Es geschah im Zug. Sonntagabend, ein Waggon voll ausgelassener Weekend-Schlachtenbummler und mittendrin sass diese junge, blasse Frau und machte ein Gesicht, als rollte der Zug direkt über sie. Doch es war nicht der Zug, es war ihr Kind, ein blonder Junge von vielleicht sechs Jahren. Er bohrte in der Nase, plärrte herum und nervte ihre kinderlosen Freundinnen, indem er ihnen seinen Plastikdinosaurier in die Rippen stiess und mit seinen Schuhen auf den Sitzen rumtrommelte.

Das waren noch Zeiten! Im 19. Jahrhundert hiess es in den Schulverordnungen: «Am passendsten ist für die körperliche Züchtigung die Ruthe». Lithographie, um 1835.
Die Mutter zischte den Jungen an, als herrschte in ihrem Kessel ein Überdruck, aber der Junge, offensichtlich unbewandert in den Gesetzen der Thermodynamik, stellte sich taub. Und dann explodierte sie, packte ihn am Arm, riss ihn herum, schrie ihn an und er liess es mit sich geschehen, als sei er das Spielzeug und sie das Kind. Augenblicklich zog die Frau die Zielscheibe aller Blicke im Wagen. «Armes Kind», drückten die zugehörigen Mienen aus. Ja, armes Kind. Aber auch: arme Mutter.
Ich habe meine Kinder noch nie geschlagen. Die Beherrschung verloren habe ich aber schon des Öfteren, vor allem als meine Kinder noch kleiner und mein Stress grösser war, brüllte ich schon mal rum und stellte mir alles mögliche vor. Zu gut erinnere ich mich an das bittere Gefühl in der Kehle nach einem Tobsuchtsanfall und die Empfindung, irgendwie unscharf gezeichnet zu sein. Es gibt kaum etwas Elenderes.
Und Gewalt beschränkt sich ja nicht auf Handgreiflichkeiten. Es gab eine Phase, da meine Tochter beispielsweise besonders renitent war. Und als sie sich einmal nach einer Auseinandersetzung weigerte, ins Zimmer zu gehen um dort aufzuräumen, drohte ich, sie an den Haaren dahin zu schleifen, wenn sie jetzt nicht komme. Das war eine leere Drohung. Dennoch kam sie jüngst nachts weinend an mein Bett und erzählte von einem Traum, bei dem ich sie an den Haaren im Kreis herumgeschwungen hätte.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht hier nicht um regelmässige häusliche Gewalt gegen Kinder. Die ist immer falsch und zu verurteilen. Mir geht es um die Frage, wo die Grenze zwischen Macht als erzieherischem Faktor und der zu Recht verpönten Gewalt liegen. Andererseits muss eine körperliche Intervention nicht immer gleich eine Katastrophe sein. Ich selbst wurde nie geschlagen. Einmal aber hatte auch meine Mutter genug von meiner Renitenz. Ich hatte die Angewohnheit, bei ihren Standpauken einfach davonzulaufen. Eines Tages hielt sie mich an den Haaren fest. Ich lief nie mehr davon.
Was meinen Sie? Gibt es Situationen, da eine Ohrfeige erlaubt ist? Und zu welchen Mitteln darf man greifen, um der elterlichen Autorität Nachdruck zu verleihen?


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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@ Sabine
Was für ein Armutszeugnis für Deine Erziehungsberechtigten! Respekt vor den Mitmenschen kann man gewiss auch ohne regelmässige Ohrfeigen lernen!!!!
Für mich besteht der Respekt vor meinen Mitmenschen darin, dass ich mich eben so im Griff habe dass ich niemals zuschlagen muss!
Es gibt nicht eine richtige oder falsche Methode. Wir haben sechs Kinder gross gezogen. Dazu brauchten wir sechs verschiedene Erziehungsmethoden. Bei einem Kind genügte ein strenger Blick. Bei einem andern Kind brauchte es die Erfahrung, dass die angedrohte Konsequenz auch erfolgt. Erziehen ist nicht mit einer Einheitsmethode möglich!
Natürlich müssen Androhungen auch Konsequenzen haben, aber es gibt keinen vernünftigen Grund, mit Gewalt zu drohen, da haben Eltern nun wirklich harmlosere Strafmöglichkeiten. Wenn man Gewalt als letzte Konsequenz nutzt, lernt man dem Kind nur eines: wenn Argumente nichts nützen, dann hau ich halt drauf.
