Leben


Michèle Binswanger am Donnerstag den 15. Oktober 2009

Angriff der Killerviren

Wenn diese Typen Sie anschauen, dann ist mit ihrem Immunsystem definitiv etwas schief gelaufen.

Bei diesem Ausblick, sollten Sie sich über ihr Immunsystem ernsthafte Gedanken machen.

Die stürzenden Temperaturen im Rücken, galoppiert sie wieder heran, die Saison der Viren, Bakterien und Keime, phänomenologisch angezeigt durch verschwenderisches Auftreten von Schleim, Eiter und Fieberschweiss, aus Poren, Nasen und Bronchien tropfend – und Freunden und Arbeitskollegen, die einer nach dem andern ins Bett fallen. Es ist noch nicht lange her, da verfolgte ich dieses Naturschauspiel aus komfortabler Entfernung, wie ein Tourist am Grand Canyon, der eine Herde wilder Bisons betrachtet.

Seit ich Kinder habe, ist es damit vorbei. Denn diese scheinen wahre Keimmagnete zu sein, sie schleppen sie zuverlässig von Kindergarten, Schulhäusern und Spielplätzen in die Wohnung, wo diese nicht nur mein, sondern die Immunsysteme aller Familienmitglieder schleifen – als wären sie die Mongolen und meine Familie Peking im Jahre 1215. Gefangene werden keine gemacht.

Nun kann man sich über die Konsequenzen für berufstätige Eltern und mögliche Massnahmen Gedanken machen, wie zum Beispiel impfen. Nur schwirren da draussen leider nicht nur Grippe-, Keuchhusten- und Scharlacherreger herum,  sondern auch ganz normale, kleine, fiese Keime. Normalerweise sind diese für einen einzelnen Erwachsenen kein Problem, wohl aber für einen Familienverband. Denn zwar hat man das Recht, ein krankes Kind drei Tage zu Hause zu pflegen – zusammen mit dem notorisch schlechten Gewissen dem Chef, den Kunden oder den Arbeitskollegen gegenüber, da man sich selbst ja noch quietschfidel fühlen mag. Doch aus den drei Tagen werden schnell einmal eine Woche, wenn nach dem ersten das zweite Kind erkrankt und schliesslich man selbst, ganz zu schweigen davon, dass die Truppen der Mongolen unerschöpflich an die Festungsmauern der Familie branden.

Ich möchte hier aber noch etwas anderes zur Sprache bringen. Denn das Phänomen kann sich auch auf soziale Beziehungen empfindlich auswirken. Vergangenes Wochenende etwa. Freund McQueen hatte mal wieder eine Gesellschaft in sein mondänes Haus am See eingeladen und in Vorfreude auf lange Abende mit Wein, Kürbissuppe, anregenden Diskussionen und windzerzausten Nachmittagen am Seeufer, reisten elf Leute an. Mein Enthusiasmus wurde bei der Ankunft leicht gebremst von der leicht zerknirschten Mitteilung McQueens, Sohnemann habe sich auf der Fahrt an den See erbrochen. Ich reagierte mit dem bewährten Rezept, aufs Beste zu hoffen: Übelkeit aufgrund der langen Autofahrt – und mich auf das Schlimmste gefasst zu machen: Ich hielt meine Kinder an, McQueens Sohn nicht abzuschlecken und sich nach dem Kontakt mit potenziell infektiösem Material die Hände zu waschen.

Sie ahnen es. Sohnemanns Übelkeit war nur die Ouvertüre, gefolgt von Bauchschmerzen, Fieber und Diarrhö, die im Laufe der nächsten 24 Stunden die Mutter, den Vater und dann die ganze Gesellschaft heimsuchten. Zum Finale bereicherte die Festgesellschaft – statt tüchtig einen draufzumachen – die Kanalisation des Dorfes mit ihrem Vomitivum und den feuchtfröhlichen Inhalten ihrer Därme.

Die Frage ist: Wie verhält man sich in einem solchen Falle? Hätte ich bei der Nachricht McQueens sofort die Vorderbeine in den Kies der Auffahrt stemmen und meine Brut zum Rückzug treiben sollen? Oder allgemeiner gefragt: Darf man seine Freunde mit einer mitunter neurotisch anmutenden Nulltoleranzpolitik bei sich anbahnenden Krankheiten brüskieren, gibt es angesichts der nahenden Grippesaison nur eines, Duck and Cover?

