Leben


Nicole Althaus am Montag den 26. Oktober 2009

Elterliche Gymnasialdressur

MAMABLOG-SCHULE-01

«Heute war ich die schnellste, aber das zählt nicht, die Hochbegabten waren ja weg» - Die neue Begabtenförderung betont die Unterschiede.

Kurz vor den Ferien kam meine Viertklässlerin am Mittag nach Hause und sagte mir: «Mama, ich bin nicht begabt!» Als ich sie fragte, wie sie denn um Himmels willen darauf komme, erzählte sie mir, dass die Befö-Lehrerin (Begabtenförderung) ab sofort mit vier Schülerinnen und Schülern an zwei Stunden pro Woche ein Spezialprogramm durchführe: «Die dürfen selber ein Thema auswählen», erzählt sie begeistert und traurig zugleich, «und es ganz alleine erarbeiten. Ich wäre ja so gerne auch dabei!» Meine Tochter ist wie fast alle Kinder dieser Klasse nicht hochbegabt aber auch nicht blöd und deshalb nicht die einzige, die aus der Tatsache, dass ein Elitegrüppli separiert wird und – notabene ausserhalb des Klassenzimmers  – Spezialförderung erhält, Schlussfolgerungen zieht. In ihrem Fall die folgenden:  Ich mache etwas falsch, ich bin nicht gut genug, die andern sind einfach klüger, schneller, besser. Und deshalb darf ich nichts über Vulkane  lernen, obwohl mich das doch auch interessieren würde, und ich mich in der Schule auch oft langweile.

Die Separation einer kleinen ausgewählten Elite ist, neben der Langeweile, über die meine Tochter  in der dritten Klasse nie klagte,  bisher die Massnahme, die sie von der neu eingeführten integrativen Förderung am meisten spürt. Etwas zynisch meinte sie letzthin: «Heute war ich die schnellste, aber das zählt  nicht, die Hochbegabten waren ja weg.» In Zeiten, in denen landauf landab das Hohelied der Integration gepredigt wird, ist eine solche Eliteförderung so paradox wie ärgerlich! Vorab da ich am Elterngespräch letzte Woche erfahren habe, dass weder klare Kriterien bestehen, welche Kinder in den Genuss dieser Förderung kommen sollen, noch die Lehrpersonen selber die Massnahme in jedem Fall nachvollziehen können. Die Selektion ins Befö-Grüppli ist offenbar in einigen Fällen auf Druck von Eltern passiert.

Und genau das hat in unserer Volkschule System: Ehrgeizige Eltern steuern  den Schulalltag ihrer Kinder, wo immer sie können, prüfen Lehrerinnen, wie sie sonst Lebensversicherungen vergleichen, optimieren den Nachwuchs so gezielt wie die Steuern. Das Nachsehen haben vor allem Kinder aus bildungsfernen Familien. Aber nicht nur: Den Wettbewerb gewinnt, wer Eltern hat, die sich kümmern   u n d  einmischen. Das ist mitnichten eine subjektive Einschätzung, sondern wurde in einer brandneuen Studie zu Schulkarrieren, finanziert  von der Zürcher Bildungsdirektion, der Hochschule Bern und dem Nationalfonds, zum ersten Mal wissenschaftlich belegt:

  • Die Leistungen der Kinder in Deutsch und Mathematik wird zu 30 bis 50 Prozent von den Erwartungen und Verhaltensweisen der Eltern beeinflusst
  • Lehrpersonen haben auf die Schülerleistungen bloss einen Einfluss von 5-15 Prozent und sie
  • benoten die Schüler nicht vorurteilsfrei, sondern geben einem Kind von Eltern mit hohen Bildungserwartungen die besseren Noten
  • Die Eltern beeinflussen auch den Übertritt in Gymnasium, Sek A oder B massiv

Dass Bildung ein Privileg ist, das wussten wir schon immer. Dass Kinder aus bildungsaffinen Elternhäusern von diesem Privileg mehr profitieren, ist bedauerlich aber wohl nicht vollständig aus der Welt zu schaffen.  Dass aber die  Erwartungen der Eltern für den Selektionsprozess entscheidender sind, als das Potenzial eines Kindes, das ist ein Armutszeugnis für eine Schule, die sich noch immer Volksschule nennt. Auch diese Tatsache ist übrigens nicht frei erfunden, sondern einem Interview mit Markus Neuenschwander, dem Leiter der Studie, entnommen.

Nun fordern Politiker Massnahmen: Kathy Riklin, CVP-Nationalrätin, glaubt, mit einer Einschulung der Kinder im dritten Lebensjahr könne das Defizit bildungsferner Elternhäusern am besten ausgeglichen werden. SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer ist der Meinung, die Integration der Benachteiligten sei bloss eine Frage des Willens und der Einstellung der Eltern und Strittmatter vom Dachverband der Schweizer Lehrkräfte setzt auf individualisieren Unterricht. Reicht das, um in der Schweiz Chancengleichheit ins Klassenzimmer zu bringen, die mehr ist als bloss ein Schlagwort? Was meinen Sie?

