Wenn Kinder fremde Menschen beleidigen

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Hohes Beleidigungsrisiko: Ein vorlautes Wesen mit viel angelerntem frechen Vokabular.  (iStock)

Meine Mutter traf es damals am Eltern-Kind-Basteltag im Kindergarten: Da fragte der kleine Markus lautstark, warum denn die Frau neben uns einen Bart trage. Mutter schämte sich in Grund und Boden.

Jede Familie hat pro Kind eine solche Geschichte. Und wenn nicht, dann steht das Ereignis noch bevor. So wie bei uns: Ich weiss, dass mich der Brecht irgendwann vor fremden Menschen in Verlegenheit bringen wird. So will es das Gesetz.

Einen kleinen, harmlosen Vorgeschmack habe ich bereits erhalten. Als wir kürzlich durch die Stadt spazierten, trat zwei Meter vor uns eine Frau in einen Hundehaufen. Sie ärgerte sich sichtlich. Und was tat unser Brecht? Er zeigte auf die Frau und brüllte laut und spöttisch: «TROTTEL!»

Das hatten wir selbst verschuldet. In der Familie meiner Frau ist es seit Generationen üblich, sich liebevoll Trottel zu nennen, wenn jemand etwas fallen lässt oder verschüttet. Eine schöne Tradition, die wir gerne weiterführen. Der Aspekt «liebevoll» war für die Frau im Hundehaufen halt etwas schwer zu erkennen. Dumm auch, dass Trottel eines der wenigen Wörter ist, die der Brecht mit 20 Monaten schon sehr deutlich aussprechen kann.

Was lernt Ihr geschätzter Papablogger daraus: Man kann die Wortwahl der Kinder steuern. Macht man es falsch, setzt man andere Menschen einem hohen Beleidigungsrisiko aus. Am besten bringt man dem Nachwuchs also erst mal keine beleidigenden Begriffe bei. Einfacher gesagt als getan, gibt es doch nichts Süsseres als ein eineinhalbjähriges Kind, das «Schafseckel» sagt.

Doch selbst wenn man konsequent auf riskantes Vokabular verzichtet: Die Gefahr ist damit nicht gebannt. Es braucht keine Schimpfwörter, um die Eltern in Verlegenheit zu bringen, wie meine höflich formulierte Bartfrage zeigt. Jahre später – nun in der Rolle meiner Mutter – frage ich mich: Wie soll man als Eltern reagieren, wenn das Kind ungewollt Fremde beleidigt? Was würden Sie tun?

Hier zur späteren Diskussion fünf mögliche Strategien:

1 – Die Verleugnung
Sie könnten so tun, als hätten Sie nichts gehört.

Problem: Ihr Kind wird ein zweites Mal fragen, und die Frage spätestens beim dritten Mal quer durch den Kindergarten brüllen.

2 – Die Abwehr
Erst das Kind mundtot machen und dann die Stille überbrücken: «Schschscht! Gopf! Gehts noch? Jaaa … ähem … Frau Stückelberger, Ihr Kind hat ja wirklich ein gaaaanz schönes Räbeliechtli geschnitzt. Toll! So schön … hehe.»

Problem: Der Schaden ist bereits angerichtet. Durch diese Reaktion stellen Sie lediglich Ihre Verlegenheit zur Schau.

3 – Die Aufarbeitung
Wer schon vor der Geburt zwölf Erziehungsratgeber gelesen hat, sucht in so einem Moment das Gespräch mit dem Kind: «Warum denkst du, dass die Frau einen Bart hat?» oder «Frag die Frau doch gleich selber, Sebastian.»

Problem: Pädagogisch ist das natürlich vorbildlich, aber Sie laufen Gefahr, den Karren noch tiefer in den Dreck zu reiten.

4 – Der Humor
Man könnte die Stimmung auch mit einem Witzchen rumreissen: «Haha, Kind, das ist doch kein Bart. DAS ist ein Bart.» (Und sich dabei stolz durch den eigenen Bart streichen.)

