
Mutter hat alles unter Kontrolle, oder nicht?
Es war der Inhalt eines Koffers, der mich vor ein paar Wochen ins Grübeln brachte. Beziehungsweise die Dinge, die nicht im Koffer waren. Mein Mann hatte nämlich ausnahmsweise für die Kinder gepackt. Es fehlten: Der Vielleicht-wirds-ja-nochmals-warm-Rock, die blaue Bluse, die so schön zu den Augen der Kleinen passt, der Es-könnte-schneien-Faserpelz, die richtige Zahnpasta und Pyjamas.
Ich weiss, was Sie jetzt denken und ich gebe Ihnen recht. Kein Grund zum Nörgeln, alles halb so wild. Die Dinge, die im Koffer fehlten, habe ich in den Ferien nicht wirklich vermisst. Elmex gibts in jeder Drogerie, geschneit hat es nicht und schlafen kann man auch in Unterhose und T-Shirt. Aber sie waren trotzdem ständig da. Jeden Abend, wenn die Kinder ins Bett hüpften, stolperte ich in Gedanken über die Pyjamas, die sie nicht anzogen, die er – wie konnte er nur? – vergessen hatte, obwohl ich ihn doch daran erinnert hatte, aber eben, wenn man nicht alles selber macht.
Eben! Du willst ja nicht alles selber machen, besann ich mich, während ich mich gedanklich im Hamsterrad des mütterlichen Kontrollwahns drehte, gab den Kindern einen Gutenachtkuss und hockte mich mit einer Tasse Beruhigungstee auf den Mund. Ich habe die Nase nämlich gestrichen voll vom weitverbreiteten und auch privat durchexerzierten Schema: Mutter motzt und Vater trotzt. Ich weiss, dass ich nicht gleichberechtigte Mitarbeit im Haushalt einfordern kann, ohne die Hoheit darüber abzutreten. Beim Kühlschrank fiel mir das leicht. Auch die Kontrolle über den Putzschrank teile ich noch so gerne. Aber der Kleiderschrank meiner Töchter blieb unter Verschluss. Um die kindliche Ausstattung hatte ich eine Mauer aufgerichtet, wie einst die DDR in Berlin und genau wie Walter Ulbricht verleugnete ich ihre Existenz. Warum bloss?
An den väterlichen Kompetenzen kann das nicht liegen. Es ist lächerlich anzunehmen, dass er zwar für sich selber, nicht aber für seine Kinder Schuhe kaufen oder Koffer packen kann. Niemals käme es mir in den Sinn, ihn an das Falls-wir-ausgehen-Hemd zu erinnern. Es ist mir sogar wurscht, wenn er nichts Passendes dabei hat, wenn wir dann ausgehen. Bei meinen Töchtern aber bringt mich schon eine suboptimale Farbkombination aus dem Gleichgewicht. Da muss was anderes dahinterstecken.
Es war die Soziologin Arlie Hochschild, die im kalifornischen Berkeley lehrt und in den 70er-Jahren den Begriff «Emotionsarbeit» prägte, die mir die Augen öffnete für die Symbolik, mit der ein Kinderschuh aufgeladen werden kann. Ich las ihr neustes Buch «The Commercialisation of Intimate Life» während ich Tee trank und auf dem Mund hockte. Darin stellt sie die These auf, dass mit der weiblichen Emanzipation von der traditionellen Mutterrolle und der Kommerzialisierung der Erziehungs- und Pflegearbeit in den letzten Jahrzehnten eine ideologische Überhöhung sogenannter mütterlicher Qualitäten einhergegangen sei. Aufzucht und Pflege werden outgesourct, Fürsorge und Mutterliebe hochgejubelt. In diesem Spannungsverhältnis würden dann gewisse Betreuungsakte hypersymbolisiert.
Die Kleider und Schuhe meiner Töchter stehen , so glaubt Hochschild, für meine Fürsorge. Und ich lege deshalb so viel Wert auf die Hoheit darüber, weil ich mit der wärmenden Hülle symbolisch all das kompensiere, was ich als berufstätige Mutter meinen Kindern an Wärme nicht zu geben glaube. So ein Blödsinn, dachte ich zuerst. Da steh ich doch längst locker drüber. Dann überlegte ich mir, wo ich sonst noch meinem Kontrollwahn erliege und erkannte das Muster: Geburtstagsparty (Kompensation der verpassten Zeit mit den Kindern), Adventskalender (Kompensation für nicht existierende Bastel- und Backaktionen), Kinderzimmereinrichtung (Kompensation für meine Abwesenheit im Nest).
Letzte Woche kauften meine Töchter mit ihrem Vater Winterschuhe. Sie passen, sind praktisch und hässlich. Aber ich lerne gerade damit zu leben. Es sind ja bloss Schuhe, oder? Mein Mann übrigens bestellte mir via Internet gleichentags die gesammelten Werke von Arlie Hochschild.
Und Sie, kennen Sie den mütterlichen Kontrollwahn auch? Und was unternehmen Sie dagegen?


