
Wird das Kind gesund? Embryo im ersten Trimester.
Meine Freundin hat vor zwei Wochen ihr erstes Kind geboren. Die freudige Nachricht war zugleich eine traurige, denn ihr Kind leidet unter einem Chromosomenfehler, dem sogenannten Edward-Syndrom. Die meisten Kinder mit Edward-Syndrom sterben bei der Geburt oder in den ersten Lebensjahren.
Das ist tragisch genug. Befremdlicherweise erkundigen sich die meisten Leute, mit denen ich darüber spreche, als erstes: Hatte sie denn keine pränatale Diagnostik? Eine verständliche Frage mit unmissverständlichem Subtext: Sie hätte das verhindern können. Sie ist selber schuld.
Seit der Geburtshelfer Ian Donald in den Sechziger Jahren Ultraschall zur sonographischen Abbildung eines Embryos einsetzte, ist die pränatale Diagnostik (PND) zum festen Bestandteil des medizinischen Angebots für Schwangere geworden. Theoretisch eine gute Sache – aber wie immer liegt der Teufel in der Praxis. Denn wie jede technische Möglichkeit gaukelt auch die PND eine Sicherheit vor, die es nicht gibt. Pränatale Diagnostik beruht nur auf Annahmen – Garantien über die Entwicklungsmöglichkeiten des zukünftigen Menschen gibt sie nicht. Tatsächlich sind heute nur etwa fünf Prozent schwerer Behinderungen angeboren; und von diesen können zur Zeit nur etwa 0,5 Prozent durch die Pränataldiagnostik erkannt werden. Dennoch scheint die Ansicht vorzuherrschen, ein behindertes Kind sei ein vermeidbarer Betriebsunfall.
Während meiner Schwangerschaft wurde ich schon in der ersten Sitzung beim Frauenarzt auf die Möglichkeiten pränataler Diagnostik hingewiesen, was mich beunruhigte. Von Risiken war die Rede, von Möglichkeiten. Ich wollte das gar nicht so genau wissen. Lieber als Gott zu spielen, über liess ich mein und das Schicksal meines Kindes den Launen der Natur.
Da man davon ausgehen darf, dass die Biomedizin sich weiter entwickeln wird, muss sich die Gesellschaft früher oder später den unbequemen Fragen stellen: Wann darf man ein Kind aufgrund einer PND abtreiben? Wenn es behindert ist? Wenn das Risiko späterer Krankheit besteht? Wenn es nicht blond und blauäugig ist, obwohl man sich das gewünscht hat? Letztlich lautet die Frage: Welches Leben ist lebenswert und wer darf darüber entscheiden? Was bedeutet die menschliche Natur und Würde im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit?
Und zuletzt muss man sich auch fragen, was das für die Frauen bedeutet. Zufälligerweise kenne ich die Hebamme, die das Kind meiner Freundin zur Welt brachte. Als wir über die pränatale Diagnostik sprachen, erzählte sie mir, dass sie in jüngster Zeit mit zwei weiteren Fällen von Edward–Syndrom konfrontiert war. Die erste Frau entschied sich, das Kind trotz der schweren Störung auszutragen – es starb nach der Geburt. Die zweite entschied sich für eine Abtreibung im achten Monat. Die zweite Frau, so berichtete die Hebamme, habe viel mehr um ihre Entscheidung gerungen. Sie habe den Eindruck, sie leide viel mehr, als die Frau, deren Kind eines natürlichen Todes verstarb.
Gestern ging es in unserer Schwangerschafts-Serie um die Peinlichkeiten, die Schwangerschaften begleiten. Morgen lesen Sie hier: Das Märchen von der sanften Geburt – von den Sprachregelungen im Kreissaal.



Nicole Althaus ist Autorin und freie Journalistin in Zürich. Seit beinahe zehn Jahren betreibt Nicole Althaus Feldforschung in der eigenen Familie: Die Autorin ist verheiratet und Mutter zweier Mädchen im Alter von 10 und 6 Jahren.
Michèle Binswanger hat Philosophie und Germanistik studiert, war als Künstlerin und Kletterin tätig und ist heute Redakteurin bei Tagesanzeiger/Newsnetz. Sie lebt mit ihrem Mann, ihrer Tochter (8) und ihrem Sohn (5) in Basel. 

































































@ Hansli: Na, dann hoffe ich, dass hier nie eine Diskussion über Sterbehilfe geführt wird. Ich glaube, mit meinem (erworbenen) Gehörschaden und meinem (erworbenen) schlimmen Rücken würde ich wohl sofort “entsorgt”.
