
Deutsche Bäuche, prall und fruchtbar: Szenen aus der Sat1-Serie «Deutschland wird schwanger»
Dank dem Fernsehen haben wir schon viele privaten Probleme öffentlich durchgestanden: Wir haben den Bauer an die Frau gebracht und den Teenager auf den rechten Weg, wir haben Frauen getauscht, zusammen abgespeckt und die Supernannys auf die verzogenen Bengel losgelassen. Da ist es eigentlich nur konsequent, wenn wir nun öffentlich Babys machen!
«Deutschland wird schwanger», heisst die neue 10-teilige Reality-Soap auf Sat1, die uns heute Abend um 20.15 zum zweiten Mal Einblick in die Fortpflanzungsbemühungen von 100 Pärchen gewährt. Vom munteren Vorspiel bis zum traurigen Nachspiel beim Frauenarzt wird keine Etappe der Familienplanung ausgelassen. Die Kamera läuft, wenn Sahid von seinen feuchten Träumen unter der Dusche erzählt und sie hält im Close-up fest, wie der junge Mann auf das desaströse Resultat seines Spermiogramms reagiert. Onanieren für die Quote – wenn das nur nicht daneben geht.
Unsere Schmerzgrenze in Sachen Reality-TV ist in den letzten Jahren zwar kontinuierlich gestiegen, doch bei diesem Reproduktionswettbewerb vor laufender Kamera wünscht man sich gelegentlich eine Vollnarkose. Wenn die ganze Nation dabei zuschaut, wie ein Übergewichtiger sich auf die Waage hieft, kann man das mit viel Goodwill noch als medialen Ansporn zur Volksgesundheit betrachten. Doch eine Gesellschaft, die selbst Eierstöcke und Hoden öffentlich durchleuchtet, hat sich für den Voyeurismus vom Anstand verabschiedet. Mit dem Kinderwunsch ist nicht zu spassen, das weiss jede und jeder, der selbst Mal einen verspürte. Oder aus nächster Nähe miterleben musste, wie ein Kinderwunsch unerfüllt blieb. Der Unterhaltungswert eines Zeugungsaktes endet spätestens dort, wo er fehlschlägt: Wenn Katharina und Christian schonungslos dabei gefilmt werden, wie sie die erfolglose dritte In-Vitro-Behandlung betrauern, empfindet man das als Zuschauer bloss noch als Übergriff. Und man kann nicht anders, als sich zu fragen, ob das Paar vom Sender mit der Kostenübernahme geködert wurde.
Denn ob sich die 100 gecasteten Pärchen vermehren ist den Verantwortlichen von Sat1 egal, so lange es die Zuschauer tun. Darüber vermag auch nicht hinwegzutäuschen, dass der Sender sich aufklärerisch gibt und das lesbische Pärchen genau so leidenschaftlich um Nachwuchs kämpfen lässt, wie Frau und Herr Meier von nebenan. Oder dass ein Psychologe und ein Gynäkologe die fortpflanzugswilligen Pärchen dauercoacht. Die Botschaft der Dokusoap ist nicht fortschrittlich sondern geradezu biblisch simpel: Glücklich sind die Fruchtbaren. Ist das nun eine Form von medialer Indoktrination in Zeiten magerer Geburtenquoten? Oder handelt es sich bei «Deutschland wird schwanger» schlicht und einfach um TV unter der Gürtellinie?


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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Solange so ein Schrott geschaut wird sprich die Einschaltquoten da sind solange wird es immer weitergehen. Nur wenn niemand mehr schaut hört das auf. Jetzt ist die Zeugung dran, als nächstes dann das Hinscheiden. Alles für die 10 Minuten Berühmheit.
“Der Unterhaltungswert eines Zeugungsaktes endet spätestens dort, wo er fehlschlägt:”
nö, warum denn? dort fängt er erst an. der zuschauer will doch nicht zuschauen müssen, wie den leuten wünsche erfüllt werden. der zuschauer will sehen wie gelitten wird. wie verloren wird. blut und sex. DAS ist fernsehen. tut mir leid wenn ich jetzt jemandem auf die moralkravatte stehe, aber so ist das nun mal.
“Und man kann nicht anders, als sich zu fragen, ob das Paar vom Sender mit der Kostenübernahme geködert wurde.”
da können sie gift drauf nehmen.
Jeder ist auf dem Weg zur Vollkommenheit – er darf darauf nur nicht steckenbleiben. Für jene, die’s (noch) nicht besser wissen und diesen Quatsch konsumieren, habe ich noch ein gewisses Verständnis; weniger für jene, die solches ausbeuten.
Zur Frage: Ja, solche Sendungen sind mir unter der Gürtellinie. RTL & Co. sind in der Regel reine Zeitverschwendung. Für mich erstaunlich, wie gross jeweils das mediale Echo auf diesen Schrott ist.
Würden die Medien über solche Schrottsender nicht auch noch berichten und somit die Bekanntheit fördern, würde man damit gar keine Quoten bekommen.
zwei bemerkungen:
- für ihre “15 minutes of fame” sind viele menschen bereit, alles zu tun (und mein mitleid hält sich somit in grenzen)
- meinen entscheid vor 10 jahren, künftig auf einen fernsehanschluss zu verzichten, habe ich noch nie bereut… im gegenteil!
