Leben


Michèle Binswanger am Mittwoch den 11. November 2009

Die Bully-Frage

Bully Moe macht Calvin das Leben schwer. Aus dem Comic Calvin and Hobbes, von Bill Waterson.

Bully Moe macht Calvin das Leben schwer. Aus dem Comic «Calvin and Hobbes: Its a magical World» von Bill Waterson.

Spielplätze sind ideale Bühnen für das Schauspiel menschlichen Verhaltens in all seinen faszinierenden Facetten. Nirgendwo lassen sich Kinder und ihre sozialen Interaktionen in freier Wildbahn besser beobachten.

Vergangenen Sommer etwa führte ich an einem hitzigen Tag eine Horde Nachbarskinder in den nahe gelegenen Stadtpark, um sie im dortigen Weiher abzukühlen. Das Wasser war ein einziges Gewimmel kindlicher Gliedmassen und meine Gefolgschaft diffundierte im Getümmel wie Wasserstoffmoleküle auf der Suche nach einer geeigneten chemischen Verbindung. Die Kinder spielten Fangen. Wie ich sie bei ihrem selbstvergessenen Treiben beobachtete, bemerkte ich plötzlich einen etwa sechsjährigen Buben, der sich der Gruppe mit nacktem Oberkörper, geschwellter Brust und nach Manier eines Poulets, mit gespreizten Oberarmen näherte. Er drängte sich mit seinem Dominanzgebaren zwischen meine Kinder, die gar nicht auf den Störenfried eingingen, so dass sich ihm keinerlei Angriffsfläche bot, worauf er seinen Versuch schliesslich aufgab. Ein klassischer Bully im Trainingsgelände für späteren Terror an allfälligen Mitschülern.

Solchen Bullys begegnet man mit schöner Regelmässigkeit. Sie bewerfen andere Kinder mit Sand oder mopsen ihnen den Ball. Meistens materialisiert sich in ihrem Gefolge unverzüglich eine Mutter mit erhobenem Zeigefinger und ermahnt den Bösewicht, lieb zu sein, den Ball zurückzugeben und sich gut aufzuführen.

Allerdings nicht immer. Was die Erwachsenen vor knifflige Fragen stellt.

Ein Freund schilderte mir neulich folgende Situation: Sein Sohn, 17 Monate, buddelte im Sandkasten, als ein deutlich älteres Kind sich mit einem Kessel voller Sand näherte, um ihn über dem Kopf des Kleineren zu entleeren. Mein Freund fand das nicht lustig. Und als die Mater ex Machina auf sich warten liess, die solches Verhalten hätte geisseln sollen, griff der Freund kurzerhand selber zum Kesseli, füllte es mit Sand und liess selbigen auf den Kopf des Bullys regnen.

«Wie», fragte mich der Freund später, «muss man in einer solchen Situation reagieren?»

Eine knifflige Frage. Ich bin nicht der Meinung, dass Eltern einen Exklusivanspruch auf die Erziehung ihrer Kinder haben, besonders wenn sie anderen schaden. Deshalb habe ich in entsprechenden Momenten keinerlei Hemmungen, den Bullys mit Donnerstimme die Grundlagen sozialverträglichen Verhaltens nahezubringen, mit leiser Wehmut ob der Gewissheit, dass dies wenig bis gar nichts bewirken wird. Doch trotz biblischem Furor glaube ich nicht, dass man bei Kindern Gleiches mit Gleichem vergelten sollte. Ausserdem neigt man, wenn es um die eigenen Kinder geht, nicht gerade zur Objektivität.

Was meinen Sie? Lernt ein Bully so vielleicht, dass sein Verhalten sehr unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen kann? Oder sieht er sich in seiner Weltsicht bestätigt, dass der Stärkere grundsätzlich recht hat? Verhielt mein Freund sich vielleicht selber wie ein Bully höherer Ordnung?

Wie auch immer, das Erlebnis erwies sich letztlich als Lektion. Denn kaum hatte das erste Sandkorn aus dem Kesseli den Schädel des Bullys getroffen, kam die zuvor auffällig abwesende Mutter in gestrecktem Galopp angerannt und nur mit Mühe konnte der Freund verhindern, dass sie ihm mit dem Kesseli den Schädel einschlug. Ja, Spielplätze sind eine vortreffliche Bühne für Menschliches, Allzumenschliches.

