Leben


Nicole Althaus am Montag den 9. November 2009

Onanieren für die Quote

MAMABLOG-DWS-1

Deutsche Bäuche, prall und fruchtbar: Szenen aus der Sat1-Serie «Deutschland wird schwanger»

Dank dem Fernsehen haben wir schon viele privaten Probleme öffentlich durchgestanden: Wir haben den Bauer an die Frau gebracht und den Teenager auf den rechten Weg, wir haben Frauen getauscht, zusammen abgespeckt und die Supernannys auf die verzogenen Bengel losgelassen. Da ist es eigentlich nur konsequent, wenn wir nun öffentlich Babys machen!

«Deutschland wird schwanger», heisst die neue 10-teilige Reality-Soap auf Sat1, die uns heute Abend um 20.15 zum zweiten Mal Einblick in die Fortpflanzungsbemühungen von 100 Pärchen gewährt. Vom munteren Vorspiel bis zum traurigen Nachspiel beim Frauenarzt wird keine Etappe der Familienplanung ausgelassen. Die Kamera läuft, wenn Sahid von seinen feuchten Träumen unter der Dusche erzählt und sie hält im Close-up fest, wie der junge Mann auf das desaströse Resultat seines Spermiogramms reagiert. Onanieren für die Quote – wenn das nur nicht daneben geht.

Unsere Schmerzgrenze in Sachen Reality-TV ist in den letzten Jahren zwar kontinuierlich gestiegen, doch bei diesem Reproduktionswettbewerb vor laufender Kamera wünscht man sich gelegentlich eine Vollnarkose. Wenn die ganze Nation dabei zuschaut, wie ein Übergewichtiger sich auf die Waage hieft, kann man das mit viel Goodwill noch als medialen Ansporn zur Volksgesundheit betrachten. Doch eine Gesellschaft, die selbst Eierstöcke und Hoden öffentlich durchleuchtet, hat sich für den Voyeurismus vom Anstand verabschiedet. Mit dem  Kinderwunsch ist nicht zu spassen, das weiss jede und jeder, der selbst Mal einen verspürte. Oder aus nächster Nähe miterleben musste, wie ein Kinderwunsch unerfüllt blieb. Der Unterhaltungswert eines Zeugungsaktes endet spätestens dort, wo er fehlschlägt: Wenn Katharina und Christian schonungslos dabei gefilmt werden, wie sie die erfolglose dritte  In-Vitro-Behandlung betrauern, empfindet man das als Zuschauer bloss noch als Übergriff. Und  man kann nicht anders, als sich zu fragen, ob das Paar vom Sender mit der Kostenübernahme geködert wurde.

Denn ob sich die 100 gecasteten Pärchen vermehren ist den Verantwortlichen von Sat1 egal, so lange es die  Zuschauer tun. Darüber vermag auch nicht hinwegzutäuschen, dass der Sender sich aufklärerisch gibt und das lesbische Pärchen genau so leidenschaftlich um Nachwuchs kämpfen lässt, wie Frau und Herr Meier von nebenan. Oder dass ein Psychologe und ein Gynäkologe die fortpflanzugswilligen Pärchen dauercoacht. Die Botschaft der Dokusoap ist nicht fortschrittlich sondern geradezu biblisch simpel: Glücklich sind die Fruchtbaren. Ist das nun eine Form von medialer Indoktrination in Zeiten magerer Geburtenquoten? Oder handelt es sich bei «Deutschland wird schwanger» schlicht und einfach um TV unter der Gürtellinie?

37 Kommentare zu „Onanieren für die Quote“

  1. Biensche sagt:

    Es wird gesendet was die Zuschauer in Scharen vor den Fernseher lockt- ob die Sendung einen qualitativ hohen Inhalt hat oder nicht ist da eher zweitrangig- oder warum war Big Brother anfangs der Quotenhit?
    Neben unsächlich langen Werbeblocks während der Sendung und Gewinnspielen in der Sendung selbst wird nur der menschliche voyeurismus befriedigt- wer glaubt er könne solche Sendung mit Stern TV oder Kassensturz vergleichen sollte am besten nur noch DVD’s schauen. Zu gross ist der Frust der über die verblödung durch und wegen des Fernsehens.
    Traurig auch für die Paare welche der Quoten wegen ausgenutzt werden…

  2. Franz sagt:

    Ich frage mich, was genau geht eigentlich im Hirn eines Programmdirektors vor, oder wer auch immer für den Inhalt solcher Sendungen verantworlich ist? Bei welcher Gelegenheit kommt Mann/Frau darauf, dass man dem Zuschauer alles, aber auch wirklich alles zumuten darf? Was sind das für Gedanken, die ihn/sie letztlich dazu führen das Format zu realisieren? Gibt es bei Fernsehanstalten so eine Art Berufsethik? Und vor allem, was kommt als Nächstes? Wo hört das auf?

