Logo

Arztbesuche können ihre Gesundheit gefährden

Michèle Binswanger am Dienstag den 24. November 2009
«Der Arzt wird gleich bei ihnen sein.» Cartoon von Ligh Rubin, 2007.

«Der Arzt wird gleich bei ihnen sein» – Cartoon von Leigh Rubin, 2007.

Wenn die Tage kürzer werden, ist dies das Fanal für Erkältungen, die Gehörgänge meines Sohnes zu belagern und schmerzhafte Attacken auf seine empfindlichen Mittelohren zu reiten. Dies führt dazu, dass er in dieser Zeit eine Standardantwort auf alle möglichen Fragen, Anwürfe oder Bitten hat. Sie lautet: «Was?»
Aus Sorge um sein Hörvermögen beschloss ich deshalb jüngst, in den Garten meines eng gefurchten Tagesablaufs einen Arztbesuch zu pflanzen. Ich machte einen Termin aus, um seine Ohren untersuchen zu lassen und präventive Massnahmen zu besprechen.

Nach dem Mittagessen brachte ich die Tochter zur Klavierstunde und hetzte dann mit dem Sohn durch die Stadt, um pünktlich beim Arzt einzutreffen. Mit einem herbstlichen Windstoss segelten wir in die Praxis, wo uns zwei Praxisassistentinnen mit Schutzmasken und einem vermutlich freundlichen Lächeln empfingen. Wir sollten doch Platz nehmen. Aber nein, nicht im Wartezimmer, denn da befänden sich Kinder mit einem ansteckenden Hautausschlag. Aber hier in der Ecke sei noch Platz.
Wir setzten uns also auf einen unbequemen Stuhl und warteten. Weil es in der Warteecke keine der üblichen Zerstreuungsmöglichkeiten gab, spielte ich gefühlte hundert Runden «Schäri, Schtei, Papier» mit dem Sohn und beobachtete dabei das Treiben in der Praxis. Mehr Eltern mit kleinen Patienten strömten hinein und drängelten sich in die Ecken, andere verliessen die Praxis und rieben sich auf dem Weg hinaus die Hände mit Desinfektionslösung ein, was ich einigermassen verdächtig fand. Schliesslich musste ich meinen Sohn um eine «Schäri, Schtei, Papier»-Pause bitten. «Was?», sagte er. Und dann: «Wie lang gohts no?»

Wir warteten. Um Konversation mit dem Praxispersonal zu machen, fragte ich, ob sie die Masken wegen der Schweinegrippe trügen. «Oh nein», teilten mir die Schutzmasken mit, «aber diese Praxis ist sozusagen ein Stelldichein aller möglichen Krankheiten, da schützt man sich besser». Ich begann mir langsam Sorgen zu machen, ob dieser von Keimen kontaminierte Ort unsere Gesundheit nicht erst recht gefährden könnte und beschloss, möglichst nichts mehr zu berühren und mir bei der nächsten Gelegenheit gründlich die Hände zu waschen. Das sagte ich auch meinem Sohn. «Was?», antwortete der. Und dann: «Wie lang gohts no?»

Dann fragte ich die Schutzmasken, ob sie denn gegen die Schweinegrippe impften - immerhin trugen sie das passende Outfit dazu. Aber sie hoben nur missbilligend die Augenbrauen und antworteten, die Frau Doktor impfe nur Risikopatienten, schliesslich sei das eine ganz normale Grippe und über die Impfschäden rede ja auch niemand. Ich malte mir aus, welche Flurschäden die Grippe in meiner Familie zeitigen könnte, wenn sie sie vier Wochen lang mit hohem Fieber und Erbrechen ins Bett werfen würde.

Nachdem ich vierzig Minuten gewartet und zehn Mal die Frage: «Wie lang gohts no?» mit «Ich weiss es nicht» beantworten musste, gefolgt von «Was?», wurde ich langsam nervös. Meine Tochter würde bald zu Hause eintreffen und vor verschlossenen Türen stehen. Ich erkundigte mich also vorsichtig bei der Schutzmaske, wie lange es wohl noch dauerte. Mit einer halben Stunde müsste ich schon noch rechnen, wurde mir mitgeteilt.

Ich bin in einer Arztfamilie gross geworden und hege grossen Respekt vor dem Einsatz, den Ärzte, besonders Kinderärzte leisten. Ich weiss auch, dass Menschen keine Maschinen sind und ihre Wartung manchmal mehr Zeit als geplant in Anspruch nimmt. Aber mit der Aussicht, über eine Stunde zwischen maskierten aber impfunwilligen Praxisassistentinnen auf einem Folterstuhl warten zu müssen und sich womöglich mit wer weiss was anzustecken, war die Sorge um meine eigene mentale Gesundheit schliesslich grösser, als um die Ohren meines Sohnes.

