Leben


Nicole Althaus am Freitag den 27. März 2009

Haarige Tatsachen

Thommi und Annika im Partnerlook

Thommi und Annika im Unisex-Look

Im Kindergarten meiner Tochter gibt es 18 Kinder. 9 davon sind Mädchen. Die Mädchen stammen aus sechs verschiedenen Nationen. Manche haben Mütter, die arbeiten, andere solche die zu Hause bleiben. Einige haben Geschwister, andere sind Einzelkinder. Es gibt schüchterne Kindergärtler und draufgängerische, solche die in einem Einfamilienhaus aufwachsen und andere, die  in einer Block-Siedlung gross werden. Es gibt kleine Kinder und grosse. Es gibt dunkelhaarige und blonde, solche mit Locken und solche mit geraden Haaren. Aber es gibt kein einziges Mädchen im Kindergarten meiner Tochter, das die Haare nicht mindestens schulterlang trägt. Dasselbe gilt übrigens für die Girls in der Klasse meiner älteren Tochter, dort ist die weibliche Haarpracht im Durschnitt noch wesentlich länger.

Kurze Haare sind irgendwann in den letzten zehn Jahren von der Frisur-Option zum sekundären Geschlechtsmerkmal von Buben mutiert. Und der Coiffeur muss meinen Töchtern jedesmal den Ganz-ganz-sicher-nur-die-Spitzen-Eid ablegen, bevor er die Schere zücken darf. Gestern nun lag meine Kindergärtlerin mit Fieber auf dem Sofa und schaute sich einen Pippi Langstrumpf-Film an. «Krass hey», ruft sie plötzlich, «die sehen ja alle gleich aus!» Mit «alle» meinte sie die Schar von Schülerinnen und Schülern, die im Film aus dem Schulzimmer in die Pause stürmen. Die meisten in Hosen und T-Shirts, beides in einer beliebigen Farbe. Jeder, der im neuen Jahrtausend einmal fünf Minuten auf einem Pausenplatz verbracht hat, wird das Erstaunen der Fünfjährigen über den Unisex-Look der 1960er-Jahre verstehen. Dass Mädchen und Buben gleich angezogen sind, ist für sie so abartig wie ein Pagenschnitt. Vorbei sind die Zeiten, in denen Farben geschlechtsneutral und Schnitte einfach praktisch waren. Heute werden Mädchen zwar zum Tschuten ermuntert und Buben zum Weinen. Aber aussehen sollen sie dabei bitte wie kleine Prinzessinen und rechte Jungs. Der Aussehenskodex scheint sich umgekehrt proportional zum Geschlechterkodex zu entwicken. Warum nur? (na)