104 Kommentare zu „Elterliche Gymnasialdressur“

  1. Selina sagt:

    Diese Beförderungsgruppe gibt es ja schon seit längerem…auch schon als ich in die Primar ging. Auch einige meiner Freunde gingen damals und auch mir war schon bald bewusst, dass viele hohe schulische Erwartungen von den Eltern haben. Als man mit mir dann auch mal so ein Test durchführte freute ich mich zuerst sehr darauf mit den anderen zusammen zu sein, zu den schlauen zu gehören. Hingegen wurde ich zur Legastenie geschickt auf dieses Testergebnis! =P
    -Aber meistens hatte ich mehr schon fast Mittleid mit diesen ‘begahbten’ Freundinen, denn auch wenn sie immer bessere Noten erlangten als ich fürchteten sie sich jeweils dass sie vielleicht nicht gut genug seien für die Eltern oder nahmen sich selten die Freiheit sich seiner Fantasie zuüberlassen und zu spielen! -Und dies schon von der Primar an!

    Doch genau diese Freundinnen, haben teils später Probleme mit der Schule…sie sind vielleicht immernoch gut, aber nur dank deren grossen Fleiss kommen sie gerade auf ein gutes Ergebins, mit welchem sie sich aber selten auch richtig zufrieden geben können und wenn sie mal was nicht können sind sie verzweifelt. Wärend ich zwar auch in den Genuss kam von intelektuellen Gesprächen zuhause und so weiter wurde ich jedoch nie unter Druck gestellt und es war mir auch frei beliebt mich in meiner Fantasie zu versinken und zu spielen. -Und genau dies ist nun mein bestes Lernmaterial! Dank meiner verspielten und verträumten Kindeheit (die mich damals noch als durchschnittliches und heher schulisches faules Kind prachten) machen mich nun zu einer der besten schülerinen. denn alles mögliche weckt meine Interressen, wie die eines kindes und Lernstoff läst sich leichter hands mit ein wenig fantasie in ein Spiel oder einer Geschichte/Bild verwandeln…und mein gehirn prägt es sich leichterhand ein.
    -diese als kind erlernte Fähigkeit fehlt diesen anderen teilweise…warum sonst kommen sie zu mir um nach eselsbrücken zu fragen und mit mir zu lernen???

  2. bob sagt:

    @ amélie
    Die ganze Diskussion erscheint mir doch recht lächerlich: In einer Klasse finden sich 4 HB (tolles Label, reiht sich schön ein unter ADS, POS und was sonst noch so unter Müttern getratscht wird). Was sollen 2 Stunden Begabtenförderung pro Woche denn bringen ausser eine Stigmatisierung der Kinder und eine Befriedigung des Eltern-Ego. Besser werden diesen Kindern zuhause 2 Stunden mehr geschenkt – vielleicht vom so erfolgreichen Vater. Der Leidensdruck der “HB” besteht sehr wohl und zeichnet sich zuhause ab. – Klar doch, das Leiden beginnt ja oftmals mit dem Druck zuhause. Kann mir übrigens jemand ein tolles Uebungsbuch für die Testreihe beim Schulpsychologen empfehlen?
    Aus meiner Erfahrung haben viele der Frühleser uns Power-Einmaleinsler alle irgendwann abgehängt.

  3. Jac sagt:

    http://www.hochbegabte-erwachsene.de/mixedBag/pdf/wiedenkenhi.pdf

    Hier wirds erklärt.. dann muss man als Normalbegabter nicht geifernd herumhässelen sondern merkt einfach klar und sauber den Unterschied.

  4. bob müller sagt:

    @ jac
    Keineswegs möchte ich bestreiten, dass es überdurchschnittlich intelligente Kinder gibt, die sich in unserem Schulsystem nur schlecht zurechtfinden. Da reden wir aber nicht von einer Prävalenz von 20%. Der Begriff “Hochbegabung” erfasst erstens das Problem nicht ganz und wird dabei zweitens inflationär verwendet. Ein hoher IQ stellt nicht per se ein Problem für die schulische Integration dar. Leistungsgerechtes Lernen ist in Ordnung. Finden Sie es nun aber notwendig, dass jedem mit einem IQ von über 115 (oder meinetwegen 130 je nach Definition) das Prädikat hochbegabt/ höchstbegabt oder wie auch immer angehängt werden soll. Wenn’s Ihnen weiterhilft, na bitte. Man kann auch darauf verzichten. Die Schule ermöglicht auch soziales Lernen.
    Ihr Link für die Webseite von Erfolgscoaches bestätigt leider nur meine Befürchtung: “Wie setze ich meine Fähigkeiten ein und nutze meine Ressourcen optimal?” – Irgendwo hab ich das doch schon mal gehört. Auf der Strasse vielleicht? Danke, ich hab einfach klar und sauber den Unterschied gemerkt. Ist das nun “Erfolgsintelligenz” (Zitat)?

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