Jesper Juuls Erziehungstipps im Praxistest

Mamablog

Wie reagieren, wenn das Kind keinen Respekt zeigt? Erziehungsratgeber wissen immer Rat. Foto: Leonid Mamchenkov/Flickr

Erziehungspäpste wissen, wie man Kinder richtig erzieht. Zumindest theoretisch. Einer von ihnen ist Jesper Juul. Der schreibt ganze Bücher darüber, was ich als Mutter alles tun und lassen sollte. Meine Kollegin Jeanette hat gestern im Mamablog über sein neustes Buch berichtet. Juul gibt auch viele Interviews – etwa letzte Woche im «Tages-Anzeiger» – und Tipps. Zum Beispiel, was man tun soll, wenn das Kind nicht ins Bett will.

Also machen Sie bloss nicht jeden Abend ein Theater mit! Lesen Sie einfach einen Erziehungsratgeber. Und dann bleiben Sie jederzeit ruhig, freundlich, souverän und authentisch. Geben Sie sich Mühe, aber seien Sie trotzdem immer bewusst unperfekt. Tönt doch bubieinfach, oder?

Tatsächlich scheint alles klar, wenn man abends – wenn das Kind endlich schläft – mit einem Glas Wein und einem Erziehungsratgeber auf dem Sofa sitzt. Im Alltag sind die vagen Tipps dann gar nicht so einfach umzusetzen. Wie würde Jesper Juul wohl ganz konkret dabei helfen, ein renitentes Kind ins Bett zu bugsieren? Ich habe das mal durchgespielt.



Wie man ein Kind ins Bett bringt (Drama in einem Akt)

Personen: Mutter, Vater, das Kind Fränzi-Lou, Jesper Juul
Szene: Ein Wohnzimmer in der Schweiz. Es ist 19.45 Uhr. Das Kind spielt mit der Briobahn. Der Vater guckt «Tagesschau». Die Mutter macht die Küche. Jesper Juul sitzt auf einem Tennis-Schiedsrichterstuhl neben dem Sofa.

Mutter: (hängt das Microfasertuch über den Wasserhahn) Sodeli, es ist Zeit fürs Bett.

Juul: (zur Mutter) Das muss viel konkreter sein.

Mutter: (kniet nieder, berührt das Kind sanft am Arm, stellt Augenkontakt her) Fränzi-Lou, das Mami möchte, dass du jetzt ins Bett gehst.

Fränzi-Lou: Nein!

Mutter: (schaut zu Juul, zuckt mit den Schultern)

Juul: Das war eben zu schwach. Sagen Sie deutlich, was Sie wollen.

Mutter: Ich will, dass du jetzt ins Bett gehst, Fränzi-Lou!

Fränzi-Lou: Nein! Nein! Nein! (haut mit der Holzschiene auf Mutters Kopf)

Mutter: Autsch! (steht auf und befühlt ihre Stirn)

Juul: Sie sollen kein Leuchtturm sein. Ich möchte, dass Sie ein Leitwolf sind.

Mutter: (knurrend zu Fränzi-Lou) Jetzt gehst du gopferteli in dein Zimmer und ziehst das Pyjama an!

Juul: Sie müssen noch den richtigen Ton finden.

Mutter: (singt) Do-Re-Mi-Fa?

Juul: (steigt kopfschüttelnd vom Schiedsrichterstuhl runter)

Fränzi-Lou: (haut mit der Holzschiene auf Juuls Knie)

Juul: Ah, shit! Bist du nicht ganz normal?

Fränzi-Lou: (weint)

Mutter: Was fällt Ihnen eigentlich ein?!

Juul: Ich bin eben authentisch. Das ist wichtig.

Mutter: Fränzi-Lou, du gehst jetzt sofort ins Zimmer. Sonst gibt es keine Gutenachtgeschichte.

Juul: Keine Drohungen, bitte.

Mutter: Fränzi-Lou, ich lese nachher allen Kindern eine Geschichte vor, die jetzt brav das Pyjama anziehen.

Fränzi-Lou geht in ihr Zimmer.

Juul: Das Elternmotto für dieses Jahr lautet übrigens «Gut genug ist das neue perfekt!».

Mutter: Aha.

Fränzi-Lou kommt im Pyjama zurück ins Wohnzimmer.

Mutter: Wow, bravo, Fränzi-Lou! Das hast du ganz toll gemacht!

Juul: Nicht loben. Das Kind entwickelt sonst ein unrealistisches Selbstbild.

Mutter: Fränzi-Lou, eigentlich ist es völlig normal, dass du dein Pyjama angezogen hast. Nichts Besonderes.

Fränzi-Lou: Mama, liest du mir jetzt eine Geschichte vor?

Mutter: Also gut. Welche würdest du gerne hören?

Juul: Stopp! Sie müssen die Führung übernehmen. Und ausserdem zwischen Wünschen und Bedürfnissen unterscheiden.

Mutter: Hä?

Juul: Fränzi-Lou, ist es für dich wirklich ein Bedürfnis, diese Geschichte zu hören? Oder handelst du einfach nach dem Lustprinzip?

Fränzi-Lou: Prinz Ipp? Ja, ich will die Geschichte vom Prinz Ipp!

