
Wehen begrüssen, Schmerzen veratmen: Bagatellisiert die Geburtshilfe den mitunter brutalen Vorgang einer sogenannt sanften Geburt?
Eine Warnung vorab: Diese Geschichte ist kein Spaziergang. Sie ist so abgründig wie die natürliche Geburt, von der sie erzählt. Und zur Linderung des Schreckens kann ich Ihnen bloss das Rezept meiner Hebamme verraten: einatmen, ausatmen und schön entspannen.
Vielleicht hilft es Ihnen ja mehr als mir damals, im August 1999, als ich meine Tochter spontan geboren habe, obwohl sie verkehrt herum in meinem Bauch lag. Was mich ungewollt zum Messias für die Natürlichkeitsreligion jeder Doula machte und zum lebendigen Beweis dafür, dass Frauen unter der Geburt ungeahnte Kräfte mobilisieren können, wenn man sie nur lässt. Selbst der eine oder andere Arzt fand es Klasse, dass ich es wagte, mich dem Trend zur Technisierung und Medikamentisierung in der Geburtsmedizin zu entziehen. Und es lief ja auch alles wie am Schnürchen. Auf die Wehen war Verlass. Das Herz des Kindes schlug so regelmässig wie das der Mutter. Weder Zange noch Saugglocke kamen zum Einsatz. Das Ganze dauerte nicht einmal besonders lange. Es war, hiess es von Seiten der Fachleute, eine Bilderbuch-Geburt. Einzig die frisch gebackene Mutter, also ich, fand das Urteil des Publikums beschönige das eben Erlebte doch beträchtlich. Aber diese Art von Sprachregelung hat im Kreissaal System.
Klar doch, das Erlebnis war unvergesslich. Schliesslich geht man nicht alle Tage durch eine Hölle, die nicht einmal ein Dante adäquat beschreiben könnte. Schliesslich muss nicht täglich ein Assistenzarzt aus dem Gebärzimmer getragen werden, weil das gebotene Drama sein zartes Gemüt überfordert. Es gehört auch nicht zum Courant normal, dass man Schreie ausstösst, die den Anästhesisten, der bei einer vaginalen Steissgeburt für den Notfall bereitsteht, dazu veranlassen, bei jeder Wehe seine Geräte fallen zu lassen und sich die Finger in die Ohren zu stopfen. Ausserdem liegt man nicht ständig nackt und mit gespreizten Beinen vor sechs Zuschauern. Den Ehemann nicht eingerechnet. Und zu guter Letzt wirft sich einem nicht alle Tage eine Hebamme mit dem Umfang und der Ferve der Masseurin aus dem Zweifel-Cractiv-Chips-Werbespot auf den dicken Bauch, um das Kind schneller durch den Geburtskanal zu bewegen.
Unvergesslich war das Erlebnis zweifellos. Nein, ich muss mich korrigieren: Es war gewaltig. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sorry, wenn ich Sie, geschätzte Leserschaft, enttäusche, aber ich kann nicht in das Hohelied des wahnsinnig befriedigenden Gebärens einstimmen: Vom Stolz, Grenzen überwunden zu haben, verspürte ich so wenig, wie von der viel zitierten archaischen weiblichen Kraft. Ich war danach einfach nur fix und fertig. Ist bestimmt meine Schuld. Wahrscheinlich habe ich falsch geatmet oder die Wehen nur halbherzig begrüsst. Jedenfalls kann ich mich heute nicht einmal mehr an der Courage laben, für die ich noch immer rege bewundert werde. Es war nämlich nicht mutig, dass ich mich damals auf eine sogenannt natürliche Geburt einliess. Es war feige. Ich habe mich einfach nicht getraut, einen Kaiserschnitt zu verlangen. Ich war nicht beherzt genug, um mich mit dem ganzen Gewicht meines schwangeren Ichs der Ideologie entgegenzustemmen, dass nur eine Frau, die sich dem Schmerz stellt, eine richtige Mutter wird. Eine Ideologie, die auch heute noch immer gültig ist.
