie koennen neue welten besiedeln……