Problem: Das braucht einiges an Schlagfertigkeit und funktioniert nur situativ. Durch den eigenen Bart streichen erfordert zum Beispiel einen eigenen Bart. Nicht so gut wäre es, stattdessen auf eine andere Mutter mit noch mehr Bart zu zeigen.

5 – Die Demut
Klar, man kann sich ganz einfach beim Opfer entschuldigen: «Jesses, also nein aber auch! Entschuldigung, Frau Stückelberger, das ist mir jetzt gar nicht recht.»

Problem: Die Variante ist etwas gar unterwürfig und strahlt wenig Souveränität aus.

Je nach Schwere der Beleidigung führt aber kein Weg an Variante 5 vorbei. Mit einer Entschuldigung dürfte die Sache auch angenehm schnell gegessen sein. Vielleicht bin ich doch ganz froh, wenn der Brecht keine heiklen Fragen stellt, sondern gleich «Schafseckel» austeilt.

155 Kommentare zu «Wenn Kinder fremde Menschen beleidigen»

  • Andrea sagt:

    Die Fragen der Kinder sind aus meiner Sicht völlig wertfrei. Sie beobachten etwas Spannendes und teilen es uns mit. Erst durch unserer komischen Reaktion wird den Kindern mitgeteilt, dass an Frauen mit Barthaaren oder dicken Bäuchen etwas nicht in Ordnung sei. Ich versuche die Beobachtung der Kinder aufzunehmen und sag dann so was wie. „Ja schau es gibt Menschen die haben mehr Haare und andere weniger“ respektive „es gibt grosse und kleine und dicke und dünne Menschen.“ Meistens reagieren dann auch die Betroffenen ganz positiv.

    • Amerigo sagt:

      Sie hagen es verstanden, Andrea. Genau so isses. Und wenn die Betroffene halt einen Damenbart hat, dann ist das in Zeiten von Conchita Wurst ja auch kein Aufreger mehr. Ist halt so.

    • Andrea sagt:

      Übrigens sobald die Kinder etwas älter sind und „gelernt“ haben, was der gesellschaftlichen Norm entspricht, dann sagen sie in solchen Situationen: „Mami i muess dir öppis chüschele“ und flüstern einem ihre Beobachtung ins Ohr. Das tun sie oft so auffällig, dass die betroffene Person mitbekommt, dass es um sie geht. Das empfinde ich als viel unangenehmer.

    • Mamivon4 sagt:

      So mache ich es auch.

      …und ich habe bei vier Kindern schon einige solcher Situationen erlebt ;0)

  • Amerigo sagt:

    Wer sich von einem Kind beleidigen lässt, hat Arbeit mit sich selber zu erledigen. Das Beleidigtseinwollen ist kein Menschenrecht.

    • Flo sagt:

      Da möchte ich ihnen schon widersprechen: auch Kinder, auch kleine Kinder können so etwas wie anstand erlernen, das heisst es muss ihnen vorgelebt werden.
      Oder wären/sind sie nicht beleidigt wenn ich sie in der Oeffentlichkeit als blöden, alten ttrottel bezeichen?
      Wenn nicht, sorrydann „beglückwünsche“ ich sie Amerigo zu ihrer Toleranz/Ignoranz

      • Amerigo sagt:

        Im Beispiel geht es um Haare im Gesicht, oder einen dicken Bauch. Wer sich da beleidigt fühlt, hat doch eher ein Problem mit sich selber, das halt durch das Kind aufgedeckt wird.

      • sonic sagt:

        @flo: Ja klar müssen sie Anstand lernen, aber sie kommen noch nicht mit Anstand auf die Welt. Erziehung ist auch im besten Fall ein Prozess. Am Anfang klappts halt noch nicht so..

      • Andrea sagt:

        Für das Kind ist an einem dicken Bauch nichts falsch. Es teilt uns bloss seine Beobachtung mit. Es könnte geradesogut sagen: „Schau da ist eine Frau mit einem roten Mantel“. Wenn wir uns entschuldigen oder dem Kind sagen, dass es dass nicht sagen darf, dann teilen wir dem Kind und der betroffenen Person mit, dass wir dicke Bäuche nicht in Ordnung finden. (im Gegensatz zu roten Mänteln.)

