Leben


Nicole Althaus am Dienstag den 10. November 2009

Mit Klatsch und Tratsch zum Impfentscheid

Was die Freundin tut, ist mindestens so wichtig, wie das, was der Experte sagt

Was die Freundin tut, ist mindestens so wichtig, wie das, was der Experte sagt

Die Schweiz scheint nur noch aus Seuchenexperten zu bestehen: Übers Wochenende lieferte sich die Mamablogleserschaft eine engagierte Debatte zur Schweinegrippe-Impfung. In der Nachbarschaft mailen sich Mütter statt Guetslirezepte die neusten Pandemie-Erkenntnisse zu. Und gestern Morgen hörte ich drei Frauen miteinander über die Vor-und Nachteile der H1N1-Impfung diskutieren, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht, als mit Adjuvanzen und anaphylaktischen Schocks zu jonglieren. Nur der Gemüsestand und die Kleinkinder, die derweil im Einkaufswagen ein Weggli einspeichelten, erinnerten mich daran, dass ich mich in der Migros befand und nicht an einem Kongress für Virologen. «Impfst Du?», wurde ich allein zwischen Milch- und Zahnpastaregal dreimal gefragt. Die Frage ist auf dem besten Weg, zum Synonym für «guten Tag» zu werden.

Natürlich bin ich in dieser Frage ebenso ratlos wie die meisten anderen Mütter und Väter. Deshalb grüsse ich jeweils mit einem «keine Ahnung» zurück. Das ist keine gute Antwort, ich weiss, aber die einzig ehrliche. Denn erwiesen ist bisher tatsächlich bloss, dass noch nichts erwiesen ist: Wie gefährlich die Schweinegrippe wird, vermag niemand zu sagen. Wie sicher die Impfung ist und welche Nebenwirkungen sie zeitigt, auch nicht. Wer etwas anderes behauptet, gehört bereits einer Glaubensgemeinschaft an, er ist Impfbefürworter oder Impfgegner.

Ich habe meine Töchter beim Kinderarzt vorsorglich auf die Impfliste setzten lassen und werde mich Anfang Dezember, wenn der Impfstoff auch für die Nichtrisikogruppe erhältlich ist, entscheiden müssen. Nach bestem Wissen und Gewissen, wie man so schön sagt. Aber vielleicht sollte es besser nach bestem Herumfragen und Herumhören heissen. Denn eines sollte man aus den Bedrohungen wie Aids oder BSE gelernt haben: Das Publikum nimmt ein Risiko anders war als der Versicherungsmathematiker. Für den Laien ist das, was in der Nachbarschaft passiert, die Schwester oder Schwägerin denkt und tut, entscheidender als die Gleichung, die ihm Bundesbern vorrechnet.

In der Soziologie nennt man dieses Phänomen «Gruppendenken»: Menschen passen ihr Denken der Mehrheitsmeinung an, egal ob diese nun besonders schlau ist oder nicht.  In Sachen Schweinegrippe konnte man diesen Prozess bereits im Sommer beobachten: Damals war es nicht konform, den Virus als  ernsthafte Bedrohung wahrzunehmen. Wer Schutzmasken kaufte, wurde belächelt. Die Schweinegrippe taugte gerade noch zum Kalauer. Jetzt wo die Nachbarn im Bett liegen und Schulklassen geschlossen werden, sieht eine Mehrheit im H1N1-Virus plötzlich wieder das, was er immer war: ein Krankheitserreger.

Der Impfung dürfte eine ähnliche Karriere bevorstehen. Noch ist die Mehrheit skeptisch. Doch ein einziger schlimmer Schweinegrippefall in der Familie oder Nachbarschaft, kann diese Haltung  ins Wanken bringen. Auf der Post wird man der Bekannten davon erzählen und im Kaffee der Freundin.  Auch wenn sich am Risiko für den Einzelnen nicht das Geringste geändert haben wird, so wird doch die Wahrnehmung des Riskos dadurch sprunghaft ansteigen.

Der Klatsch und Tratsch der Mütter am Gemüsestand könnte also  die erwartete Impfquote von 10 Prozent massiv beeinflussen. Das ist zwar nicht vernünftig, aber menschlich. Und wahrscheinlich gar nicht die ungesündeste aller Einflussnahmen, oder?

