Leben


Nicole Althaus am Montag den 23. November 2009

Mütter zwischen Wille und Kontrollwahn

Mutter hat alles unter Kontrolle, oder nicht?

Mutter hat alles unter Kontrolle, oder nicht?

Es war der Inhalt eines Koffers, der mich vor ein paar Wochen ins Grübeln brachte. Beziehungsweise die Dinge, die nicht im Koffer waren. Mein Mann hatte nämlich ausnahmsweise für die Kinder gepackt. Es fehlten: Der Vielleicht-wirds-ja-nochmals-warm-Rock, die blaue Bluse, die so schön zu den Augen der Kleinen passt, der Es-könnte-schneien-Faserpelz, die richtige Zahnpasta und Pyjamas.

Ich weiss, was Sie jetzt denken und ich gebe Ihnen recht. Kein Grund zum Nörgeln, alles halb so wild. Die Dinge, die im Koffer fehlten, habe ich in den Ferien nicht wirklich vermisst. Elmex gibts in jeder Drogerie, geschneit hat es nicht und schlafen kann man auch in Unterhose und T-Shirt. Aber sie waren trotzdem ständig da. Jeden Abend, wenn die Kinder ins Bett hüpften, stolperte ich in Gedanken über die Pyjamas, die sie nicht anzogen, die er – wie konnte er nur? – vergessen hatte, obwohl ich ihn doch daran erinnert hatte, aber eben, wenn man nicht alles selber macht.

Eben! Du willst ja nicht alles selber machen, besann ich mich, während ich mich gedanklich im Hamsterrad des mütterlichen Kontrollwahns drehte, gab den Kindern einen Gutenachtkuss und hockte mich mit einer Tasse Beruhigungstee auf den Mund. Ich habe die Nase nämlich gestrichen voll vom weitverbreiteten und auch privat durchexerzierten Schema: Mutter motzt und Vater trotzt. Ich weiss, dass ich nicht gleichberechtigte Mitarbeit im Haushalt einfordern kann, ohne die Hoheit darüber abzutreten. Beim Kühlschrank fiel mir das leicht. Auch die Kontrolle über den Putzschrank teile ich noch so gerne. Aber der Kleiderschrank meiner Töchter blieb unter Verschluss. Um die kindliche Ausstattung hatte ich eine Mauer aufgerichtet, wie einst die DDR in Berlin und genau wie Walter Ulbricht verleugnete ich ihre Existenz. Warum bloss?

An den väterlichen Kompetenzen kann das nicht liegen. Es ist lächerlich anzunehmen, dass er zwar für sich selber, nicht aber für seine Kinder Schuhe kaufen oder Koffer packen kann. Niemals käme es mir in den Sinn, ihn an das Falls-wir-ausgehen-Hemd zu erinnern. Es ist mir sogar wurscht, wenn er nichts Passendes dabei hat, wenn wir dann ausgehen. Bei meinen Töchtern aber bringt mich schon eine suboptimale Farbkombination aus dem Gleichgewicht. Da muss was anderes dahinterstecken.

Es war die Soziologin Arlie Hochschild, die im kalifornischen Berkeley lehrt und in den 70er-Jahren den Begriff «Emotionsarbeit» prägte, die mir die Augen öffnete für die Symbolik, mit der ein  Kinderschuh aufgeladen werden kann. Ich las ihr neustes Buch «The Commercialisation of Intimate Life» während ich Tee trank und auf dem Mund hockte. Darin stellt sie die These auf, dass mit der weiblichen Emanzipation von der traditionellen Mutterrolle und der Kommerzialisierung der Erziehungs- und Pflegearbeit in den letzten Jahrzehnten eine ideologische Überhöhung sogenannter mütterlicher Qualitäten einhergegangen sei. Aufzucht und Pflege werden outgesourct, Fürsorge und Mutterliebe hochgejubelt. In diesem Spannungsverhältnis würden dann gewisse Betreuungsakte hypersymbolisiert.

Die Kleider und Schuhe meiner Töchter stehen , so glaubt Hochschild, für meine Fürsorge. Und ich lege deshalb so viel Wert auf die Hoheit darüber, weil ich mit der wärmenden Hülle symbolisch all das kompensiere, was ich als berufstätige Mutter meinen Kindern an Wärme nicht zu geben glaube. So ein Blödsinn, dachte ich zuerst. Da steh ich doch längst locker drüber. Dann überlegte ich mir, wo ich sonst noch meinem Kontrollwahn erliege und erkannte das Muster: Geburtstagsparty (Kompensation der verpassten Zeit mit den Kindern), Adventskalender (Kompensation für nicht existierende Bastel- und Backaktionen), Kinderzimmereinrichtung (Kompensation für meine Abwesenheit im Nest).