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
auf Facebook




























































































…neu hier?
nein renee, ab und zu nimmt sie den öv von ihrem planeten zur erde, um sich unter die niedrige spezies zu begeben
was ist die definition von durchgeknallt?
Grid Travelling kann ich noch nicht so gut. Aber ich warte auf den LHC beim Cern. Dann geht’s auch mit dem öv besser.
@zysi: “…ab und zu nimmt sie den öv von ihrem planeten zur erde…” New York is a state of mind, but California is another planet – sagt man hier.
@thomas: die beiden gehen für mich aber schon hand-in-hand.. ich meine zudem ja auch die individualität der kinder-erziehung/haushaltsmanagement — warum soll frau das vorrecht auf die richtige art&weise haben?
@katharina: eine gefängnisrevolution wäre vermutlich ungleich schwieriger zu organisieren wenn sich die gefangenen nicht als gruppe fühlen würden – auch der kleidung wegen.
wenn du dich sperrst, eine solche “indoktrinierende lager-erfahrung” zu machen, solltest du doch aber konsequenterweise auch beim schulbesuch (oder woauchimmer die menschen “genormt” miteiander leben) mühe bekunden –> wie soll sozialisierung denn sonst bitte funktionieren? der mensch ist nun mal ein gewohnheitstier!
paramilitärisch kann ich überhaupt nicht unterschreiben, dafür gings bei uns viel zu chaotisch und wild zu&her.
den link zur logik betr. militär/qualifikation verstehe ich nicht.
in der schweiz würde wir uns ausserdem wünschen es gäbe mehr bären und wölfe! wir sind schon etwas weiter was das ausrotten/verdrängen der tiere betrifft (haben ja auch etwas weniger land hier).
ich hoffe du redest weiterhin mit hier im blog, auch wenn ich nicht mit einem skorpionstich dienen kann – reicht ein gebrochenes schlüsselbein (verursacht durch kindlichen übermut — und siehe da, habe sogar daraus gelernt dass auf jeden baum klettern gefährlich sein kann) auch?
…berechtigte frage, “sigh”.
@*sigh* Ja.
@ *sigh* : ich glaube das sich die meisten Pärchen nicht bewusst dafür entscheiden, das die Frau das Familienmanagement übernimmt und der Mann Pantoffelnheld wird. Das passiert mit der Zeit. Nicht unbedingt die Ehe alleine bring das, aber die Kinder, die gemeinsamen Pflichten, etc.
In einer jungen Beziehung, ist man noch frei, individualistisch und die Zukunft gehört einem alleine. Irgendwann will man aber mehr von der Beziehung. Wegen der Liebe will man sich enger binden, auch wenn man die eigene Unabhängigkeit zu einem Teil abgeben wird. Und die Zukunft gehört euch zweien, und die Frage wird: “was will ICH und wie können wir das vereinbaren mit dem was DU willst?”
Und dann will man die Kinder. Kinder bringen so viel und nehmen auch das bisschen Unabhängigkeit das man noch hatte. Das Kind kann am Anfang nicht für sich entscheiden, also übernimmt man dies für es und steckt seine Individuelle wünsche beiseite ( z.B. man nimmt an das Kinder gerne auf dem Spielplatz spielen, so geht man hin, nicht weil ich gerne auf dem Spielplatz hänge )
Und die Zukunft die kommt so schnell und die Frage lautet: “Was ist das Beste für die Kinder?” (z.B. aufs Land ziehen)
Durch die Geburt, hat die Frau die Möglichkeit 3-6 Monaten mit dem Baby zu verbringen. Dann wenn man schon daheim ist, übernimmt man immer mehr im Haushalt, Organisation, Erziehung etc. Also Familienmanagement!
Der Job ist Anstrengend aber sehr Wichtig und er macht auch spass!!! Irgendwann möchte man nur noch Teilzeit arbeiten. Gleichzeitig passiert das der Mann eine Chance auf eine bessere Position hat. Mehr Geld, aber ev. auch mehr Arbeit. Das Geld braucht man. Also kümmert er sich um seinen Job. In dem ist er sehr gut. Die Frau übernimmt vollkommen das Familienmanagement. Und dann kommt das Wochenende oder die Ferien, und dann erwartet man vom Mann, das er sich in dieser von Frau “perfekt geplantem System” völlig zurechtfindet?!!?
Das Leben bringt einem Erfahrungen, die man nie dachte (hoffte;)) das man sie machen wird…..
@Mamamia – danke für den Beitrag. Sie haben – zumindest empfinde ich es so – den Nagel auf den Kopf gehauen. Es gibt sicher sehr viele Ausnahmen, aber ich kenne soooo viele Pärchen, die es genau so, wie Sie geschrieben haben, machen! Und ich/wir auch.