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497 Kommentare zu „Mit Klatsch und Tratsch zum Impfentscheid“

  1. Küdde Rechsteiner sagt:

    @katharina:

    ““Dies wird sich aber erst in einigen Jahren bestätigen lassen, wenn unter Geimpften die Krebsrate tatsächlich sinkt” – sollte in den klinischen tests nachgewiesen worden sein. erst NACH den klinischen testst wird das Medi zugelassen.”

    in diesem fall nicht. da es jahrzehnte geht, bis ein gebärmutterhalskrebs ausbricht nach einer HP-infektion, wollte man aus ethischen gründen nicht warten. in der zwischenzeit wären viele menschen daran erkrankt und gestorben, welche nicht von der impfung profitiert hätten können.

    ich zitier aus laura’s link: http://www.krebsinformationsdienst.de/themen/vorbeugung/hpv-impfung.php

    “Studien, die auf eine schützende Wirkung der Impfstoffe vor den beschriebenen Veränderungen am Gebärmutterhals hinweisen, liegen schon seit längerem vor. Im Durchschnitt vergehen allerdings 15 Jahre, bis aus HPV-infizierten Schleimhautzellen der Zervix ein Karzinom entsteht. Der zweifelsfreie Nachweis einer krebsverhütenden Wirkung hätte also Jahre und Jahrzehnte der Prüfung vorausgesetzt, bevor die Impfstoffe hätten zugelassen werden können.”

    “Weil es Jahrzehnte bis zum vollständigen Nachweis auch eines Schutzes vor Krebs gedauert hätte, entschlossen sich viele nationale Gesundheitsbehörden weltweit, auch die Verantwortlichen in Deutschland, vor dem Vorliegen dieser abschließenden Ergebnisse zur Empfehlung der Impfung.”

  2. Küdde Rechsteiner sagt:

    zu der aktuellen meldung von nebenwirkung zur schweinegrippeimpfung:

    ich finde diese meldung nicht speziell. man muss folgendes anschauen, es handelt sich um VERDACHTSFÄLLE, welche zeitlich aufgetreten sind mit der impfung, das heisst nicht, dass es unbedingt mit der impfung zu tun hat. und zweitens, die hohe anzahl der impfungen: 1 mio aufwärts.

    das paul-ehrlich institut hat für deutschland eine statistik ausgegeben, welche besagt, dass die schweren nebenwirkungen nicht viel mehr vorkommen als bei der saisonalen grippeimpfung.

  3. Brunhild Steiner sagt:

    @Küdde Rechsteiner: bin Ihrem link gefolgt, aber er widerspricht mir nicht unbedingt. Dass es die Probleme gibt bestreite ich nicht. Und wenn organisch bedingt, bspw. bei Lähmungen etc. wirklich ein Problem. Aber ich stelle auch fest, dass viele ein Problem damit haben, weil sie sich an zu hohen Messlatten messen, schon nur das geläufige Wort “ein Mann kann immer”,
    wer sagt denn das und warum? Und warum sollte das erstrebenswert sein, resp. “krank” wenn es nicht so ist?
    Vieles kann sich durchaus entspannen, wenn der eigene Lebensstil, die persönlichen Überzeugungen etc. genauer angeschaut werden. Aber das ist mit mehr Aufwand verbunden als eine Pille einwerfen.
    Und betrifft eben viele Medis die für mich in die lifestyle-Abteilung gehören.

  4. Küdde Rechsteiner sagt:

    “…hohen Messlatten….”

    gut gesagt, passt ja zum thema ;)

    nun… wer sagt, dass man gleich viagra kauft, wenn es ab und zu nicht klappt? mir gehts hier um leute, die regelmässig probleme damit haben, oft über längere zeit oder sogar für immer… und da hat auch die ehefrau wohl nicht so freude…..