Und wie stärkt man das Immunsystem seiner Familie nachhaltig? Oder soll man sich stellen, gemäss der Devise, dass der Körper an den an ihn gestellten Aufgaben wächst?

Wer das Phänomen kennt, dem ist vielleicht damit geholfen: Hütedienst für kranke Kinder

Lesen Sie dazu auch: Ich arbeite, also impfe ich.

24 Kommentare zu „Angriff der Killerviren“

  1. Mia sagt:

    Grundsätzlich hat McQuenn keine Manieren, denn in so einem Fall entfernt man das kranke Kind natürlich und verhindert den Kontakt mit andern Kindern. Als Eingeladene reist man üblicherweise mit einer Ausrede umgehend wieder ab. Vorliegend war das aber wahrscheinlich nicht so einfach, weil dem Kind ja wirklich vom Reisen hätte schlecht sein können. Da muss man dann halt einfach durch. Das Ding stärkt schliesslich das Immunsystem der Kids und ist gut für die mütterliche Figur – man muss das positiv sehen. Achtung kleine Kinder: wenn sie zu häufig nacheinander erbrechen, müssen sie an einen Tropf, Gefahr der Dehydrierung. Stärkung Immunsystem: Kids in die Pfadi, der beste Tipp, den ich auf Lager habe, und der hat sich bei meinen vollauf bewährt. Allerdings muss man Jahr für Jahr zweimal eine gute Ausrede parat haben, damit man als Mutter weder an die eiskalte Waldweihnacht muss noch an den Besuchstag mit Gamellenessen im Sommerlager. Naja, ich als bekennende Tussi bin halt nicht so pfaditauglich…

  2. opa meier sagt:

    “Und wie stärkt man das Immunsystem seiner Familie nachhaltig? Oder soll man sich stellen, gemäss der Devise, dass der Körper an den an ihn gestellten Aufgaben wächst?”

    Indem man diese Phasen durchmacht und sich nicht davor scheut. Leider. Viel Glück. Malzeug o.a. Spielsachen (für die Kids) und ein dickes Buch und Ohrenstöpsel (für mich selber) bereithalten :-)

  3. Sandra sagt:

    Ich finde den Link super! Schade dass es diesen Hütedienst nicht auch für Zürich gibt..

  4. Papa sagt:

    Überreaktionen bringen wahrscheinlich wirklich nichts – und so unangenehm diese Brechdurchfälle sind – wirklich schaden tun sie ja nicht.

    Vorbeugung? Es klingt zwar nach Clichée, aber viel Zeit im Freien und regelmässige Besuche auf dem Bauernhof haben uns viel gebracht.

    Süffiger Post übrigens. Willkommen zurück, Frau Binswanger

  5. Helen sagt:

    Lieber Papa – wie genau ist ihr Post zu deuten? Dass regelmässige Besuche auf Bauernhöfen die Kindern mit soviel Keimen, Bakterien und anderen Bösartigkeiten in Kontakt bringen, dass sie nachher immun sind…?! Bitte argumentieren sie in Zukunft differenzierter.

  6. Thomas sagt:

    @ mia

    …mcqueen ist ein rotes nascar-rennauto und nicht dr. house.

  7. Tom sagt:

    Schliesse mich Mia’s Meinung an. Ein aufmerksamer Gastgeber macht einen rechtzeitig auf das Problem aufmerksam und verschiebt den Termin (im geschilderten Fall mag das nicht möglich gewesen sein).
    Meine Frau und ich haben vor einem Jahr darauf verzichtet, einer allerliebst erkrankten Familie einen Besuch abzustatten. Wir haben uns ein paar Worte der Irritiertheit anhören dürfen und das Leben ging weiter…

  8. habakuk sagt:

    @Helen: Denke, genauso geht’s. Sich nicht vor allem fürchten. Bauernhof, Pfadilager, … für Einsteiger geht’s auch mit einem Cüpli-Apéro in der Masoala-Halle.

  9. Alex sagt:

    Ich denke es ist in der Winterzeit auch wichtig, dass man nicht konstant unter Schlafmanko leidet, denn wer erholter ist, ist auch etwas resistenter gegen herumwuselndes Ungeziefer. So kommt man vielleicht bei dem einen oder anderen Infekt mit einem Streifschuss davon.

