
Ein gewisses Unbehagen bleibt: Archivfoto eines amerikanischen Mädchens, das gegen die Kinderlähmung geimpft wird. (Keystone)
In den fünfziger und sechziger Jahren stand in vielen besseren Schuhläden ein seltsamer Kasten: Das Schuh-Fluoroskop. Da steckte man seine Füsse rein um zu prüfen, ob ein Schuh auch wirklich passte. Eine praktische Sache, vor allem bei Kindern, deren Füsschen noch im Wachstum sind. Da sind zu enge Schuhe bekanntlich besonders schädlich. Die Sache hatte nur einen Haken: Bei dem Wunderding handelte es sich um einen Röntgenapparat. Überflüssig zu sagen, wie absurd es aus heutiger Sicht ist, allfällige Strahlenschäden in Kauf zu nehmen, um orthopädische Probleme zu verhindern. Aber hinterher ist man ja immer schlauer.
Diese Geschichte, so unterhaltsam sie aus der Distanz auch sein mag, kommt mir immer mal wieder in den Sinn, wenn wir als Eltern gesundheitliche Entscheidungen zum Wohl unserer Kinder fällen müssen. Die meisten davon sind ja einfach und harmlos wie Kamillentee: TV gegen Wald, Pommes gegen Brokkoli oder Cola gegen Wasser. Hier kann ich entspannt ein wenig von diesem und viel von jenem nehmen und die Sache ist geritzt. Aber es gibt eben auch die schwierigen, die grundsätzlichen Entscheidungen: Wie zum Beispiel die ganze Impfgeschichte. Sie beschäftigt fast alle Eltern – und macht sie unsicher. Das zeigt auch die Emotionalität, mit der das Thema fast immer besprochen wird, sei das beim Abendessen mit Freunden oder in den Medien.
Ich bin wirklich sehr dankbar für die Errungenschaft des Impfens und wir haben unsere Kinder nach Plan geimpft, wie von den meisten Kinderärzten empfohlen. Aber nun steht eine Entscheidung an, die besonders Kopfzerbrechen bereitet, ob gerechtfertigt oder nicht: Die HPV-Impfung (Humane-Papillomavirus-Impfung). Die Eidgenössische Kommission für Impffragen empfiehlt diese Impfung bei Mädchen noch möglichst vor dem ersten Geschlechtsverkehr. Daher ab etwa elf Jahren. Hm. Als Mutter scheint mir das reichlich früh. Aber sicher ist sicher. Und bestimmt bin ich da nicht minder blauäugig, als meine eigene Mutter, die mich ewig unerfahren wähnte.
Doch selbst wenn ich vermutlich noch ein paar Jährchen schinden könnte, bis das Thema akut wird, bleibt es dabei: Die Impfung ist ebenfalls noch sehr jung und nicht ganz unumstritten. Denn anders als der Name Gebärmutterhalskrebs-Impfung, den man immer wieder hört und liest, glauben macht, wirkt sie zwar gegen zwei der aggressivsten der über hundert 100 HPV-Viren und je nach Wirkstoff noch gegen zwei andere, die Genitalwarzen verursachen können – aber nicht gegen alle. Aus diesem Grund macht sie die regelmässigen und sehr wirkungsvollen Vorsorgeuntersuchungen* beim Frauenarzt auch nicht überflüssig, wie verhängnisvollerweise viele meinen. Natürlich versuchen alle, den Mädchen einzubläuen, dass der Untersuch wichtig bleibt und auch die Hersteller legen grossen Wert darauf, das zu betonen. Wie viel Wirkung das letztlich hat, kann noch keiner sagen.
Aus eigener Erfahrung als Journalistin weiss ich auf jeden Fall, mit welchem Grossaufwand Herstellerfirmen die Notwendigkeit der Impfung in die Medien gepusht haben. Ich bin wohlgemerkt keine pharmafeindliche, weltfremde Verschwörungstheoretikerin, doch eine bestimmte Skepsis scheint mir hier durchaus angebracht. Und sei es nur in Bezug auf den effektiven Nutzen dieser Impfung. Es geht immerhin um unser Kind. (Übrigens: Die offiziellen Sites der beiden erhältlichen Produkte Gardasil und Cervarix sind ebenfalls sehr relativierend formuliert.)
Zwar beurteilt auch die Krebsliga als sehr vorsichtige Institution die Impfung eher positiv. Sie gibt jedoch keine generellen Empfehlungen ab und fordert, dass weitere Studien über Wirkungen, Nebenwirkungen und besonders über die Langzeitwirkungen der Impfung durchgeführt werden sollten. Leider können wir die nicht abwarten, denn unsere Tochter wird jetzt elf und nicht in zehn Jahren. Also bleibt uns nur, alle derzeit verfügbaren Pros und Contras nach bestem Wissen und Gewissen gegeneinander abzuwägen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Impfung schädlich ist, ist offenbar als gering einzustufen. Ob sie unserer Tochter wirklich etwas bringt, können wir derzeit nicht wissen. Im Moment stehen die Zeiger trotz aller Zweifel auf Impfen, ganz sicher sind wir uns noch nicht.
So bleibt ein gewisses Unbehagen und es geht mir nicht ganz aus dem Sinn, das Schuh-Fluoroskop.
* Die Zahlen: Jährlich erkranken in der Schweiz etwa 230 Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Rund 90 Frauen sterben jedes Jahr an der Krankheit. Zudem werden jedes Jahr bei etwa 5000 Frauen Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs entdeckt. (Quelle: Krebsliga Schweiz)







Rinaldo Dieziger (36) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten
Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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