Wo Muttersein eine Religion ist

Ein Gastbeitrag von Sarah Pfäffli*

Bevor man ein Kind bekommt, hat man ja allerlei Prinzipien und Vorstellungen, die sich allesamt im Moment der Geburt in Luft auflösen, weil: So ist es halt. Und es hat schon seinen Sinn, dass Eltern in Quietschstimme sprechen, ihre Nase in den Windelpo des Kindes drücken und um 19 Uhr daheim sein müssen, um das Baby ins Bett zu bringen. Diesen universellen Gesetzen kann sich niemand entziehen, da kann man es sich noch so vornehmen.

Und so landete auch ich wider all meine guten Vorsätze plötzlich in mehreren Facebook-Müttergruppen. Konkret Mütterflohmarktgruppen.

Inzwischen ist das Konsultieren dieser Foren eines meiner Hobbys. Es ist wie ein nie enden wollender Slapstickfilm: Das Hinschauen tut weh, aber man kann doch nicht anders. Die «Mamis» (so sprechen sie einander an) schreiben bevorzugt auf Schweizerdeutsch und leiden oft an Satzzeichen- und Emoji-Diarrhöe. «Will denn wirklich niemand diesen Kinderwagen????? Unglaublich!!!!!», steht in der Kinderflohmarktgruppe unter dem Foto eines unglaublich!!!!! leuchtpinkigen Kinderwagens.

Bemerkenswert sind aber insbesondere die Interaktionen zwischen den Teilnehmerinnen. Denn wehe jenem Mami, das sich nicht an die aktuellen Müttergebote hält. Und die lauten (Liste nicht abgeschlossen):

  1. Familienbett ist das einzig Wahre.
  2. Babytragen, bei denen das Kind nach vorne rausguckt, sind des Teufels.
  3. Stillen ist heilig.
  4. Schreien lassen ist quasi eine Foltermethode.
  5. Dem Kind das Handy geben: verboten.
  6. Statt gekauften Brei könnte man auch Rattengift verfüttern.
  7. Kinder, die per Kaiserschnitt zur Welt kamen, sind nicht mehr zu retten, schuld ist natürlich: die Mutter.

2Und so endet jeder Beitrag, in dem eine Mutter beispielsweise eine dieser verbotenen Babytragen zu kaufen sucht, in einer immer aggressiver werdenden Kommentarkaskade. Es fängt meist mit einer unschuldigen Frage an: «Darf ich fragen, weshalb du ausgerechnet DIE Tragehilfe suchst? Es gibt sooo viele bessere!», und dann brechen alle Dämme: «Wollte ich auch grad schreiben», und Hinweise auf Artikel, die aufzeigen, weshalb jedes Kind mit einem irreparablen Schaden aufwachsen wird, das so rumgetragen wird. Auch ein Buch mit einer offenbar verbotenen Schlafmethode («Jedes Kind kann schlafen lernen») verkaufen zu wollen, ist eine Untat, die sogleich mit entsprechenden Kommentarsalven bestraft wird.

Aus jeder scheinbar noch so unschuldigen Frage kann eine Grundsatzdebatte erwachsen, was nun ein gutes Mami tun muss oder lässt. Mutterschaft ist hier eine Religion.

Häufig wird auch Streit um die feilgebotenen Waren öffentlich ausgetragen, besonders liebe ich passiv-aggressive Einträge: «Ich finde es einfach schade, dass es Mamis gibt, die es nötig haben, bestellte Ware nicht zu bezahlen.» Im unterhaltsamsten Fall kommt es zu einer fiesen Fehde mit öffentlichem Pranger: «Nur damit ihr es wisst: Ich habe Probleme mit (voller Name), nicht umgekehrt! Nur weil es mir in der SS nicht gut geht (Anm. d. Red.: «SS» heisst nicht «Schutzstaffel», sondern «Schwangerschaft») und ich deshalb meine Sachen noch nicht abholen konnte, wird sie beleidigend und tickt aus! Unreif so etwas! Ich lasse mich nicht fertigmachen!» (Natürlich auf Mundart, der Verständlichkeit halber übersetzt.)

1Was für ein Bild geben die Frauen hier von sich ab! Die typische Mutter, so scheint es, ist eine den ganzen Tag auf Facebook verbringende, salzteigbastelnde, hausdekorierende, dauerstillende, schnäppchenjagende, quasi-religiöse, belehrende, besserwisserische, aufopfernde, nimmermüde Überfrau. Mamis, ein wenig Humor und Selbstironie könnten manchmal nicht schaden (und damit meine ich nicht eine Zeile zwinkernder Emojis)! Mütterbashing (ja, ich weiss, auch mein eigenes) ist doch gaga. Ist es nicht schon anstrengend genug, dieses Elternding irgendwie halbwegs hinzukriegen? Da müssen wir uns nicht noch gegenseitig erziehen.

Und doch: Wie bei einem Verkehrsunfall muss ich immer wieder schauen, was gerade so läuft. Mütter-Facebook-Gruppen sind meine private kleine Comedyserie.

Gern würde ich mal selbst ein wenig in den Plot reinfunken. Zum Beispiel mit einem Beitrag wie diesem: «Hallo Mamis! Ich suche noch folgende Gegenstände für unsere Erstausstattung: 1. Babybjörn-Trage, 2. Laufgitter, 3. Leine für Kleinkind, 4. Buch zum Thema Ferber-Schlafmethode, 5. Ohrenschutz (Pamir) (für Erwachsene). PS: Hat jemand iPhone-App-Tipps für ein Neugeborenes? Und gibt es Frauen hier, die auch einen geplanten Kaiserschnitt wollen? Merci!!!!!!!!!!

Wahrscheinlich wäre ich bald ein digital gesteinigtes Mami.

186 Kommentare zu «Wo Muttersein eine Religion ist»

  • Nadine sagt:

    Ich amüdiere mich köstlich im blog; vielen Dank -ach übrigens: ‚weg mit den unis und her mit dfn fachhochschulen!‘ 😉

  • Hans Hintermeier sagt:

    Mir war wichtig aufzuzeigen, dass in den Zeitungen/Bildungsinstitutionen die Gegenreligion zur Mutterreligion (Muttersein ist nicht wichtig, was zählt ist die Karriere) präsenter ist mit missionieren (siehe u.a. diesen Artikel) und diffamieren (konstantes bashing von Müttern, die zuhause bei den Kindern sind, die seien ja alle am verblöden). Diese Strömung hat auch richtige religiöse Züge angenommen , insofern könnte man den Titel auch drehen: „Wo Karriere/Erwerbsarbeit eine Religion ist (und über ALLEM steht, Einkommen ist das summum bonum)“.
    Ich unterstütze den Vorschlag von „Samichlous“ auch über die Dogmen/Tabus dieser Wirtschaftsreligion einen Blogbeitrag zu schreiben. Darf man das überhaupt oder wird man dann als Häretiker fertig gemacht, weil man nicht politisch korrekt war?

  • simone sagt:

    Hi hi hi!!! lach mich kaputt!! genau so ist es. Ich inkl. 🙂

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