«Die heiraten bestimmt mal»

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Nein, das heisst nicht, dass die beiden einmal heiraten werden. Foto: Modestas Jonauskas, Flickr.com

«Die sind ja schon richtig verliebt.»
«Ihr werdet bestimmt mal heiraten.»

In Einrichtungen für Vorschulkinder wird romantisiert, was das Zeug hält. Probehochzeiten werden abgehalten, Ehekräche aufgeführt, man ist aufeinander eifersüchtig und verträgt sich wieder. Im Grossen und Ganzen ist man sich sicher, dass man später einmal heiraten wird. Ich hatte häufiger in meinem Leben die Gelegenheit, solchen Szenen beizuwohnen. Manchmal kommentierte ein Erwachsener in meiner Nähe das Geschehen mit Worten wie: «Niedlich, oder?!» Fand ich überhaupt nicht.

Ich war davon immer eher genervt. Also nicht davon, dass Kinder die Beziehungsmuster nachspielen, die sie an ihren Eltern und anderen Rollenvorbildern beobachten, sondern von der Art und Weise, wie Erwachsene darin das aufkeimende Pflänzchen einer romantischen Liebe erkennen wollen. Später dann nicht mehr, aber im Kindergarten ist ja alles noch so unschuldig und – wie bereits erwähnt – niedlich. Da macht es offenbar Spass, die Beziehungen von Kindern durch so einen verkitschten Hollywoodschnulzenfilter zu betrachten. Und dass dabei lediglich Konstellationen wie «Basti und Valeska» gelten, wohingegen Basti und Andreas ebenso wenig romantisch involviert sein können, weil nicht sein dürfen, wie Valeska und Selma, fällt anscheinend nicht auf.

Damit wir uns nicht missverstehen: Natürlich können Kinder sehr tiefe Gefühle für andere Kinder entwickeln und Erwachsene tun gut daran, diese wertzuschätzen und nicht etwa abzutun oder gar lächerlich zu machen. Wieso man sie deswegen aber als «Winzlinge auf Freiersfüssen» bezeichnet, leuchtet mir nicht ein.

Ich erinnere mich noch sehr genau daran, als der beste Freund meiner Tochter vor Jahren bei uns übernachtet hatte und ich die beiden am nächsten Morgen gemeinsam zum Kindergarten brachte. An der Eingangstür wurden wir wiederum von dessen bestem Freund erwartet – einem kleinen Jungen, der so sauer war, wie Fünfjährige nur sein können. Der sich sehr besitzergreifend und lautstark darüber beschwerte, warum SEIN Freund bei jemand anderem ausser ihm übernachtet und anschliessend versuchte, sich mit dem von ihm Beschuldigten zu prügeln.

Niemand wäre auf die Idee gekommen, diesen beiden Jungen eine Sandkastenliebe zu unterstellen. Niemand hat Dinge gesagt wie: «Süss, der ist ja richtig eifersüchtig» oder auch «Uiuiui, was aus den beiden wohl mal werden wird?!», obwohl das in dieser Romantisierungslogik nur folgerichtig gewesen wäre. Stattdessen gab mir ein anderer Vater etwas später den (wohl gut gemeinten) Rat, ich solle mich besser warm anziehen, wenn meine Tochter jetzt schon Herrenbesuche empfange. Ich murmelte «Nee, lass mal!» und dachte fettgedruckt und unterstrichen: «Was zur Hölle ist bloss los mit dir?!»

Der Übernachtungsgast von damals ist übrigens immer noch der beste Freund meiner Tochter. Er wohnt zwar mittlerweile ein paar Hundert Kilometer von ihr entfernt, aber wenn die beiden sich sehen, brauchen sie keine fünf Sekunden, um genau da weiterzumachen, wo sie aufgehört haben: bei ihrer Freundschaft. Das ist keine Selbstverständlichkeit. In ihrer Klassenstufe ist sie eine der wenigen, die noch mit Vertretern des anderen Geschlechts befreundet ist und entsprechende Kommentare entweder in Grund und Boden lacht oder auskontern kann. Tatsächlich haben mich schon andere Eltern gefragt, ob ich mir deswegen nicht Sorgen machen würde.

«Nein, wieso?»
«Na, man weiss doch, wohin so etwas führen kann.»
«Ach, wohin denn?»
«Nachher kommen die noch richtig zusammen und stellen Dummheiten an.»
«Dummheiten im Sinne von Sex?»
«Genaaaaau!»
«Ähm, das passiert doch sowieso irgendwann. Mit wem sie sich entschliesst, Sex haben zu wollen, ist ja wohl ihre Entscheidung und nicht meine. Soll ich ihr jetzt verbieten, sich mit Jungs anzufreunden und sie in ihr Zimmer einsperren, bis sie Mitte 30 ist, oder was?!»
«Ich sag ja nur, dass man keine schlafenden Hunde wecken sollte.»
«Dir ist aber schon klar, dass unsere Töchter auch miteinander befreundet sind?»
«Ja und?»
«…*seufz*»

Indem wir kindlichen Beziehungen ein erwachsenes Label verpassen, setzen wir Jungen und Mädchen in frühen Jahren künstlich aufeinander an und erschweren damit, dass sie später einen entspannten Umgang miteinander haben. Weil wir meinen, ihnen die komplexe Realität menschlicher Beziehung ersparen zu müssen, muten wir ihnen einen holzschnittartigen Abklatsch dessen zu, was wir für die heterosexuelle Normalbeziehung halten oder mal geglaubt haben, dafür halten zu müssen. Und dann wundern wir uns allen Ernstes darüber, warum so viele Menschen immer noch davon überzeugt sind, Frauen und Männer könnten nie «nur» befreundet sein.