      • Susi sagt:

        Dicke Bäuche sind meistens tatsächlich nicht in Ordnung
        😀

  • tststs sagt:

    Nun ja, die Reaktion sollte in aller erster Linie von der Intention des Kindes abhängen! WILL das Kind beleidigen oder nennt es einfach einen Sachverhalt (wie IMHO in obigem Bart-Beispiel)!
    Trifft Fall 1 zu: sofort tadeln/befehlen, man macht sich nicht über andere lustig (gerne auch mit dem Satz „Du häsches au nöd gern, wenn ich Dir eifach so XY sage“)
    Trifft Fall 2 zu: mit einem Lächeln sagen „ja, du häsch rächt, aber mer redet nöd über anderi Lüüt und wie sie usgsehnd“

    • tststs sagt:

      Gerne möchte ich noch ein Beispiel aus eigener Erfahrung anhängen:
      Vor ein paar Jahren, zoologisches Museum mit zwei meiner Göttikinder, die Jüngere knapp 3 Jahre alt, ein Tetraplegiker besucht die Ausstellung, „lueg emal Gotti, dä isch mitem Töff innegfahre“ und zwar in Hörweite des Betroffenen, er fand es offensichtlich amüsant 🙂

  • Irene Stepanek-Sennhauser sagt:

    Zwei Beispiele: Ich, 62, erinnere mich daran, dass ich meine Mutter mit „Kuh“ titulierte, da ich von einer Schulfreundin hörte, wie sie das mit ihrem Kindermädchen tat. Das wollte ich ganz einfach auch ausprobieren. Meine Mutter sah mich so perplex und strafend an, dass ich dies nie mehr tat. Meine Enkelin, 4 Jahre, hörte, wie ein Familienmitglied eine Dame im Fernsehprogramm als „blöd“ bezeichnete. Eine halbe Stunde später probierte sie dies an mir, der Grossmutter, aus. Mein Sohn, der das mitanhörte, wies sie sofort zurecht. Offenbar wurde der Vorfall in der jungen Familie besprochen und Folge war, dass die Kleine mit dem Vater im Hintergrund nochmals zu mir kommen musste und eine deutliche Entschuldigung vorbrachte. Ich finde gut, wenn Kinder lernen -wie auch immer- was sich gehört.

  • Reincarnation of XY sagt:

    Ist doch überhaupt kein Problem. Selbst der „Beleidigte“ weiss, dass es kindliche Unschuld ist.

    Und nebenbei: der Nutzen ist auch, dass die Leute wieder mal hören, wie sie auf einen neutralen, nicht bös-willigen Beobachter wirken.

    Mit den Worten muss man aufpassen. Aber es ist schon interessant, wie Kinder selbst aus dem Radio ausgerechnet „Motherfucker“ und „Son of a bitch“ aufschnappen und singen.

  • dres sagt:

    Solche Kinder gehören verwahrt oder zumindest ausgeschafft. Zum Glück ist das doofe Sirenengeheul vorbei…

  • Flo sagt:

    Wenn Kinder fremde Menschen beleidigen: gerade vor einer Stunde im Grossverteiler erlebt:
    Mutter mit ca. 11-12 jähr. Mädchen, Mutter am Einkaufswagen zur Smartphon malträtierenden Tochter; hol uns bitte noch 2-3 Joghurt – Tochter: geh doch selber, hast ja auch Beine Alte! – Mutter geht wortlos zur Kühltheke!

