Leben


Nicole Althaus am Freitag den 25. September 2009

Die Karriere beginnt im Kinderzimmer

Früh übt sich, wer ein Meister werden will - Ein Sprichwort wird zur Erziehungsmaxime

Früh übt sich, wer ein Meister werden will - Ein Sprichwort wird zur Erziehungsmaxime

Am Mittwochnachmittag besuchte ich mit meiner Kleinen und ihrer Freundin ein Kasperlitheater. Es war heiss im Saal und laut. Die gespannte Kinderschar hopste auf ihren Stühlen auf und ab, so aufgeregt  wie ein Rudel Welpen vor dem täglichen Spaziergang. Doch als es dunkel wurde, kehrte Ruhe ein und  auch der kleinste Besucher starrte  gebannt auf die Bühne. Es war immer noch heiss im Saal, aber mucksmäuschenstill jetzt. So still, dass man eine Stecknadel hätte auf den Boden fallen hören -  oder, in diesem Fall, ein paar angespannte Eltern unruhig auf ihren Stühlen hin- und herrutschen,  um den Nachwuchs leise flüsternd auf ein Detail aufmerksam zu machen  und in regelmässigen Abständen zu kontrollieren, ob das Töchterchen oder der Sohn sich auch korrekt in die Puppenfiguren einfühlte:  «Weisst du, wer der Böse ist?», «ahnst du schon, wie die Geschichte endet?», fragten sie, auf dass der Nachwuchs auch an seinem freien Nachmittag keine  Lerngelegenheit verpasse!

Generationen von Kindern hatte der Kasperli für eine Stunde in eine andere Welt entführt. An diesem Mittwoch des Jahres 2009 ist er zur bitterernsten Lektion in Sachen Empathie verkommen. Das Puppentheater ist beileibe nicht das einzige Kinderspiel, das zum Förderungssport mutiert ist. Die Kindheit wird heute seziert, pädagogisch überholt und didaktisch aufbereitet. Und droht eben deswegen immer mehr zu verschwinden. Denn einer ihrer wesentlichen Bestandteile – das wertfreie und ungeleitete Spiel – ist in Verdacht geraten, blosse Zeitverschwendung zu sein. Genügte dem Baby früher eine Krabbeldecke, wird es heute auf einer «Activity Playmat» mit verschiedenen Farben, Oberflächen und Hängekonstruktionen frühgefördert. Ging man einst mit den Kinder wandern, muss es neuerdings  ein Lernpfad sein.

Die Karriere, so scheints,  beginnt im Kinderzimmer. Wer, wie die Mittelschicht,  in der Krise die Erfahrung macht, dass der soziale Abstieg beständig hinter der nächsten Hausecke lauert, erhöht den Druck auf die Kinder. Sie sollen dereinst einen ökonomisch verwertbaren Lebenslauf vorweisen können, der mit der Krabbelgruppe beginnt und über den zweisprachigen Kindergarten zum MBA führt. Ein solches Designercurriculum bedarf jedoch der Steuerung, allein schaffen das Kinder und Jugendliche nicht.

Und so wird jedem Spass ein pädagogisches Mäntelchen umgehängt. Der Erziehungsmarkt macht aus der Unsicherheit einer ganzen Elterngeneration bare Münzen. Gärtnern mit Grosi? Ist von gestern und macht schmutzige Hände. Dafür kauft man heute den Gewächshaus-Experimentierkasten der «Galileo»-Redaktion. Damit kann das Kind dank sieben sauber verpackten Töpfchen und Torfplättchen im Kinderzimmer Tomaten ziehen und kriegt nebenher eine Einführung in den Prozess der Photosynthese. Seifenblasen? Generationen von Kindern haben daran ihre helle Freude gehabt. Jetzt hat der «Kosmos»-Verlag auch das zum Experiment Nummer 602′048 aufbereitet und mit Lerninhalten versehen. Meine Kleine kriegte den Kosmoskasten zu Weihnachten. Seither braucht sie zum Seifeblöterle Mama oder Papa. Der Spass blieb auf der Strecke.