Letzte Woche kauften meine Töchter mit ihrem Vater Winterschuhe. Sie passen, sind praktisch und hässlich. Aber ich lerne gerade damit zu leben. Es sind ja bloss Schuhe, oder?  Mein Mann übrigens bestellte mir via Internet gleichentags die gesammelten Werke von Arlie Hochschild.

Und Sie, kennen Sie den mütterlichen Kontrollwahn auch? Und was unternehmen Sie dagegen?

60 Kommentare zu „Mütter zwischen Wille und Kontrollwahn“

  1. gelsomina sagt:

    auch wenn ich die meisten kleider einkaufe (bzw. selber nähe), weil der papa das nun mal nicht so gerne macht, ich aber schon … quietschbunt-beinahfarbenblinde kombinationen schafft das kind ganz alleine!

    ich muss zwar oft schmunzeln und, ich geb’s ja zu, manchmal schäme ich mich fast … mein kind ist nicht meine stylingpuppe. wenn die von ihr ausgewählten sachen der witterung entsprechen, dann soll sie darin herumrennen. es gibt wichtigeres, das ich zu entscheiden habe, als ob der rock zum pulli zu den strümpfen zu den schuhen passt.

  2. Gion Saram sagt:

    Mir gehts genau umgekehrt als Nicole Althaus, wenn ich meine Frau das Gepäck der Kinder packen lassen, dann wird es entweder zentnerschwer oder voll mit unpraktischen sinnlosen Klamotten die zwar farblich schön abgestimmt sind, aber dazu führen das die Kinder entweder zu kalt oder zu warm haben. Wenn Mütter zu Kontrollfreaks mutieren, gibts für den modernen Vater nur eins, jeden Zentimeter Boden in Grabenkrieg verteidigen und zurückerobern sonst wird der Kleiderschrank nur mit rosarotem Blödsinn gefüllt, Avanti Papi!!!

  3. Thomas sagt:

    …think pink, papi!

  4. max sagt:

    In der Pfadi mussten die Buben die Rucksäcke über grosse Strecken selber tragen. Die Pfader sorgten von sich aus, dass die Mamma nicht alles mögliche auch noch einpacken konnte.

    Eine schriftliche Checkliste sorgte dafür dass jeder Bub genau das bei sich hatte, was er wirklich brauchte – vollständig aber nicht zu viel.

    In der Pfadi ist die Eigenverantwortung sehr wichtig. Ich liess die Buben in persönlichen Dingen autonom entscheiden. Mit Kontrolle eingegriffen habe ich nur, wenn es um echte Gefahren ging oder wenn die Unordnung des einen Buben den anderen hinderte, für sich selber zuverlässig zu sorgen.

    Diese Buben sind heute alle weit über vierzig. Ich treffe ab und zu den einen oder anderen in der Stadt. Sie erzählen mir Erlebnisse, die sie mit mir hatten. Sie berichten von ihrem Berufsleben und wie sehr ihnen diese Erfahrungen die Sicherheit geben, in Krisensituationen sich zurechtzufinden, die eigenen Interessen zu schützen und sich gegen masslose Chefs durchzusetzen.

    So werden aus Buben richtige Männer gemacht.

  5. max sagt:

    Koedukation.
    Ich habe mehrmals beobachtet, dass heute in den Pfadistämmen Mädchen und Buben gemischt sind. Ich habe keine Erfahrung damit, ob sich das bewährt. Ich bin eher skeptisch. Persönlich finde ich es in einem gewissen Alter besser, wenn die peer groups nach Geschlechtern getrennt sich bilden.

    Aus der anthropologischen Forschung wissen wir, dass Kinder ab ca. 13 Jahren von ihren Eltern so gut wie gar nichts mehr lernen und so gut wie alles von der Gruppe von Gleichaltrigen – der sog. “peer group”. Das gilt für eine grosse Zahl von kulturellen Umgebungen weltweit, genauso in moderner Zivilisation wie in Stammesgesellschaften.

    Die Eltern allerdings haben Einfluss darauf, mit wem sich ihre Sprösslinge herumtreiben. Eine gut geführte Pfadi ist eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung. Sie gibt den Kindern einen eigenen Horizont, eigene Erfahrung, eigene Kompetenz. Das macht nebenbei einen Haufen Konflikte zwischen den Eltern überflüssig.

