
«Schatz, können wir es uns leisten, dass ich Geld verdiene?»
Eigentlich wollte ich das Thema Mütter und Erwerbsarbeit grossräumig umfahren. Nicht weil ich es nicht wichtig fände, sondern einfach nur, weil ich mich jedes Mal wie einer dieser antiquierten Leierkästen fühle, die irgendwo im Untergrund stehen und um Zuhörer oder ein Almosen betteln. Es ist alles andere als neu, das Thema, es ist ein ungelöstes Problem seit ich regelmässig Zeitung lese, und ich bin sämtlichen Leuten mit den Themen Lohnungleichheit und Diskriminierung am Arbeitsplatz so oft auf die Nerven gegangen, dass ich mir angewöhnt habe, dem Frieden zuliebe darüber zu schweigen.
Aber gestern genoss ich mit Kollegen den wunderbaren Altweibersommerabend auf dem Dach und da sagte meine Freundin, die Vierzigjährige, plötzlich: «Ich habe Sex, damit er mir mein teures Hobby finanziert.» Die gesellige und mitunter leicht alkoholisierte Runde diskutierte, seit das Dessert aufgetischt wurde, dasselbe, wie die Leserinnen und Leser übers Wochenende auf diesem Blog: Ob Sex in einer Partnerschaft zur gut getarnten Währung verkommt. In der Runde wurde es sofort still und alle warteten gespannt auf die detaillierte Abrechnung. Schliesslich hatte die Vierzigjährige, eine Stylistin, den Ruf, die Dinge beim Namen zu nennen. Aber statt Blowjobs in Stiefel und Handtaschen umzurechnen, sagte sie bloss: «Mein Hobby ist meine Arbeit – mein verdammter Job ist das teuerste, das ich mir leiste, seit ich Mutter geworden bin. Er kostet mich mehr als sämtliche Stiefel und Handtaschen, die ich mir kaufe. Ironischerweise bin ich einst davon ausgegangen, dass, wenn ich nur arbeite und eigenes Geld verdiene, ich als Mutter und Ehefrau finanziell unabhängig bleibe und Sex nie als Währung einsetzen muss. Was für ein fataler Irrtum.»
Über Sex und seinen Währungscharakter wollte nach diesem Statement niemand in der Runde mehr diskutieren. Vielmehr rückte die Frauenarbeit und ihre inflationäre Entwertung durch eine Schwangerschaft in den Brennpunkt. Tatsächlich hatte die Vierzigjährige die wirtschaftliche Newslage der vergangenen Woche auf den Punkt gebracht – und mich dazu, das Thema doch noch anzusteuern.
Fakt ist: Das Land, das vom World Economic Forum eben mit der Goldmedaille in Sachen Wettbewerbsfähigkeit ausgezeichnet worden ist, leistet es sich nach wie vor, Frauen, etwa Ärztinnen, zwar gut und teuer auszubilden, aber dann, sobald sie Mutter werden, vom Arbeitsalltag fernzuhalten. Wie die «NZZ am Sonntag» recherchiert hat, importieren viele Spitäler lieber ausländische Ärzte, als dass sie schwangere Schweizer Ärztinnen weiterbeschäftigen oder Teilzeitstellen für Mütter schaffen. Und das in einer Zeit, in der man wegen des Ärztemangels die Zulassung zum Medizinstudium lockern will. Ein volkswirtschaftlicher Blödsinn, der die Schweiz Milliarden kostet.
Nicht gerade eines Goldmedaillenträgers würdig ist auch die Tatsache, dass sich die Erwerbsarbeit der Mütter kaum auszahlt, sobald der Mann mehr als 80′000 Franken im Jahr verdient. Wie Monika Bütler, Wirtschaftsprofessorin an der Hochschule St. Gallen vorrechnet, fressen Krippe und Steuern das Einkommen der Frau glatt weg. Verdient der Mann gut, reisst der Job der Frau ab dem zweiten oder dritten Arbeitstag sogar ein Loch in die Familienkasse. Zwar will der Nationalrat mit grosszügigeren Kinderabzügen Familien endlich etwas entlasten, aber solange Krippenkosten nicht vollumfänglich vom Erwerbseinkommen abgezogen werden können, verschwindet der fatale Steueranreiz nicht.
