
Mama muss ja nicht gleich kriminell werden, aber auch im richtigen Leben ist Mutterschaft ein Abenteuer: Plakat zur Gangsterkomödie «J'ai toujours rêvé d'être un gangster» (2007).
Heute vor genau zehn Jahren bin ich Mutter geworden. Ohne die geringste Ahnung davon, was die Geburt meiner Tochter mit mir anstellen würde. Oder was ich mit ihr nach der Geburt anzustellen hatte. Klar, ich hatte zuvor auch schon ein Baby in den Armen gehalten, vielleicht sogar eine Windel gewechselt. Aber was Muttersein bedeutet, lernt man erst, wenn man Mutter ist. Was also habe ich im letzten Jahrzehnt gelernt?
- Dass man Dinge tut, die man sich geschworen hat, nie zu tun: Auf dem Hintern über die Holzdielen rutschen, um das Baby nicht zu wecken. Smarties abzählen und nach Farben sortieren, damit es keinen Krach gibt. Das Kind anschreien.
- Dass ein Abo beim Babysitter sehr viel günstiger ist als ein Abo bei einem Ehetherapeuten.
- Dass Schlafentzug aus mir einen Menschen macht, dem ich nie begegnen möchte.
- Dass der Apfel sehr weit vom Stamm fallen kann.
- Dass Kinder streiten, weil sie Kinder sind.
- Dass es befreiend ist, sich nicht mehr ständig als Nabel der Welt zu betrachten.
- Dass man die Nachrichten am Fernsehen nie mehr so anschaut wie zuvor, weil darin Kinder vorkommen, die verloren gehen, ertrinken, nichts zu essen haben oder einfach vergessen werden.
- Dass ich langsam weiss, was in Sachen Erziehung nicht funktioniert.
- Dass man auch dann ein Vorbild ist, wenn man gerade keins ist.
- Dass es Tage gibt, an denen man sich nicht erinnern kann, warum man Kinder gewollt hat.
- Dass man Dinge tut für den Nachwuchs, die man für sich selbst nie tun würde: Die unwirsche Verkäuferin dazu nötigen, eine Leiter zu organisieren, um der Puppe auf dem Regal den Schal auszuziehen. Weil es der letzte ist und Töchterchen sich genau in den verliebt hat und ihn sich zum Geburtstag wünscht. Im Spital den Arzt anbrüllen, weil das Kind vor Schmerzen schreit und das unendlich viel schlimmer ist, als die Tatsache, dass man soeben den letzten Rest von Fassung, Anstand und Vernunft vor Augenzeugen über Bord geworfen hat.
- Dass es stimmt, wenn man das Gefühl hat, das Kind sei krank oder es gehe ihm nicht gut. Immer.
- Dass es nicht stimmt, dass die Mutterwerdung einen dauerhaft zu einem anderen Menschen macht.
- Dass man besser weiss, was man tun wird wird, wenn man mit «ich zähle auf fünf» droht. Und auch bereit ist, das durchzuziehen.
- Dass das Y-Chromosom im Hirn keinen Speicher für Kinderkleidergrössen vorgesehen hat. Dass das doppelte X-Chromosom einem ansonsten aber keinen Vorsprung in Sachen Kinderaufzucht gewährt.
- Dass es Dinge gibt, die man auch mit aller Liebe nicht reparieren kann.
- Dass Kinder einen tatsächlich hören, auch wenn es manchmal Jahre dauert, bis sie zeigen, dass sie gehört haben.
- Dass ich heute vor zehn Jahren gerade mal eine leise Ahnung davon hatte, wie viel mir das Bündel Mensch in meinen Armen einst bedeuten wird.
Happy Birthday, mein grosses kleines Mädchen!


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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Wirklich schön. Auch das mit dem Y-Chromosom kann ich als Betroffener bestätigen. Zum Glück wissen viele Verkäuferinnen (das sind die mit dem Doppel-X) Bescheid, wenn man sagt, es sei für einen durchschnittlich grossen 8-jährigen
“Katharina sagt:
14. August 2009 um 13:23″
Ist jemand anders.
Wow, wirklich gut zusammengefasst! Vielen Dank für diesen Beitrag. Den werde ich bestimmt noch ganz oft durchlesen.
Und ich fange nach 7 Jahren doch langsam an den Spruch ‘kleine Kinder kleine Sorgen, grosse Kinder grosse Sorgen’ zu glauben. Es geht halt mit der Zeit doch um mehr als nur um einen wunden Po oder Fieber.
@Katharina
Von Herzen die besten Wünsche! Und Welcome to the Mamaclub
Nicole
Das mit den Kleidergrössen ist Übungssache (für Y-Chromosom-Träger). Nach über drei Jahren für und mit meinen beiden Söhnen Kleider kaufen habe ich die Gössen durchaus im Kopf. Besser als meine eigenen Grössen, da die Häufigkeit des Kleiderkaufens bei den Kindern eindeutig höher ist. Bei Teenagern ist die Grösse beim Einkaufen immer weniger ein Problem. Die verschiedenen Geschmacksrichtungen schon eher. Des halb ziehe ich es vor die Jungs selbst wählen zu lassen. Meine Funktion ist es dann nur noch einzugreifen, wenn das gewünschte zu teuer oder zu unpraktisch ist. Und natürlich zu zahlen.
