Michèle Binswanger am Mittwoch den 25. November 2009

Der entlarvte Samichlaus

Ein Bilderbuchsamichlaus - nur der Bart wirkt unecht.

Ein Bilderbuchsamichlaus - nur der Bart wirkt unecht.

Es weihnachtet schon sehr – zum grossen Grauen vieler Zeitgenossen. Ja, im Dezember jagen sich die Traditionen: Adventssonntage, Samichlaus, Weihnachten, Silvester. Und stellen uns alljährlich vor die Frage: Warum tun wir uns diesen Stress eigentlich an? Darauf gibt es sicher viele Antworten. Zum Beispiel, weil man Kinder hat. Das ist ein guter Grund. Nicht wegen der Traditionen selbst, sondern weil sich an ihnen beobachten lässt, wie das Kind in die Welt hinein wächst und seinen Geist entwickelt. Nehmen wir zum Beispiel das einigermasse absurde Schauspiel, das in hiesigen Breitengraden jährlich für sie inszeniert wird: Samichlaus.

Wenn der in einen roten Mantel gekleidete Mann zum ersten Mal an die Wohnungstür pocht, um dann mit tiefer Stimme zu verkünden, was er in seinem grossen Buch alles notiert hat, macht das schwer Eindruck. Meine Kinder waren die ersten Male ganz Furcht und Zittern, obschon wir immer ausgesprochen freundliche Chläuse buchten. Und ich fragte mich jeweils, warum der gut alte Mann einen solchen Eindruck macht. Die ersten Male ist der Samichlaus ein singuläres Ereignis, das in den Alltag des Kindes einbricht und nach der kleinen Horroreinlage für süsse Belohnungen sorgt. Das Kind vergisst und wird im folgenden Jahr aufs Neue überrascht.

Doch wie die Kinder bei den Bilderbüchern irgendwann begreifen, dass es sich nicht nur um singuläre Bilder handelt, sondern diese eine Abfolge bilden, eine Geschichte erzählen, wo eines zum anderen führt, erkennen sie mit der Zeit auch, dass die Wirklichkeit eine Abfolge von Ereignissen ist, die sich zu Tagen, Wochen, Monaten, Jahren formen. Dass gewisse Ereignisse mit schöner Regelmässigkeit wiederkehren. Der Geist hat sich vom Schwamm zu einem Instrument mit Sinn für Zeit und Geschichte geformt.

Und jetzt beginnen seine korrosiven Kräfte zu wirken. Sie entdecken in der Abfolge der Chläuse verdächtige Inkohärenzen. Die Kinder beginnen Fragen zu stellen. Ist der Samichlaus eigentlich echt? Und wenn ja, warum sieht dann der Bart so unecht aus? Und was zeichnet diesen Samichlaus vor all den anderen Chläusen aus, die am 6. Dezember durch die Stadt ziehen? Irgendwann stellen sie dann keine Fragen mehr, sondern denken sich bloss noch ihre Sache, wie meine Tochter, die letztes Jahr mit zweifelnden Blick seine Robe musterte, unter der ganz ordinär Jeans hervor blitzten, die in etwas gar zu modischen Stiefeln endeten. Und der Sohn antwortete auf die Fragen des Samichlauses frech, warum er denn nicht einfach in seinem schlauen Buch nachschaue.

Das ist dann der Moment, wo sich die Eltern wiederum Fragen stellen müssen. Zum Beispiel, was der Zweck solcher Inszenierungen ist und ob man sie auch aufrecht erhalten soll, wenn die Fiktion durchschaut wurde.

Ich glaube, wir tun es, weil es eine Tradition ist und wir uns dadurch an die eigene Kindheit erinnern. Vielleicht ist es aber auch ein Ritual, das den Kindern genau diese Entdeckung ermöglichen soll, dass ihr Geist imstande ist, Fiktionen zu entlarven. Das mag einen als Mutter oder Vater vielleicht mit Wehmut erfüllen, weil es ein emanzipatorischer Schritt und damit Vorgeschmack auf die spätere Ablösung ist. Aber ich persönlich finde das schön. Die zweite Frage ist schon schwieriger zu beantworten. Bedeutet die Entlarvung des Samichlaus, dass man auf sein Erscheinen verzichten kann? Oder soll man die Tradition einfach um der Tradition willen beibehalten?

Wie halten oder hielten Sie es mit dem Samichlaus?

89 Kommentare zu „Der entlarvte Samichlaus“

  1. Heinz Oswald sagt:

    @giorgio girardet.
    Eben, wie ich sagte: Wer nicht an Jesus Christus glaubt, der braucht (oder dem “genügt”) ein Samichlaus…

  2. Katharina sagt:

    Das Zentrum des menschlichen Bewusstseins existiert ausserhalb Raum-Zeit.