  5. Brunhild Steiner sagt:

    ich befürchte einfach, dass das zahlenmässig eine eher kleine Kundengruppe ist, die Pharma im Hinterkopf ganz bewusst ein schon breiteres Klientelspektrum anvisierte, und durch PR erfolgreich mobilisierte. Wie sie es danach auch bei den Frauen versucht haben durch breite Streuung von Artikeln, Untersuchungen uä zum Thema “sexuelle Unzufriedenheit bei der Frau” und der heldenhaften Pharma, die sich endlich dieses Problems annimmt und nach Lösungen,-
    Lösungen in Pillenform selbstverständlich, sucht.
    Tja, bin da einfach zu kritisch und voreingenommen!
    Aber, lassen Sie doch hören was sich an der Impf und Grippenfront so alles tut :-)

  6. Küdde Rechsteiner sagt:

    :)

    grippefront: mildeste pandemie bisher seit aufzeichnungen gemessen an den anzahl toten. aber das ganze ist natürlich noch nicht fertig, mal schauen was noch auf uns zukommt. pandemiewelle kommen oft in verschiedneen wellen, und die wellen später sind oftmals heftiger.

    was man auch nicht vergessen darf, vergleich australien saisonale grippe in den letzten jahre und schweinegrippe dieses jahr:

    saisonale: durchschnittstodesalter 83 jahre

    h1n1: 53 jahre!

    es sterben zwar weit mehr menschen an der saisonalen, aber die an h1n1 sind im schnitt viel jünger. wenn man jetzt die verlorenen lebensjahre vergleicht mit anzahl toten, kommts wohl recht ähnlich aus.

    bei den vergleichzahlen von den pandemien wird z.b. diejenige mit 1957 verglichen. dies kann auch nicht 1 zu 1 verglichen werden, diesmal waren wir besser vorbereitet und auch medizinisch stehen wir besser heutzutage.

    ansonsten deutschland will ein teil seiner impfdosen verkaufen. auch die CH. u.a. hat ukraine interesse.

    ich glaub das wars schon :)

  7. Thomas sagt:

    @ küdde rechsteiner

    …damit lassen sich möglicherweise die präsidentschaftswahlen vom 17. januar gewinnen. mit diesem wundermittel kann man offenbar auch gegen wahlniederlagen vorbeugen. juhee, julia oder juschtschenko!

  8. gargamel sagt:

    keine angst küdde! die/der nächste killergrippe/killerpfnüsel/killerjuckreiz kommt bestimmt. und dann dürfen sie auch wieder laut die sage vom fähnlein der sieben aufrechten pharmakonzernen erzählen…

  9. Brunhild Steiner sagt:

    @Küdde Rechsteiner: nun ja, Sorgen mache ich mir gar keine dass dieser Thread in den nächsten Wochen von Desinteresse bedroht wäre, der März winkt schon aus weiter Ferne, bis dann sind wohl hoffentlich auch alle Kommunikations- und sonstigen Pannen behoben, und es geht auf zur Übung “Der Ernstfall, Klappe, die zweite”.
    Aber dieses tiefere Durchschnittsalter, waren das alles gesunde Jüngere, oder gehört ein kleinerer bis grösserer Teil eventuell zu den Risikogruppen.
    Und wenn sie nun nicht krank geworden wären, wäre dann auch die saisonale kein Problem für sie gewesen, oder eine andere Erkrankung? Dazu müsste man nicht nur die Anzahl Neue-Grippe-Todesopfer kennen, sondern die gesamte Anzahl der Todesfälle in diesen Altersgruppen, und ob es zu früheren Jahren so auffällige Abweichungen gab, oder ob sich die Todesursachen auf mehrere Dinge verteilt haben, und sich jetzt alles auf H1N1 konzentriert.
    Für die betroffenen Familien ist das natürlich dramatisch, und doch, hier bei uns steht fast jeden Tag die Polizei vor irgendeiner Haustüre um eine Verkehrsunfalltodesnachricht zu überbringen. Und niemand läuft deswegen verschreckt durch die Strassen.

  10. Küdde Rechsteiner sagt:

    ich glaub man hat mich falsch verstanden…

    mit “ich glaub das wars schon” meinte ich, dass es sonst keine neuen news gibt an der h1n1 wetterfront… nicht, dass die schweinegrippe hinter uns ist.

    melde mich später, hab grad zu tun.

