Leben


Michael Marti am Dienstag den 13. Oktober 2009

Les Misérables II

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Eine Angst vor der Überforderung durch Kinder, eine Furcht vor der Erschöpfung der eigenen Ressourcen: Sänger Seal Samuel mit Gattin Heidi Klum.

Manchmal bringen einen ausgerechnet diejenigen Frauen ins Grübeln, von denen man es am wenigsten erwartet. In meinem Fall ist es Heidi Klum, die aus Funk und Fernsehen bekannte Modelmacherin, Gattin des englischen Sängers Seal und seit einigen Tagen Mutter von vier Kindern. Die aus Bergisch Gladbach stammende Frau Klum ist, wie ich bereits vor einigen Tagen darlegte, nicht so ganz mein Typ. Nachdenklich machte sie mich allerdings mit einer Bemerkung, die sie diesen Montag gleichsam aus dem Wochenbett auf ihre Website platzierte; am Freitag, 9. Oktober, um 19.45 Uhr war ihr viertes Kind, die Tochter Lou Sulola zur Welt gekommen (ja, Sie haben richtig gelesen: Lou Sulola). Heidi Klum fragte nämlich: «Jeder, der eine Familie hat, wird sich fragen, wie kann ich noch mehr Liebe empfinden?»

Anders gesagt: Können Eltern alle ihre Kinder gleich fest lieben? Können sie ihre Kinder richtig lieben?

So eine Frage wirft man öffentlich wohl nur dann auf, wenn man gleich die Antwort bereithält, und bei Klum lautet diese so: «Lou Sulola wurde geboren und von diesem Moment, als sie uns beiden in die Augen schaute, war es unendliche Liebe auf den ersten Blick», schreibt die 36-Jährige über ihre Gefühle nach der Geburt. Vorher indessen sei es für sie und Ehemann Seal schwer vorstellbar gewesen, «noch ein weiteres Kind lieben zu können wie die schon vorhandenen». Ich finde Heidi Klums Frage vorab aus zwei Gründen interessant:

1. Sie zeigt, dass es offensichtlich auch in überaus privilegierten Haushalten, in Häusern mit Köchin, Nanny, Chauffeur, Styling-Assistants, Gärtner, Bodyguard etc., eine Angst vor der Überforderung durch Kinder, eine Furcht vor der Erschöpfung der eigenen Ressourcen gibt. Wobei es sich hierbei allerdings nicht um eine finanzielle Bedrohung handelt, sondern gewissermassen um eine Gefährdung der Gefühlsökonomie. Heidi Klum fürchtete sich offenbar vor der Niederkunft, dass ihr viertes Kind womöglich in emotionaler Armut aufwachsen würde, weil alle Liebe bereits durch die drei Geschwister aufgebraucht worden wäre. Ich mache mich über diese Angst keineswegs lustig, es ist eine Angst, die wohl alle Eltern mit mehr als einem Kind zuweilen verspüren, ja, selbst wenn man nur ein Kind grosszieht, wird man kaum vom Zweifel verschont bleiben, ob man dieses eine Kind genug liebe, richtig liebe – oder ob man es aus Selbstliebe vernachlässige.

2. So richtig und wichtig wie ich Heidi Klums Frage finde, so falsch und befremdend erscheint mir ihre Antwort. Liebe ist nie «unendlich», wie die bekanntermassen sehr gewiefte Geschäftsfrau in ihrem Wochenbett-Post schreibt, schon gar nicht – machen wir uns nichts vor – die Liebe zum vierten Kind. Das Konzept eines sich stetig erhöhenden Liebesbetrags in einer wachsenden Familie ist nicht nur naiv, sondern genauso fahrlässig wie das Ignorieren finanzieller Grenzen in einem Haushalt. In Tat und Wahrheit ist Liebe, Aufmerksamkeit oder Zuwendung in Familien ein beschränktes Gut – eine Binsenwahrheit eigentlich, die aber in dieser neustromantischen Verklärung der Familie, wie wir sie gerade nicht nur im Prominentenmilieu, sondern vor allem auch im akademisch gebildeten Mittelstand immer wieder erleben, zu oft vergessen geht. Der Anspruch, mehrere Menschen in gleichem Mass zu lieben, ist eine Selbstquälung, der sich nur Eltern gegenüber ihren Kindern unterziehen; in allen anderen Beziehungen erscheint uns dies absurd, wenn nicht unmoralisch. Und seltsamerweise vergessen wir als Eltern, dass wir selbst als Kinder immer dem einen oder anderen Elternteil, der Mutter oder dem Vater, näher standen als dem anderen.