  6. Pappa Mol sagt:

    Als meine Tochter 13 war, bin ich mit ihr Kleiderkaufen gegangen. Mit 13 fing sie an sich ihrer “weiblichkeit” bewusst zu werden. Bis da hin hatte sie “Kinderkleider”, Kleider, die vor allem praktisch waren. Während unserer Einkaufstour habe ich sie da und dort ermuntert diesen modischen Pulli oder jene modische Bluse anzuprobieren. Zuerst wollte sie nicht, weil diese Kleider so anders waren, als die Klamotten, die sie bis jetzt hatte. Doch sie getraute sich und probierte Verschiedenes aus und sie entschied sich für die Kleider die ihr bequem waren und die ihr gefielen. Ich fand es cool, dass sie sich so schöne Kleider ausgewählt hatte und darin nicht barbiemässig, aber doch eine Spur reifer und weilblicher wirkte. Ich dachte meine Frau würde sich sicher über ihre hübsche Tocher freuen, aber sie war eher darüber beleidigt, dass ich mit unserer Tochter zum Kleiderkaufen mitgegangen bin. Das sei doch eher eine “Angelegenheit unter Frauen”. Sicher hat sie damit nicht gemeint, dass ich in die Umkleidekabine gespickt hätte, das wäre mir ja nie in den Sinn gekommen. Ich habe einfach ihr mütterliches Hoheitsgebiet verletzt. Dabei wollte sie immer so furchtbar emanzipiert sein.

  7. Nicht baden sagt:

    Ein Mensch, der sich ein Schnitzel briet
    merkte, dass es ihm missriet.
    Doch da er’s selbst, der’s sich gebraten,
    ass er es, als ob es ihm geraten.
    Und um sich nicht zu strafen Lügen
    ass er’s mit sichtlichem Vergnügen

    Eugen Roth

    Ich glaube, dieses Gedicht fasst den mütterlichen oder sonstigen Kontrollwahn am besten zusammen:
    Wenn wir selbst etwas machen, und es geht schief, müssen wir gute Miene zum bösen Spiel machen.
    Wenn jemand anders Mist baut, fühlen wir uns überlegen und denken “MIR wäre das NIE passiert”.

  8. Mamamia sagt:

    Nicole, ich liebe sie! Sehr schöner Artikel!

    Wen meine Jungs das Haus verlassen, vergessen sie so gut wie alles! Frische Windeln, Lunch-Box, feuchte Tücher, Trinkflasche, ev. zusätzliche Jacke oder Wechselkleider. Also all das, was ich für “Lebenswichtig” halte.
    Das er auch nicht das Kind selber vergisst…..
    Und ich mach mir sorgen und rufe an, auf Natel das auch zuhause liegt, und stelle mir das Schlimmste vor. Ein ausgehungertes Kind das friert. Und dann sind sie zurück. Und beide sind glücklich, und satt und sauber gewechselt und alle meine Sorgen scheinen mir nur lächerlich. Und ich schaue meinen Mann voller Bewunderung an, und frage mich: Wie schafft er das nur?

  9. oma sagt:

    immer wieder stelle ich fest, dass frau am liebesten “dä föifer und’s weggli” will. sie will einen mann der gutes und vor allem genügend geld nach hause bring; eine schöne wohnung; ein eigenes auto; genügnd an tollen orten ferien; einen mann der ihr bei den hausarbeiten zur hand geht – aber nur dort wo sie es ihm unter strengen anweisungen erlaubt; der sie unterstützt wenn sie arbeiten will, aber das heft aus der hand geben, dass will und kann sie doch nicht!
    manchmal kommt es mir vor wie wenn frauen “ihre” männer wie , zusätzliche, kinder behandel. das tut keinem gut und da wundert es mich wirklich nicht wenn männer dann “trötzeln” oder ausbrechen.
    natürlich war es viele jahre so, dass einzig und allein der mann das sagen hatte, aber nun stelle ich fest, dass sehr viele frauen genau dasselbe tun – schade, keine gute einstellung sich für verpasstes zu rächen.

  10. *sigh* sagt:

    ich, m, 27j. frage mich nach dem lesen dieses und letzten blogs (inkl. kommentare) langsam ob es auch noch (ehe)männer gibt die “ihren tarif durchgeben”, bzw. zu ihrer meinung, die sie bereis vor der konsultation ihrer regierung gebildet haben, stehen können.
    hallo? haushalt ist nun doch wirklich (zugegeben, ich kenne bloss meinen eigenen – ohne kinder) keine zauberei! gibts denn nur noch pantoffelhelden??

  11. gargamel sagt:

    @sigh: haushalt ist nun doch wirklich (zugegeben, ich kenne bloss meinen eigenen – ohne kinder) keine zauberei!

    tja, und genau das ist der springende punkt.

  12. zysi sagt:

    und vorher kommt noch der oder die partnerin dazu ;-)

  13. Thomas sagt:

    @ mamamia

    “…beide sind glücklich und satt und sauber gewechselt.”

