Leben


Nicole Althaus am Freitag den 28. August 2009

Mütterliches ADHS

Mother's little helpers heissen

Methylphenidate wie Ritalin heissen im Volksmund auch «Mother's little helpers».

Hätte ich gestern Ritalin in Griffnähe gehabt, ich hätte es ohne Zögern geschluckt. Einfach nur um das mütterliche Multi-Tasking-Zappelphilipp-Syndrom für eine Stunde oder zwei auszuschalten. Drei Tomaten zu schnetzeln ohne mittendrin wegzurennen, fünf T-Shirts zu falten oder vielleicht einen halben Blogeintrag zu schreiben. Da meine beiden Töchter aber nur sehr selektiv ADHS-Symptome an den Tag legen, nämlich bei allen Tätigkeiten, die in ihrem Kinderhirn nicht unter Spass abgelegt sind, sprich aufräumen, Hausaufgaben machen, essen, ins Bett gehen, habe ich kein Rezept für die Aufmerksamkeit in Pillenform. Und so hatte ich, als der Tag zu Ende ging, alles nur angefangen. Ausser die Flasche Wein, mit der ich meine Gedanken ertränkte,  die sich partout nicht bündeln liessen aber jetzt dank dem Alkoholeinfluss träge an einem Thema festklebten, wie ein Kleinkind an Mamas Rockzipfel: Ist mütterliches ADHS vielleicht wie der Milcheinschuss nach der Geburt gar nicht zu vermeiden? Und müsste einem die Hebamme mit den Stilltipps nicht mindestens eine Packung Ritalin, auch bekannt als «Mothers little Helpers» frei Haus liefern?

Kinder sind wie der Refrain eines Ohrwurms: Einmal da, setzen Sie sich in allen Gehirnwindungen fest, und fallen hinterhältig wie Guerillakrieger mitten in eine Tätigkeit oder einen Gedanken. Doch während ich den Computer einschaltete, um darüber zu bloggen, kam mir gerade in den Sinn, dass ich an diesem Tag auch noch die Jahreskontrolle bei der Frauenärztin verpasst hatte, ich musste also ein Post-it auf meine Agenda kleben, das mich morgen an diesen Fakt erinnern würde und daran, einen neuen Termin zu vereinbaren. Danach war zwar der Computer hoch-, aber meine Konzentrationsfähigkeit endgültig auf den Standby-Modus runtergefahren. Und in diesem kann ich nur noch Listen verfassen. Zum Beispiel, wie die Familiengrösse das mütterliche Aufmerksamkeitsdefizit beeinflusst. Die Eskalationsstufe drittes Kind übrigens ist nicht einfach frei erfunden, sie kann durchaus schon beim zweiten eintreten.

Stundenplan
1.Kind: Man lernt ihn sofort auswendig und läuft dem Kind entgegen, wenn es um 11.17 Uhr noch nicht zu Hause ist.
2.Kind: Man weiss, dass es mittwochs Schwimmen hat und denkt daran, das Badekleid einzupacken. An guten Tagen.
3.Kind: Man ist froh, wenn man am Elternabend nicht nach dem Namen der Lehrerin fragen muss.

Weiterbildung
1.Kind: Man meldet sich zur Schwangerschaftsvorbereitung an und hechelt mit.
2.Kind: Man hechelt um jede Information zur Schmerzbekämpfung.
3.Kind: Kann man sich die PDA  schon im 8. Monat setzten lassen?

Weiterbildung II
1.Kind: Die Konzentrationsfähigkeit reicht für die Front der Zeitung.
2.Kind: Man liest «20 Minuten».
3.Kind: Man liest die Beipackzettel von Medikamenten.

Ernährung
1.Kind: Auf den Löffel kommt nur Selbstpüriertes aus dem Bioladen.
2.Kind: Holle-Gläschen und gegen Ende Monat die billigeren Hipp.
3.Kind: Der Familienspeiseplan besteht aus Weichgekochtem.

Dokumentation
1.Kind: Jedes neue Haar auf dem Babyhaupt wird digital verewigt.
2.Kind: Meilensteine werden festgehalten. Falls man die Kamera nicht vergessen hat.
3.Kind: Ist auf Ferienfotos drauf.

Förderung
1.Kind: Das volle Programm und immer pünktlich: Babyschwimmen, Stilltreff, Krabbelgruppe, Mukiturnen.
2.Kind: Man meldet sich zur Beruhigung des Gewissens zum Mukiturnen an, und geht hin, falls das Kind dran denkt.
3.Kind: Kommt mit zum Einkaufen.

Kleidung
1.Kind: Man sucht selig nach auserlesener Schwangerschaftsmode sobald die Mens ausfällt.
2.Kind: Man kauft irgendwo schnell ein paar Umstandskleider, wenn es wirklich nicht mehr anders geht.
3.Kind: Die Umstandskleider sind die normalen Kleider.

Kontemplation:
1.Kind: Man schaut ihm beim Schlafen zu.
2.Kind: Man schaut, dass Kind Nr. 1 das Baby nicht quält.
3.Kind: Man schaut weg.

62 Kommentare zu „Mütterliches ADHS“

  1. Monika Diethelm-Knoepfel sagt:

    Es gibt übrigens auch Mütter mit einem echten ADHS, was nicht mit Stress wegen Multitasking zu verwechseln ist. Für diese Mütter kann es sehr mühsam sein, den Alltag mit den Kindern zu strukturieren, und es kann sich auch für sie lohnen, sich Hilfe zu holen, zum Beispiel in einem ADHS-Coaching oder in einer Psychotherapie.

  2. Nadja sagt:

    Unwichtig, darum nur am Rande erwähnt: mit dem Begriff “Mothers little helpers” assoziiert man gemeinhin wohl eher Valium, was im gleichnamigen Rolling Stones – Song so bezeichnet wird…

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