Mich aus dem Stuhl faltend beschloss ich, der sicher völlig fertigen Ärztin beim Terminmanagement zu helfen und ihr unser nicht lebensbedrohendes Ohrproblem nicht auch noch zuzumuten. «Wie lang gohts no?», fragte der Sohn. «Gar nicht mehr. Wir gehen, du musst es mit deinen Ohren noch etwas länger aushalten.» «Was?», fragte er. Und dann: «Ach, es ist sowieso gar nicht so schlimm.»

« Zur Übersicht

77 Kommentare zu „Arztbesuche können ihre Gesundheit gefährden“

  1. Elisa sagt:

    Ich habe durchaus Verständnis für Notfälle und Unvorhergesehenes, aber wenn man bereits morgens um 9 Uhr eine halbe Stunde Verspätung hat, stimmt sicher etwas nicht mit der Terminplanung. Sicher kann die bei Ärzten nie ganz so akkurat sein wie bei anderen Berufen, aber ich habe auch den Verdacht, dass es Ärzte gibt, die sich schlicht nicht darum kümmern mögen. Das zeigt sich daran, dass z.B. meine Gynäkologin ihre Termine erstaunlich gut im Griff hat – offenbar ist es doch nicht ganz unmöglich…

  2. zufriedener Patient sagt:

    Es gibt genügend Ärzte die ihren Terminplan im Griff haben und auch Zeit für Notfälle in den Tagesablauf einkalkulieren.
    Und Ärzte kann man wechseln.
    Zudem ist ein Arzt oder eine Ärztin die den Terminplan im Griff hat weniger gestresst, kann sich mehr Zeit lassen und sich besser auf den Patienten einlassen, und wird so in aller Regel auch die besseren Diagnosen stellen. Ich empfehle jedem, den Markt spielen zu lassen und sich einen Arzt oder eine Ärztin zu suchen, die ihren Job im Griff haben. Jawohl – Job! Es ist ja nämlich zu vermuten, dass jemand der es nach jahrelanger Erfahrung immer noch nicht schafft, vernünftig Termine zu vergeben , auch andere Dinge nicht wirklich im Griff hat….

    Es kann ja durchaus, ausnahmsweise mal vorkommen, dass man länger warten muss. Bei vielen Ärzten ist das aber leider nicht die Ausnahme sondern die Regel.

  3. Patrick Tigri sagt:

    Ärzte sind Halbgötter in Weiss! Was sag ich Ganzgötter, Vollgötter, absolute Ubergötter! Seid froh, dass Ihr zum Arzt dürft, auch wenn Ihr 4 Stunden warten musstet, seid froh, dass letzteres in einem geheizten Wartezimmer geschieht und nicht irgendwo in einem zugigen Durchgang draussen vor der Tür! Und seid froh, dass die Krankenkasse das ganze zahlt, denn ohne das, wäre dieser ganze Genuss eh nicht bezahlbar!

    Ärzte sind ENORM überschätzt. Sie, haltet Euch fest, stinken beim Scheissen. Ist wahr mfall.

  4. Isa sagt:

    Da scheine ich ja Glück zu haben: Weder bei meinem früheren Hausarzt, noch bei meinem heutigen, noch bei meiner Frauenärztin muss ich länger als 10Min. warten. Bei der Frauenärztin habe ich mal reklamiert, weil ich früher immer warten musste. Ob’s daran lag? Jedenfalls musste ich keine Minute warten.
    Vor ein paar Wochen musste ich zu einer Hautärztin. Wartezeit: 10Minuten.

    Wieso können denn die es?