Schöne Schreibe. Habe heute im Spital einen alten kranken Mann gesehen und an den Artikel gedacht. Unglaublich wie viel Leben in die ungefähr 30′000 Tage unseres Daseins passt.
@ Lilifee
Ich erlebe meine Teenager absolut nicht als schwer zugänglich, im Gegenteil ich erlebe sie als aufgeweckte kritische junge Menschen, die ihren eigenen Weg zu gehen beginnen, die sich “abnabeln” von meinem Weg und die durchaus in der Lage sind, den von ihnen gewählten Weg zu gehen, wenn man sie denn lässt.
Ich denke gerne an die Zeit zurück, als die Kinder noch klein waren, da wurde ich anders gebraucht, habe mich anders erlebt, heute habe ich ein grosses Stück “Freiheit” wieder erlangt.
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Das erste Jahrzehnt war das aufwändigste, danach kennen die Kinder die Regeln, die innerhalb der Familie herrschen und wissen auch wie damit umgehen. Diskussionen gibt es, manchmal heftige, aber wenn der vor Kraft strotzende weltverbessernde Teenager mir nach einer hitzigen Debatte spontan auf derselben Augenhöhe sagt:” Mam, du bist einfach die Beste”, dann weiss ich, dass ich die letzten 15 Jahre auch viel gelernt habe
wunderschön und so wahr
auch ich gratuliere der tochterkind und den Eltern zu der Zeit
Schön geschrieben, Ihrer Tochter alles Gute zum Geburi!
Aus einem bei mir aktuellen Anlass würde ich gerne ein Blogg Wunsch Thema einbringen. “Wie kläre ich mein Kind auf”. !
kann ich nur beipflichten!
und es ist zehn jahre später nicht viel anders. konnte man früher nicht schlafen, weil sie einem nicht schlafen liessen, schläft man nicht, weil sie vom ausgang nicht nach zu normalen zeiten nach hause kommen.
wunderbar!!!
Gratuliere zu diesem Textlein. Auch das Bild ist wunderhübsch gewählt. Solche Frauenzimmer hätt ich mir in den 90er Jahren gewünscht zum Diskutieren. Aber damals dachten die nur an “Karreiere und Quoten”. Nun werden wir sehen, welche Zuschauerquoten, das Quotenprojekt “Die Räuberinnen” einfährt! Nach dem Jubel der weiblichen Feuilletonistiinnen: Meier im Tagi und Scharnberg in der Baz dürfte es seeeeehr ruhig werden um dieses “Zeitgeistprodukt”. Aber dieser Blog ist Kult!!!!
So schön und so wahr. Ich frage mich, was die nächsten fünf Jahre für Einsichten bringen und freue mich bereits auf den Text zum 15. Geburtstag.
Eifach gut
)))
Klasse… Ich werde selbst in zwei monaten Vater und habe bei einigen Aussagen wirklich schlucken müssen und wurde quasi gezwungen an mein eigenes Kindsein zurückzudenken.
Ich denke viel treffender kann man das “Muttersein” nicht ausdrücken, auch wenn ich als Y-Chromosomträger das nicht unbedingt bis ins letzte Detail beurteilen kann. – Danke!
das ist ein wunderschöns bild und ein wunderschöner text
macht mir lust aufs mama werden ;o)
Grossartig, einfach wunderbar geschrieben. Danke der feinfühligen Autorin.
Zitat:
fragen müsse!
“danach kennen die Kinder die Regeln, die innerhalb der Familie herrschen und wissen auch wie damit umgehen”
Das ist natürlich die Konsequenz die man bei Kindern durchzusetzen hat.
Euch hätte ich sehr gerne als Freunde denn ihr wisst genau, mit welcher Konsequenz man Kinder (wie auch Hunde *grins*) zu erziehen hat!
Ich musste (leider) feststellen dass viele Mütter/Eltern diese Konsequenz nicht mehr haben – und da dann die kleinen Kinder die “Herrscher des Hauses” werden.
Als meine Partnerin kürzlich unsere Nachbarin fragte ob sie mit ihrem (neuen) Hund auch mit laufen komme meinte sie nur, dass sie ihre Kinder (6 +
Wir haben dann darüber gewitzelt dass wir in diesem Alter niemals mitkommen wollten, da wir ja sonst schon mehr wie genug Bewegung hatten – aber das Traurige an diese ganzen Geschichte ist doch, dass diese Mutter hier nur noch Sklavin ihrer eigenen kleinen Terroristen ist!
Und in zehn Jahren werden sich viele Andere und machmal sogar die Polizei mit und über diese ungezogenen Bengels aufregen und befassen müssen!
Bei Hunden wird immer darüber diskutiert dass es eine Halterprüfung benötige (manchmal nicht zu Unrecht, wie ich bedauerlicherweise gestehen muss!) aber Kinder machen kann und dürfen alle die nicht mal einen Schimmer davon haben welche Auswirkung und Schaden ein antiautoritär erzogenes Kind mal zur Auswirkung haben kann…
Sehr enttäuscht von dieser selbstherrlichen und leicht verblödeten Menschheit
Jonnyswiss
Dieser Arikel war nach einem vollchaotischen Mamadaseins-Tag einfach Balsam für meine Mutterseele. Danke!