36 Kommentare zu „Haarige Tatsachen“

  1. Maria Manoglia sagt:

    Meiner Meinung nach hat dies leider mit der immer früher beginnenden und stärker auftretenden sexuellen Vereinnahmung von Kinder – insbesondere Mädchen – zu tun. Man muss hier jetzt sicherlich nichts über-dramatisieren, jedoch sehe ich dieser Entwicklung mit wachsender Besorgnis zu. Ich bin 24 und ich glaube ich kann sagen, dass dieses Phänomen in meiner Kindheit noch nicht in einer solch extrem ausgeprägter Form zu finden war. Aber heute müssen ja schon Neunjährige sexy sein! Wenn ich in der Kinderabteilung die Mode für kleine Mädchen sehe, könnte ich manchmal kotzen. Man sieht elfjährige Mädchen im Minirock – und Mama findets auch noch süss. Letzthin gabs diesen Artikel “In High Heels in die Krabbelgruppe”, da sah man Schuhe, welche im exakt gleichen Look an der Langstrasse im “Nuttenladen” zu finden sieht. Die “normale” Welt einer Neunjährigen besteht heutzutage aus “Vorbildern” wie den Pussycat Dolls, Spielpuppen wie den “Bratz” und Zeitschriften wie Bravo (gut, das lasen wir auch schon). Sängerinnen wie Rihanna, die sich ganz klar in erste Linie über ihr Aussehen und ihren Körper vermarkten und erst in zweiter Linie über ihr Talent, zielen ganz klar auf ein junges Publikum ab und Sex sells ist halt nach wie vor das Nr. Eins Credo im weiblichen Segment der Musikbranche. So wie unsere ganze Gesellschaft, sind auch unsere Kinder bereits schon ganz früh mit einer permanenten Präsenz der Medien umgeben, sie sehen im TV und in Zeitschriften ihre “Vorbilder” im Sado-Maso-Look, erwachsene Frauen, die sich mit einem enorm über-sexualisiertem Verhalten “verkaufen” – und junge Mädchen ahmen dieses Verhalten dann nach, in nicht zureichendem Bewusstsein darüber, welch Wirkung dies hat. Vielleicht spüren sie eben auch, dass sie mit dieser Art von Verhalten eine Reaktion provozieren, dass sie eben damit eine Wirkung erzielen – jedoch können sie die Konsequenzen davon keinesfalls richtig einschätzen. Dazu kommt auch, dass wir ja bereits schon kleinste Kinder zu einer grossen Affektiertheit erziehen – die Vierjährige mit den süssen Löckchen und dem herzigen Kleidchen, “nein wie niedlich!” und “schau wie süss!”. Damit lernen also schon jüngste Kinder, dass sie durch ihr Aussehen Aufmerksamkeit erregen und Emotionen auslösen können. Ich sehe die langen Haare (natürlich nicht partout zwingendermassen) als starke Fixierung auf das Äussere, als sich schon ganz früh durch das Aussehen definieren – und auch eine bestimmte Art von Aussehen repräsentieren zu wollen.
    Dem entgegenwirken müssen wir als (momentane oder zukünftige) Eltern, indem wir versuchen unserem Kind zu vermitteln, dass es im Leben andere Schwerpunkte als Äusserlichkeiten geben sollte (und ihm dieses auch lebendig selber nahe bringen), ihm zu erklären versuchen, dass Sexualität etwas ist, womit man vorsichtig umgehen muss (und die Definition als Frau durch Sexualität oder über den Körper) – und probieren, selber ein anderes Vorbild zu sein.

  2. Lina sagt:

    Warum nur?

    Vielleicht weil sie die verdrängten Seiten ihrer teilweisen verdrehten und ideologieverseuchten Mütter leben?

  3. Maja sagt:

    Es ist eindeutig der Zeitgeist der die Mode bestimmt. Meine Tochter wollte nie ein Kleid anziehen.
    Ihre Töchter spielen gerne Prinzessinnen. Heimlich musste ich lachen:) sie hat sich damit abgefunden genau wie ich auch. Nimmt mich wunder wie meine Urenkel/innen sein werden.
    Als Mutter kleidet man doch seine Kinder möglichst vorteilhaft schon wenn sie ganz, ganz klein sind.
    Zudem gibt es Kinder die schon sehr früh einen sicheren Farbgeschmack haben.
    Jungs tragen bis heute noch keine Kleider obwohl kurz mal die Männerröcke modern waren.
    Hosen sind bequemer für Jung und Alt.

  4. Katharina sagt:

    Ich war auch so ein “Junge” als Kind, und meine Tochter ist nun eine kleine Prinzessin – weil alle anderen Mädchen eben auch in rosa Kleidchen kommen. Und das im Mekka der Gleichberechtigung, wir leben nämlich in Norwegen, und auch dort gibt es momentan nur rosa und blau mit kaum Zwischentönen.

    Überlegt doch mal, mit welch unumstösslichen “Wahrheiten” wir damals gross geworden sind, die wir doch auch alle irgendwann zu hinterfragen begannen, ein normaler Prozess des Erwachsenwerdens. Lest doch einmal aufmerksam die Kinderbücher von damals, was da an Rollenbildern vermittelt wurde – ich lese meiner Tochter oft den Text anders vor, als er im Buch steht. Und obwohl wir mit viel traditionelleren Rollenbildern als heute gross geworden sind, konnten wir das offensichtlich hinterfragen und relativieren.