  5. doris sagt:

    ich möchte hier den ärzten mal ein kompliment machen. ich habe bis jetzt zum glück nur gute erfahrungen gemacht. beim hausarzt bin ich zum glück nicht oft, aber den kinderarzt musst ich doch schon einige male konsultieren. und zwar nicht wegen bagatellen. ich habe bis jetzt die erfahrung gemacht, dass er meinen sohn stets zuvorkommen, freundlich, liebevoll und kompetent behandelt hat. von wegen “götter in weiss” kann nicht die rede sein.

    aber auch mein hausarzt scheint ein sehr guter arzt zu sein, (bei den wenigen malen die ich ihn in den letzten 9 jahren in anspruch genommen zu haben). er nimmt keine neue patienten, was ja wiederum ein gutes zeichen ist, da er schon viel zu viele hat.

    es kommt halt meiner meinung nach, immer sehr auf den patienten darauf an. wenn man schon als arrogant gegenüber tritt, muss man nicht erwarten, dass man anders behandelt wird. ich warte gerne auf “meinen” arzt in einer praxis, und nicht auf “irgendeinen” arzt im kalten flur.

    liebe hausärzte und kinderärzte – danke für euren stets unermüdlichen einsatz – wenn ihr ja wirklich nur auf das geld aus wärt, würdet ihr schönheitschirurgen werden.

  6. Bänninger Bruno sagt:

    Gesund ist, wer noch nie eine Diagnose eines Arztes erhielt. Nichts gegen Ärzte. Es sind grossartige Leute. Früher bei einem Mückenstich kratzte man sich. Heute verschreibt der Arzt zwölf Salben. Keine nützt. Der Unterschied zwischen einem alten, erfahrenen Arzt und einem jungen Top-Mediziner? Der Alte verschrieb eine Pille gegen 8 Beschwerden, der junge Top-Mediziner verschreibt 8 Pillen gegen 1 Beschwerde.

  7. Patrick Leu sagt:

    Es wäre ja schon tragisch, wenn die Tochter vor verschlossener Türe warten müsste. Sind Kinder tatsächlich so unbeholfen oder sind es die Eltern, die sie dazu “erziehen”?

    • Rahel sagt:

      Nein, unbeholfen sind sie nicht ( oder zumindest meine sind es nicht ) aber es ist schlicht und einfach die heutige gewalttätige Realität, die es mir als Mutter nicht erlaubt, mein Kind ruhigen Gewissens vor verschlossener Türe warten zu lasse.Könnte ja wer weiss was passieren und dazu braucht es nicht eine halbe oder ganze Stunde allein zu sein, wenn jemand mit einem Kind böses im Sinn hat reichen auch fünf bis zehn Minuten!

  8. Claudia sagt:

    Danke für den treffenden Kommentar liebe Doris. Wenn ein Arzt Haus- oder Kinderarzt ist, dann ist er nicht auf den weissen Kittel und feine Honorare aus, sondern auf den Beruf und den Willen, Patienten zu helfen und heilen.

    Zu den sich beschwerenden Schreibern kann ich auch nur sagen: Rennt nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt, erklärt Euren in klaren Sätzen was wo weh tut, damit der Arzt nicht die Nadel im Heuhaufen suchen muss! Das spart Zeit! Nicht zu vergessen: Der Arzt ist kein “Unterhaltungsprogramm”.
    Ich persönlich habe mit Hausarzt & Kinderarzt niemals schlechte Erfahrungen gemacht, bin immer gut behandelt worden, dass man ihnen den nötigen Respekt für ihre NICHT ÜBERBEZAHLTE Arbeit entgegenbringt, sollte selbstverständlich sein! Schliesslich ist es verdammt schwer und verantwortungsvoll, die Diagnose zu stellen, da der Hausarzt sich auf den ganzen Menschen und nicht nur auf einen Zeh konzentrieren muss.

    Persönlich würde ich mir einmal Gedanken machen, was passieren könnte, wenn die Ärzte weiterhin so angefeindet werden. Ob sie dann in Zukunft immer noch rennen werden? Oder ob es dann heisst “Gehen Sie ins Spital in die Notaufnahme.” Da wartet man dann gut und gerne mehrere Stunden.

    Ich lebe seit 6 Jahren im Ausland. Die Schweizer haben leider noch nicht gemerkt, wie gut die medizinische Versorgung hier noch funktioniert und wie praktisch es ist, dass man eben mal zum Hausarzt, Kinderarzt etc… gehen kann!!!

  9. Manuel Schaub sagt:

    Hier drin hats Kommentare, die sind bei weitem schnodriger als die beschriebenen Praxisassistentinnen. Wer denkt, irgendjemand werde Hausarzt/ärztin des Geldes wegen hat ein so unglaublich schiefes Weltbild. Liebe Leute: Wer heute eine Hausarztpraxis eröffnet oder übernimmt oder schon nur sich entschliesst, die eigene weiter zu führen tut dies garantiert aus einem enormen Mass Idealismus heraus. Wer in der Hausarztmedizin arbeitet, lebt für seinen Beruf und seine PatientInnen, ganz sicher aber nicht fürs Geld. Diese Leute haben eine unendlich lange Ausbildung hinter sich (inzwischen 7 Jahre bis zum Doktor plus 4 Jahre bis eine Praxis eröffnet werden darf). Danach verdienen sie im Verhältnis zu andern AkademikerInnen verdammt wenig. Hört auf, euch zu beklagen und seid froh, dass es noch solche Menschen gibt.

