Leben


Michèle Binswanger am Dienstag den 27. Oktober 2009

Down by Family

MAMABLOG-DOWN-BY-LAW-01

Auch ein Art Familie: Die Knastbrüder Tom Waits, John Lurie und Roberto Benigni in «Down by Law» (1986).

Heute habe ich schlechte Laune. Kein schöner Charakterzug, aber ein ehrlicher. Jüngst teilte mir ein Freund mit, er sei wider Erwarten in Erwartung. Ich gratulierte, klatschte in die Hände, jubelte ihm die übliche Arie vor. Er aber argwöhnte, die kollektiv inszenierten Freude um die Elternschaft sei doch bloss eine Lebenslüge. Ich verzog mein Gesicht zu einem Fragezeichen und er erklärte, wenn man so viel in ein Projekt reinstecke, müsse man es positiv bewerten, selbst wenn dies nicht stimme. Nun also. Heute habe ich schlechte Laune und deshalb rede ich Klartext.

Ich habe mal gelesen, dass absolut ausbruchssichere Gefängnisse unmenschlich sind, weil Gefangene zumindest die Illusion brauchen, sie könnten ausbrechen. Insofern sind Familien unmenschlich, wie jeder alljährlich an Weihnachten wieder erfährt. Wer aber nicht nur Kind von jemandem sondern auch selber noch Elternteil ist, dem wird diese Erfahrung in potenzierter Form zuteil.

Was man hat, das hat man. Kinder. Ja, ich bin privilegiert, meine Kinder sind gesund, begabt, anständig und so weiter, ich sollte den ganzen Tag auf den Knien rumkriechen und Gott weiss wen dafür preisen. Aber es gibt Tage, da fühlt man sich nicht wie ein Hort mütterlichen Glücks, sondern wie ein Atomwaffenlager. Und das Glück hat Gitterstäbe und eine dicke Eisentür. Der Partner ist kein Geliebter, sondern ein Gefängniswärter. Der strukturierte Tagesablauf nervt, und dass jeder Schritt, den man tut, die andern in Mitleidenschaft zieht, als wäre man durch unsichtbare Fäden verbunden. Dass Kinder mit Schlafentzug foltern, dass sie nur an sich denken, dass sie glauben, man habe auf alles eine Antwort. Dass sie mit den Tentakeln ihrer Aufmerksamkeit nach dir greifen, dich mit ihren Saugnäpfen festhalten und dasselbe Engagement von dir erwarten. Dass sie immer genau dann krank werden, wenn man das Wochenende als gloriosen Akt der Selbstzerstörung plante. Dass sie immer unterlegen sind und man deswegen immer stark und geduldig sein muss. Dass man verdammt nochmal nicht einfach herumfluchen kann, wie es einem passt. Und vor allem nervt, dass man dann solche Idiotien von sich gibt und jenen Kinderhassern und Kindermacherhassern das Wort redet, die sich auch hier tummeln, aber sich wohl nicht mal ob einer solchen Tirade freuen können, weil Freude wohl generell verdächtig ist, stattdessen den Mund zusammenkneifen, die Stirn in Falten werfen und bemerken: Wir haben es ja gesagt.

Und drum, ihr lieben Kindermacherhasser, nehmt dies: Natürlich könnte man es ja tun. Man könnte sich einfach einen Flug buchen. Nur alles hinter sich lassen, das kann man nicht. Denn das Gefängnis sind nicht die andern, sondern das eigene Herz, das sich sofort an die Rippen werfen und laut um Rückkehr flehen würde. Denn das Herz lügt nicht. Nein, die Lebenslüge ist nicht, dass Kinder zu haben nicht toll ist, denn das ist es. Die Lüge ist, dass das Leben keine Opfer verlangt, denn das tut es, mit oder ohne Kinder. Und deshalb möchte ich mit einer kleinen Fabel schliessen vom hochverehrten Franz Kafka einem, der sich mit Opfergaben auskannte.