Müssen unsere  Kinder bald dankbar sein, wenn sie im Winter noch einen Schneemann bauen dürfen, ohne vorher die Formeln der Aggregatszustände des Wassers auswendig zu lernen?

Leider ging während dieser Entwicklung das Wesentliche vergessen: Kinder spielen nicht, um etwas zu lernen, sie lernen, wenn sie spielen. Und gerade das selbstvergessene Spiel gehört zu den wenigen Dingen, die Eltern ihrem Nachwuchs nicht vorschreiben können. Oder haben Sie schon einmal Kinder getroffen, die sich auf Kommando in ein Spiel versenken? Oder Spass haben auf Befehl?

74 Kommentare zu „Die Karriere beginnt im Kinderzimmer“

  1. R. Hotzenplotz sagt:

    @Susanna
    “Aber 100% aller Eltern in meinem sozialen Umfeld haben das Gefühl, dass ihr Kind hochbegabt ist…”

    Vielleicht sollten Sie Ihr soziales Umfeld auswechseln. In meinem sozialen Umfeld glauben kaum 10% der Eltern, dass ihre Kinder hochbegabt sind, und das ist auch gut so. Ich glaube das nämlich auch nicht, und Frühförderung ist mir ein Greuel.

  2. someone sagt:

    Ein Witz bei all der Frühförderung ist auch, dass sie grösstenteils Kindern aus dem Mittelstand oder noch besser gestellten Teilen der Gesellschaft zuteil wird, die schon “von Haus aus” ein genügend förderliches Umfeld hätten. Also Eltern, die auf sie eingehen, sich Zeit für sie nehmen und ihre Neugier auf die Welt fördern. Die zum Beispiel, wenn das Kind auf etwas zeigt, ihm erklären, was das ist.

    In sogenannt bildungsfernen Familien läuft das oft anders, da heisst es dann schnell mal einfach: Zeig nicht so herum! Da gibt es Kinder, die tatsächlich von klein auf vor dem Fernseher sitzen und in Haushalten praktisch ohne Bücher aufwachsen – da wäre etwas Förderung am ehesten besser als der Status quo, aber solche Kinder gehen viel seltener in eines dieser Angebote. Siehe auch den NZZ-Artikel: “Bildung ab Geburt”, http://www.nzz.ch/nachrichten/wissenschaft/bildung_ab_geburt_1.3442843.html .

    Was meint ihr: Bedeutet das Handlungsbedarf? Wie könnte/sollte man dafür sorgen, dass die “richtigen” Kinder frühgefördert werden? Sollten bildungsferne Eltern gedrängt werden, ihre Kinder fördern zu lassen? Sollte man sie etwa gesetzlich dazu zwingen oder mit finanziellen Anreizen locken? Oder wäre sowas eine unzulässige Bevormundung und Eingriff ins Familienleben?

  3. lisi sagt:

    @someone
    Nein, eigentlich wäre es wünschenswert, wie das meiste “Ideale” dieser Welt. Leider sieht die Praxis anders aus. Wir wohnen auf dem Land, da hat es im Vergleich zu den Städten weniger dieser Familien. Sie werden hier überdurchschnittlich gefördert und in viele Prozesse einbezogen. Bei manchen hilft es etwas, bei anderen leider gar nix. Denn wo kein Wille ist, ist auch kein Weg, leider. Und bei uns sind es nicht “nur” die Familien mit Migrationshintergrund. Aber wir haben tatsächlich Familien, die den Kindern suggerieren, die Schule ist e nix, völlig überflüssig aber da musst du jetzt halt 8-9 Jahre durch. Leider übernehmen diese Kinder dann oft die Haltung der Eltern. In diesen Familien gibt es keine geregelten Mahlzeiten, zum Frühstück gibt es Redbull und TV, über Mittag ne Tüte Chips und am Abend müssen sie zu Hause sein wenn die Strassenlaternen an sind! Rede hier von Kindern ab dem Kiga oder der Primarstufe Unterstufe. Da kann man sich selber ausrechnen wie die dann ende Schulzeit da stehen.