Wir schulden es nicht nur unseren Kindern, sondern auch uns selbst, endlich damit aufzuhören, jede gegengeschlechtliche Beziehung unter Paarverdacht zu stellen. Vielleicht verlieren wir dabei ein paar Illusionen über die romantische Liebe. Aber dafür gewinnen wir Freundschaft.

81 Kommentare zu ««Die heiraten bestimmt mal»»

  • Rudi Buchmann sagt:

    Wenn ich mal als Kind von einem Mädchen zu Hause erzählte, nannte mich mein Vater ein „Meitlischmöcker“. Kein Wunder hatte ich das Gefühl, Mädchen seien etwas stinkiges. Dazu hatte meine älteste Schwester extremen Fussschweis. Ich fand den Zugang zu Mädchen eigentlich überhaupt nicht. Später meinte mein Vater, ich sei wohl schwul. Aber kamen mir Männer einmal nahe, fühlte ich mich schnell bedrängt. Männer waren schnell mal Konkurrenz. Vor allem im Sport. So verabscheute ich beide Geschlechter und hatte grosse Selbstzweifel. Welche Bilder oder Empfindungen Eltern an ihre Kinder herantragen – es ist schwierig zu sagen, ob das mit der Gesellschaft als gesamtes oder mehr mit Einzelpersonen zu tun hat.

    Ja zum Glück, irgendwann habe ich dann den Dreh dann doch gefunden.

  • Dr. Mag. Othmar Brunner sagt:

    … korrekt wäre eine derart definitive Prognose nur mit dem Zusatz „wenn er nicht den Darmausgang ihres Bruders penetriert.“ Meiner Ansicht als Sozio-Sexualtherapeut nach wird vom österreichischen Kollegen hier ein ganz wichtiges Element der frühprägenden kontrapunktuellen Verhaltensmuster initiiert, die das spätere Sexualleben stark beeinflussen. Ich wäre dem Täglichen Anzeiger dankbar, wenn dies noch vertieft thematisiert würde.

    • Couch-Mami sagt:

      ich weiss nicht was der Herr Magister geraucht hat. Habe mich schief gelacht. Ergibt aber null Sinn, dieser Kommentar.

  • Remo Nydegger sagt:

    Ich gebe zu: Ich habe mit Anfang 30 (noch) keine Kinder und bin froh muss ich mit Leuten wie NP nichts zu tun haben. Diese permanente politische Korrektheit in jeder erdenklichen Lebenslage, gepaart mit dem Gender-Mainstream-Faschismus, immer auf der Suche nach etwas Neuem worüber man sich empören kann, natürlich nur um zu zeigen wie urban und fortgeschritten man doch selber ist, ist nicht nur armselig, sondern zeigt auch sehr gut die Dekadenz der (zu) reichen westlichen Welt auf.

  • Christoph Bögli sagt:

    Nach meiner Erfahrung gibt es das durchaus auch bezüglich „homosexueller“ Freundschaften und zwar nicht erst seit gestern. Früher war das halt oft eher abwertend, heute werden entsprechende Freundschaften dafür in gewissen Kreisen z.T. schon fast absurd positiv interpretiert. Manche gieren richtig danach, den Schwulen in ihrem kleinen Jungen zu entdecken, nur weil dieser mal mit einer Puppe spielt oder sich nicht gleich mit jedem prügelt, der in die Nähe kommt.

    Darum: Egal ob hetero- oder homosexuell gefärbt, peinlich ist das Ganze meist so oder so. Und kann gerade bei schüchternen Kindern eher das Gegenteil bewirken, sprich ständige Kommentare und (blöde) Sprüche in dem Bereich können durchaus zu Verunsicherung und Distanzierung führen..

  • Anya Meyer sagt:

    Gebe Herrn P. vollkommen recht. Kampfchristen sind die schlimmsten. Reden die ganze Zeit davon, dass man nicht ueber andere urteilen soll, weil das offenbar ihre Gottheit erledige, aber ich sehe selten Leute so stark ueber andere herziehen wie Leute, die sich oeffentlich gerne als Christen bezeichnen. Schade. Ich bin fuer leben und leben lassen, und das sollte auch – oder ganz besonders – fuer Kinder gelten! Lasst sie doch einfach Kinder sein. Ob zwei Kinder, die sich moegen, irgendwann heiraten werden, wird sich frueh genug herausstellen.

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