  3. Mia sagt:

    @ tronja: ich gönn dir ja dein Vergnügen, bloss macht es mir leider echt keinen Spass. Ich finde TV in aller Regel stinklangweilig. Schon die Nachrichtensendungen machen mich kribblig, dieses langfädige Gerede über nichts. Einen Film schätze ich, aber die Werbepausen halt nicht, ich will dann Pause machen können, wann ich will.

    @pizza hut: den mit der Netzhautablösung musst du mir aber erklären, das ist ja phänomenal!

    Wenn man die Geschichte des Fernsehens so anschaut, dann ärgert eigentlich weniger das Verhalten der Zuschauer, als die Manipulation durch die Macher. Früher wurden Schauspieler engagiert und es war ein Qualitätsanspruch da, Werbung nur wenig. Seit der Privatisierung geht es bergab. Es darf nicht viel kosten (Laien, die “ins Fernsehen kommen wollen”), möglichst viel Reklame ist zu platzieren (Stichwort product placement), und es muss einfach alles rein, was die Leute vor der Kiste hält, damit die die Werbung auch sehen, die in der Sendung selber und die in den Pausen. Und zwar egal was. Klar ist: sex sells. Oversexed and underfucked, das ist unsere Gesellschaft. Vor lauter Reizen nur noch Abstumpfung, denn, wie sagte damals die Oma: mit den Reizen musst du geizen. Denn sonst sind sie keine mehr.

  4. Pizza Hut sagt:

    @Mia
    Sprich mit einem Augenarzt und er wird dir erklären wieso es ungünstig ist auf dem wackeligen Hometrainer etwas zu lesen.
    Aber sonst haben wir die gleiche Meinung ;-)

  5. Stefan Meyer sagt:

    Was ist das Problem. Hauptsache der Schweizer, die Schweizerin findet was zum lästern. Es wird niemand dazu gezwungen sich diese Sendungen anzusehen, es kostet auch keine Gebühren, aber scheinbar besteht ein Bedürfnis für diese Sendung. Leben und leben lassen.

  6. lisi sagt:

    @mia
    Eine Alternative wäre ein echt gutes Hörbuch oder einfach gute Musik, den Geist und die Gedanken einfach mal schweifen und entspannen lassen. ;-)
    Meine Grosseltern haben sich noch über Zeitungen aufgeregt mit vielen grossen Buchstaben und noch mehr Bildern. Die Grossmutter hat vor Jahren dem Schweizer Fernsehen einen ganz bösen Brief geschrieben, weil an Silvester Emanuele ausgestrahlt werden sollte. So ändern sich die Zeiten. Was zurzeit mit den TV-Sendern abgeht ist schon bedenklich. Bei unseren Kindern war das Supertalent Thema, in der Schule schauen es die meisten. Wir haben dann zwei Mal reingeschaut, hätte es nicht über mich gebracht eine ganze Sendung zu schauen. Die Kinder dürfen es nicht schauen. Was bringt Menschen dazu sich öffentlich so bloss zu stellen, sich so zu demütigen. Was ist der Reiz dies zu schauen. Vielleicht tut es manchen gut, Menschen zu sehen, denen es noch schlechter geht als einem selbst. Gerade Deutschland hat ja genügend Menschen die finanziell und gesellschaftlich in ausweglosen Situationen sind und in der Schweiz wohl auch.

    Wir können hoffen, dass das Fernsehen irgendwann an der eigenen Dekadenz zu Grunde geht und vielleicht entsteht dann etwas Neues etwas Gutes.

  7. Stefan sagt:

    @Tronje: Stimmt schon, jedes Verhalten ist als solches “wertneutral”. und es ist die Gesellschaft, die bestimmt, welches Verhalten akzeptierbar ist oder nicht. Aber es gibt sicher einige Grundregeln, die universell sind, ohne die keine Gesellschaft auf Dauer von Bestand ist. Und dazu gehört in erster Linie der Respekt vor dem Mitmenschen, und den vermisse ich in solchen Abschaum-Machwerken.
    diese ganze Betroffenheits-Imitierung ist doch schlicht zum – Abschalten. Eigentlich schade, dass ich den TV abschalten muss; ein Sender, der so unter Niveau liegt, sollte eigentlich selbst abgeschaltet werden.

  8. Erwin Huber.Mettler sagt:

    Und was genau hat die Autorin gegen “Übergewichtige” und wie ist das mit “Volksgesundheit” (klingt arg nach Zeiten, die man sich gerne als vorbei vorstellt).

