Was am Ende wichtig ist

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Was ist wichtig? In «The Bucket List» erkennen es Jack Nicholson und Morgan Freeman erst am Ende ihres Lebens. Es lohnt sich, vorher immer wieder Bilanz zu ziehen. Foto: Warner Bros.

Vorsätze fürs nächste Jahr habe ich keine. Bevor ich sie fertig ausformuliert und über den Haufen geworfen hätte, würde ich ja bereits schon die nächsten Weihnachtskekse ausstechen. Dem immer rasanteren Wechsel zwischen Hasen und Engeln mag ich nicht mehr hinterherhecheln.

Dazu ist mir die Sache namens Leben zu unberechenbar, und Vorsätze stehen da nur lästig im Weg herum wie Pylonen auf einer eisigen Autobahn.

Darum habe ich mich für Nachsätze entschieden. Dafür, das Leben als Kontinuum und nicht als Abfolge von ersten Januaren zu begreifen. Hier eine Art Bilanz über den aktuell letzten Abschnitt dieses Bandes aus Tagen.

  • Ich hatte nicht genügend Zeit für meine Freunde. Und das wird auch fortan kaum besser werden. Aber ich werde auch weiterhin immer mal wieder mit diebischer Freude alles stehen und liegen lassen und mit ihnen Kaffee trinken. Zu saftigem Klatsch, selbstironischem Gegackere oder mitfühlenden Tränen, oft zu allem gleichzeitig. Es wird wunderbar.
  • Die Kinder haben mich immer dann wirklich gebraucht, wenn ich am wenigsten damit gerechnet habe. Solange ich wie eine Spinne im Netz auf sie gewartet und mich erkundigt habe, wie es ihnen geht, waren sie schneller weg als Freunde bei einer Magendarmgrippe. Doch wann immer es nötig war, ist irgendwoher ein Schnittchen freie Zeit aufgetaucht. So wird es weiterhin sein.
  • Ich bin nicht dünner geworden. Also werde ich in meinem noch vor mir liegenden Lebens-Kontinuums-Abschnitt vermutlich auch nicht dünner werden. Klar fände ich es schön, doch offenbar ist es mir den Preis nicht wert. Gleiches gilt auch für seriöses Sporttreiben und anverwandte Tugenden. Hätten sie mir wirklich etwas bedeutet, hätte ich mich ihnen bestimmt gewidmet.
  • Ich war nicht immer lieb und nett, hab mich aber, wo nötig, entschuldigt und jeden Morgen versucht, den Tag und mich als Mamandrea so gut wie machbar hinzukriegen. Daran gibts nichts zu ändern, selbst wenn ich wollte.
  • Ich hatte zu wenige Mussestunden mit meinem Mann, obwohl wir seit fast 20 Jahren ständig versuchen, uns mehr davon zu gönnen. Vermutlich sind sie ja gerade deshalb so schön, wenn sie uns dann gelingen.
  • Ich habe meine Schränke zu selten ausgemistet, meine vielen kaputten Kleider nicht alle geflickt, kaum Schuhe zum Schuhmacher gebracht, weder Keller noch Mansarde so gründlich entrümpelt, wie ich wollte – und wieder einmal festgestellt, dass man das problemlos überlebt. Das einzig Ärgerliche daran ist mein sporadisch wiederkehrender Ärger über mich selbst. Und der verfliegt wie Staub.
  • Ich war oft unzufrieden mit mir, aber das hat mir den nötigen Schwung gegeben, nicht aufzuhören, es noch besser machen zu wollen.
  • Ich war oft zufrieden mit mir selbst. Auch das hat mir den nötigen Schwung gegeben, nicht aufzuhören, es noch besser machen zu wollen.
  • Ich bin meiner Familie und meinen Freunden verfallen, immer noch und immer wieder. Ihre Sorgen sind die meinen. Wie auch ihre Freuden. Ob das uns passt oder nicht.
  • Ich habe mit und in Geschichten gelebt. Sie gehen fliessend ineinander über und ziehen sich gegenseitig an und mich mit sich. Ich freue mich auf alle, die weitergehen und noch kommen.
  • Manchmal haben mich Neid, Mutlosigkeit oder Panik vom Sockel gebrettert. Dann bin ich halt wieder aufgestanden, wie wir alle und wie ich es seit Jahrzehnten tue – und auch weiterhin zu tun gedenke.
  • Ah ja, noch was: Ich habe auch dieses Jahr leider die Welt nicht gerettet. Aber ich habe wenigstens noch immer nicht ganz begriffen, dass ich das nie können werde. So soll es bleiben.