@ Diana
Ganz genau! Und dann wundert man sich, weshalb die Gewalt stetig zunimmt!!!!
Als Sozialpädagogin mit einpaar JAhren Erfahrung, kann mir niemand, der mit Kindern zu tun hat erzählen, er sei nicht schon mal richtig wütend auf ein Kind gewesen. Aggressionen fangen in uns drinnen an und das Kind spürt sie schon dort.
Bleibt nur eine Möglichkeit: am besten während dessen, im schlimmsten Fall nacher-, darüber reden. Sich oder auch jemandem anderen seine Wut einzugestehen.
Eine Mama, die mit dem Dinosaurier statt mit dem Kind schimpft, dann den Kleinen an der Hand nimmt und mit ihm im Zug auf die Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung geht, gibt es nur dann, wenn sie gelernt hat sich zu reflektieren.
Vor JAhren betreute ich einen Jungen, der seine Mitmenschen voller Freude in die Hand biss. Das tut höllisch weh. Einmal habe ich ohne zu Überlegen im Schmerz zurück gebissen-, danach biss er mich nie wieder. War das Gewalt? Notwehr? Aus Notwehr hätte ich ihn ja auch wegstossen können.
warum versuchen wir menschen immer alles zu strukturieren, oder einem system zu unterwerfen!? bei der erziehung der eigenen kinder sollte es so etwas nicht geben… viel sinnvoller wäre doch etwas wie ein antisystem, bei dem das kind selber lernt, wo die grenzen liegen und es zu einem verantwortungsbewusstem menschen heranwachsen kann, der aus eigenem antrieb entscheidungen treffen kann und nicht aufgrund von anschauungen/meinungen die ihm eingetrichtert werden. für das kind (und auch für einen grossteil der erwachsenen; mich eingeschlossen) ist es doch viel wichtiger eigene gedankengänge vollziehen zu lernen, mit denen man auch hinter die verwerfliche kullisse unserer technokratischen welt blickt, die einen grossteil unserer gesellschaft durchdringt. wie sollten gewalt und/oder lügen eine lösung sein, wenn dadurch das vertrauen des kindes zu den nächststehenden menschen(den eltern) erschüttert wird? wie sollte ein kind “von vielleicht” 6jahren so eine reaktion verstehen!? gar nicht, da in seinen empfindungen so etwas wie gewalt gar nicht existiert(oder nicht sollte) so, lange rede kurzer sinn. hoffe habe ein paar anregungen zum nachdenken gegeben
@Sara 16. Januar 2010 um 19:05
Das war ganz ganz schlecht, was Sie da gemacht hatten – und Sie sollten jetzt in Deckung gehen, denn bald kommt hier ein Gewitter über Sie (obwohl, dies ist ein altes Thema, da schaut keiner mehr rein – vielleciht haben Sie Glück).
Wieder Ernst werdend:
Das Zurückbeissen war sicher unbeherrscht, unüberlegt, und darum im Grundsatz schlecht – da hätte Schlimmes passieren können – wenn man straft, sollte dies mit Überlegung und Kalkül geschehen.
Dass er Sie aber nicht mehr gebissen hat, zeigt, dass er gelernt hat.
Wir dürfen auch annehmen, dass zuvor viele Leute versucht haben, dem Buben diese “Gewohnheit” auszureden – wohl ohne besonderen Erfolg.
Eine interessante Frage wäre noch, ob er nur Sie oder überhaupt niemanden mehr gebissen hat.
Der Begriff “Gewalt” müsste eigentlich, bevor man über Gewalt diskutiert, zuerst genau definiert werden – dass da einige ganz unterschiedliche Definitionen herumschwirren, ist an all den Posts ersichtlich.
Und bevor man jeweils in einem pavlowschen Reflex jeweils gegen “Gewalt” zu bellen beginnt, sollten wir alle nicht vergessen: die Regeln in unserer Gesellschaft bzw. deren Durchsetzung basieren auf Gewalt – auf abgestufter Gewalt:
Zuerst gibts Ermahnungen.
Dann gibts Warnungen.
Dann kommt die Ordnungsbusse.
Dann kommt die Strafe.