@gargamel: Teile Ihren Standpunkt. Habe meine Fernsehgewohnheiten auf TV+HDD umgestellt und schaue mir praktisch nur noch Sendungen ab Konserve an – und davon hat’s nicht wenige Perlen, gerade auch für Kinder (Beispiel http://www.sf.tv/sendungen/dok/index.php?docid=20091029-2000-SF1).
Die Welt spinnt. Da hilft nur eins: Glotze aus. Für immer.
Ich selbst wuerde meine misratenen IVF Versuche nicht gerne vor laufender Kamera zur Schau stellen, aber wenn das andere machen, vielleicht weil ihnen die teure Behandlung (ich schaetze so um die 7-10000 Euros) bezahlt wird, will ich sie nicht verurteilen. Ich kann dem sogar etwas abgewinnen, wenn man einmal zeigt, wie emotional das zugeht. Was ich bei dem Video nicht gesehen habe, ist wie man bei Fruchtbarkeitsbehandlungen sein Schamgefuehl an der Rezeption abgeben muss. Da wird einem so oft unten reingeschaut oder etwas reingesteckt, dass da die Kamera des Fernsehens vielleicht auch nicht mehr gross stoert. Dass ausgerechnet das Resultat des Schwangerschaftstests gezeigt wurde, ist seltsam, denn den man kann durchaus auch einfach ganz privat auf einen Stick aus der Apotheke pinkeln. Und dann vor der Kamera heulen.
Ich selbst habe gar keinen Fernseher, schaue mir also solche Sachen ueberhaupt nicht an. Aber im Vergleich zu Big Brother scheint mir das Baby machen doch fast spannender? Ich habe in der Episode oben nichts unter der Guertellinie gesehen.
Dieser Blog behandelt doch auch intime Themen. Ist das so verschieden? Ok, die meisten von uns sind hier eher pseudo-/anonym.
@bionic hobbit: Mit Gürtellinie meine ich eher eine intellektuelle untere Schmerzgrenze. Eine andere Gürtellinie kennen wir in der heutigen exhibitionistischen Zeit ja keine mehr.
Die Spinnen! Mehr gibts da nicht dazu zu sagen!
@ Opa Meier: mir gefaellt ‘intellektuelle untere Schmerzgrenze”…. da ich diese bei mir schon seit Jahren unterschritten wurde, habe ich keinen Fernseher mehr…
Das Schlimme an solchen Doku-Soaps ist ja gar nicht, dass hier ganz private Themen beleuchtet (oder ausgebeutet) werden. Das macht jede gute, intensive Dokumentation auch. Viel problematischer ist, dass es hier nicht einmal ansatzweise um Objektivität geht, es wird nicht dokumentiert, sondern inszeniert. Durch das ästhetische Format wird dabei aber immer dokumentarische Objektivität vorgegaukelt.
Es ist doch völlig klar, dass da nicht tagelang ein Kamera-Team auf dem Klo hockt, um endlich den Moment des positiven Schwangerschaftstests mitzuschneiden. Sondern dass die schon positiv-schwangere ‘Darstellerin’ halt noch einmal auf den Streifen pinkelt und Mann und Frau dann ganz überrascht tun – was meisten so schlecht ‘gespielt’ ist, dass es schon weh tut. Und natürlich werden hier wie in jeder anderen Doku-Soap alle Akteure auf bestimmte, meist eindimensionale Rollen zugeschnitten. Das ist bei ‘Bauer sucht Frau’ auch nicht anders (’der charmante Schweinebauer Jochen’).
Problematisch ist doch dabei, dass wir (oder zumindest die anderen TV-Schauer) das dennoch als Realität akzeptieren. In manchen Bereichen ist das hoch problematisch (z.B. sind Polizisten in solchen Sendungen immer locker, witzig und nett – wie sie den schwarzen Asylanten mal unsanft filzen oder bei einer Demo drau hauen sieht man natürlich nicht), in anderen wie hier vielleicht subtiler ein Problem: die Realität des Kinder-Zeugens ist halt eine andere.
Ist das primitiv. Die Dummheit der Darsteller ausnutzen, keine Gage bezahlen müssen, das sind doch diese Reality Shows. Ich schaue schon ewig kein TV mehr, hole mir die Infos nur aus dem Internet, Filme schaue ich als DVDs oder im Kino. Aus gesundheitlichen Gründen sollte ich auf so einem räderlosen Ding radeln, und weil das todlangweilig ist, stellte ich kürzlich mal wieder den Fernseher an. Aber was da kommt, ist derart dämlich – nach zwei Versuchen gab ich es auf. Nun balanciere ich halt die Zeitung irgendwie über meinen strampelnden Knien… Aber es ist doch so: die Nachfrage bestimmt das Angebot, und das gibt wirklich zu denken.
…ich schau mir das erst an, wenn sie noch eine brustvergrösserung dazu will, und er seinen spermien mal so richtig in den arsch tritt, damit sie auf touren kommen.