Darum mein Nachsatz für mein persönliches Kontinuum von 1969 bis 2015: Danke. Für alles.

19 Kommentare zu «Was am Ende wichtig ist»

  • hago sagt:

    Ein Artikel zum ausdrucken – und das werde ich.
    Aber die Bucket-Liste, die ich immer mal wieder nachführe, halte ich bei. Einfach, damit ich am Ende sagen kann: „schön war’s!“ 🙂

  • Alpöhi sagt:

    Es gelang mir im vergangenen Jahr, mich ein bisschen weniger wichtig zu nehmen. Resultat: Mehr Zeit mit Frau und Kindern und Freunden.

    Und das ist auch das, was am Ende wichtig ist.
    ML hat diesmal schon recht.

  • alam sagt:

    Was am Ende wichtig ist, ist mir ziemlich egal, denn ich lebe jetzt. Aber Ende Jahr zu überlegen, ob ich mich mit mir und anderen wohlgefühlt habe oder wenn nicht, ob ich etwas daran ändern kann macht sicher Sinn. Muss nicht unbedingt Ende Jahr sein, aber ist doch auch eine schöne Tradition!

  • Muttis Liebling sagt:

    Am Ende ist nur eines wichtig. Nicht nur dabei gewesen zu sein.

    • Anh Toàn sagt:

      Da „wir“ als Einzelne genauso wie als menschliche Rasse aus universaler Sicht nicht wichtig sind (verloren in Zeit, Raum und Bedeutung, wie es in Rocky Horror Picture Show heisst), gibt es nur subjektive Wichtigkeit. Subjektive Wichtigkeit endet mit dem Subjekt.

      Am Ende ist nichts wichtig, da ist Ende.

      • Muttis Liebling sagt:

        Ich verstehe mich nicht als Einzelner. Wenn das soziale Leben um mich erlischt, bin ich im nächsten Moment auch tot. Ich bin nur als Teil von Sozialsystemen lebensfähig.

        Deshalb interessiere ich mich schon lange nicht mehr für mich, sondern nur für die Rollen, welche ich in Kontext von (politischer) Öffentlichkeit spiele.

        Sokrates musste sich vor 2400 Jahren vergiften, aber solange über in gesprochen wird, solange Bücher über ihn geschrieben werden, solange lebt er. Nur dieser Teil des Lebens ist interessant, das Private ist belanglos.

        Ob Sokrates pädophil war oder es eher mit Tieren hielt, ob er gross oder klein, hässlich oder schön war. All das ist vollständig gleichgültig.

        Am Ende von mir werden hoffentlich Worte stehen und die sollten noch möglichst lange bestehen.

      • Muttis Liebling sagt:

        Wir haben keinen einzigen überlieferten Satz von Sokrates, kennen ihn nur aus Platons Dialogen.

        Man kann sagen, das Subjekt Sokrates wurde erst nach seinem Tod geboren. Man kann sagen, es gibt den Himmel der Monotheisten, denn Sokrates ist darin genau so geborgen, wie sein Schüler Platon oder Albert Einstein.

        Nur fast alle Personen der Zeitgeschichte, mich inklusive, werden wohl nie aufgenommen werden. Zu leben, um nach Glück und Wohlstand zu streben, ist genau so bedeutungslos, wie nicht geboren zu werden.

        Wer nicht in den Himmel kommt, hat auch nicht gelebt. Nicht in den Himmel kommen, bedeutet vergessen zu werden.