P.S: Morgen begrüsst Sie an dieser Stelle wieder Michèle Binswanger, am Montag meldet Nicole Althaus zurück.  Meine Kollegen Philippe Zweifel sowie David Vonplon und ich bedanken uns für Ihre Aufmerksamkeit – und die vielen inspirierenden Kommentare. Bis zum nächsten Mal!

Michael Marti, 43, ist Stellvertretender Chefredaktor von Newsnetz und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Lesen Sie auch: Les Misérable I
Lesen Sie auch: Ist Mutterliebe wirklich gerecht?

58 Kommentare zu „Les Misérables II“

  1. Hedon Zwiefel sagt:

    @Katharina: WOW!!! Ich wusste gar nicht, dass mann Frauen findet, die so “frei” denken. Wo findet man solche Damen. Das ist die Sorte, die suche, als Mutter meiner Kinder… und natürlich auch für mein Seelenwohl.

  2. Marcel sagt:

    @gargamel zu @marcel: wie meinen sie das? dass sie als mann irgendwie nicht “so viel” liebe aufzubringen vermögen wie eine frau?

    Ich habe das in diesem Zusammenhang gemeint: “Sie zeigt, dass es offensichtlich auch in überaus privilegierten Haushalten, in Häusern mit Köchin, Nanny, Chauffeur, Styling-Assistants, Gärtner, Bodyguard etc., eine Angst vor der Überforderung durch Kinder, eine Furcht vor der Erschöpfung der eigenen Ressourcen gibt.” Allerdings ziemlich logelöst vom allgemeinen Kontext.

  3. Marcel sagt:

    @Katharina: “die Unmoral, mehrere Menschen zu lieben. Monogamie ist eine vom Kleinbürgertum erfundene Lebenslüge.”

    Und die moderne Kleinfamilie wiederum (seit 1968 zusammengefasst besser bekannt als Kleinbürger- oder sogar Spiessertum, ausser man versteht das Kleinbürgertum selbst als soziologische Klassifizierung, dann natürlich nicht) ist lediglich ein weiteres Produkt der Industrialisierung- genauso wie die an einen einzige(n) PartnerIn gebundene Emotionalität (und die damit verbundene Sexualität) als wichtigstes Bindeglied zwischen zwei (Lebens)partnern. Die romantische Liebe ist genau genommen eine Erfindung, die gegen Mitte / Ende des 18. Jahrhunderts in der klassischen Romantik der französischen Literatur zum ersten Mal auftauchte, sich gute hundert, hundertfünfzig Jahre später im Zuge der industriellen Beschleunigung, wenn man dem so sagen darf, im damals doch recht neuen Bürgertum, dass wiederum eine direkte Folge der französischen Revolution war, zuerst grosser Beliebtheit erfreute (aber nur dort, für das Proletariat war diese mit Gefühlen unterlegte Beziehungsform zwar ebenfalls frei praktizierbar, aber nicht als Ehe, hauptsächlich aus gesetzlichen Gründen) und erst gut ein halbes Jahrhundert später, nämlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum dominanten Reproduktions- und Lebensmodell geworden ist, nicht wahr?

    Treue geniesst bei der jüngeren Generation heute aber interessanterweise wieder einen enorm hohen Stellenwert, wussten Sie das?

  4. Katharina sagt:

    @Marcel: Ich habe Ihren Hauptabsatz grosso Modo verstanden (herkunft des bürgerlichen Wertesystems). Ich finde vom Satzbau her das ganze etwas langatmig und verstehe die Frage am Schluss nicht ganz “nämlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum dominanten Reproduktions- und Lebensmodell geworden ist, nicht wahr?”

    das ist nicht als Kritik gedacht, nur als bitte zur Klarstellung.