Mutter: Ehm, nein. Ich erzähle dir den Froschkönig.

Fränzi-Lou: (stampft, schreit) Nein! Nein! Neeein! Ich will Prinz Ipp!

Juul: Nicht verhandeln!

Mutter: Froschkönig oder ohne Geschichte ins Bett. Du darfst auswählen.

Juul: (nickt zustimmend)

Fränzi-Lou: (wälzt sich zappelnd am Boden und brüllt) Dummer Froschkönig! DUMME MAMA!

Mutter: (genervt) Hei, bist du ein Trotzkopf!

Juul: Halt, sie dürfen sich kein fixes Bild machen. Diese Definitionsmacht von Erwachsenen missachtet die persönlichen Grenzen des Kindes.

Mutter: (seufzt) Fränzi-Lou, könnte es sein, dass du ein Trotzkopf bist? Also ich möchte hier nicht voreingenommen sein. Wie siehst du das? Wollen wir einen Dialog führen?

Fränzi-Lou: (schaut die Mutter lange an) Ich gehe ins Bett.

Fränzi-Lou geht in ihr Zimmer.

Juul: (klatscht) Das war perfekt!

Mutter: Ach, dabei wollte ich doch gut genug sein.

Juul: Ich höre da heraus, dass Sie ein schlechtes Selbstwertgefühl haben. Das muss an Ihrer Kindheit liegen. Haben Ihre Eltern keine Erziehungsratgeber gelesen?

Licht aus. Vorhang zu.

112 Kommentare zu «Jesper Juuls Erziehungstipps im Praxistest»

  • von Gunten Tonia, Elternpower.ch sagt:

    Die Idee dieses Textes fand ich interessant. Aber da wird die Arbeit und Persönlichkeit von einer Person echt durch den Kakao gezogen, und dies tut mir sehr leid. Auch erscheint mir die ganze Situation in Anbetracht der Tatsache, dass Jesper Juul im Moment weder hörbar sprechen noch sich wirklich auf einen Hochstuhl setzen könnte, einfach nur makaber. Niemand hat behauptet, dass es heute einfacher sei, mit Kindern zu leben. Aber glücklicherweise gibt es heute neue Wege, dass jede Familie den für sie passenden gehen kann, um glücklich zu sein. In meinen Elternberatungen erlebe ich, dass viele Eltern heute zu ihren Kindern stehen statt sich darüber lustig zu machen und den Fokus ständig auf deren Verhalten zu richten. Liebe Eltern, danke euch, das finde ich wunderbar!

  • Samichlous sagt:

    Herrlich geschrieben! 🙂

    Und das sage ich, als absoluter Juul-Fan!

    Nach Juul, dürfen/müssen Sie ihr Kind gar nicht ins Bett zwängen. Schlafen kann man eh nur wenn man müde genug ist. Einschlafen kann man nicht willentlich, sondern der Schlaf überrascht uns. Viele Eltern haben wohl auch allabendliches Einschlaftheater weil Sie unrealistsische Vorstellungen haben, wieviele Stunden ein Kind schläft und es schlafen legen wollen bevor es müde ist. Aber dafür gibts wieder andere Ratgeber 🙂
    „Schlafen und Wachen“ von Dr. Sears oder „Ich will bei euch schlafen v Lüpold

  • Rebekka sagt:

    Interessante Darstellung. Trotz allem ist die Theorie natürlich nicht immer eins zu eins in die Praxis umsetzbar. Ohne Theorie aber keine Praxis und umgekehrt. Interessant ist, dass der Vater anscheinend Bis zum Schluss die Tagesschau anschaut. Die Rollen scheinen in dieser Familie klar verteilt zu sein. Klassisch konservativ. Die Mutter ist in der Küche, während der Vater vor dem Fernseher sitzt. Vielleicht müsste man auch an die Vorbildwirkung denken?

  • Andrea sagt:

    Also, ich fands zum schmunzeln.

    Ich lese ja voll gerne die Bücher von Jesper Juul, und finde seine Theorien echt interessant. Es klingt immer alles so voll logisch und soooo einfach.
    In der Praxis geht es mir jedoch meistens so, wie von Tanja geschrieben – hihi.

    Gerne würde ich Jesper Juul mal zu uns nach Hause einladen, sodass er es wirklich mal live mitbekommt was heute so abgeht mit unseren Kids.

    Uuuund, ganz wichtig. Niemand, aber auch gar niemand ist perfekt – auch Herr Juul nicht…. und das ist es doch was uns alle so einzigartig macht und das zusammenleben spannend…

  • Ilona sagt:

    Herrlich – ich hab Tränen gelacht!!!!

    Und das, obwohl ich heute auch Stress hatte mit den Kindern. Und mit MIR! Denn das spielt doch zu einem großen Teil mit hinein, wie wir uns mit uns selber fühlen 😉

    Danke für die (eher seltenen) Tränen vom Lachen, Nadia!

    Ilona

  • Jürgen sagt:

    Hmm, okay, und meine Aufgabe als Vater ist es, fernzusehen?

  • Tommy sagt:

    Wirklich wunderbar, ich verlinke das in meinem Blog.

Kommentar

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