    Auch unsere Prinzessinen und Spidermans werden wohl als junge Erwachsene alles anders machen wollen, als wir es ihnen zu vermitteln versuchten. Vielleicht ist dann Unisex wieder in.

  5. Schulsozialarbeiter sagt:

    Ich kenne über 900 Buben und Mädchen (die meisten nur vom sehen) von Kindergarten bis zur 6. Klasse und diese “haarige These” trifft bei uns nicht zu. Eine Doing Gender Debatte auf dieser Ebene zu führen erscheint mir zudem ziemlich fruchtlos. Ich würde soger vermuten etwas an den Haaren herbeigezogen.

  6. Nicole sagt:

    Ich lebe in Kolumbien, und hier wäre es noch viel undenkbarer als in der Schweiz, dass ein Mädchen kurze Haare trägt. Mädchen haben Prinzessinnen zu sein und Jungs coole Machos. Der Schönheitskult wird von frühestem Kindheitsalter an gepflegt und hängt eng mit dem Machismo zusammen. Letzterer existiert nicht nur wegen der Männer, sondern gerade auch wegen der Frauen, die ihre Kinder in diesem Sinne erziehen. Die positive Seite (neben der grossen negativen) ist, dass die Mädchen auch wirklich Mädchen und Frauen sein und den Unterschied zu den Männern betonen dürfen. Wenn es dann aber so weit geht, dass Mädchen geschminkt sind wie Erwachsene, wird es mir eindeutig zu viel.

  7. rauwendaal sagt:

    Meine Tochter Jahrgang 1976, hat die ganze Schulzeit lange Haare gehabt, sowie die andere Maedchen in ihre Klasse. Nur 1 hatte kurze Haare weil sie keine schoene Haare hatte.
    Wahrscheintlich sind die kurze Haare nur mode in Schweden, wo die Film von Pippi Langstrumpf gedreht worden ist. Auch ist es viel guenstiger wenn mann nicht jedesmal zum Coiffeur gehen muss.

  8. T. Kost sagt:

    Was meinen Sie eigentlich mit dem Satz:
    “Manche haben Mütter, die arbeiten, andere solche die zu Hause bleiben.”
    T. K.

  9. Helena sagt:

    Ich find lange Haare einfach schön; als Kind aber hielt meine Mutter sie immer kurz, weil ich mich nicht kämmen lassen wollte. Das änderte sich erst, als man mich für einen Jungen hielt. Danach war es ein Mireille-Mathieu-Pagenkopf, danach ein Nena-Stufenschnitt und Ende Pubertät endlich konnte ich nach Lust und Laune wachsen lassen… sie sind jetzt taillenlang und dürfen gern noch länger werden… Ich find wie gesagt langes, gepflegtes Haar ist eine Zierde, bei Frauen halt erst recht. Männer können es meinetwegen auch lang tragen, aber sollen es dann bitte auch pflegen. Schaut Euch doch mal den Sohn von Céline Dion an! Der sieht aus “wie ein Mädchen”, aber wenn es ihm so gefällt…
    Sehr schade finde ich, wenn soviele Mädchen als Kind traumhaftes Haar haben und kaum werden sie älter, schnipp schnapp… oder für die Hochzeit wird gezüchtet und kaum verheiratet, schnipp schnapp… warum nur? Schaut Euch doch mal um. Wieviele Menschen tragen heutzutage noch wirklich langes Haar? Und lang beginnt für mich persönlich erst ab mindestens BH-Verschlusslänge. Po-Langes Haar ist doch absolut selten, für mich hat das nichts mit Prinzessin sein oder so zu tun, ich persönlich finde langes Haar einfach eine schöne Zierde.

