Leben


Michèle Binswanger am Dienstag den 20. Oktober 2009

Was, du wirst Vater? Das tut mir leid.

Ist sie...? Oder hat Charlotte im Film

Ist sie...? Oder hat Charlotte bloss zugenommen?

Die Erfahrung dürfte den wenigsten fremd sein. Man lebt so vor sich hin und sieht sich plötzlich von schwellenden Bäuchen umzingelt. Da fühlt man sich mit seinem flachen Bauch schnell wie das arglose Opfer in einem Zombiefilm, das sich plötzlich allein unter Untoten wiederfindet. Überall sind sie, stehen im Tram, reihen sich im Coop vor die Kasse oder flanieren durch das Naherholungsgebiet, so auffällig wie allgegenwärtig. Als wolle der Director of Photography des eigenen Lebens auf die Tatsache aufmerksam machen, dass der Mensch sich fortpflanzt.

Ja, das tut er – und weil diese Tatsache selten unkompliziert, immer aber von grosser Tragweite ist, liegt hier ein grosses Potenzial für Peinlichkeiten, und damit ist nicht die Neigung Schwangerer zu unkontrollierbarer Flatulenz gemeint. Vielmehr erweisen sich Schwangerschaften geradezu als Minenfeld von Fettnäpfchen.

Bis eine Schwangerschaft sich sichtbar manifestiert, dauert es etwa vier Monate. Die Ansichten über die Informationspolitik im ersten Trimester divergieren beträchtlich. Es fängt an mit der Frage: Wem soll ich es sagen und wann? Muss ich mich beispielsweise beim Vorstellungsgespräch für den neuen Job als künftigen Kostenfaktor outen – auf die Gefahr hin, von vornherein auszuscheiden? Auch im Freundeskreis erweist sich die Angelegenheit oft als heikel. Während die einen mit der Neuigkeit sofort stolz herausplatzen, schweigen die andern eisern – aus Angst vor einem Abort im ersten Trimester. Wie soll man sich nun verhalten, wenn die Schwangerschaft einer Freundin wegen dauernder Übelkeit und plötzlicher Abstinenz ziemlich offensichtlich ist, diese sie aber verneint? Und woher kommt überhaupt diese Haltung? Warum wollen Frauen, falls sie das Kind tatsächlich verlieren sollten – damit allein sein? Geht es um emotionale Autonomie, Schuld?

Sicher ist, wer schwanger wird, muss mit allen möglichen Reaktionen rechnen, zum Beispiel: Was, Du bist schwanger? Gerade Männer scheinen mit der Nachricht einer baldigen Vaterschaft im Freundeskreis nicht immer auf Begeisterung zu stossen. Ein Freund gab folgenden Dialog wieder. Er: «Ich werde Vater!» Sein Bekannter: «Oh nein! Das tut mir leid.» Nicht schön. Ich selber traf jüngst einen Bekannten im Restaurant, das er mit seiner Freundin zusammen führt – sie offensichtlich in Erwartung. Ich mit Blick auf ihren Bauch freudig: «Gratuliere, du wirst Vater!» Er: «Das Kind ist nicht von mir.»

Dann lieber noch der klassische Fehltritt, einer Freundin, die sich in kurzer Zeit von einem Rehkitz in einen Hydranten verwandelt hat, zum süssen Geheimnis zu gratulieren. Worauf sie entgegnet, es gebe kein Geheimnis, die Rundungen verdanke sie lediglich zu vielen Süssigkeiten. Dem sagt man dann: voll ins Fettnäpfchen getreten.

Gestern ging es in unserer Schwangerschafts-Serie um die verzweifelten Versuche, schwanger zu werden. Morgen werden wir uns den Tücken pränataler Diagnostik widmen.

21 Kommentare zu „Was, du wirst Vater? Das tut mir leid.“

  1. Armando sagt:

    Bei der offiziellen Geringschätzung von Kindern durch unseren Staat und die bürgerlichen Politiker ist diese Aussage mehr als verständlich. Die Gründung einer Familie ist in der Schweiz der erste Schritt in die Armut. Die gleichen Politiker, die Familien keine Unterstützung gewähren, beklagen sich dann über mangelnden Nachwuchs und über die Überalterung der Gesellschaft.

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