Leben


Michèle Binswanger am Dienstag den 17. November 2009

Ist der Held das Monster der Guten?

Ein von M.C. Eschers Bild "Relativiteit" inspirierter Legobau.

Ein von M.C. Eschers Bild «Relativität» inspirierter Legobau.

Sind Kinder eigentlich in der Lage, ernsthafte philosophische Gedanken zu fassen? Nein, so herrschte lange die eiserne Lehrmeinung. Ein Kindergehirn sei für ernsthaftes Denken über das Denken kognitiv zu wenig ausgereift, hiess es. Doch nicht einmal die Philosophie bleibt vom Zeitgeist unbeleckt und so liegt die sogenannte Kinderphilosophie heute im Trend. Da gibt es kinderphilosophische Fachtagungen, Kurse, und Seminare, wo Kinder und Fachpersonen sich gemeinsam den ganz grossen Fragen stellen.

Ich kann mir vorstellen, dass viele Eltern das Angebot gerne in Anspruch nehmen, denn oftmals lässt uns das kindliche Wissensbedürfnis in seinem Totalitätsanspruch verzweifeln. Mit Kant müssen wir uns aber fragen: Was soll ich Angesichts dieser schönen neuen Möglichkeit tun? Das Philosophieren mit Kindern an die Fachstellen outsourcen? Oder in Kauf nehmen, von den Kinderfragen an die Mauern des eigenen Wissens gefahren zu werden?

Richtig ist: philosophische Fragen gehören zum Kinderalltag. Mein Sohn zum Beispiel sinniert beim Frühstück mit Blick auf einen Löffel, dass dieser eigentlich das Gefängnis der Cornflakes sei. Oder er fragt, ob im Kampf der Guten gegen die Bösen, der Held analog das Monster der Bösen sei. Und ob ein Held auch dann noch einer sei, wenn er in Schwierigkeiten gerät.

Meine achtjährige Tochter schürft schon etwas tiefer in den Fundamenten der menschlichen Existenz. Sie will etwa wissen, wie wir das Leben aushalten sollen, wenn wir doch wissen, dass wir unweigerlich sterben werden. Ich hätte natürlich mit Heidegger antworten können, dass das Dasein sich dadurch auszeichnet, dass es ihm «in seinem Sein um dieses Sein selbst geht». Was ihr natürlich nicht weitergeholfen hätte. Ich sagte ihr also: ja, es sei nun mal so, dass der Tod ein Teil des Lebens sei, dass das Leben keine Garantien gebe, aber trotzdem lebenswert sei. «Warum?», fragte sie. Eben das gelte es herauszufinden: sein Schicksal zu erfahren. Was denn ein Schicksal sei, fragte sie dann. Das wusste dann wieder der fünfjährige Rabauke: «Mein Schicksal zum Beispiel ist es, dass ich mich immer wieder verletze.» Als wir das durch hatten, hielt die Tochter bei einem Mittagessen, an einem Stück Rösti und Bratwurst kauend, plötzlich inne und erklärte, sie habe jetzt zwar keine Angst mehr, aber sie könne sich einfach nicht erklären, warum die Welt so sei, wie sie sei. Zum Glück wusste der fünfjährige Bruder eine treffende Antwort: «Also ich glaube an den Urknall.»

Sie wollte es aber genauer wissen: «Ich frage mich einfach, wie wir das alles wissen können. Können wir sicher sein, dass die ganze Welt nicht bloss ein Traum ist?»

Mein Täubchen, das wollte schon Platon wissen. Und Descartes. Den einen führte es zum Höhlengleichnis, den andern zum radikalen Zweifel und zur einzigen Gewissheit, nämlich derjenigen des Denkens. Der amerikanische Philosoph Hilary Putnam wandte die Frage dann zum Matrix-Problem: Wie wir sicher sein könnten, dass wir nicht bloss Gehirne in einem Tank sind, die uns unsere Welt nur vorgaukeln? Seine Antwort war, ziemlich vereinfacht, die, dass Gehirnen in einem Tank eben die Erfahrungen mit der Aussenwelt fehlen würden, die sie dazu bringen, sich solche Fragen zu stellen. Und das sagte ich auch meiner Tochter. Dass unsere philosophischen Probleme unsere menschliche Existenz ausmachen, dass wir zwar keine endgültigen Antworten finden, aber unsere Gattungsgeschichte eben darin besteht, dass jede Generation sich auf die Schultern der vorhergehenden stellt und von dort weiter sehen kann. Diese Erklärung gefiel wiederum meinem Sohn – vom Monsteraspekt her. Und allen dreien hätte natürlich gefallen, wenn ich mit ihnen den Film «The Matrix» geschaut hätte und wir nachher darüber hätten diskutieren können – doch das muss noch warten.