  10. Urs sagt:

    Meine Tochter (bald 6) wollte vor einem Jahr einen Kurzhaarschnitt, (wie ihr Bruder). Ich vermute, weil Ihr das Gesülze aller Leute über ihre wirklich schönen blonden Locken auf den Ticker ging. Schweren Herzens fräste ich ihr die Haare weg – bis auf 2 cm.
    Im Kinzgi und in der Schule gab es dann massenhaft Kinder, die nicht begreifen konnten, dass sie ein Mädchen ist (trotz des rosa Mäntelchens (…), das sie trug!).
    Dass andere Mütter entsetzt waren, kann ich noch halbwegs begreifen, aber dass 5 und 6-jährige bereits einen so engen Horizont haben, hat mich doch nachdenklich gestimmt.
    Die Haare meiner Tochter sind jetzt übrigens wieder einiges länger…

  11. Barbara sagt:

    Na auch bei den Jungens gibt es da verschiedene Wünsche – mein grosser (6 Jahre) ist gerade inbrünstig daran, sich die Haare lange wachsen zu lassen. Und auch hier sind es die Vorbilder (er will so aussehen wie sein Cousin), der auch die Haare schulterlang trägt…
    Dem kleinen (4 jährig) ist es noch völlig egal.

    Klar kommt der Wunsch von den Kindern, aber ich habe auch das Gefühl, die heutigen Mütter und Vater haben nicht den mumm, mal nein zu sagen zu einem Kleidungsstück, das ihnen zu rosa oder zu spiderman ist… Früher gabs doch auch einfach die Kleider, die die Eltern uns gekauft haben, und es ist uns jedenfalls nicht schon im Kindergarten eingefallen, zu bestimmen, dass wir immer Markenkleider tragen wollen…

  12. Sina sagt:

    Tja…so unterschiedlich können “Probleme” sein!-Mein Sohn ist nun 22Monate alt und mein Mann und ich weigern uns standhaft ihm die Haare zu schneiden (wir tragen unsere Haare beide auch lang).
    Und nun müssen wir uns tagtäglich anhören,dass unser Sohn ja wie ein Mädchen aussieht und er sich bald schämen müsste weil die andern Kinder ihn auslachen!Oder er wird einfach nur ganz selbstverstädnlich als “Mädchen” abgetan auf dem Spielplatz und überhaupt überall wo wir mit ihm hingehen…Und dabei spielt es keine Rolle was er trägt!Er könnte wohl ein Shirt mit der Aufschrift:JUNGE tragen und keiner würde davon Kenntis nehmen…denn JUNGS haben eben nunmal KURZE Haare und Mädchen LANGE!!!
    Mich nervt das ganze und zwar total!!!

  13. Miriam sagt:

    Dieser Gender-Terror geht doch schon bei Neugeborenen los. Bin gerade auf der Suche nach einem gebrauchten Kinderwagen und da scheint es auch schon ausserordentlich wichtig zu sein, ob die Farbe zum Geschlecht des Kindes passt. Als ich mit der Suche anfing, war mir gar nicht bewusst, dass ich drauf und dran war, meinem Kind scheinbar einen irreperablen Schaden zuzufügen, wenn ich es in einem Kinderwagen durch die Gegend schiebe, der die falsche Farbe hat…

  14. Zur Frage: Ich denke, da wird viel durch die Gesellschaft projiziert, die krankhaft versucht ein binäres System aufrecht zu erhalten, dass in erster Linie durch sie selbst konstruiert wurde. Ich denke auch nicht, dass da ein inniger Wunsch der Kinder ohne externe Einflüsse besteht. Das ist wenn, dann eher eine Ausrichtung an der gesellschaftlichen Norm (=was machen die anderen Kinder?). In der Emo-Szene besteht ja sogar ein ziemlich gegenläufiger Trend zu extrem androgynem Aussehen; da ist der 1960er-Look fast nichts dagegen.

  15. Bea sagt:

    Nehmt die Kinder etwas weniger ernst, sagt auch mal “nein” oder “so gehts” und ihr habt weniger Stress. Kurze Haare sind praktisch, basta. Und ich schicke meine Kinder schneide meinen Kindern sicher nicht alle vierzehn Tage die Haare, bin ja nicht blöd.

  16. Rahel sagt:

    @ Bea

    Weshalb sollte ich meine Kinder weniger ernst nehmen? Sie erhalten auch so nicht alles von mir obwohl ich ihnen ganz genau zuhöre und mir ihre Wünsche, Gedanken (ja schlicht das was sie sagen) sehr wichtig sind!

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