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glück­lich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Lauf­richtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

55 Kommentare zu „Down by Family“

  1. oliver sagt:

    ihre frustrierte, post-adoleszente mutti-schreibe nervt. was wohl die absicht ist.

    nur:

    a. madame ist schlecht gelaunt und zitiert kafka. ich zitiere genussvoll dürrenmatt, der von der schweiz als gefängnis sprach. einem gefängnis, in dem jeder “gleichzeitig frei, gefangener und wärter ist.” wenn man/frau schon in diesem gefängnis hockt: warum sich denn in der zelle freiwillig nochmals ein weiteres gefängnis bauen? warum sich mit kindern und familie noch mehr einmauern? sich noch mehr fesseln lassen und freiheit verlieren?

    b. an ” kinderhassern und kindermacherhassern” enerviert sich frau binswanger. ich habe mich (heute 58) mit 26 unterbinden lassen. aus verantwortung gegenüber meiner damaligen partnerin und gegen die gesellschaft. um ihr kinder (soldaten, anpasser, manager, unterbezahlte frauen etc.) zu verweigern.
    ein schmunzeln ob ihrem jammern leiste ich mir allerdings. sie haben recht! ich habe «es ja gesagt.»
    obwohl ich willentlich keine kinder habe, hasse ich sie (noch die «kindermacher») natürlich nicht! chacun et chacune à son goût!

    c. allerdings gibt es da ein kleines, grosses problem: ich wohne in einem kleinen, ewig wachsenden schweizer vorort, in dem es von immer-schwangerem white trash nur so wimmelt. warum soll ich für die goofen der anderen, für ihre krippen etc. steuern zahlen?

    d. “das herz lügt nicht”, schreiben sie. und haben recht. wenn ich mit meiner partnerin nach asien reise – nach hanoi, nach bangkok, nach beijing, guanzhou oder in die usa und in die karibik (meist beruflich) – geniessen wir das immer immens und unserem nimmerlügenden herz folgend. vor allem sind wir froh, keine zwängelnden kids bei uns zu haben. für uns ist freude keineswegs – wie sie schreiben – «generell verdächtig» und wir kneifen auch den mund (ihre worte) nicht zusammen. Wir geniessen den globus ohne goofen! eat your heart out, ms. binswanger!

    e. «das gefängnis sind nicht die andern, sondern das eigene herz», schwärmen sie verzaubert. Ich halte es mit sartre: «l’enfer c’est les autres.» so durfte ich etwa die hölle letztes jahr bei einem flug nach miami erleben. stundenlang plagten und nervten vier kinder in der business class die passagiere. der vater in manchesterhosen las ein business-blatt, die mutter – eine glucke aus dem bilderbuch – schaute dem treiben ihrer brut stolz zu.

    f. ihre attitüde (wer motzt kann ja weg) zeugt fürwahr von frust. «moskau einfach», schrien die reaktionären früher.
    klartext: ein leben ohne kinder ist durchaus lebbar! lesen sie bitte «no kid: quarante raisons de ne pas avoir d’enfant» von corinne maier (editions michalon, 2007). sollten sie denn zeit dafür finden.

  2. Natascha sagt:

    Lieber Oliver,
    mir scheint sie haben es nicht so mit “zwischen den zeilen lesen”. Aber schön, wenn sie ohne Kinder so glücklich sind. Chacun et chacune à son goût, sagen sie? Dann hätten Sie sich diesen unnötigen, sarkastischen Kommentar auch sparen können. ;)

    Liebe Frau Binswanger, vielen Dank für ihre Ehrlichkeit. Es ist nur menschlich, manchmal auch mit seinem Glück zu hadern! :)

  3. gargamel sagt:

    @katharina: Was geht bei Euch vor, dass Du von einem Mangel an Zukunftsperspektiven sprichst?

    im ernst, die frage? vielleicht mal ‘ne zeitung aufschlagen und dort nicht bloss den modeteil und die berichte über die neusten SUVs lesen…

  4. mira sagt:

    @Katharina
    Was haben die Leute, die vor 20, 50 oder sogar 100 Jahren aus der Schweiz ausgewandert sind, noch mit dem heutigen Glücksempfinden der Schweizer Bewohner zu tun? Nichts. Sie mögen sich vielleicht noch gut an die Schweiz erinnern, haben jedoch die massgebende Entwicklung, die für das heutige Glücksempfinden verantwortlich ist, nicht mehr mitgekriegt.