  9. Pu sagt:

    Niemand wird gezwungen, bei solchen Sendungen mitzumachen und erst recht muss niemand diesen Schrott sehen.
    Offenbar besteht aber ein grosses Bedürfnis, zuzusehen, wie andere sich zum Affen machen. Bin gespannt, wie die Quoten aussehen werden, wenn Sat1 zum Bezahlfernsehen wird.
    Ich empfehle Arte und die Dritten der ARD; oder ein gutes Buch.

  10. Jean Lenaux sagt:

    …ärgere mich gerade, dass ich den artikel zu diiesem belanglosen thema gelesen habe. schon der fernsehzuschauer füllt seine zeit mit “ersatz-erlebnis”. und wenn wir darüber lesen, dass kein gutes programm für das bedürfnis nach “ersatz-erlebnis” geboten wurde, dann ist das irgendwie doppelt hohl. auch die flut von “nachrichten”, was welche/r promi macht oder sagt sind ja auch von hohl.

  11. Martin sagt:

    Glücklicherweise wird niemand gezwungen sich das anzusehen. Mitmachen ist auch freiwillig.

  12. Luise sagt:

    Wusste gar nicht dass es diese Sendung gibt. Nach dem Lesen des Artikels nur soviel: Interessant ist, je mehr Sexleben so genannt öffentlich gemacht wird, um so mehr Entfernung vom Natürlichen gibt es. Die moderne Medizin erlaubt es, frau/mann fast alles steuern zu lassen. Hormone bis ins Grab: Da werden über Jahre Verhütungshormone geschluckt, wenn das Baby dann nicht wunschgemäss eintrifft gibts wieder eine Hormonbehandlung und später wieder wegen den Wechseljahren…

    Zum Glück gibts auch Gegenbewegungen. Trotzdem: Arme Babys, deren Eltern sie halböffentlich produzieren. Die Freude bleibt da in jeder Hinsicht auf der Strecke.

  13. Mia sagt:

    @ pizza hut: das hätte ich jetzt aber gerne von dir gehört, ich habe nämlich keinen Augenarzttermin. Wieso es schlechter sein soll, wackelnd zu lesen als wackelnd fernzusehen. Schade.

    @ Pu: doch, die Leute werden irgendwie gezwungen. Verführt, angelockt. Natürlich nicht physisch. Aber das sind doch alles Leute am untersten Ende der Leiter, die nie eine Chance haben, aus dem Schlamassel zu kommen, mal irgendwo hervorzustechen, bekannt zu werden. Und dann diese Gelegenheit. Sie haben keine Ahnung, was auf sie zukommt und sind nach diesen Shows oft genug am Boden zerstört, weil jeder Intimstes von ihnen weiss. Das kümmert die TV-Leute aber nicht mehr, und auch nicht die Zuschauer. Denk nur an diese Frau da in England, die sich sterbend filmen liess, um den Kindern war zu hinterlassen. Ich habe das nicht gesehen, aber im Internet gelesen. Das ist doch nur noch grauenhaft entwürdigend. Klar, sie stört es nun nicht mehr, und die Kinder haben etwas davon – aber irgendwie….

  14. Mia sagt:

    P.S.: vielleicht ist das da noch ganz aufschlussreich: http://atheism.about.com/library/FAQs/phil/blphil_eth_realitytv.htm

  15. Meier sagt:

    Der Mensch wird von solchen Machern wie ein Stück Vieh angesehen. Gewisse Sendungen sind gleichzeitig auch Verhaltensforschung also Experiment und. Lenkung der Masse.
    Durchaus werden fragewürdige Experimente und Projekte immer wieder durchgelassen und durchgeführt.
    Und Bäuche, sollen sie von uns aus stolz sein, gehören weder in die Zeitung noch sonst in ein Medium. Man kann gewisse Themen durchaus als regelrechte Tyrannei bezeichnen. Einschaltquoten sagen nichts über die Ehik aus.
    Ich bin doch mal gespannt ob dies nicht zensuriert wird.
    Danke

  16. Katharina sagt:

    “wächst man beim anschauen von deppenfernsehen?” Aber sicher. meist im Umfang dank der Erzeugnisse der modernen Nahrungsmittel Technologie, die uns Produkte wie Cheez-it, Cheetos, Cheese puffs, Jerky, Ruffles, Pork Rinds, Diablo Doritos, Slurpees, Toro Habaneros, Dougnuts, Kool Aid und das so wichtige Peto-Bismol beschehrten.

    Bitte beachten Sie die Nebenwirkungen “Oversexed and underfucked”.

    Diese Sendung wurde Ihnen durch eine Schenkung des ehrenwerten Jabba The Hutt überbracht.

  17. mueti sagt:

    Jetzt weiss ich ,warum wir keinen solchen Affenkasten haben, und Internet im Minutentarif bezahlen.

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