@Mia
Auf dem Hometrainer zu lesen ist ungesünder als einen Schwachsinn im TV zu schauen. Pass auf, denn deine Netzhaut könnte sich so lösen.
Solche TV Sendungen sind allgemein langweilig. Meine Frau, die aus Brasilien stammt lacht immer daürber und sagt, dass es Sendungen über arme, übergewichtige und hässliche Deutsche.
Aber auf einen TV möchte ich dennoch nicht verzichten: Sternstunden auf SF1, Arena, Rundschau, Tagesschau, National Geographic, Discovery Channel und den Filmkanal möchte ich nicht missen. Es gibt also auch gute Formate.
@pizza hut: für die paar interessanten sachen gibt’s dvds oder file-sharing – einen tv-anschluss brauch ich wie einen kropf…
Das Üble ist nicht, dass sowas produziert wird. Sondern dass sowas von breiten Schichten angeschaut wird. Die Geilheit nach primitiven Sensationen lässt sich nur dadurch erklären, dass die Menschen selbst gar nichts mehr erleben, was interessant wäre.
Ein trauriges Bild, dass sich halbe Völker vor der Glotze auf dem Sofa lümmeln, um sich das Leben von anderen anzuschauen.
Und dass es Menschen gibt, die auf ein bestimmtes Thema empfindlich reagieren, ist ganz offensichtlich absolut nichts, was interessiert. Wahrscheinlich geht ob des fremdgeglotzten Lebens das Bewusstsein verloren, dass es überhaupt noch echte und eigene Erlebnisse gibt, die nicht inszeniert werden.
Einmal mehr erhalten die Gutmenschen Gelegenheit sich ethisch und moralisch über Etwas zu entrüsten und uns glauben zu machen, ihre Ideologisch durchsetzen Ansichten seien die einzig richtigen oder zumindest die besseren. Jedes, und die Betonung liegt auf „jedes“, menschliche Verhalten ist zuerst mal Wertneutral. Erst durch die in einer Gesellschaft will-kürlich und kaum begründbar herrschenden Werte erhält das Verhalten seinen „positiven“ oder „negativen“ Gehalt.
Dieses angeblich „bildungsferne Unterschichtenfernsehen“ ist eigentlich nur eine Sendung, mit mehr oder weniger grossem Unterhaltungswert. Wir Menschen sind nun mal nicht so, wie wir uns gerne sähen. Wir sind dumm, doof, ignorant, schlecht, voyeuristisch, böse uns. Na und? Hauptsche wir haben Spass daran. Und das Schöne ist, es zwingt uns ja niemand diese Sendungen zu sehen und auch niemand, uns darüber aufzuhalten. Aber wie immer, in Ermangelung an echten Problemen…
Diese sich stets reflexartig entrüsteten Gutmenschen lassen sich jedes Mal für solche For-mate als Gratispromotoren einspannen. Was mir zeigt, dass sie, wie blinde Schafe, sich auf demselben „primitiven“ Niveau bewegen und getrieben werden, wie die Macher und Konsu-menten solcher Sendungen. Mit dem einfachen Unterschied, dass sie sich mit dem morali-schen Deckmäntelchen tarnen. Aber diese Wolfsbande im Schafspelz finde ich verächtlicher als die Hirten (seines Zeichens Produzent) oder die Zuschauerschafe.
Und noch ein Hinweis aus der Mengenlehre: Je tiefer der Teiler = „Niveau“, umso grösser die Teilmenge = Grösse der potentiellen Zuschauer.
@Tronje:
“Diese sich stets reflexartig entrüsteten Gutmenschen lassen sich jedes Mal für solche For-mate als Gratispromotoren einspannen.” Na ja, Deine Argumentation läuft ja auf ein Kritikverbot hinaus – oder auf eine ‘mir ist alles egal-Haltung’. Beides ist problematisch. Da ich nicht in einer Eremiten-Exklave lebe, sondern in ‘dieser’ Gesellschaft, interessiert mich schon, was das(!) zentrale Medium, Fernsehen, verbreitet und welche gesellschaftlichen Folgen das hat oder haben könnte.
Und Dein Argumetn “Jedes (…) menschliche Verhalten ist zuerst mal Wertneutral. Erst durch die in einer Gesellschaft will-kürlich und kaum begründbar herrschenden Werte erhält das Verhalten seinen „positiven“ oder „negativen“ Gehalt.” ist entweder banal (ja, ja, es gibt keine letzten, auf ewig in Stein gemeißelte Werte) oder ‘gefährlich’. Denn ist – passend zum heutigen Tag der Maueröffnung – beispielsweise jede Diktatur genauso unproblematisch wie jede Demokratie, kein Mord nicht kritisierbar etc.
@tronje: und was jetzt genau die mengenlehre lehrt, dass sollten sie sich vielleicht auch noch mal etwas ausführlicher zu gemüte führen… und was die tiefe des niveaus mit der grösse der zuschauer zu tun hat, das ist mir auch nicht ganz klar… wächst man beim anschauen von deppenfernsehen?