Ich investiere jetzt, rechnet die Vierzigjährige vor, monatlich 2500 Franken (zwei Kinder, 2,5 Tage pro Woche) und damit mehr als die Hälfte meines Erwerbseinkommens, in die Krippe. Nach Abzug der Steuern, bleibt von meinem Lohn nichts mehr in der Familienkasse. Schon für die Putzfrau lege ich drauf. Das erste, was mir der Treuhänder, den ich für die Steuererklärung beigezogen habe, geraten hat, ist: «Hängen Sie ihren Job an den Nagel!» Bin ich nun blöder, wenn ich weiterarbeite? Oder wenn ich zur Hausfrau mutiere?


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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@Nicole Althaus
Ihre Idee für Betreuungsgutscheine finde ich auch überlegenswert. Was mir aber genauso wichtig scheint, ist Weiterbildung und Wiedereinstiegskurse für Hausfrauen. Wie das gefördert werden soll, ob durch Steuerabzüge oder durch andere Massnahmen, müsste diskutiert werden. Erlebe in meinen Bekanntenkreis, dass viele Frauen nach zehnjähriger Absenz vom Arbeitsmarkt keine Arbeit mehr finden oder eine, die weit unter ihren Qualifikationen liegt. Betreffend der politischen Durchsetzbarkeit von solchen Wünschen habe ich meine Zweifel. Mehr Geld ausgeben liegt im Moment nicht drin, also müsste woanders gespart werden.
Also mein Vater hat meine Mutter für ihre Arbeit die sie zu Hause leistete sehr wohl entschädigt. Praktisch mit seinem ganzen Lohn (also mit dem was neben Miete, Krankenkasse etc. übriggeblieben ist). Ist doch so üblich, wenn einer von beiden zu Hause bleibt.
@Sab: Gutes Argument… da pflichte ich bei!!
Ihr letzter Satz trifft es im Kern Frau Althaus. Dies ist auch der treffendste Grund, warum Männer im Normalfall keine Babypause machen. Die AHV Gutschrift ist wohl nicht so der Renner. Die Betreuungsgutscheine gefallen mir. Auch ist es mir zuwider, wenn immer nur von den gutausgebildeten Eltern gesprochen wird, wenn es um die externe Kinderbetreuung gibt. Auch eine Migrosverkäuferin hat ein Recht darauf, ihren Job zu tun, einfach weil diese Tätigkeit ihr gefällt und ihr soziales Umfeld stabil bleibt. Schliesslich müssen für die Kinder auch Krankenkassenbeiträge und Arztbesuche gezahlt werden. Die Gemeinden sollten froh darüber sein, wenn es weniger Sozialhilfeempfänger gibt, wenn sich Mutterschaft und Kinder vereinbaren lassen. Vielleicht hört dann auch die Diskussion auf, wer im Trennungsfalle mehr voneinander profitiert, weil die Frau wirtschaftlich selbständig ist. Die Diskussion wieviel ihres Einkommens sie für die Kinderkrippe zahlen muss, hindert uns daran die wahren Hindernisse im System zu beseitigen. Auch andere haben hier schon erwähnt, dass wir als Steuerzahler viele Sozialwerke und Institutionen solidarisch mitfinanzieren, ohne dass wir selbst Nutznieser dieser wären und dies ideologisch auseinandernehmen.
@Sab, Nicole: Emanzipation läuft wahrscheinlich, wie fast alles, übers Portemonnaie. Die Mädchen der Kinderarmen Jahrgänge wird man später einmal so sehr brauchen, dass man Frauen belohnen wird, wenn sie im Arbeitsleben bleiben.
Die Schweiz ist zwar in Sache Emanzipation auf gutem Wege, was jedoch Mütter betrifft sind wir “Hinterwäldler”. Die Kinderbetreuungskosten sind so hoch, dass viele Frauen wegen den hohen Zusatzkosten nicht mehr arbeiten gehen, oder das Teilzeitpensum zusätzlich reduzieren, da der “Break Even” erreicht ist, was heissen soll, bei einem höheren Arbeitspensum lohnt es sich nicht mehr, da man draufzahlt.
Da haben wir zwar die freie Berufswahl für alle Frauen, wir dürfen studieren etc. Aber der Karriere-Killer kommt mit der Schwangerschaft.
Man wird in der Berufswelt (Männerwelt) geschnitten, gemieden und dann nach der Niederkunft nicht mehr eingestellt. Schon nur der Teilzeitgedanke (bei einer Kinderlosen Frau) ist ein Schimpfwort.
Ich selber habe noch keine Kinder, beobachte dies jedoch tagtäglich in meinem Job und in meinem Kollegenkreis. Es ist wirklich ein Jammer, wie wir mit den intelligenten Frauen unseres Landes umgehen.