Was würden Sie retten?

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Das Liebste kommt uns immer zuerst in den Sinn. Foto: Youssef Hanna/flickr.com

Eigentlich wäre ich gar nicht da gewesen. Die Kinder hätten sturmfrei gehabt und wir hätten in Wien bei Freunden übernachtet. Aber dann hat sich eine Bronchitis fies über die Vorfreude der Kinder gelegt und ich musste zu Hause bleiben. Entschlossen, das Leben trotz dieser Enttäuschung zu feiern, zog unser Sohn zu einem Freund und mein Mann gönnte sich in den Bergen eine Pause von seiner hustenden, röchelnden Frau.

Meine Tochter und ich wiederum freuten uns auf ein gemütliches Weiberwochenende. Schlechtes Wetter, Pyjama, gut essen, gemeinsam lernen und schreiben.

So ganz gemütlich wurde es aber nicht. Am frühen Samstagmorgen erwachte ich davon, dass mir meine Katze so jämmerlich ins Ohr sang, dass ich das arme Tier am liebsten einem Hund zum Snack vorgeworfen hätte. Doch dann liess mich ein herzzerreissender Schrei aus dem oberen Stock wie eine Tarantel aus dem Bett schnellen. Irgendetwas stimmte da ganz und gar nicht. Sorry, Katze, für meine lange Leitung.

Ich hüpfte in eine Trainingshose, entschlossen, nachzufragen, ob man da oben was helfen könne. Im Treppenhaus traf ich den Nachbarn, in der Hand das Handy. Er sprach gerade mit der Feuerwehr.

Alles klar. Brand im Stock über uns. Wie ein Grossteil der Bevölkerung gehöre auch ich zu den Leuten, die sich zwar über eine zu heisse Tasse Kaffee ärgern können, aber im Ernstfall oft erstaunlich verhältnismässig reagieren, wenigstens wenn es nicht in lebensbedrohlicher Weise um meine eigenen Kinder geht.

Also ging ich ruhig zu meiner Tochter, die das Schreien ebenfalls geweckt hatte, und wir fingen an, alles in Taschen stopfen, was uns etwas bedeutet: Laptop, Handy, Tagebuch, Kinderbriefchen und Stofftiere. Aber was sollten wir für meinen Mann und meinen Sohn einpacken?

Vor gut zwanzig Jahren hatte ich mal in einem Flüchtlingslager unterrichtet und erinnerte mich daran, wie schlimm es für die Menschen auf der Flucht gewesen war, keine Fotos zu haben, mit denen sie sich und mir beweisen konnten, dass sie nicht schon immer in den ärmlichen Sälen einer alten Kaserne gehaust hatten, mit wenig mehr als ihren Kleidern auf dem Leib. Wer Fotos hatte von seinem Haus, von seinem Auto, einer grossen Familie, glücklichen Festen, Hochzeiten, Schulabschlussfeiern, der war jemand, konnte belegen, dass er als freier Mensch und nicht als Flüchtling geboren war.

Aufgrund dieser Erfahrung waren Fotos für mich das Erste, was ich einpacken wollte. Sie sind unsere Geschichte. Bloss wie? Die meisten stecken im Computer meines Mannes. Den konnte ich ja schlecht rausreissen. Und überhaupt, ist heute nicht eh alles auf einer dieser virtuellen Wolken? Keine Ahnung. Mein Jahre altes Konzept, was ich bei einem Feuer machen würde, hatte die technischen Neuerungen der letzten zwanzig Jahre verpennt.

Also beschlossen wir, uns auf die Bilder auf den Handys und Clouds zu verlassen und uns auf die Katzen zu konzentrieren. Wir sperrten sie in die Küche, damit man sie gleich finden würde. Heraustragen konnten wir die verschüchterten Viecher schlecht, denn ihre Körbe sind im Keller.

Endlich waren wir fertig. Doch bis wir uns im Pyjama mit unseren Täschchen vor dem Haus zu den Feuerwehrmännern und der Feuerpolizei gesellten, hatten die bereits Entwarnung gegeben. Ein Zimmerbrand, dank meiner geistesgegenwärtigen Nachbarin rasch eingedämmt. Nur zwei Leichtverletzte und ein grosser Schreck.

Das vermutlich Schlimmste für meine Tochter war, dass ich es mir nicht verkneifen konnte, vor dem grossen Ventilator gegen den Rauch eine Mini-Monroe-Nummer im Nachthemd abzuziehen, ehrlich nur eine ganz klitzekleine, mit zerzaustem Haar und dem kläglichen Krümel Liebreiz, den einem eine Woche im Bett noch übrig lässt. Lustig fand das keiner. Nur ich. Und auch ich nur ein ganz kleines bisschen.

Als wir eine Stunde später wieder am Küchentisch sassen, kam es dann doch noch, das Zittern und das effektive Begreifen, dass es auch anders hätte kommen können. Hier in der Altstadt brennt es oft. Das weiss man, damit lebt man. Aber in solch konkreten Momenten ist es schon etwas unheimlich. Wenig später rief mein Sohn an. Er hatte in einem Chat gelesen, dass es bei uns gebrannt habe. Aus einem Zimmerbrand mit grossem Schutzengel war also bereits eine Instant-Anekdote geworden. Ein schnelllebiges Kokettieren mit der Katastrophe.

Auf den Schreck folgte Beklemmung. Einmal mehr erkennen: Das Leben ist zu weitesten Teilen Glücksache. Denn es war schlicht Glück, dass der Brand bemerkt wurde; Glück, dass die Feuerwehr so rasch da war; Glück, dass wir in einem Land leben, in dem nicht so viele Häuser gleichzeitig niederbrennen, dass keiner mehr kommen kann; Glück, mir überhaupt überlegen zu können, was ich mitnähme, wenn es ernst würde. Ein Konjunktiv, der alles beinhaltet, worum es in diesen Tagen geht.

Und dann war auch sie wieder da: die ohnmächtige Wut. Darüber, wie viele Menschen kein Glück haben und wie viele Leute in unserem Land in der irrigen Vorstellung leben, ihr eigenes Glück sei verdient, sie hätten das Recht darauf und es sei nicht bloss ein Geschenk. Dabei sind wir alle nicht besser als alle anderen. Wir haben nur Glück. Und Glück birgt Verantwortung, selbst wenn es nicht im Beipackzettel steht.

Die kommenden zwei Wochen werde ich diesen Blog von Lesbos aus schreiben. Ich werde über die Situation, das Leben und die Geschichten von Familien auf der Flucht erzählen.

 

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