Dann das Gefängnis.
Für jeden von uns gibt es denjenige Stufe, die er/sie benötigt, um zur Einhaltung der Regeln gebracht zu werden, und bei den meisten von uns geht es nie über eine Ordnungsbussen hinaus.
Bei Kindern ist das genauso.
Bei den meisten geht es auch nie über eine “Ordnungsbusse” hinaus.
Wenn aber eine grössere Strafe notwendig ist, sollte diese mit Bedacht und Überlegung ausgesprochen werden.
Im übrigen halte ich Wortstrafen a la “jetzt ist Mami aber sehr traurig und enttäuscht wegen Dir” weit schlimmer und grössere Gewalt Gewalt gegen die Kindesseele wie ein Klaps aufs Hinterteil.
Und nach einer Strafe sollte die Sache eigentlich erledigt sein.
Bei einem Klaps ist sie das – danach ist wieder gut.; aber wann ist “Mami nicht mehr sehr sehr traurig” – das Kind weiss es nicht, es sei denn, Mami würde wieder hingehen und Entwarnung aussprechen. Macht sie aber im Regelfall nicht.
(Obiger Text gilt überigens auch für Väter).
@Henri, DANKE! Vielen Dank.. dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
@henri: und ob hier noch reingeschaut wird!
zu ihrer forderung nach einer definition für “gewalt”: sie haben sicher recht, dass jeder hier wieder was anderes darunter versteht… was natürlich auch eine von allen akzeptierte definition schwierig macht. wo ich ihnen widersprechen muss, ist hier:
die Regeln in unserer Gesellschaft bzw. deren Durchsetzung basieren auf Gewalt – auf abgestufter Gewalt:
Zuerst gibts Ermahnungen.
Dann gibts Warnungen.
Dann kommt die Ordnungsbusse.
Dann kommt die Strafe.
Dann das Gefängnis.
die sanktionen unserer gesellschaft beruhen ja eben nicht (mehr) auf gewalt. bzw. ermahnung / warnung / busse / gefängnis wären in meiner definition von “gewalt” nicht enthalten…
Wer liebt schlägt nicht und wer schlägt liebt nicht. Punkt und Schluss!!!!!
@ Eni
Ganz genau! Wäre schön, wenn das gewisse andere Schreiber hier auch so sehen könnten!!!
Gewalt üben Medien auf unseren Nachwuchs auf. Gewalt ist die Naturentfremdung. Es wäre manchmal hilfreich in die Tierwelt zu blicken…. Nicht schlagen ist nicht gleichzusetzen mit keiner Gewalt, schlagen ist nicht gleichzusetzen mit fehlender Liebe, das wäre etwas einfach.
Tiermütter schaffen manchmal ziemlich entschieden und unsanft Ordnung wenn die Situation eskaliert .
Ich meine damit, es wäre gut, wenn wir etwas mehr zur Erde zurück kehren und unserem Instinkt einsetzen würden statt nur im Kopf zu agieren. Alles wird als schädlich interpretiert, schon Kinder zu knuddeln ist ein Übergriff und wenn man sie einmal nimmt und entschieden auf den Stuhl setzt und versucht klar zu sein ebenfalls. Mensch ist das eine verdrehte Welt, kein Wunder das die Gewalt eskaliert , ist auch eine Methode körperlich zu werden.
@ Sebu
Sorry, ich vergleiche meine Kinder nich mit Tieren. Hunde haben ein Hundesprche und Pferde eine Pferdesprache usw. Wenn der Mensch dem Tier übergeordnet sein will,dann soll er sich auch so benehmen. Ich habe meine Kinder noch nie geschlagen, auch keinen Chlapf gegeben und meine Kinder sind bis jetzt gut heraus gekommen. Statt ihnen2587 mal eins zu kleben habe ich halt 2587 mal geredet. Das eintige was man senen Kindern mit Schlägen zeigt, ist das Faustrech des Stärkeren und da würde ich schon sehr bald alt aussehen bei meinem Grossen.Gewalttätig sind in der Regel diejenigen die Zuhause selbst Gewalt erlebten oder immer noch erleben und sie gehen dabbei immer auf solche los, wo sie sich sicher sin können dass der andere unerlegen ist. Immer¨!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Das sind dann die genau gleich feigen Weichschnäbeler wie ihre Eltern.
dann rede halt 2587 mal das wäre mir echt zu blöd. Ich habe auch 2 tolle Kiner grossgezogen und habe sie nie misshandelt so interpretierst du meinen Text. Ich sage dass klare Grenzen wichtig sind und das wir dies aus der Tierwelt lernen könnten . Kinder vollzuquatschen kann eben meiner Ansicht nach auch gewalttätig sein. Das Alter zählt wohl auch , oder die Reife des Kindes.