Im Ernst: Glauben Sie denn wirklich, dass alle Eltern, die gesunde Kinder haben, Ihrer Aufgabe wirklich gewachsen sind? Und wie lautet Ihre Lösung, wenn dies nicht der Fall ist? Und was würden Sie tun, wenn ein Kind nach der Geburt einen Unfall hat, aufgrund dessen es behindert ist?
@Hansli: gut, Ihre Position ist nun klarer, für Sie ist alles “nachweisbar behindert/eventuell in Zukunft erkrankend” zu eliminieren. Die falsch positiven Resultate lassen Sie genauso kalt, wie die Fachinformationen. Dass von PND-Kritikern der Alltag/das Leben mit Behinderungen/Krankheiten weichgespült werden stimmt nicht.
Aber der eigentliche Punkt, und da werfe ich Ihnen Kurzsichtigkeit vor, ist folgender. Wenn normal wird, dass alle möglicherweise behinderte, möglicherweise irgendwann im Erwachsenenleben erkrankende selektioniert werden, wird irgendwann diese Frage auf dem Tisch liegen: was machen wir mit einem Baby, dass infolge Geburtsschaden schwerstbehindert (körperlich und/oder geistig) geworden ist? Wenn seine legale Tötung durch Spätabtreibung 2 Wochen früher noch möglich gewesen wäre? Irgendwann stehen wir vor genau diesen Fragen! Und es wird beim Baby nicht haltmachen, denn in jeder Lebensstufe gibt es Krankheiten/Unfälle welche zu Schwerstbehinderungen führen. Eine Gesellschaft, die sich daran gewöhnt, dass Krankheit/Behinderung selektioniert wird, für die der Umgang/Beziehung mit behinderten Menschen immer ungewöhnlicher und als vemeidbares Übel betrachtet wird, eine Gesellschaft deren Entscheidungsträger in diesem Sinne die Gesetze auslegen/machen, so eine Gesellschaft wird totalitär.
Deshalb fordere ich eine umfassende Aufklärung wenn PND in Anspruch genommen wird, inklusive Informationsmaterial von Behindertenorganisationen. Damit der Blick der Betroffenen weit bleibt!
Und um genau dieser Entwicklung vorzubeugen sind wir auf Menschen, die sich bewusst oder unbewusst für das Kind, egal mit welchem Gepäck, entscheiden, dringendst angewiesen! Weil sie diesem Machbarkeits-und Selektionswahn Paroli bieten.
Ihnen wünsche ich alles Gute, denn der Austausch- wenn es überhaupt je einer war, hat sich nun auch für mich erschöpft. Ich hoffe einfach, dass die Menschen in Ihrem Umfeld auf Ihren Respekt und Wertschätzung bauen können, falls sie sich in dieser doch sehr fundamentalen Lebensfrage, einmal gegen Ihre Einstellung entscheiden würden.
@einige andere: ich finde es stark wie teilweise, von “Pro und Contra” diskutiert worden ist. Gerade von den Betroffenen habe ich selten ausschliessende oder verurteilende Aussagen gehört. Ich bin einfach froh um alle Eltern, die sich ihrem behinderten Kind angenommen haben, vielen vielen Dank! Und viel Unterstützung, ein Umfeld das trägt etc etc. Und dass es in der Politik noch lange nicht der dunklen Seite entgegengeht was dieses Thema betrifft… .
ein liebes hallo
ich kann eigendlich nur da zu sagen, bin selbstbetrofen habe meine Tochter in der 32 SSW still zur Welt gebracht am 01.09.2009 sie hatte frei Trisomie 18 festgestellt in der 27 SSW und ich möchte da nur zu sagen ich bereue keinen Schritt meiner Endscheidung. Sie hat selber endscheiden können wann sie geht, den ich wollte kein Gott spielen und über leben und Tot zu endscheiden.
liebe Grüße
@Mia: vielen Dank für Ihr Teilhabenlassen und Ihren Mut. Der 1.9. wird immer ein wichtiges Datum für Sie sein, und ist gar noch nicht solange her… . Für den Prozess indem Sie jetzt stecken, wünsch ich Ihnen und Ihrem Umfeld ganz viel Kraft, Trost und Geborgenheit. Und wenn dann mal eine nächste SS Thema werden sollte, möglichst wenig Angst und Sorgen.
Alles Gute!!!