Leben


Philippe Zweifel am Mittwoch den 7. Oktober 2009

Aufregendes Rollenspiel für Mama und Papa

Probe aufs Exempel: Mama übernimmt Papas Büro.

Probe aufs Exempel: Mama übernimmt Papas Büro.

Vorgestern schrieb ich in diesem Blog über «abgetakelte Superernährer»: Väter, denen die Doppelrolle Ernährer/Babysitter manchmal zu viel ist. Daraufhin schlugen sich in der Kommentarspalte Modernisten und Traditionalisten die Köpfe ein. Wobei auch ich mein Fett weg bekam. Man nannte mich einen Jammeri. Andere hatten Mitleid mit meiner Frau. Und eine ganz emanzipierte Leserin jemand fragte frech: Wenn Ihnen die Familie und der Job zu stressig sind, warum übertragen Sie nicht Ihrer Frau die finanzielle Verantwortung?

In Anlehnung an Remo Largo, dem Säulenheiligen aller Eltern, erwidere ich: Jede Familie ist anders! Stellenprozente sind für manche nicht frei wählbar wie die Kaffeebechergrössen bei Starbucks. Und dann gibt es da so etwas wie ein Einkommensgefälle innerhalb der Familie. Item. Ich will ja arbeiten UND für meine Kinder da sein – bloss verlange ich dafür auch Anerkennung. Nennen Sie mich einen postmodernen Vater.

Weiter wurde ich gefragt, ob mir ohne Vollzeitjob nicht etwas fehlen würde. Dies vermag ich nicht zu beantworten, verweise aber auf Michael Agger. Der US-Journalist unternimmt just in diesen Tagen ein denkwürdiges Experiment: Für zwei Wochen tauscht er mit seiner Frau Susan die Arbeit. Er kümmert sich um die zwei Kinder, Susan, eine ehemalige Journalistin, übernimmt in Aggers Büro dessen Arbeit.

So erfahren wir, wie sich Susan an der Redaktionssitzung blamiert und Michael mit den Kindern den Montagnachmittag im Kino verbringt. Das ist witzig, doch die interessanten Fragen lauten freilich: Wie erleben die beiden ihr neues Leben? Würden sie für immer tauschen wollen? Zwar befindet sich das Experiment noch in der Anfangsphase. Es zeichnen sich aber bereits erste Trends ab. Susan muss ihre klischierte Vorstellung vom Büro als Ferienparadies revidieren. Doch ihr Selbstvertrauen wächst durch die Arbeit im Stundentakt. Auch ihr Zuhause bekommt eine neue Dimension: War es während zehn Jahren der «Sie-sind-hier-Punkt» auf ihrer Weltkarte, gerät es nun zu einer Art Zweitwohnsitz.

Michael ist ähnlich hin- und hergerissen. Die Trips zum Spielplatz, wo er anderen Eltern immer wieder über das Alter seiner Kinder Auskunft geben muss, nerven ihn. Alle zwanzig Minuten denkt er an seine Frau – und noch häufiger an die Arbeit. Also checkt er auf dem Handy seine Mails – und kommt sich dabei wie ein Idiot vor. Positiv überrascht ist er über die Einsicht, wie wenig er eigentlich über seine Kinder wusste. «Kinder sind wie Fremdsprachen: Man muss viel Zeit aufwenden, um ihre Eigenheiten zu verstehen.»

Wird Susan Michael aus dem Büro verdrängen? Entdeckt Workaholic Mike seine Hausfrauenseite? Wer hat den angenehmeren Job: Ernährer oder Kinderbetreuer? Antworten gibt es auf Facebook oder Slate, wo die beiden ihre Erfahrungen dokumentieren.

Ich persönlich denke, dass das Experiment «unentschieden» endet, weil die Ressorts schlicht nicht vergleichbar sind. Zwar kennt jeder Ernährer das fantastische Gefühl, am Morgen die Haustüre hinter einem brüllenden Kind zu schliessen. Sich über die Mittagspause in einem Restaurant zu verköstigen. Die Karriereleiter zu erklimmen. Doch wann ist die Arbeit im Stollen nur ansatzweise so sinnvoll wie an der Heimfront? Meine Firma braucht mich nicht wirklich – meine Kinder schon.