  3. Brunhild Steiner sagt:

    @Katharina: Was ist das Zentrum? Aber ich könnte das sofort unterschreiben, hätte wohl bloss eine eigenwillige Definition/Annahme vom “Zentrum”. Den Samichlaus mein ich allerdings nicht damit.
    Und, gefällt mir dass Sie wieder eingecheckt haben!

  4. Katharina sagt:

    @Brunhild.

    Ich habe heute etwas zu Neuroplastizitaet gelesen. Neuroplastizitaet besagt, dass sich die Gehirnstrujtur nachweislich aendert, wenn jemand seine Einstellung/Stimmung/Anwendung (so etwa Lernen) aendert.
    Dies konnte mit CT Scans usw nachgewiesen werden.

    Das bedeutet, dass das Nervensystem (im medizinischen Sinn) ein Werkzeug von dem ist, was unter der Begrifflichkeit ‘Ich, Bewusstsein, Seele” .

    Daher die Formulierung ‘Zentrum’. der englische Ausdruck waere core consciousness.

  5. Schon wieder ziemlich off-topic,,,

    @Katharina

    Das Zentrum des menschlichen Bewusstseins existiert ausserhalb Raum-Zeit.

    Sagt wer?

    Ich habe heute etwas zu Neuroplastizitaet gelesen. Neuroplastizitaet besagt, dass sich die Gehirnstrujtur nachweislich aendert, wenn jemand seine Einstellung/Stimmung/Anwendung (so etwa Lernen) aendert.

    Ähm ja, wenn sich im Gehirn nichts ändern würde, könnten wir nix lernen… Im Kleinen ändern sich die synaptischen Verbindungen zwischen Nervenzellen – und das beständig. Lernen ist aus neuronaler Sicht in erster Linie ein Stärken solcher bestehender Verbindungen. In beschränktem Mass können im ausgewachsenen Gehirn auch gänzlich neue Verbindungen zwischen Zellen entstehen. Das ist der Fall, wenn Nervenzellen Verästelungen produzieren, die dann an andere Zellen “andocken”. In den frühen Phasen des Wachstums geschieht dies milliardenfach – und zwar zielgerichtet. Einzelne Zellen senden Botenstoffe aus, die diesen Verästelungen den Weg weisen. Das geschieht aber alles in diesem wundervollen Stück Gewebe unter unserer Schädeldecke, welches auch unser Bewusstsein erzeugt. Wenn dieses Gewebe abstirbt, ist auch für das Bewusstsein Schluss.

  6. Anonymous sagt:

    Ich sehe das Problem politisch:

    Im Walde schuftet Knecht Ruprecht
    Dem Rentier gehts auch wieder schlecht.

    Wer soviel wie die beiden schafft
    Macht Dumping mit der Arbeitskraft.

    Gäbs hierzuland ne starke Linke
    So sagten sie, dass Ren und Knecht das Schuften stinke.

    Doch kennt der böse Weihnachtsmann
    Nicht mal die Gewerkschaft an.

    Drum schuftet Tier, drum schuftet Knecht
    Ohne jedes Arbeitsrecht!

    O merk mein Kind: Ohne Revolution
    Bleibt Weihnachten nur Schweiss und Frohn!

  7. Katharina sagt:

    @Anonymous: Die linke Revolution wurde am letzten Sonntag abgesagt. Und die rechte Hand war schon immer da. Ausnahmsweise am Steuer statt weiter unten. Als Resultat sehen wir Mutter Helvetia ohne Make-Up.

    Begin-of-Transmission.

    Begin-of-Lecture.

    @Andreas: Die neurobiologischen Aspekte waren mir schon klar. Auch, dass fast jede Körperzelle mehrmals im Leben ausgetauscht wird.

    “In den frühen Phasen des Wachstums geschieht dies milliardenfach – und zwar zielgerichtet. Einzelne Zellen senden Botenstoffe aus, die diesen Verästelungen den Weg weisen”
    - der zentrale und übereinstimmende Satz.
    – das Schlüsselwort ist zielgerichtet. Ein Begriff, der IN der Form ist (in forma -> Informatik) . DNA ist quasi der Quellcode. und kann sich selber (um)-programmieren. In der anderen Informatik können das nur Viren und Würmer.

    Computer-Malware ist somit eine höhere Daseinsform von Software. :-)

    Zwischen Deinem und meinem Standpunkt besteht ein Zustand der Dekohärenz.

    End-of-Lecture.

    Ich las über das Thema Neuro-Plastizität und der Gedanke im einsätzigen Kommentar kam mir als freie Assoziation.

    End-of-Transmission.

  8. betty m. sagt:

    @Katharina: John hat einen langen Bart. Ich wiederhole: John hat einen langen Bart. Um sechs Uhr ist Dienstschluss. Ich wiederhole: Um sechs Uhr ist Dienstschluss. Wer Augen hat zu sehen, der sehe.

  9. Barbara sagt:

    @betty: Und wer entsorgt die weggeworfenen Gratiszeitungen?

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