    Mit Kleinbürger meine ich die soziologische Klassifizierung. Ich sehe es aber eher so, dass der tragende Zukunftstrend das ist, was mit “Metrosexual’ bezeichnet wird. Ausser, wenn die derzeitige Wirtschaftskrise einen länger wirkenden Trend gegen die Über – Mobilität erzeugt. Dann ist Ihr Szenario eher plausibel.

    ich bin fast bei den Baby-Boomern. Leider ist mir voll bewusst, dass die zwei nachfolgenden Generationen wesentlich konservativer sind. Aber so ist eben das Gewebe der Zeit – und ihr Pendel schwingt – ausgleichend? – hin und her. Ohne sich im übergeordneten Muster der sich zum Zentrum hin drehenden Spirale vom weg abzubringen.

  5. Carl Jacob sagt:

    @Katharina: Uii! Hegel im Dreidimensionalen Raum, Wahnsinn. MIr schwindelt, sagt da der Weltgeist. Womöglich sollte das man mal einem Kind zu erklären versuchen… ;-)

  6. Katharina sagt:

    Hegel? Nein.
    Dialektik? Eines der Übel des derzeit laufenden Programms.
    Dreidimensional? Ein Wahrnhmungskonstrukt. Kosmologen arbeiten mit mathematischen Modellen mit weitaus mehr Dimensionen.

  7. Marcel sagt:

    @Katharina: Ich mache mir jeweils einen Sport draus, möglichst viel in möglichst kurzer Form in einem einzigen Schachtelsatz unterzubringen- ist mehr eine Fitnessübung, als etwas anderes. Und wenn ich hundemüde bin, wie zum Beispiel jetzt, geht’s manchmal ein bisschen in die Hose. Macht nix.

    Mir war von Anfang klar, dass sie Jahrgangsmässig irgendwo bei den Babyboomern zu finden sind (die liberale Grundhaltung ist unverkennbar)- meine nächste Frage wäre dann die nach Ihrem Alter gewesen. Den Bogenschlag von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe ich natürlich ironisch gemeint: Die romantische Liebe ist tatsächlich eine Erfindung, wenn man dem so sagen darf- und mit meinem Schachtelsatz habe ich eigentlich versucht, Ihre Definition von “Liebe” zu überzeichnen und zu karikieren.

    Es ist halt eben immer die Frage, ob man hinter der Beziehung zwischen zwei Menschen einen eher objektartigen oder eher subjektartigen Charakter vermutet. Doch das ist wahrscheinlich eine Frage des Weltbildes. Mir persönlich sind Menschen als Subjekte lieber. Insofern halte ich die romantische Liebe für einen Fortschritt- auch wenn nicht immer alles Gold ist, was glänzt.

    P.S. Sind sie eigentlich die Katharina, die in den USA lebt?

  8. Katharina sagt:

    @Marcel: klassischer Liberalismus sei unverbesserliche Romantik. Das hat was und Sie haben mich da ertappt! Ich finde, was als 68-er Bewegung bezeichnet wird, war seiner Zeit weit voraus, auch heute noch. Ein romantischer Lichtblick in eine konfliktfreiere Zukunft. – um in der romantischen Allegorie zu bleiben.

    Subjekt-Objekt: ein weiteres dualistisches Konstrukt menschlichen Denkens – oder Muster/Designpattern – um unsere Umgebung wahrzunehmen. Ich versuche, diese Muster zu hinterfragen und aufzubrechen.

    Jeder Mensch sieht sich als Subjekt seines Wahrnehmungsfeldes. Durchdringt ein anderer dessen Ereignishorizont, ergibt sich ein dynamisch wechselndes Wahrnehmungsmuster zwischen diesen Subjektpolen. Man kann sich unendliche Variationen solcher Pole und Wechselmuster vorstellen.

    Auf einer höheren Ebene geschieht dies zwischen allen Menschen. – Gemeinschaft.

    “P.S. Sind sie eigentlich die Katharina, die in den USA lebt?” USA, Yankiestan, Mess-o-potamien, je nach Stimmung.