  10. Bionic Hobbit sagt:

    Ich weiss nicht, es haette ja sein koennen, dass das Kind von McQueen nur was falsches gegessen hat. Ich waere mit den gleichen Ratschlaegen trotzdem gegangen, es haette ja wirklich ein tolles WE werden koennen. Den Bug haetten Sie auch im Tram auflesen koennen. Wenn SIe so Angst vor Infektionen haben, gehen Sie ja sonst nirgends mehr hin.
    P.S. Hatte waehrend meiner 2. Schwangerschaft 3 mal so starken Husten (von der Krippe vom Aelteren importiert und mir jeweils mit viel Liebe ins Gesicht geschmiert), dass ich mir eine Hernie gehustet habe… war irgendwie nicht vermeidbar.

  11. Thomas sagt:

    @ papa

    …bitte argumentieren sie nicht differenzierter in der causa “bauernhof”.

  12. Katharina sagt:

    Mc Queen ist eine Drama Queen.

    Ich wuerde die Dekontaminationscrew bestellen, das ganze Haus in eine Plastikblase hüllen, mit Helikoptern das Gelände weiträumig überwachen, beim Gemeinderat die Umzonung zu Area 51 beantragen und den Kid nach Lybien in die Ferien schicken, damit auch der Affe dort seine Gedärme so richtig durchblasen kann.

    Alien Intruder Alert! Big [bleeping] deal.

    Morgen wachsen dann allen kleine Schweinzeschnäuzchen vom h1n1. Auch so ne Paranoia wie in dem witzigen Video. Duck and Cover funktioniert ja ausgezeichnet.

  13. Dani Kobler sagt:

    Je weniger man zu sagen hat desto mehr anglizimen
    Sorry, das war jetzt off topic.

  14. Katharina sagt:

    @Dani: Oh tut mir leid (Sorry), ich meinte Dekontaminationseinheit. Alien Intruder Alert! Big [bleeping] deal. ist nicht übersetzbar.
    und Zone 51 klingt nicht so recht.

  15. Raphi sagt:

    @Katharina: Du hast die Übersetzung von Drama Queen vergessen…

  16. Katharina sagt:

    Soll ich wirklich?
    Wiki hat nichts gescheites. die deutsche Version bringt mich zu http://de.wikipedia.org/wiki/Histrionische_Persönlichkeitsstörung. Zum totlachen.

    andere variante: http://www.gutefrage.net/frage/was-ist-eine-drama-queen

    aber man soll halt die entsprechenden Filme schauen.

    die Steigerung ist übrigens flaming drama queen. aber im Kontext akuter Flatulenz unpassend. wir wollen ja nicht, dass sich beim flaten die Gardinen entzünden.

  17. R. Hotzenplotz sagt:

    Es gibt keine erwiesene Methode, ein “Immunsystem” nachhaltig zu staerken. Ein mehr oder weniger gesunder Lebensstil (Ernaehrung, Bewegung, Schlaf, Liebe) kann nur helfen, nie schaden.
    Gegen die schlimmsten Erreger kann man ja sein Immunsystem staerken, indem man impft.

  18. pHi_roe sagt:

    Mir graust nur vom lesen.
    Das Ganze mit familienweit verteilter Krankheiten lässt sich nun leider nicht vermeiden. Die Kinder lesen was auf, brüten es richtig scharf an um damit dann Papa und Mama abzuschiessen.
    Bevor wir Kinder hatten, hatte ich nicht mal einen Streifschuss einer Grippe im Winter. Seit den Mädchen im Hause, dauernd ein-zwei Tage ein Stechen auf den Mandeln, triefende Nase und Ähnliches. Da kann an Vitamin C oder anderen Präparaten soviel eingeworfen werden wie gewünscht. Keine Chance :-(

  19. Thomas sagt:

    @ r. hotzenplotz

    …wäre die richtige reihenfolge nicht: liebe, bewegung, schlaf, ernährung?

  20. Katharina sagt:

    Wobei Liebe meist Bewegung schafft. Danach wird man schläfrig oder hat Hunger.

Kommentieren

Verbleibende Anzahl Zeichen:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.