Aber was weiss ich postmoderner Vater schon von Teilzeitmodellen! Deshalb möchte ich den Ball zu Ihnen spielen. Was denken Sie über die Angelegenheit?

zweifelPhilippe Zweifel, 36, ist Kulturredaktor bei Newsnetz und Vater eines Sohnes. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

50 Kommentare zu „Aufregendes Rollenspiel für Mama und Papa“

  1. Lara sagt:

    @sab einverstanden!
    meine persönliche erfahrung ist auch, dass viele männer unserer abteilung sobald der nachwus kam plötzlich sehr viel mehr gearbeitet haben. sprich nie vor 7 uhr abends das büro verliessen obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre und der chef das auch nie verlangt hatte. warum nur? notabene… gibts auch bei uns ausnahmen, väter die reduziert haben… nur ist das die minderheit. leider

  2. opa meier sagt:

    Tja, haben wir nun unsere bisherigen Urteile zementiert oder auch was daraus gelernt?

  3. Papa sagt:

    Übrigens: Ein Thema, das hier auch mal thematisiert werden müsste, sind die Mütter, die ihre Männer nicht an die Kinder ran lassen. Es gibt offensichtlich Frauen vom Typ “Glucke”, die, ist der Nachwuchs erst mal da, ihre primäre Aufgabe darin sehen, diesen zu behüten – auch vor dem Vater. Ich hätte nicht geglaubt, dass es das ernsthaft noch gibt, wenn ich es nicht gesehen hätte…

  4. mira sagt:

    @Marcel
    Ich habe nichts dagegen, wenn Männer sich um ihre Anliegen kümmern. Im Gegenteil, ich habe meinen Kollegen schon vor 10 Jahren geraten, sich zusammen zu tun, um auch wirklich was zu bewegen. Denn diese Arbeit können wir Frauen euch Männern nicht abnehmen (wie Du es ja selber denkst).
    Was ich allerdings nicht mag, sind Männer, die Frauen, welche sich um ihre Anliegen kümmern, sofort in die “Alt-Feministinnen”-Ecke schubladisieren. Und persönliche Antworten geben auf etwas, das gar nicht geschrieben wurde.

  5. zysi sagt:

    @marcel

    irgendwann darf jeder ernten was er säät; deine ernte wird mE reichhaltig ausfallen

    es ist halt so, man gibt (welt)offen und modern (zeitgeist) und vergisst dabei, dass es schon manche generation vor uns mit dem gleichen thema geschafft hat eine familie zu gründen und zu ERHALTEN. die frage ist halt ob man wirklich das gleiche ziel bei der familiengründung hat. und anscheinend gehen hier die vorstellungen weit auseinander….

    nur nebenbei: durfte diese woche auch unsere beiden kinder hüten; machte also gegen 16:00 feierabend und sorgte bis mitternacht für die kinder, also komplette palette mit stillen der kleinen (auch das können wir männer, wenn die mu.milch/milchpulver da ist) und nachtessen mit dem kleinen; beide “pischelen” und ab 2000 war gesegnete ruhe! im 4h rhythmus stillte meine frau die kleine (2400 /0400).
    der nä abend war die situation umgekehrt und das resultat auch………………..

    was wir männer nur für schlappschw—- sind

  6. Marcel sagt:

    @Mira: Ich wollte eigentlich nicht persönlich werden- da habe ich Dich als Projektionsfläche missbraucht, tut mir leid. Mit meinen Postings meinte ich eigentlich eine ganze Anzahl von Frauen (die auch hier drinnen [ausser jetzt gerade, was auffällt]) jeweils wacker mitduskutieren- und zwar aus Perspektive des sog. Second-Wave-Feminismus, der in den späten Siebzigerjahren aufkam, und gespickt war mit Männerfeindlichkeiten und Schuldzuweisungen. Dass es den Feminismus nicht gibt, sondern, ganz im Gegenteil, viele Variationen oder Strömungen (Differenzfeminismus, gynozentrischer Feminismus, third-wave-feminism etc.) ist natürlich auch mir klar- genauso wie es nicht einfach die Frauen gibt. Doch die Männer gibt es auch nicht- und da hat der von mir erwähnte Second-Wave-Feminismus keine Grenzen mehr gekannt, wie auch in der (feministischen oder männerbewegten) Fachliteratur zu lesen ist (als Beispiel sei hier das SCUM-Manifest erwähnt).