  4. Weber sagt:

    Das Beste was sie je geschrieben haben Frau Althaus

  5. Melanie sagt:

    Wenn Eltern mich als Kindergärtnerin fragen, wie sie ihre Kinder am besten fördern könnten, sage ich Folgendes: Spätestens um 20 Uhr ins Bett bringen, gesundes Essen – idealerweise mit der ganzen Familie- und das Kind möglichst viel Zeit draussen und mit anderen Kindern verbringen lassen, und das ohne das dauernd beobachtende Auge und den dauernden Kommentar der Eltern. Das ist für viele bereits die glatte Überforderung.

    Lieber bezahen sie Ballett-Musik und andere Förderstunden.

  6. cindy sagt:

    zur info: frau aeppli ist übrigens der ansicht, dass bei kindergarteneintritt 1/4 der kinder noch hinter der startlinie zurückbleiben (sie hat letzten samstag wieder mal “eine debatte lanciert”: http://www.nzz.ch/nachrichten/zuerich/die_fruehe_erkundung_der_welt_1.3708201.html).

  7. oma sagt:

    Melanie sagt:
    28. September 2009 um 22:56
    Wenn Eltern mich als Kindergärtnerin fragen, wie sie ihre Kinder am besten fördern könnten, sage ich Folgendes: Spätestens um 20 Uhr ins Bett bringen, gesundes Essen – idealerweise mit der ganzen Familie- und das Kind möglichst viel Zeit draussen und mit anderen Kindern verbringen lassen, und das ohne das dauernd beobachtende Auge und den dauernden Kommentar der Eltern. Das ist für viele bereits die glatte Überforderung.

    Lieber bezahen sie Ballett-Musik und andere Förderstunden.
    sowas von aus dem herzen gesprochen – allein die wirklichkeit zeigt gegenteiliges! und das resultat – kinder die eigentlich keine kindheit hatten, jugendliche die keine werte kennen und junge erwachsene die keine feste wurzeln haben und an jedem noch so kleinen hindernis scheitern und alles über bord werfen – bis hin zum selbstmord!

  8. Miriam sagt:

    Ja, ja die Kinder ausgerechnet Mandarin lernen zu lassen, was viel mehr Einsatz dauert als die meisten anderen Sprachen (vorrausgesetzt man lernt auch die Schriftzeichen, und ohne diese macht einfach nicht viel Sinn)- und dann will das Kind vielleicht einmal Mathelehrer werden. Oder Florist. Oder einer von 100 anderen Berufen in denen auch in 30 Jahren Mandarin null Bedeutung haben wird.
    Der Kommentar kommt übrigens von jemanden der 会说一点儿汉语。

  9. krebs sagt:

    Mal ist Frühförderung im Trend, mal sollen die Kinder krampfhaft sich selber entwickeln müssen… Etwas weniger verkrampft wäre sicher sinnvoll! Meine Söhne sind jedenfalls auf jeden Fall auch hochbegabt – zumindest in meinen Augen. Sie nehmen an den Kleinkinderangeboten teil und haben Spass, daneben verbringen sie viel Zeit im Garten oder den Spielplätzen der Umgebung. Ich freue mich an ihrer Entwicklung und lobe sie, wenn sie wieder etwas neues gelernt haben. Ist das falsch?

  10. R. Hotzenplotz sagt:

    @krebs: Nix falsch, Sie liegen richtig! Kennen Sie die amerikanische radio show prairiehome companion? “That’s the news from Lake Wobegon, where all the women are strong, all the men are good-looking, and all the children are above average.”

  11. Rahel sagt:

    LASST DOCH DIE KINDER EINFACH KINDER SEIN…………DER ERNST DES LEBENS KOMMT NOCH FRÜH GENUG UND DEM KANN SICH KEINER ENTZIEHEN¨!!!!!!!!!!

  12. Rita sagt:

    Glücklich die, die zu Hause auf natürliche Weise zweisprachig aufwachsen dürfen und nicht dazu gezwungen werden, bereits in der Krippe Mandarin zu lernen!
    http://www.dieangelones.ch/2010/08/secondos-im-vorteil/

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