        Am Ende bleibt nur, nicht vergessen zu werden.

      • Anh Toàn sagt:

        @ML „Am Ende von mir werden hoffentlich Worte stehen und die sollten noch möglichst lange bestehen.“

        Ja, um nichts anderes als Unsterblichkeit geht es mir beim Schreiben von Kommentaren:

        Was mal im Internet ist, bleibt da ewig, sagt man!

      • Anh Toàn sagt:

        @ML „Man kann sagen, das Subjekt Sokrates wurde erst nach seinem Tod geboren. “

        Aber dieses Subjekt weiss nicht um seine Existenz, hat kein Bewusstsein, und ist gar kein Subjekt, sondern ist Objekt der Projektionen anderer, ob Plato oder ML.

        Ich denke, was nach mir von mir bleibt, wird mir sowas von egal sein.

      • Muttis Liebling sagt:

        @Anh Toàn , womit bewiesen ist, die Antwort auf die Frage

        «Was am Ende wichtig ist»

        hängt vom Menschen-, damit vom Selbstbild ab.

    • Widerspenstige sagt:

      ML, genau das ist meine Motivation für das Essentielle in meinem Leben: ….nicht nur dabei gewesen zu sein, sondern etwas dazu selber beigetragen zu haben. Auch wenn es hart ist und Anfeindungen und Neid für Getanes und Gesagtes mich umzingeln (sollten). Egal. Ich bin Humanistin und moderate Feministin. Das deckt sich nicht immer, aber genau das ist die tägliche Herausforderung.

      Ich will als Unikat sterben und nicht als Kopie.

  • Severina sagt:

    Ja, ein schöner Text. Gerne schliesse ich mich den „Nachsätzen“ – die ja doch auch Vorsätze sind – der Autorin an. Ein frohes neues Jahr!

  • tina sagt:

    ein schöner text 🙂
    ich mag halt vorsätze und nehme mir ständig dinge vor. bin auch ganz gut darin, mir dinge vorzunehmen, die ich auch einhalte. mein persönliches wettrennen mit mir selbst sozusagen.
    en guete rutsch allen!

  • mami12 sagt:

    Vielen Dank liebe Andrea. Sie haben zwar vielleicht nicht die Welt gerettet, aber zumindest mir ein Lächeln und ein irgendwie gutes Gefühl geschenkt zum Jahresende. In diesem Sinne wünsche ich alles Gute fürs neue Jahr, auf dass es viele erfolgreiche, freudige und genussvolle Momente bringen möge.

  • extraterrestre sagt:

    was am ende bleibt, ist die liebe und das gefühl zusammen zu gehören, füreinander einzustehen un zusammen zu teilen – freude, leid, krankheit,spass, alltag, urlaub, momente, leben. in meinem fall – in erster linie – mit meinem mann und meinen kindern. kann aber auch freund/freundin, partner/in, eltern, grosseltern, tanten, onkel, verwandte, pflegekind, schwiegereltern, etc.etc.etc…. sein. darum: darin zeit investieren, sie ist nie verloren.

  • Muttis Liebling sagt:

    ‚Ich habe mit und in Geschichten gelebt.‘

    Da fehlt das Wort ‚meinen‘ zwischen ‚in‘ und ‚Geschichten‘. Ich lebe schon einige Zeit nur in meinen Geschichten und die sind auch das Einzige, was am Ende bleibt.

  • Anh Toàn sagt:

    Ich habe dieses Jahr zwar nicht die, aber immerhin meine Welt gerettet. Hoffentlich gelingt mir dies auch nächstes Jahr. Voraussetzung dafür ist, zu akzeptieren, dass sich die Welt verändert, dann bleibt sie meine, sonst wird sie mir fremd und ich fremd in ihr.

    • Muttis Liebling sagt:

      Die Welt und meine Welt verschmelzen mit dem Alter. Irgendwann habe ich aufgehört, privat zu sein. Oder anders herum, irgendwann ist die Welt privat geworden.

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