Um zur Konklusion zu kommen: die philosophischen Fragen der Kinder verlangen nicht nach den Antworten von Fachpersonen, ja nicht einmal diejenigen aus der Philosophiegeschichte, sondern aus ihrer unmittelbaren Lebenswelt, aus der sie sich das kognitive und emotionale Rüstzeug für den Eroberungsfeldzug ihres eigenen Lebens zusammenbasteln. Deshalb halte ich institutionalisierte Kinderphilosophie zwar für eine nette Idee, aber letztlich unbrauchbar.

Und nun meine Frage an Sie: Welche philosophischen Äusserungen von Kindern haben sie schon zum Nachdenken gebracht?

26 Kommentare zu „Ist der Held das Monster der Guten?“

  1. dsfrölein sagt:

    Dieser Blog ist eine Perle im Internet!

    Merci viumou, es fägt, ab und zu hie vrbi zluege

  2. Urs sagt:

    @max: im Gegenteil, ich freue mich sehr über die niedrige Anzahl von Kommentaren – so kann ich auch alle lesen. Und die Qualität der Beiträge ist auch bemerkenswert – aus meiner Sicht.
    Lieber Tagi: wie wäre es, hier ein Forum aufzuschalten? Dieser Beitrag gehört eine Ebene tiefer, nämlich *unter* den von Max.

  3. schrimpi sagt:

    hallo frau binswanger
    ich lese ihre texte immer öfter und mit grossem vergnügen.
    schrimpi

  4. ana sagt:

    wir forderten unsere tochter, 6 jahre alt, auf, uns beim abwasch zu helfen. ihr kommentar dazu: “und i ha gmeint, i sig gebore zum läbe.”

  5. Nadja Reuteler sagt:

    vielen Dank für diese guten Artikeln!

    ich persönlich wäre happy wenn mein 5jähriger Sohn solche Aussagen machen könnte…
    Doch leider hat er eine ca. 1jährige Sprachverzögerung und somit können wir das noch (hoffe ich!) nicht so besprechen…

    Muss gerade ehrlich sagen dass ich mich gerade – wieder einmal- frage was ich falsch gemacht habe dass es so ist…

    na ja, fertig der Melancholie…
    teile aber die Meinung dass die Eltern, oder das nahe Umfeld in der ersten Zeit / Phase die nötigsten Antworten geben kann…
    denn diese wissen um die individualität des Kindes der die Fragen stellt, und wissen somit auch wie sie spezifisch diesem Kind und nicht einem anderem antworten können / dürfen. Zudem in jener Art und Form dass es dem Kind ermöglicht später diese Fragen zu vertiefen, da es gelernt hat dass es Freude macht…

    Die institutionale Version verlangt wie bereits schon Schule und Kindergarten eine Standartisierung der Kinder.. und wehe eines fällt da raus.. dann zergeht vieleicht dessen Lust, Kreativität und sein Frust wie auch die Angst und der Glauben an das “nicht verstanden zu werden” werden grösser.
    Und das ist doch wahrlich nicht Sinn und Zweck des ganzen…

  6. Nadja Reuteler sagt:

    ah… doch… jetzt kommt mir etwas in den Sinn…

    jedoch hat es sehr wenig mit philosophie zu tun…

    Anfang dieses Jahres fand ich im ex-libris ein tolles Buch “mein erstes Wissenschaftsbuch” für ab 4jährige.
    Dem offensichtlichem Interesse meines Sohnes folgend kaufte ich dies und er vertiefte sich sofort darin.
    Es wurde zum Bettklassiker sprich, er durchstöberte es jeden Abend…

    Einige Wochen später, ging ich zu der Tagesmutter um ihn abzuholen.
    Er kam aus der Türe und sofort fragte er mich ganz laut:
    Hey Mami, bisch bim Dokter gsii???
    Ich: hä? nei, sicher nid. Werum sötti oh, schätzeli??
    Er: dänk für Bebeli wäg mache…
    Ich: ??????????

    Rat und Sprachlos schaute ich Ursula- die Tagesmam- an, sie mich…
    Und dann fing das grübeln an…
    Warum diese Aussage? in dem Buch- erste seiten (die ich anscheinend schon vergessen hatte) war die Erklährung dabei wie ein Kind auf die Welt kommt. Kleines Bild von einem Mami mit dickem Bauch und dann so ein Zettelchen zum umdrehen wo dann das Baby im Bauch zeigt. Bild daneben, Mami mit Baby im Arm und Doktor der daneben steht…
    Meine Figur ist sehr betohnt, sprich bin mollig und da machte er sich wohl einen Reim daraus.

    Oder war’s meine Beilläufige Bermekung einige Wochen zuvor bei seiner Frage warum die Frau so nen grossen Bauch hat, dass dort ein Baby drinn ist.. er zu mir: aber warum? ich: alle Mamis mit einem grossen Bauch haben ein Baby drin…

    Oder sprach er einfach meinen grössten Wunsch in dem Moment in Worten aus, wo ich diese doch mit ihm nie besprochen hatte??

    Hat mich aber kurzerhand zu einer Diät motiviert… :-)

Kommentieren

Verbleibende Anzahl Zeichen:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.