    …nichts macht einen mann glücklicher als ein voller bauch und frische windeln.

  14. Katharina sagt:

    Ist dieser Thread ernst gemeint.?

    @ mamamia: “Wen meine Jungs das Haus verlassen, vergessen sie so gut wie alles! Frische Windeln, Lunch-Box, feuchte Tücher, Trinkflasche, ev. zusätzliche Jacke oder Wechselkleider. Also all das, was ich für “Lebenswichtig” halte.”

    Mein Junge würde da sagen: Mama, ich packe in Zukunft selber ein. Don’t embarass me in school with this stuff.

    Es liesst sich wie wenn da eine riesige Expedition ins Outback geplant würde. wahrscheinlich mit der Spanisch-Brötli-Bahn von Schwammendingen nach Baden.

    Ich halte gar nichts von Pfadi und Co:
    Erstens weigere ich mich, dass die Kids in eine Uniform gesteckt werden, die erst noch braun ist. HJ laesst griussen.
    Zweitens sind sie einem oder einer halbgebackenen Oberlagerleiterin ausgesetzt, die ihre im übrigen Leben nicht befriedigten Macht und andere Gelüste an den Kids aus lässt. die Karte aus dem Sommer-lager heisst dann from paedoland with love.
    Drittens: in der Sommerhitze bei Ameisen, Termiten und Skorpionen übernachten und um drei Uhr morgens von einem Bären oder Kojoten, der im Abfall nach essen sucht, aufgewacht zu werden soll fun sein und erzieherisch wirken? ‘20 grand and he’s the woohoo?”

  15. pfadigirl sagt:

    So ein Quatsch. Pfadi ist lässig! Halt nichts für Tussis.

  16. *sigh* sagt:

    Katharina malt grade ein bisschen gar schwarz habe ich das Gefühl. Ich für meinen Teil erinnere mich auch nur positiv an meine Zeit in der Pfadi.
    Zu 1. 2. und 3.:
    1. blödsinn, einheitskleidung fördert den zusammenhalt. warum du dabei an HJ denkst kann ich für mich nur mit schwer vorbelastetem (US?) meinungsbild erklären.
    2. na und? geht dem menschen doch bei jeder dritten begegnung so. ich könnte mich zudem auch nicht an diese “machthungrigen versager” erinnern. die sind wohl aufgefallen und entsorgt worden? könnte schon sein oder?
    3. ja genau das!

  17. *sigh* sagt:

    @gargamel: und sich deswegen in das pantoffeldasein ergeben? klar ist es bequem, aber die allseits angestrebte individualität dann einfach wegen dem ding namens “ehe” aufgeben? never ever!

  18. Thomas sagt:

    …indivdualität muss man nicht anstreben und kann man auch nicht aufgeben – unabhängigkeit dagegen schon.

  19. Katharina sagt:

    Ist dieser Thread ernst gemeint.? hab ich gesagt….

    Einheitskleidung fördert den Zusammenhalt hmpfffff. das tun sicher auch die gestreiften Deux Pieces im County Jail.
    ein ‘Lager’ setzt eben ein psychologisches Rahmenprogramm… die symbolische Gleichschaltung mit der Uniform, eine Leitfigur die unter dem Etikettenschwindel der Sozialisierung indoktriniert , das ganze abgerundet mit public showers etc.
    das ist die selbe logik, die besagt, dass leute mit hohem militaerischem rang qualifiziert seien, in einem zivilen unternehmen fuehrende positionen einzunehmen. ja, und ich begreife eine Pfadi als paramilitärische Organisation.

    wir reden dann wieder, wenn Seufz von einem Skorpion gestochen wird. ich meine da die Südwest Variante. da kannst Du zwei Tage lang nicht mal mehr laufen.
    die Kids werden den Bären mit dem Geschrei um drei Uhr morgens sicher verscheuchen. die Tiere werden bei dem ganzen Lärm wild , stehen sich dann auf die Hinterbeine , was sie 2m50 – 3m hoch macht. oder sie rennen in deine Richtung und rennen können die trotz ihrem Gewicht.
    was sollen wildgewordene Ameisen in den Hosen zur Erziehung beitragen? pffffff

    Adams Family Values zeigt diesen Blödsinn auf viel lustigere Art.

    Interessant, dass ich wegen dem Abfall nicht belehrt wurde, einen Gebührensack mitzunehmen…. Wohl, weil der Bär zuerst Bürokratisch ko-erzogen werden muss, um die Bedeutsamkeit des Sackes zu erfassen. Am besten in einer Peer-Gruppe mit Fuchs, Gans, Kojoten und Roadrunner. tütüt.

  20. renee sagt:

    ist katharina eigentlich immer so durchgeknallt hier?

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