    Informativer sind wahrscheinlich die aktuellen Auswanderungszahlen (minus die Rückwanderunszahlen). Ich selber hab mich auch schon mal von der Schweiz abgemeldet, da ich im Ausland gearbeitet habe. Allerdings hatte das beruflich Gründe, die Schweiz blieb für mich die Nr. 1, was Lebensqualität anbetrifft.

    Weiters sollte man bei den Auswanderungszahlen berücksichtigen, wer geht: Sind das Rentner, die sich ein Häuschen in Spanien/Südtürkei/Rotes Meer etc gekauft haben und sich dort einen schönen Lebensabend machen (mit der guten CH-Währung…). Oder sind das ehemals Eingebürgerte, die zurückkehren? Oder sind eben berufliche Gründe oder eine Ausbildung ausschlaggebend?

    Ich denke, dass nur ein geringer Prozentsatz aufgrund von wirklicher Unzufriedenheit aus der Schweiz auswandert. Und diejenigen, die es können, profitieren oftmals noch vom rel. Wohlstand der Schweiz (zb Aufbau einer Tauchschule in Thailand nur dank hohen Einkommensleveln in der Schweiz möglich, etc.)

  5. simone sagt:

    katharina: unseren schulen und universitaeten wurden in den letzten jahren 9 milliarden euro gestrichen. die lehrerInnen setzen (bei den klassen in die meine kinder geraten sind) alles herzblut daran, den kindern trotzdem eine gute grundausbildung zu geben. aber fuer alles gibt es kollekten: schulmaterial haengt sowieso alles an uns, nun auch ein computer fuer die klasse, die kopien, das fischfutter damit das schulaquarium nicht voller toter fische liegt, das WC-Papier. Und das bei einem sehr tiefen Lohnniveau (ein Lehrer verdient am Anfang jahrelang knapp 1000 Euro, nach Jahren, bei Festanstellung, etwa 1500. Durchschnittlich kosten die Mieten in unserer Stadt um die 1200 Euro).
    Jemand mit Uniabschluss sucht meist gar nicht erst nach einer aussichtslosen Stelle im eigenen Gebiet, und so ist es ganz normal, dass etwa eine Schuhverkaeuferin eigentlich Theaterdidaktik studiert hat und eine Telefonistin ein Doktorat in Mikrobiologie hat.

    Das hat unter anderem zur Folge, dass unsere Kinder und die jungen Erwachsenen oft keine Perspekiven sehen, ausser die der Emigration (hier bekannt als “fuga dei cervelli”: Flucht der Hirne).

    Wie es soweit kam hat natuerlich viele Gruende, ich will und kann keine Analyse dazu liefern. Natuerlich ist eine grosse sehr frustrierte Bevoelkerung noch nie ein guter Naehrboden fuer welche Ideen auch immer gewesen…

    Es ist einfach objektiv gesehen sehr schwierig, starke und zuversichtlich in die Zukunft blickende Erdenbuerger aufzuziehen. Wir persoenlich sind darin sehr geholfen durch unsere viel-kulturelle Familie. Unsere Kinder sehen so viele Realitaeten dass sie sich (im Moment) noch nicht von diesem frustrierenden und blockierenden System ueberrollen lassen haben.

  6. Pascal Sutter sagt:

    Was mich mehr nervt als eine Muttermotze sind intellektuelle Dinks deren Egoismus zum Himmel schreit

  7. Jo Mooth sagt:

    Ich frag mich ja auch, was eigentlich ist, wenn es mehr ist als schlechte Laune. Gibt es eigentlich Eltern, die bereuen, Kinder gezeugt zu haben, und das auch offen zugeben? Darf man sowas offen zugeben? Könnte ja mal einer der nächsten Blogbeiträge sein.

