Leben


Michael Marti am Donnerstag den 26. November 2009

La vie en rose

MAMABLOG-ROSA-MICHAEL-MARTI

Instinktiv nach der Farbe Rosa zu greifen, ist für Frauen mehr als eine Frage des Geschmacks. Es ist eine Frage des Überlebens.

Vor ein paar Wochen kaufte ich meiner Tochter eine Lederjacke, ein tolles Teil, in Schwarz natürlich. Anfang September brachte ich ihr einen Poncho nach Hause, in wundervollem Tannengrün und extra flauschig. Schliesslich schenkte ich meiner Grossen – sie wird im Dezember vier – kürzlich einen Trenchcoat von Zara, preisgünstig und in schickem Sandbeige. Man merkt, ich kaufe meiner Vierjährigen gerne Kleider – bloss: Derzeit ist diese Freude ziemlich getrübt, denn mein Töchterchen lässt all die schönen Sachen liegen. Sie zieht nur noch eines an: Kleider in Rosa.

Ob Unterwäsche, Pullover, Mütze: Rosa muss es sein. Ansonsten gibt es ein Geschrei. Und ihre grösste Liebe ist ein schlapper Stoff-Flamingo, denn: «Der trägt auch immer Rosa!»

Selbstverständlich fragte ich mich, was alles falsch lief, dass ich meine Tochter nicht vor solch einer Geschmacksverwirrung bewahren konnte. Aber dann las ich vor einigen Tagen, dass alle Frauen, auch meine Tochter, gar nicht anders könnten, als früher oder später zu Rosa zu greifen. Diese Erkenntnis verdanken wir der Neurobiologie, die behauptet: Frauen hätten deshalb einen Hang zu rötlichen Farben, einen geschlechtsspezifischen Rosa-Trieb geradezu, weil die Evolution es so eingerichtet habe. Die Sammlerinnen der Vorzeit nämlich hätten sich immer nach den besten, den reifen Früchten und Beeren umgesehen. Und die sind eben rosa. Instinktiv nach der Farbe Rosarot zu greifen, das war mal mehr als eine Frage des Geschmacks. Es war eine des Überlebens.

Nun gut, natürlich liebe ich auch eine Tochter in Rosa. Das ist nicht das Problem. Aber nachdenklich macht es einen als engagierten Papa schon, wie kümmerlich der väterliche Einfluss ist, wenn sich einem steinzeitlich geprägten Geschlechtermuster entgegenstemmen. Und wenn ich als Erziehungsberechtigter nicht mal gegen eine anämische Mischfarbe ankomme – auf was überhaupt kann ein Vater, eine Mutter Einfluss nehmen? Darauf, ob die Tochter mit Puppen spielt oder mit meinem alten Kovap-Blechtraktor? Ob der Sohn in den Fussballklub gehen wird? Oder womöglich ins Ballett? Ob ein Kind dereinst Betriebswirtschaft studiert an der HSG St. Gallen – oder 16 Semester lang  am Kunsthistorischen Seminar der Uni Zürich herumhängt?

Früher hätte ich mich wohl als Anhänger des sozialen Determinismus bezeichnet. Früher glaubte ich an eine gesellschaftliche Prägung der Menschenkinder, an den dominanten Einfluss von Erziehung, Milieu, Zeitgeist – womöglich deshalb, weil ich damals selbst zu lange an einer Universität abhing, wo man viel von Gender und Geschlechterkonstrukten sprach. Doch mittlerweile, als Vater, weiss ich: All diese poststrukturalistischen und postmodernen Blödsinn-Modelle werden alleine durch ein kleines Mädchen falsifiziert, das jeden Morgen nach demselben hässlichen Sweater in Rosa verlangt, als ginge es um sein unschuldiges Leben. Denn dies liegt in seiner Natur.

Und wissen Sie was? Ich finde das irgendwie beruhigend.

MICHAEL-MARTI_100Michael Marti, 44, ist Stellvertretender Chefredaktor von Newsnetz und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

110 Kommentare zu „La vie en rose“

  1. Peppermint Patty sagt:

    Ich finde den Titel des von Nadja verlinkten Artikels gut: “pink-pink-pink-pink-pink-moan”.

    Genderismus…. gutes Suchwort: http://www.intcul.tohoku.ac.jp/~holden/Presentations/IAMCR-genderPres/Genderism.html

    College-Absolvent entspricht etwa dem Maturanden. Der Unterschied ist, dass der vom College auch noch die Absolutuion erhielt und somit von den Grundregeln intellektueller akademischer Arbeit befreit ist. Je nach Credit Score seiner Zahlenspielerei usque ad eternam oder usque ad nauseam.

  2. oma sagt:

    was für ein unsinn! kauft seiner vierjährigen tochter eine lederjacke, einen designermantel ! was soll das? da ist offenbar die vierjährige vernünftiger als der vater!