  11. Küdde Rechsteiner sagt:

    @frau steiner:

    also wegen australien und ihre fragen, gebe ihnen drei links, vielleicht finden sie dort ein paar antworten.

    http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/schweinegrippe/default.aspx?sid=580362

    und

    healthemergency.gov.au/internet/healthemergency/publishing.nsf/Content/18D06BAC4644C98DCA25763E00823442/$File/ozflu-no26-2009.pdf

    und

    content.nejm.org/cgi/reprint/NEJMp0910445.pdf?resourcetype=HWCIT

    lesen sie zufällig das magazin “sprechstunde stutz”? geht u.a. auch um die HPV-impfung in der neusten ausgabe ;)

  12. maia sagt:

    “Auch TV-Arzt Samuel Stutz legte sich für die Pharmalobby ins Zeug und kritisierte im Magazin zur Sendung «Gesundheit Sprechstunde» den Bundesratsentscheid als «Bürokratismus ».
    Doch Stutz ist nicht neutral. Seine Nähe zur Pharmaindustrie beschäftigt unterdessen die Justiz: Gegen ihn läuft ein Verfahren wegen Verdachts auf Schleichwerbung für Medikamente.”

    Soviel zur Unabhängigkeit von Samuel Stutz. siehe http://www.ktipp.ch/downloadfile/1023846

  13. Brunhild Steiner sagt:

    @Küdde Rechsteiner: meine Nachfrage ob es sich bei diesem Arzt um den “TV-Stararzt” handelt, hat sich durch den Post von maia erledigt. Dieser Mann ist für mich gar keine objektive oder verlässliche Quelle bezüglich Gesundheitsentscheidungen.

  14. Küdde Rechsteiner sagt:

    jep, es handelt sich um den herrn stuz, welcher früher die sendung “gesundheitssprechstunde” moderierte.

  15. Brunhild Steiner sagt:

    @Küdde Rechsteiner: tja, der Mann hat für meinen Geschmack in all den Jahren einfach zuviele Lackanstriche überzogen bekommen, dass mir das, was er sagt, zu glittrig und glänzend erscheint.
    Seine Anfangszeit fand ich ganz gut, Bewusstseinsmachen für Krankheiten, auch Verständnis erwecken für eher unbekannte Krankheiten usw. Ausser dass am Tag danach die Praxisangestellten landauf/landab Ansturm von verunsicherten Kunden hatten, die sich sicher waren, genau diese Krankeit bei sich entdeckt zu haben. Aber eben, das war damals, heute schmeckt mir das nicht mehr so… .

  16. Küdde Rechsteiner sagt:

    habe grade noch recherchiert wegen dem verfahren gegen dr stutz: das verfahren wurde eingestellt!

    es gab zwar eine busse gegen den sender, weil gewisse sponsoren nicht richtig oder nicht genannt wurden, aber dr. stutz wurde nicht belangt. finde wichtig aufzuzeigen, und nicht nur die anschuldigungen! http://www.ringier.ch/index.cfm?id=3105&detail=true

    er ist ja nicht mehr so aktiv der stutz. ich habe sein magazin, kommt glaubs vierteljährlich raus und lese mir das durch was da drin so für aktuelle themen sind. es ist nicht schlecht.

  17. Die Behauptung es gäbe eine VERNUNFT und nur EINE finde ich naiv. Was vernünftig ist hängt jenseits der Tatsachen von ihrer Bewertung ab, die ist aber abhängig von freien Entscheidungen darüber, was als lebenswertes sinnvolles Leben begriffen wird. Diese Entscheidungen sind aber schlußendlich nie vollständig rationalisierbar. Worauf ich hinaus will ist, es kann durchaus vernünftig sein zum Schluß zu kommen, Gesundheit NICHT für das wichtigste auf der Welt zu halten. Uns z.B. wissentlich Gesundheitsrisiken im Kauf zu nehmen um biopolitische (im Sinne Michel Foucaults) Disziplinierungen abzuweisen. Dies gilt für den Virusdiskurs ebenso wie für den AIDS-Diskurs.
    Meine eigene Haltung habe ich mal in einer Satire gefasst – Aids-Diskurse – http://rauchen.gmxhome.de/zigarettenkirchechomsky/aids_diskurse.html -. Da mir an Gesichts der Selbstverständlichkeit mit der andere meinen zu wissen, was für mich richtig ist, Satire als einzig richtige Antwort erscheint.

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