  8. simone sagt:

    wollte Molekularbiologie schreiben, nicht “Mikro”biologie.

  9. gargamel sagt:

    @simone: was hast du denn gegen mikrobiologen..?

  10. simone sagt:

    gargamel: haette es natuerlich auch stehen lassen koennen, aber die telefonistin, an die ich konkret gedacht habe, ist molekularbiologin.. am inhalt aendert es nichts und ich bitte ergebenst alle etwa aufgescheuchten mikrobiologen um verzeihung. gut so? :-)

  11. Brunhild Steiner sagt:

    @Jo Mooth: war im September Thema “dürfen Eltern ihre Kinder verlassen?”, ein heisses Thema, da würden wohl die Fetzen fliegen…

  12. lisi sagt:

    @jo Mooth, ja es gibt diese Eltern, ob sie es zugeben? Weiss ich nicht, kenne aber genügend traurige Geschichten von Kindern die verlassen wurden. Die werden dann meist von einer Pflegefamilie in die nächste geschoben oder gar nicht mit nach Hause genommen nach der Geburt. In meinem Umfeld betreute kürzlich eine Familie ein solches Kind. Gemäss Aussage des zukünftigen Amtes gibt es jeden Monat mehrere Kinder die in grösseren Spitälern zurück bleiben. Wenn nicht zur Adoption eingewilligt wird, dann beginnt direkt nach der Geburt die “Karriere” als Pflegekind.

    Dies ist aber nicht mit Eltern zu verwechseln, die einfach mal die Nase voll haben, wenn auch nur für 5 Minuten. Das dürfen wir Eltern nämlich schon. Früher als ich keine Kinder hatte, da hatte ich manchmal auch die Nase voll, vom Job, dem Wetter oder was auch immer. Fast mit erscheinen dieses Artikels hatte ich auch so einen Tag. Hatte so viel zu erledigen für die Familie, die Kinder, deren Schule etc. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich einen Tag frei genommen von meiner Familie. Gestern war ich dann also mit ca. 25 Kindern den ganzen Tag im Wald und betreute ein Projekt und baute und schaufelte, sägte etc. mit diesen und meinem Kind. Am Abend waren wir alle müde und kaputt, aber so zufrieden. Vielleicht brauchen wir diese Sch…..tage und all die schlechten Gefühle, damit wir uns am guten, den tollen Tagen auch wirklich freuen können. Wäre täglich garantiertes Glück wirklich erträglich, würden wir es noch schätzen? Dies gilt nicht nur für Eltern, sondern für alle Menschen.

  13. Robert sagt:

    Mir ging’s gestern auch dreckig. Ich verwalte eine Liegenschaft und zwei Mieter ziehen übereinander her und benutzten mich als Blitzableiter.

    Oder anders gesagt: Es braucht nicht unbedingt Familie, um runtergezogen zu werden und es braucht nicht unbedingt Familie, um glücklich zu sein.

    Aber: Wer keine Familie managen kann, kann auch kein Geschäft managen. Wenn man davon abhängig ist, dass nichts Unangenehmes passiert, wird man wohl kaum richtig glücklich. Mit und ohne Familie.

  14. Yve sagt:

    Damit der letzte Kommentar von oliver hier nicht als erstes stehen bleib :-) t, hier noch meine optimistische Meinung: Ich bin Jungmami (6 Monate alter Bub) und finde es ganz fantastisch, noch dazu ziehe ich nach 20 Jahren wieder zurück in die Schweiz (BS) und freue mich riesig (wie auch immer der Bogen von Kindern zur Schweiz gekommen ist)! Alles Einstellungssache und Persönlichkeitsfrage, daher nützen auch Vergleiche wenig.

  15. Lutz Seifert sagt:

    Ich weiss nicht wie’s ihnen geht Frau Binswanger, aber mir geht es nach ein bisschen Kafka lesen/rezitieren meistens wieder ganz gut ;)

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