  9. mira sagt:

    @Katharina und Marcel
    Um was geht es hier eigentlich? Muss man hier zuerst nen Joint rauchen, um durchzublicken???

  10. lisa sagt:

    nein, liebe mira, das ist einfach exhibitionistischer floskuliersport, nervt aber weniger, als wenn sie trollen, oder :-)
    einen joint vor neun? beeindruckend!

  11. mira sagt:

    @lisa
    die beiden haben sich gestern abend unterhalten… exhibitionistischer floskuliersport :) das sind bestimmt phil I-ser

  12. Peters sagt:

    @mira
    Ob das Phil einser sind ist mir ziemlich egal. Immerhin ist mir der gemäss Lisa “exhibitionistische flloskluliersport” einiges sympathischer als viele andere Posts. Und ausnahmsweise gehen da mal zwei auf die Argumente des Anderen ein, auch nicht gerade die grosse Stärke der meisten Blogger hier.
    Dass für solche Diskussionen ein Joint zwingende Voraussetzung ist, wäre mir aber ganz neu. Ich denke, der würde eher stören und die (schönen) Schachtelsätze von Marcel wären dann wohl nicht mehr ganz so klar verständlich.

    @Katharina @marcel
    Weiter so, Eure posts finde ich (meistens) ziemlich interessant. Auch wenn sich der Schachtelsatzspezialist hie und da verhaspelt und die Ironie nicht mehr durchdringt:-)) Aber so ist das halt wenn man(n) sich nicht kurz fassen kann. Dann schiesst man hie und da mal übers Ziel hinaus.

  13. mira sagt:

    @Peter
    Wer eine leichte Ironie in meinen Postings findet, der darf sie behalten…

  14. Marcel sagt:

    Jetzt weiss ich endlich, wie man phil I-ser schreibt :-)

  15. Peters sagt:

    @mira
    Gleiches gilt für meine….

  16. Katharina sagt:

    @mira: wenn Sie nichts verstehen, heisst das noch lange nicht, dass die unverstaendlich sagendes kiffen. Das ist eine sehr respektlose unterstellung ihrerseits. Haetten sie das geschriebene Verstanden, wuerden Sie vielleicht auch erahnen, dass weder legale noch illegale Pharmazeutik hilfreich ist. Ich empfehle Ihnen ein Traktat ueber die neueren Erkenntnisse der Neurowissenschaften. Tetrahydrocanabinol ist nicht ungefaehrlich.

    denn da “exhibitionistischer floskuliersport” koennen sie sich beim hinterausgang reinschubsen.

    @lisa: den da “nervt aber weniger, als wenn sie trollen” ditto. am besten in Fischpapier eingewickelt. im Spiegel : llort.

    baehh die phil einser , uiii die phil zweier. dass die Uni Zürich stellenweise immer schon ein dogmatischer Kindergarten war, war mir schon lange klar. deshalb studierte ich an einer Hochschule, die auch heute in Europa zum besten gehört. Auch wenn deren Standort für nicht ganz durchgebackene missbraucht wird: “bisch vo Hoengg?” Die andere heisst gleich wie eine Musikhalle in New York City und der zweite Namensteil erinnert an Melonen. Meine sind spectacular and you won.t get any.
    Aber irgendwer wird sicher bemerken müssen, dass jemand der das alles schreibt leicht überbacken ist.

    Les Miserable, miserable in deed.

  17. gargamel sagt:

    da war doch grad heute der passende artikel im tagi: klick!

  18. habakuk sagt:

    die armen Kinder

  19. Marcel sagt:

    Ja was denn jetzt: Phil I-ser oder ganz profan und einfach Phil einser?

    Ich bin verwirrt!

  20. Marcel sagt:

    @gargamel: “klick”

    Peter Sloterdjik spricht in diesem Zusammenhang bereits von einem “antiintellektuellen Reflex”.

    Wenn Ihr wüsstet, was ich wirklich studiert habe…

    …Ihr würdet’s mir nie glauben!

    Sag’ ich aber nicht: Ist nämlich geheim, ätsch!

    :-)

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