    Ich ziehe den Third-Wave-Femisnismus vor- auch als Orientierungpunkt, diesen jungen Frauen höre ich gerne zu. Den Altfeministinnen hingegen (v. a. dekonstruktivistischer- oder Radikalfeminismus) höre ich gar nicht mehr erst zu- die sind für mich sowas von total out! Auf die bin ich gelinde ausgedrückt superallergisch.

    Und Du hast recht: Wir Männer müssen selber einen Weg finden, uns mit den veränderten Rollen auseinanderzusetzen- doch das sage ich ja, wie Du richtig bemerkt hast, ebenfalls schon lange. Es ist ja schön, wenn zum Beispiel eine junge Feministin die Ungleichbehandlung von Männern bei der Militärdienstpflicht kritisiert- da fühle ich mich fast schon gebauchpinselt: Doch bringen wir Männer das etwa nicht auch selber zustande, himmelarschundwolkenbruchnochmals? Können wir unseren bequemen Arsch nicht auch selber heben?

    Doch, sollten wir!

    Schönen Abend ;-)

  7. sab sagt:

    @Papa, mit 4500 kann man als Single leben. Ich habe mich hier an dem Durchschnittseinkommen einer Familie orientiert, welches deutlich über 4500 CHF liegt – hier werden beide Einkommen einbezogen (1 Vollzeitpartner+1 Teilzeitpartner). Der Migroskassierer wird in den wenigsten Fällen eine Familie allein ernähren, sondern auch noch eine mindestens teilzeitbeschäftige Partnerin haben. Sie haben aber einen interessanten Wink zur Glucke gegeben. Ein wenig mehr Abstand der Mütter zu ihren Kindern kann den Kindern sehr guttun. Den Müttern würde es auch guttun. Dann haben die Papas mehr Gelegenheit, sich dem Kind ohne mütterliche Aufsicht dem Kind zu nähern. Und die Kinder können sich mehr anderen Kindern zuwenden, wo sie gewisse Regeln spielend lernen.

  8. Saarita sagt:

    @papa: Aber dann frage ich mich, warum man sich dann, provokativ, ein Kind leistet? Ist es besser, ein Kind zu haben, als in Resignation zu versinken? Wäre es da nicht erst angebracht, die eigene Lebenssituation zu verbessern, anstatt gleich auf Familie zu machen?
    Ich staune immer wieder, mit wie wenig Geld Menschen eine Familie gründen, um im Nachhinein festzustellen, dass es finanziell eben doch nicht so rosig aussieht. Entweder plant man, oder man findet sich damit ab. Zumal das Leben in Zukunft sicher nicht billiger wird. Und da stimme ich Sab zu, hat jeder Handlungsspielraum. Aber man muss sich Gedanken machen, bevor man Kinder in die Welt setzt.

  9. mira sagt:

    @Marcel
    Alles klar, kein Problem! Schönen Sonntag abend noch! (der Montag kommt ja viel zu schnell…)

  10. Katharina sagt:

    Two and a Half Men (Mein cooler Onkel Charlie): “Go East on Sunset Until You Reach the Gates of Hell”.
    DE: http://de.wikipedia.org/wiki/Two_and_a_Half_Men

    Charlie ist ehrlich und konsequent.
    Alan rennt den hier bezeugten Illusionen nach und hat zwei! Scheidungen mit ruinöser Ergebnisrechnung.

    http://www.youtube.com/watch?v=nN2K5PaU3F0&feature=related

    No cash advance – no .. pants http://www.youtube.com/watch?v=tHXciV1ScwE&feature=related

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