«Zähne putzen» – «Nein, nein!»

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Wenn ein Nein nichts hilft: Einem Kleinkind werden die Zähne geputzt. Foto: J. Jongsma (Flickr)

Werte Leserschaft, ich habe einen Erziehungsfehler gemacht. Also nicht wirklich, aber es fühlt sich so an. Erinnern Sie sich noch, vor vier Wochen? Da berichtete ich Ihnen, wie toll mein Kind im Haushalt mithilft. Inzwischen sieht alles ganz anders aus. Und wissen Sie, warum? Ich habe dem Brecht beigebracht, «Nein» zu sagen.

Unser Brecht war ein später Läufer, dafür sprach er schon früh und gut. Stellen Sie sich jetzt ruhig ein Kind vor, das in scharfem Tonfall aus dem Kinderwagen heraus Fahranweisungen gibt. Wir haben letzthin Inventur gemacht und kamen auf einen aktiven Wortschatz von circa tausend Wörtern. Doch zwei ganz grundlegende Begriffe fehlten da noch: «ja» und «nein».

Das geht natürlich nicht. Nicht für ein Kind, das den kompletten Text von «Papaoutai» kennt. Nicht für ein Kind, das eine Germanistin und einen Kommunikationsberater als Eltern hat. Also taten wir, was wir am besten können: analysieren und beraten. Sprich meine Frau meinte, «es wäre praktisch, wenn das Kind Ja und Nein sagen könnte» – und ich brachte es ihm bei. Ein folgenschwerer Entscheid. Seither sagt der Brecht nicht nur zu allem Nein, sondern gleich «Nein, Nein»:

«Aufstehen, es ist Morgen!» – «Nein, nein!»

«So, jetzt putzen wir die Zähne.» – «Nein, nein!»

«Könntest du rasch …» – «Nein, nein!»

«Möchtest du die weisse oder die blaue Mütze anziehen?» – «Nein, nein!»

«Sag doch mal Ja, Ja!» – «Nein, nein!»

Es sind nicht nur die Worte. Der Brecht hat sich auch eine Körperhaltung zugelegt, die unmissverständliche Verweigerung ausdrückt. Wie ein guter Türsteher bleibt er dabei stets freundlich, aber bestimmt.

Die Erlernung des Nein ist sein bisher abruptester Entwicklungsschritt. Er hat gelernt, etwas in der Sprache der Erwachsenen abzulehnen, und macht oft und gerne davon Gebrauch.

Nun gerate ich als Vater in ein Dilemma, denn ich verfolge zwei gegenläufige Ziele:

  • Mein Kind soll früh Eigenverantwortung und Selbstbestimmung lernen. Es soll wissen, dass es Nein sagen darf, wenn es zum Beispiel kein Küsschen geben will.
  • Das Kind soll seine Zähne putzen. Ein Nein ist hier weniger wert als der vietnamesische Dong.

Es gibt also Nein, die wir kompromisslos akzeptieren, Nein, die wir nie gelten lassen, und zu allem Übel auch noch völlig inkonsequente Reaktionen auf ein Nein: Der Brecht muss zum Beispiel nicht unbedingt seine Haare waschen, wenn er nicht will. Beim nächsten Bad kommt er aber nicht mehr drum rum. Armer Brecht, so was kann man ja nicht von Beginn weg begreifen.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als die Komplexität der Sache zu akzeptieren und sie dem Brecht so verständlich wie möglich zu vermitteln. Seit ein paar Tagen erkläre ich also wie ein Besessener, warum wir jetzt trotzdem Zähne putzen müssen. So richtig superpädagogisch im imaginären Stuhlkreis: spüren statt befehlen. Und wenn der Brecht anschliessend nicht weint, kriegt er einen zuckerfreien Dinkelcracker.

Die Erfahrenen unter Ihnen mögen jetzt einwerfen, wie normal des Kindes Entwicklung doch sei und dass ich mich nicht so anstellen solle. Da haben Sie natürlich recht, und lassen Sie mich relativieren: Ich werde an dieser Erziehungsaufgabe schon nicht verzweifeln. Vielmehr bin ich zuversichtlich: Der Brecht wird bald einmal begreifen, warum ein Nein manchmal sakrosankt ist, manchmal verhandelbar und manchmal sinnlos. Warum also dieser Blogbeitrag? Ach, ich teile mein Leben einfach sehr gerne mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser. Und ja, ich bin überanalytisch. Und nein, das mit dem Dinkelcracker war erfunden.

Trotzdem möchte ich ein weises Wort an alle Jungeltern richten, deren Kinder jetzt langsam mit Sprechen beginnen: Geniessen Sie die Zeit vor dem Nein, und bringen Sie Ihrem Nachwuchs lieber noch ein paar andere Wörter bei.

Wir versuchens bei unserem Kind jetzt mal mit «danke» und «bitte». «Ja» sagt es übrigens bis heute nicht. Typisch Brecht.

63 Kommentare zu ««Zähne putzen» – «Nein, nein!»»

  • Wolky sagt:

    Ich verstehe das alles nicht. Meine Tochter spricht noch kein Wort und kann trotzdem schon eindeutig zeigen, wenn sie was nicht will. Das muss man doch auch ernst nehmen. Und erklären kann ich ihr es auch noch nicht.

Kommentar

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