@katharina, so hoffe ich doch, dass man am ende immer noch weiss, wo man ist…
@Mamamia: so beschrieben ist es sogar für mich verständlich, danke. trotzdem stelle ich mir (rein hypothetisch
vor, der ehefrau dann doch öfters paroli zu bieten wenn “das bestehende system” mir nicht so super-toll erscheint.
@Nicole Althaus: wäre der kontrollwahn evtl. weniger präsent wenn sich ihr mann diesbezüglich mehr einbrigen würde, bzw. ihnen das exklusivrecht auf die richtige art & weise öfters streitig machen würde? würde die angst evtl. alleine dadurch verschwinden, dass der mann den familien-job genauso oft wahrnimmt?
@ Alexandra A. : ja ich auch!
@ “sigh* : wieso? Muss nicht sein! Vielleicht schätzten Beide, das jeweilige “Aufgabenbereich” des anderen.
Ich würde den Text nicht viel zu ernst nehmen. Dies ist ein typisches “Frauenwahn”. Wie man sich früher geweigert hat in den Ausgang zu gehen, weil man keine passendes Outfit gefunden hat, was zu einer halben Weltkatastrophe führte…etc.
Es sind halt Frauensachen, da kann man nicht viel dagegen machen, aber einfach akzeptieren!!!
@Sigh: Tja, ich wünschte ich könnte mich damit rausreden, dass der Vater der Kinder faul ist oder unwillens oder unfähig. Trifft alles nicht zu. Aber wie gesagt, ich arbeite dran. Und der Wille siegt immer öfter über den Wahn
Vielleicht liegts ja auch dran, dass die Älteste jetzt Ausstattungsmässig sowieso Mama und Papa nicht mehr allzu stark reinreden lässt.
Hahaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa! Michèle, du bringst es auf den Punkt! Das mit den Kleidern … Wenn ich nur daran denke, dass meine Tochter heute mit ihrem von ihm gekauften potthässlichen Outdoorjacke unterwegs ist. Dieses agressive Rot, welches so ganz und gar nicht zu ihrem Teint passt… Es bringt mein Blut zum kochen! Und dann mein kleiner Sohn: ungekämmt mit einem Vogelnest auf dem Hinterkopf und drei Schichten UNTER seinem WOLLPULLOVER. Dabei hatte ich alles paratgelegt. Aber nein, nicht mal das klappt!! Aaaaaaaaaaaaaaargh!
Aber der Kleine kann sein Pulli ja ausziehen, wenn er im Kindergarten ist und die Grosse muss nicht frieren… Und mein Liebster geht heute Nachmittag wie jede Woche mit ihnen baden … Die Kinder freuen sich.
Und ich schmunzle über mich selber. Meine Güte – wie ich immer wieder bitterfotzig bin (kennt Ihr das Buch?)
Manchmal zurecht, aber in diesem Fall absolut zum Lachen.
Dank Dir muss ich nicht alleine lachen…
@Layla. Danke, aber ich muss das Kompliment an Nicole Althaus weitergeben, die diesen Blogeintrag geschrieben hat.
das ist komisch. ich bin mir 100% sicher, dass ich “nicole” geschrieben habe! wer hat das geändert!!!???
@Layla. Gesprochen würde es sich Freud’scher Versprecher nennen.
der lhc läuft übrigens wieder…
@Nicole – ich glaube diese ganze Hochschild Kmpensationstheorie nicht. Warum hätten dann unsere Mütter, von denen viele ja nicht auswärts arbeiteten, auch unsere Kleiderordnung geregelt, obwohl sie ja keine Abwesenheit zu kompensieren hatten? Ich erinnere mich da z.B. an die drei identischen Röckchen, die wir drei Mädels – motzend und grummelnd – anziehen mussten… Könnte es nicht eher damit zusammenhängen, dass die Kleidung, wie das zum Schulznüni mitgebrachte Essen oder die Spielsachen und Bücher, die unsere Kinder haben oder das Verhalten, das sie an den Tag legen, die Schnittstelle ist, an der die private Famile öffentlich nach aussen tritt? Dass wir diesen Auftritt kontorllieren wollen, ist ja wohl klar: Das Zusammenleben funktioniert ja auch so, dass diese “Zeichen” gelesen werden, dass sich das Gegenüber so seine Gedanken macht und dass diese “Zeichen” eine grossen Teil des sozialen Kontakts mitbestimmen. Ich glaube auch, dass das Thema auf viele Arten “gendered” ist: Männer müssen sich noch immer weniger Gedaken zu ihrem Äusseren machen, Frauen sind noch immer mehr für Essen und Haushalt und Kinderpfege und überhaupt das Private verantwortlich, auch wenn beide Partner arbeiten. Ich würde in der Analyse lieber da ansetzen, denn dass arbeitende Frauen auch noch hypersmbolisch kompensieren sollen, ist m.E. ein Mythos. Eher lassen wir unseren Kindern mehr Freiraum dadurch, dass wir nicht andauernd um sie herum sind und nicht alles mitbekommen!
@ katharina: lass doch bitte den armen freud in ruhe.
@ michèle und nicole: kompliment bleibt kompliment und das möchte ich sowieso schon lange euch beiden machen! ich liebe euren blog – bitte weiter so!