Ich erklärte mich also bereit, nüchtern ein Kind mit dem Hintern voran auf die Welt zu pressen, weil ich betäubt war von der euphemistischen Sprachregelung, die in der Welt der Geburtshilfe regiert. Einer Welt, in der Schmerz mit den Adjektiven «konstruktiv» oder gar «gut» bagatellisiert wird. In der man der Naturgewalt einer Geburt mit Duftkerzen, freundlichen Vorhängen und vielen schönen Kissen begegnet. In der eine Betäubung auch im neuen Jahrtausend noch immer als fragwürdig gilt und den bitteren Beigeschmack einer Niederlage hat. Ungeachtet aller Studien, die beweisen, dass eine Periduralanästhesie unter der Geburt die Gefahr eines Kaiserschnitts nicht erhöht.
Ich habe keine Ahnung, wie sich ein guter Schmerz von einem destruktiven Schmerz unterscheidet. Aber ich weiss, dass ich während der letzten drei Stunden im Gebärzimmer die Entfernung meiner Weisheitszähne der nächsten Wehe vorgezogen hätte. Und ich spreche nicht von Zähnen ziehen, sondern von Hauern aus dem Kieferknochen schälen. Und von Einatmen und Ausatmen zur Schmerzbekämpfung. Ich habe das ständig wechselnde Kreissaalpersonal, das meiner mustergültigen natürlichen Geburt beiwohnte, um stärkere Drogen angebettelt wie ein armseliger Junkie. Vergebens. «Zu spät», hiess es. Natürlich lässt sich der Geburtsschmerz nicht objektivieren, aber darüber, dass er zu den schlimmsten überhaupt gehört, herrscht allgemeines Einverständnis. Warum also, fluchte ich in den Wehenpausen, reden im Vorfeld alle von Schmerzarbeit statt von Schmerzbekämpfung?
Von niemandem wird heute mehr verlangt, eine eiternde Fleischwunde mit Blättern und Wurzeln zu behandeln, nur weil das die Aborigines in Australien vor Hunderten von Jahren auch so gehandhabt haben. Doch Schwangere lässt man noch immer gebären wie im Mittelalter. Und ständig müssen sie sich Geschichten anhören von Stammesfrauen in Südostafrika, die während dem Beeren pflücken noch schnell ein Kind gebären. Kommt alles bloss auf die Einstellung an, oder?
Ich war wütend. Wütend, dass die Aufklärung den Kreissaal nicht erreicht hatte. Wütend, dass ich im achten Monat zwar im Detail über die Funktion von Majahocker und Pezzibällen aufgeklärt worden war, nicht aber über die Folter, die mich darauf erwartete. Wut übrigens war die einzige menschliche Gefühlsregung, zu der ich nach dieser Tortur fähig war, noch lange nachdem ich mein Kind in den Armen hielt. Und nein, ich habe den Schmerz nicht vergessen.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will keine Frau Lügen strafen, die eine natürliche Geburt als emotionalen Höhenflug erlebt hat. Vielleicht bin ich ja tatsächlich bloss wehleidig. Aber mit Verlaub: sanft ist eine Geburt nie. Warum also können wir den mitunter brutalen Vorgang nicht ehrlich benennen? Warum gelten moderne medizinische Errungenschaften, sprich Schmerzbekämpfung, überall als human und selbstverständlich ausser im Kreissaal? Haben wir Frauen uns von der evolutionären Rolle als Gebärende emanzipiert, um uns ausgerechnet beim Gebären wieder der Natur zu unterwerfen? Und woher kommt das Gefühl zu versagen, wenn wir das Abenteuer Geburt nur noch schmerzfrei wagen wollen?
Gestern ging es in unserer Schwangerschaftsserie um Fluch und Segen der pränatalen Diagnostik. Morgen wird Michael Marti über die Rolle des modernen Mannes im Gebärsaal sinnieren.
Lesen Sie zum Thema auch: Die Faust des Kosmos.


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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Bei dem Posting wird einem gaaanz anders. Sehr gut beschrieben, und die Warnung vorab war richtig.
Wir haben es auf die wohl meistangewendete Weise beboren, es war einfach und unglaublich schön
Sanfte Geburt…
Das Konzept der sanften Geburt ist untrennbar mit einem Namen verbunden: Frédérick Leboyer, französischer Gynäkologe und Geburtshelfer, der den Geburtsalltag der programmierten Geburten der 1970er Jahre in Frage stellte, seinen Job als Chefarzt einer P…
das Kenne ich ;.) interessanter Artikel weiter so!