  3. Sven sagt:

    Ich dachte, das ist ein Mamablog?

  4. betty m. sagt:

    @sven: Ich dachte, das SEI ein Mamablog. Bei indirekter Rede folgt ein Nebensatz im Konjunktiv (http://www.canoo.net/services/Controller?dispatch=glossary&input=indirekte+Rede&language=0&project=1).

  5. Sarah Roth sagt:

    Schade, dass ich den Beitrag erst so spät entdeckt habe. Ich habe nämlich vor etwa einem Monat selbst einen ziemlich langen Blogbeitrag dazu geschrieben:
    http://badhairdaysandmore.blogspot.com/2009/10/pritty-in-pink.html
    Zitat:
    Und auch der Mamablog Artikel (Anmerkung: gemeint ist http://blog.tagesanzeiger.ch/mamablog/index.php/414/haarige-tatsachen/ ) zeigt auf, wie empfindlich die Kinder darauf achten, geschlechtlich richtig aus zu sehen, farblich und in Bezug auf die Haarlänge. Einige Sozialpsychologen (die Nurture, also “alles ist anerzogen oder durch die Umwelt geprägt”-Seite) gaben dem Phänomen den Namen: “Pink Frilly Dress”-Syndrom, untersuchten es, und kamen zu dem Schluss, dass das Geschlechtszugehörigkeits empfinden massiv von Farben und Kleidung abhängt – eben der selbe Umkehrschluss, den John Money einst in Bezug auf die Geschlechtsorgane hatte. Doch damit nicht genug der psychologischen Wirren, Neurowissenschaftler mit dem Gedankengut von Evolutionspsychologen (die Nature, also “alles ist angeboren”-Seite) ihrerseits schlossen im wahrsten Sinne des Wortes das Blaue vom Himmel herunter. Da Männer ja gutes Jagdwetter bevorzugten, prägte der geschätzte blaue Himmel sich in die Gene ein, während Frauen eine Vorliebe für Rot entwickelten – die Farbe genießbarer Früchte.

    Ein Phänomen, das erst in den letzten 60 Jahren und mit Unterbrechungen existiert, soll also vor Jahrtausenden in unser Genom programmiert worden sein und ohne sorgfältige Kleider- und Farbordnung können die jungen Kinder kein Geschlechtszugehörigkeitsempfinden entwickeln?

  6. Tamara sagt:

    Ein Trenchcoat von Zara für eine Vierjährige – Mensch, haben Sie Probleme! Den Rest des Blogs kann ich mir ja wohl ersparen.

  7. Jan Holler sagt:

    Vor etwa hundert Jahren war es genau umgekehrt. Kleine Mädchen wurden in blau gehalten, Buben in rot. Was hat dieses “Studie” dazu zu sagen? – Wohl nichts.
    Unsere Kleine (4) liebt auch rosa, und dabei hatten wir doch darauf geachtet, sie farbneutral zu erziehen. – Das haben wir bald sein lassen und ihr dann halt auch rosa Finken gekauft. Sie hatte diese sich selbst ausgesucht, resp. war gleich zu diesen gelaufen. – Es ist Herdentrieb und kein Überbleibsel aus der Steinzeit.

  8. Rahel sagt:

    Gibt es nicht wesentlch wichtigere Bereiche im Leben eines Kindes? Haben wir in der Erziehung versagt oder ist unser Kind unnormal wenn es sich für eine bestimmte Farbe begeistert?

  9. Giselle sagt:

    Hi
    Ich finde pink ist eine normale Phase im «Mädchensein».
    Wenn es ihnen gefällt – es geht doch vorbei – aber die
    Lederjacke mit 4 ist daneben – Mamifax halt.

  10. isabelle gabrijel sagt:

    Einer 4-jährigen eine schwarze Lederjacke zu kaufen zeugt definitiv von hoher pädagogischer Kompetenz… etwa von der selben Kompetenz, die den heutigen Kindern neben dem Schulpensum auch die Freizeit komplett verplant…
    Lasst doch Kinder Kinder sein und nicht “getunte” kleine Erwachsene, die das sein sollen, was Papa und Mama immer sein wollten…
    Kinder benötigen ausser Grenzen gar nichts, die sind täglich auf Entdeckungsreise, schon wenn sie morgens die Augen öffnen, und dabei sind sie sicher 100 Prozent zufrieden auch ohne Trenchcoat von Zara und dann noch in schickem sandbeige…
    Ein kleiner Hinweis noch; Kinder lieben bekanntes, deshalb wollen sie hundert mal die selbe Geschichte hören und deshalb ist ihnen das älteste Stofftier am liebsten, das gibt ihnen Sicherheit und entspricht grundsätzlich ihrer natürlich angeborenen Bescheidenheit.

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