  10. Jasmina sagt:

    Herr Bänninger, das Problem sind dann aber nicht die Ärzte, sondern die Patienten. Wenn der Patient sich bei einem Mückenstich früher nur gekratzt hat, dann rennt er heute in eine Praxis und verursacht wegen dieser Lapalie genau den Stau, den “echte” Patienten dann ausbaden müssen.

    Wer beim Hausarzt warten muss, sollte sich mal nach einer HMO-Praxis umsehen. Bis zu 12 Ärzte, einer hat immer Zeit. Konnte sogar schon gut einen Termin beim Kinderarzt mit einem für mich und für meinen Mann verbinden, mit max. Wartezeit dazwischen von 5 Minuten, obwohl der eine ja die Dauer des Besuches beim Vorhergehenden nicht wirklich abschätzen können.

    Und wer sich darüber enerviert, dass PAs auf die Impffrage mit Unwillen reagieren, hat sich tatsächlich noch nie Gedanken über die Impffolgen gemacht. Was sind ein paar Tage Grippe (4 Wochen, bestimmt nicht!) gegen Schäden, die man das ganze restliche Leben mit sich herumträgt?

  11. Henri sagt:

    Man liest die Kommentare hier und weiss, wo die Ursache des Problems liegt: bei Patienten mit einem übersteigerten Ego von unglaublichem Hochmut, welcher nur noch durch eine noch grossartigere inliegende Dummheit und Ignoranz übertroffen wird.

    So ganz allgemein gesagt würde ich mal feststellen, dass die Zeit eines Arztes definitiv wertvoller ist als die Zeit eines Patienten, welcher, würde er nicht gerade warten, irgendwelche nutzlosen Papiere über über den Tisch oder die Maus über den Bildschirm schieben würde und dies auch noch als grossartige Leistung vermelden will.

    Und wer zum Arzt geht, ohne genügend Zeit und etwas zu lesen mitzunehmen, ja dem fehlt halt wirklich etwas Voraussicht.
    Man kann (so man kann) sich nämlich leicht ausrechnen, dass ein Notfall schnell mal 30-60Minuten “wegfrisst” – das lässt sich dann schlecht einholen.

    Ich habe schon oft gewartet beim Arzt, hätte manchmal gerne weniger gewartet, da ich aber in meinem Leben schon einige Male selbst als Notfall beim Arzt eintrudelte, habe ich Verständnis.
    Und wenn es einem wirklich zuviel wird mit dem warten, kann man ja aufstehen und fragen – oder sich einen neuen Termin geben lassen.

    Und sicher kann man einen Arzt wechseln, wie das einige hier empfehlen, aber da gibt es ein altes Sprichwort: den Arzt (inkl. Zahnarzt) und den Coiffeur sollte man nur im Notfall wechseln!

    Ich jedenfalls sage “Danke!” all den Ärzten und Zahnärzten, welche mich und meine Kinder zu jeder Tages- und Nachtzeit, auch Samstags und Sonntags ohne Klage behandelt haben – ohne diese wehleidigen Klagen, welches einige Narzissen hier an den Tag legen!

  12. Rahel sagt:

    Vielleicht liegt das Problem auch im Auge des Betrachters………….

  13. mueti sagt:

    ..oder am Wohnort des Patienten.

  14. Thomas sagt:

    …der könnte von mir sein.

  15. Brunhild Steiner sagt:

    tja, war wer schneller! Aber die nächste Gelegenheit wird kommen und Freude herrschen, zumindest bei mir…

  16. Brunhild Steiner sagt:

    .. und wie Sie das fast immer so exakt hinkriegen, zählen Sie eigentlich die Buchstaben?

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 Zeichen verfügbar

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.

Meistgelesen in der Rubrik Blogs

Werbung

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Werbung

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Vergleichsdienst

Günstiger in die Ferien!

Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.

Werbung

Die neuen digitalen Abos

Unbeschränkten Zugriff auf den Tages-Anzeiger. Jetzt testen ab CHF 1.-.

Marktplatz

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Vergleich

Krankenkassen Prämien

In wenigen Sekunden Prämien berechnen und sparen.