Vernetzen statt lästern

Ein Gastbeitrag von Ingrid Eva Liedtke*

: Szene aus «The Devil Wears Prada» mit Anne Hathaway und Meryl Streep. (Reuters)

Keine Rückendeckung: Szene aus «The Devil Wears Prada» mit Anne Hathaway und Meryl Streep. (Reuters)

Am Dienstagabend auf dem Heimweg aus den Bergen habe ich mir eine Radiosendung auf SRF 2 angehört zum Thema «Frauen machen Karriere». Immer wieder beschäftigt auch mich die Frage, was wir unseren weiblichen Nachkommen mit auf den Weg geben können, damit sie es leichter haben, einen gleichberechtigten Platz in unserer Gesellschaft einzunehmen. Habe ich es geschafft? Welches sind die Kriterien, wonach wir beurteilen, ob jemand Karriere gemacht hat? Was bedeutet Karriere?

Diese erste Frage an die zwei Frauen, Nationalrätin Yvonne Feri und Esther Niffenegger, Offizier der Schweizer Armee und Karrierefrau, ergab für mich erstaunliche und unerwartete Antworten. Karriere bedeutet für beide Entwicklung. Einstimmig fallen Stichworte wie Weiterbildung, Wachsen, Horizonterweiterung, in Bewegung bleiben. Karriere, ein Weg, den man zurücklegt im persönlichen Wachstum sozusagen, um damit auch der eigenen Sache wie zum Beispiel der eigenen Firma oder dem politischen Engagement zu dienen. Status und hohes Salär blieben unerwähnt. Darüber bin ich erfreut und entspanne mich hinter meinem Steuerrad.

Plötzlich fühle ich mich auch zugehörig. Zählen gar meine Verdienste als Familienfrau, als Mutter von drei Kindern, meine Einsätze für meine Tochter mit Beeinträchtigung, als Beistand und Elternrat und meine diversen Aus- und Weiterbildungen als Karriereschritte? Auch wenn mir deswegen noch nicht der grosse Mammon ins Haus flattert? Mein Selbstbewusstsein kriegt ein wenig Aufschwung, ein so wichtiger Faktor für gezielte Karriereschritte.

Die Anerkennung, sei sie privat oder gesellschaftlich, kann kein Gradmesser sein. Dafür bin vor allem ich zuständig. Wenn ich mir aber vor Augen führe, dass all das Beschriebene – und noch vieles mehr – mich im Leben weitergebracht hat, dazu geführt hat, dass ich gewachsen bin, einen grossen Erfahrungshintergrund habe, auf den ich bauen kann und den ich immer wieder erweitere – damit in Bewegung bleibe: Ja dann ist das eine Karriere!

Vielleicht sind die genannten Werte typisch weiblich. Sie sind auf jeden Fall sehr menschlich. Ich bin eine Frau, und so erscheinen sie mir sehr trefflich und von höherem Nutzen, sowohl für die Persönlichkeitsentwicklung jedes Einzelnen als auch für die Gesellschaft.

Es ist gut möglich, dass Mann zum Thema Karriere noch ein paar Aspekte mehr nennen würde wie ein gutes Einkommen, eine führende Position in einem Unternehmen und… Macht? Auch die beiden Damen würden dies sicher nicht von der Hand weisen, aber irgendwie erhalten diese Punkte kein grosses Gewicht in der Diskussion. Die Freude und die Leidenschaft sowie der Einsatz für die Arbeit, die man liebt, stehen an erster Stelle.

Da kommt die Frage auf, was uns noch fehlt auf unseren Karrierewegen. Neben Mut und einem gewissen Selbstbewusstsein sind es Tages- und Firmenstrukturen, die etwa ein Jobsharing ermöglichen, sowie der passende Partner, damit Frau Karriere und Familie vereinbaren kann. Nicht zu vergessen, ein gutes Netzwerk und mehr weibliche Vorbilder.

Was das Netzwerken anbelangt, können wir wirklich noch viel lernen. Woran liegt es, dass wir Frauen uns so wenig fördern? Es wird vergessen, eine Freundin weiterzuempfehlen, oder der Einladung für die Ladeneröffnung der Kollegin kann nicht Folge geleistet werden, weil man ja selber schon so viele Termine hat. So nehme ich das wahr. Man ist selber so beschäftigt, glaubt, keine Zeit zu haben, und vergisst, dass es immer ein Geben und Nehmen ist. Denn ein anderes Mal könnte es wichtig sein, dass diese Leute sich Zeit nehmen und uns unterstützen.

Ist es Angst vor Abhängigkeit? Falsche Bescheidenheit? Neid? Oder die weibliche Tugend der Zurückhaltung? «Bleib bescheiden und wirke im Hintergrund.» Veraltete Erziehungsmuster? Wohl von allem etwas. Schade!

Wir könnten von den Männern lernen, Seilschaften zu bilden, und sie dann aber mit unserer Intuition und unseren weiblichen Werten füttern. So entstünde eine Kultur der Unterstützung, wo Wachstum, Entwicklung und menschliche Werte hochgehalten werden. Wir brauchen dringend eine weibliche Geschäftskultur. Daraus können die Vorbilder erwachsen, die wir Frauen und unsere Töchter in Zukunft so dringend brauchen, damit wir das Selbstverständnis finden, unseren individuellen Karriereweg zu gehen, und es auch wagen, nach den Sternen zu greifen.

MB_porträt_150*Ingrid Eva Liedtke ist Autorin, psychologische Beraterin und Coach. Sie schreibt den Blog Herzenblühen.

74 Kommentare zu «Vernetzen statt lästern»

  • Lorenz Trachsel sagt:

    Frau Offizier, nicht Offizierin? Wohl überlegt, letzteres würde nämlich etwas dämlich klingen und gar nicht der Respekt erheischenden Funktion entsprechen. Eine Bekannte beharrt darauf, Koch, nicht Köchin, genannt zu werden. Nicht das Geschlecht ist ihr wichtig, sondern die Qualifikation und Profession. Man kann es nämlich auch so sehen: die weibliche Form einer grammatikalisch männlichen Berufsbezeichnung gewichtet das Geschlecht plötzlich mehr als die Funktion, auch eine Art Sexismus.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.