125 Kommentare zu „Die Bully-Frage“

  1. georg sagt:

    als siebenjähriger hatte ich auch mit einem bully zu tun – das ging bis zur dritten klasse. als das einzige “ausländerkind” im dorfe war ich leider immer wieder die zielscheibe. da er die ganze klasse mehr oder weniger mobilisieren konnte, mich regelmässig zusammenzuschlagen und nach der schule bis vor die haustüre zu verfolgen, habe ich in der folge eine soziale angst entwickelt. sogar jetzt, im erwachsenenalter ertappe ich mich regelmässig, wie ich mühe mit vertrauen zu anderen habe. deshalb finde ich es sinnvoll, wenn nicht einfach weggeschaut wird. meine eltern haben damals nicht darauf geachtet und mir sogar gesagt, dass ich entweder mich selber verteidigen oder dann halt einstecken müsste. ich hoffe, ihre kinder werden niemals in der gleichen situation sein.

  2. Brunhild Steiner sagt:

    @georg: das muss ja ziemlich schrecklich gewesen sein. Und der Kommentar Ihrer Eltern enorm unterstützend… . Ich kann mir nicht vorstellen, dass niemand von den anderen Eltern da nie irgendetwas mitbekommen haben soll, wenn fast die ganze Klasse da aktiv mitmachte, irgendein Kind wird doch zuhause mal den einen oder anderen Kommentar abgegeben haben?
    Und da würde ich mich als Elternteil ebenfalls in der Verantwortung fühlen, nicht nur das eigene Kind vor dem Bully zu schützen, sondern auch ein anderes Kind vor einem fremden oder meinem Bully. In Ihrem Fall hat die soziale Kontrolle aufs schlimmste versagt.
    Fürs heutige Leben wünsche ich Ihnen viel mutmachende Erfahrungen und dass sich Ihr Vertrauen lohnen darf!

  3. Chris sagt:

    In meinem Fall zugezogen, anderer Dialekt, eher schmächtig.. Hab das jahrelang mitgemacht, bis ich in der 2ten Oberstufe dann dem Ober-Bully mal dermassen die Ohren langezogen hab, dass Sie Ihn heute wohl noch schmerzen. Von da an hatte ich meine Ruhe!

  4. Markus Schmidt sagt:

    Ja, ging mir so im Kindergarten. Da biß mir ein stinkender Proll – Bully immer in meine mitgebrachten Tomaten, und weil er ein Türke war, durfte er das auch: so meinten es jedenfalls die “Erzieherinnen”.
    Ich bekam dadurch regelmäßig bis zu meinen 17 Lebensjahr immer Ausschlag beim Essen von Tomatenspeisen.
    Dann allerdings hatte ich die Gelegenheit, diesen stinkenden Türken und seine Proll – Kollis mit einer Baustellenabsperrung so richtig zu ” verwamschen” und sie ins Krankenhaus hinein zu prügeln. Toll, seit dem Tag kann ich wieder Tomaten essen.
    Und – ich meine, es sollte die Zivilcourage schon in der Kindheit gezeigt werden, auch wenn es sich um fremde Kinder handelt, denen man gegen einen verzogenen Proll – Bully helfen muß, selbst auf die Gefahr, daß man möglicherweise auch die Proll – Eltern maßregelt, wenn nötig auch körperlich. ( Vorher aber ein Beweisfoto, oder noch besser eine Videodukumentation, sonst stehen die Prolls unter Naturschutz) (lach!)

  5. Hans mit Erfahrung sagt:

    Meiner Frau wies vor rund 10 Jahren – oder sind’s mehr? – einen kleinen Bully zurecht. Der zog beleidift von dannen und ging nach Hause. Als seine Mutti abends heimkam, heulte er ihr offenbar seinen Schmerz in die Ohren. Die Mutti zog mit Papi, Bully und jüngerem Bruder vor unsere Haustüre, läutete und sagte meiner Frau so richtig alle Schande, was für ein gefühlloses Monster sie sei. Mehr noch: Sie malte uns in den schwärzesten Tönen aus, was unsere eigenen gleichaltrigen Kinder wohl später alles verbrechen würden. Meine Frau war zuerst geschockt, brachte aber am nächsten Tag der Bully-Mutter den Hausschlüssel zurück, mit dem sie jeweils die Ehre hatte, ihr Haus samt Katzen etc. zu hüten bei der Abwesenheit der Bully-Mutter. Zugleich kündete sie der Bully-Mutter unmissverständlich die Freundschaft. Diese war sprachlos. Später kam der Dr.-Dr.-Bully-Papi vorbei und klagte er sei konsterniert. Egal, die Freundschaft war hin. Sowohl bei uns Alten wie ein wenig später auch bei unseren Jungen. Fazit: Gut hat dem kleinen Bully jemand die Meinung gesagt, geschadet hats ihm offenbar nicht. Und unsere Kinder haben sich auch nicht zu Verbrechern entwickelt. Leute habt keine Angst vor Bullys, auch nicht vor deren Väter und Mütter!

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