Wenn ich einem 2- Jährigen erkläre er soll mich nicht beissen aus Freude… na ja! Finde ich ziemlich verkopft. Ich kann es ja auch einfach festhalten und klar mein Missfallen “spüren” lassen ohne zu schlagen. Kennst Du Die Geschichte von Franz Hohler in welcher der Papa das Kind ins Bett bringt und es möchte noch dies und das .. am Schluss hat die ganze Famile ein halbes Schloss aufgebaut und das Kind schläft noch immer nicht.
Da würde ich weder Schlösser bauen noch Faustrecht walten lassen aber klar deponieren was ich jetzt möchte allenfalls auch mit Nachdruck.Jedenfalls ohne Diskussionen. Vielleicht reden wir ja vom Gleichen wer weiss .
Gruss der Weichschnäbeler
@ Sebu
Meine Kinder haben nie gebissen ausser als sie sehr klein waren. Sie haben mich auch nur wenige male versucht zu schlagen, da habe ich einfach die Hand fest gehalten und mit nchdruck gesagt, dass ich nicht geschlagen werden will und es hat immer genützt und zwar nicht nur 10 Minuten oder 2 Wochen. Ich binauch konsequent aber ich schlage meine Kinder. Nie.
Warum ist 2587 mal reden blöd, aber 2587 mal schlagen nicht? Komisch. Ich finde es sehr eigenartig, dass wenn einer seine Frau schlägt ein Verbrecher ist,aber einer der Kinder schlägt, ist ein ‘7-Siech’. die Frau kann schliesslich gehen aber ein Kind ist dem ausgeliefert.
@ Sebu
Habe am 6.2. 11.40h ein Post beim Thema Einwegkommunikation deponiert. Wenn Sie es lesen mögen,haben Sie vielleicht auch Verständnis für meine Sichtweise.
Eni
Noch habe ich (23) keine Kinder und ich maße mir auch nicht an, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Wenn Eltern schon einmal in Maßen schlagen, dann ist das aus einer Stresssituation vielleicht entschuldbar. Wenigstens habe ich diese Entschuldigung mir für meine Mutter “selber eingeredet”, die mich bis etwa 13 oder 14 recht häufig ohrfeigte. Sie konnte wohl nicht anders, weil sie selbst so – und wohl eher noch strenger – erzogen und bestraft worden ist. Klar, dass mich das beeindruckt hat. Aber tatsächlich war es mehr Dressur als Überzeugungskraft.
@ Fabienne
Klar will man seine Eltern in Schutz nehmen, aber ich habe erlebt wie ein Mensch an Schlägen zerbrochen ist. Siehe mein Post vom 6.2. 11.41h in Eiwegskommunikation. Ob man Klapse auf das Fudi tollerieren kann, darüber lässt sich Streiten, aber Ohrfeigen???????????? Zirkusdressur, Sie sagen es.
Auch ich habe manchmal Stress und drehe mich dann lieber um
Tut mir leid, was Sie in der Einwegskommunikation über die schlimme psychische Wirkung von Züchtigungsstrafen geschrieben haben. So nachhaltige belastende Erinnerungen habe ich selber nicht mehr daran. Auch empfand ich die ja recht schnell verabreichten Ohrfeigen nicht übler, als die “Klappse auf das Fudi”, die ja schon als angekündigte Strafe (”Warte ab, bis wir zu Hause sind…”) richtig Angst machen konnten. Züchtigung ist immer entwürdigend und legt es ja gerade auch darauf an. Entwürdigen verletzt die Menschenwürde – auch die eines Kindes. Deshalb ist diese Art der Strafe vielleicht aus der Stresssituation der Eltern heraus verständlich – aber das macht es nicht besser. Ich hoffe, ich behalte – so wie es Ihnen gelungen ist – immer “eine ruhige Hand”.