    • Reincarnation of XY sagt:

      ach die schlimm verzogenen Kinder von Heute – man hört jetzt schon seit 20,30,40, Jahren diese Geschichten.
      Aber viel schlimmer als diese Kinder sind doch Erwachsene, die einen simplen Text nicht verstehen:
      es geht um Kinder – nicht um Pubertierende
      es geht um Kinder, die unabsichtlich „beleidigen“, aufgrund einer herzigen Ehrlichkeit (noch nicht vorhandenen Sozialkompetenz)

      es geht um Fremde – nicht um die eigene Mutter, gegenüber der man den Aufstand übt

      Also Flo – Note 1 , Text von A-Z nicht verstanden

      • Grossmami sagt:

        Beim 3-jährigen ist das noch kein Drama. Aber wann wollen Sie denn beginnen, Ihr Kind zu erziehen? Wenn der Jööh-Effekt vorbei ist, wird es zu spät sein. Mami/Papi sollten das Ereignis mit dem Nachwuchs besprechen. Ausserdem: Kinder merken sehr wohl und sehr rasch schon, wenn sie jemanden verbal verletzen. Und was dann die Eltern nicht gemahnt haben, ist dann wohl auch nicht so arg und kann man wieder machen.

      • Reincarnation of XY sagt:

        Text ebenfalls nicht verstanden

        zu ihrer Frage: wir erziehen unsere Kinder laufend -seit dem 1. Tag ihrer Geburt

        wir bekommen von KIGA und Schule sehr positive Feedbacks und zwischendurch auch von diversen 3. Personen

  • Martin sagt:

    Beleidigung in der Höflichkeitsform: z.B. „Sie Trottel Sie …. ?“

  • Danny sagt:

    Beim Namen des kleinen musste ich spontan lachen (und an den Kopf fassen). Welche Trottel geben einem Kind so einen Namen?

  • Anna Meier sagt:

    Hui, also in dem Alter schon Schafseckel? Da ist die Karriere auf der Baustelle ja praktisch vorprogrammiert 😀 So gehts natürlich auch.. hahaha

  • Aber Hallo sagt:

    ….mein 2.5 jähriges Kind (welches gerne „Huere Schissdräck“ sagt – auch süss., nicht..?“, schaut einen jungen Mann mit unreiner Haut an. Plötzlich zeigt es auf einen anderen Mann und sagt „Das isch ä Maa“. Dann zeigt es auf denn jungen Mann und sagt „U das isch äs Bibeli“. Ja ich weiss, das war erst der Anfang….

  • Thyl STEINEMANN sagt:

    Alles nur halb so schlimm — viel schlimmer war es, als unsere Mutter nach dem Besuch des Strandbades im Tram lauthals zu uns Kindern sagte: „Ich habe keine Unterhosen angezogen !“
    Da schämten wir uns wirklich in den Boden, denn die Trampassagiere schauten uns sehr schief an. . . .

  • Pablo S. sagt:

    Mich würde interessieren wie die alten Römer ihren Kindern Manieren beibrachten. Die hatten nicht einmal einen ‚Mamablog‘ und trotzdem sind dort Leute wie Cicero oder Tacitus gross geworden. Das lag vielleicht am Charme der Kindermädchen.

    • Muttis Liebling sagt:

      Seit der griechischen Antike bis in die Neuzeit war es in aristokratischen Familien üblich, die Kinder frühzeitig von der Mutter zu trennen und durch Privatlehrer nach strengen Regeln erziehen zu lassen.

      Das Geheimnis guter Erziehung besteht in Autorität, Drill und einem sehr hohen Niveau der Bildungsvermittlung so früh als möglich.

  • Peter Lüthi sagt:

    Wie kommt man eigentlich darauf, ein Kind ‚Brecht‘ zu nennen? Forcierte Originalität? Demonstrierte Belesenheit? Oder ist das in einer mir noch unbekannten Ethnie ein gängiger Vorname?

    • Hanspeter Müller sagt:

      Seit ich gelesen habe dass „der Brecht“ eine Sie ist, gefällt mir der Name noch besser. Aber Sie meinen doch nicht, dass der Autor den richtigen Namen des Kindes preis gibt, wenn er richtiger Weise auch das Foto abschneidet?

  • Hedy sagt:

    Kinder lernen von den Eltern in den ersten Lebensjahren!

Kommentar

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