
Küss mich Baby, weil ich sterben muss! Der Frosch und das Schwein aus der unvergesslichen «Muppet Show». (Bild: Keystone)
Vor einer Woche hat in Basel die Schule wieder begonnen. Die Schweinegrippe hatte uns jedoch schon die Woche zuvor flachgelegt. Zumindest mental. Es begann beim Abendessen. Meine Tochter, die üblicherweise den Appetit eines Heuschreckenschwarms auf sich vereint, schob ihren Teller von sich, seufzte und blickte mit schweren Augen in die Ferne.
Ich fragte, was los sei. Fühlte sie sich schlecht? Hatte sie Fieber? Schmerzen? Sonst irgendwas? Sie zuckte nur die Schultern. Sie werde sterben, sagte sie. Ja, das würden wir alle, meinte ich, aber sie sagte nein, sie werde an der Schweinegrippe sterben. Oder ich. Oder wir alle. Schweinegrippe, dachte ich, wo hat sie denn das jetzt wieder her? Sie aber schlurfte in ihr Zimmer und verbunkerte sich im Bett, wo sie mehr oder weniger die ganze Woche blieb. Und dabei das Mantra von der Schweinegrippe und den zu erwartenden schweren Verlusten, die sie in unsere Familie schlagen würde, runterbetete.
Ich war natürlich ganz die Kavallerie und nachdem wir ihre Ängste bis zum Schulbeginn niedergerungen hatten, wartete ich gespannt darauf, wie in der Schule mit dem Thema umgegangen werden würde. Beim ersten Mittagstisch mit den Nachbarskindern fragte ich, ob die Schweinegrippe denn nun Thema gewesen sei. Ja, riefen alle im Chor und kicherten. Der Nachbarsbub erzählte, als er seiner Lehrerin die Hand zum Gruss entgegen gestreckt habe, sei diese beinahe bis zur Decke gesprungen, habe die Arme in die Luft geworfen, als hätte er «Hände hoch» gebrüllt und dann habe sie verkündet, mit Händeschütteln sei es einstweilen vorbei an dieser Schule. Der Lehrer des zweiten Nachbarsbuben dagegen nahm sich viel Zeit, die allgemeine Panik wortreich zu geisseln, um dann jedem Kindern demonstrativ und ausgiebig die Hand zu schütteln. Bei der Tochter hatte man die Technik des Fussschüttelns erläutert. Ansonsten lief der Unterricht normal. Ob es denn auch Anweisungen für das Verhalten unter den Kindern gebe? Nein.
Die Woche verlief ohne gravierende Zwischenfälle. Und als ich bei einem Mittagessen am Freitag nochmals fragte, ob noch etwas weiteres wegen der Schweinegrippe gewesen sei, hiess es: «Hä? Hör doch auf mit dem alten Schweinegerippe. Wann gehen wir jetzt in die Badi?»
Das alles erschien mir irgendwie symptomatisch für unseren Umgang mit den Bedrohungen durch neue Seuchen, sei das nun die Vogel- Schweinegrippe oder SARS: Es beginnt mit Angststörungen, mutiert dann zu gesundheitstaktischem Chaos und endet als Kalauer.
Man kann nur hoffen, dass der Virus sich nicht eben so schnell verwandelt und wirklich gefährlich wird. Denn nichts untergräbt Autorität schneller, als leere Drohungen. Und nachdem mein Kind, das sich schon auf dem Totenbett wähnte, nun gelernt hat, dass das alles nicht so ernst zu nehmen ist, in der Schule jeder etwas anderes erzählt und man ansonsten einfach weiter macht, wie bisher, wie also soll ein solches Kind noch auf den Fall einer ernsthaften Bedrohung vorbereitet werden? Eine Frage übrigens, die sich sowohl die WHO wie auch der Bund auch bezüglich der Erwachsenen stellen müssen.
Deshalb meine Frage an Sie: Wie geht man mit den von einer leicht hysterischen Informationsgesellschaft periodisch geschürten Ängsten vor neuen Seuchen um? Wie erklärt man seinem Kind, was da eigentlich los ist, ohne unnötig Panik zu verbreiten und dennoch alarmierend genug, um sie zu entsprechendem Verhalten anzuregen?


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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Hallo Frau Binswanger!
Etwas gutes hat die Schweinegrippe an sich! Letzte Woche ‘durfte’ ich, aufgrund einer milder Erkältung vom Dienstag an die ganze Woche zuHause bleiben! Nachdem ich das dritte mal niesen musste, meinte mein Arbeitgeber ein Schweinegripperisiko sei nicht haltbar – wohlgemerkt wusste ich, dass ich ‘nur’ erkältet war – das nahm ich dankend an, rief meinen Arzt an zwecks ärztlichem Zeugnis und konnte für den Rest der Woche meinen Arbeitsplatz in Münchenstein gegen mein zu Hause in Basel eintauschen!
Geben Sie Ihrer Tochter doch den Rat, das Positive an der SGP (schweinegrippeparanoia) zu sehen!
Am Besten bringt man den Kleinen wohl bei nicht einfach alles zu glauben, was die Menschen und allen voran die Medien so erzählen. Wenn man dafür allzu empfänglich ist, muss man ja sowieso ständig zu Hause bleiben bei all den Gefahren die uns auf den Strassen auflauern: Kampfhunde, prügelnde Kids, alkoholisierte Raser, Schweinegrippe.
Sein Geld sollte man wohl wegen der skrupellosen Bankster auch nicht mehr zur Bank bringen.
Fliegen darf man auch nimmer, da im Moment offenbar ständig Flugzeuge abstürzen.
Ständig wird überall die Angst in der Bevölkerung geschürt. Und wozu ein völlig verängstiges Volk fähig ist sieht man in den USA sehr gut (Irak Krieg, Partiot Act, etc)
@Christian und Ronny: Genau! He, he, …
Gegen Hunde habe ich übrigens diese Taktik: Tief in die Augen schauen und dann ganz langsam mit beiden Augen zwinkern. Das hilft immer, ausser bei kranken Hunden. Es ist das Zeichen für Freundschaft. Bei kranken Hunden schreie ich so laut ich kann und mache mich bereit, ihnen ins Genick zu beissen. Nicht ganz einfach, aber hilft meistens auch. Gute Woche allerseits!
Fernseher verkaufen, Radio so viel als möglich abschalten, raus an die frische Luft und das Leben geniessen! Das mal ganz generell.
Zum Thema “wie bring ich’s meinen Kindern bei”:
Ich bin ja noch in der Situation, wo meine Kinder weder zur Krippe, Kiga noch in die Schule gehen. So gibt’s bei uns die panikschürenden Einflüsse von aussen (noch) nicht. Was ich aber wichtig und nötig finde ist, dass man “Gefahren” in eine Relation stellt. Wenn man sich mal vor Augen führt wie “gefährlich” die SG für einen ist im Vergleich mit dem Strassenverkehr, dann ist das Drama, das darum gemacht wird, doch schlicht übertrieben. Wir alle fahren Auto oder bewegen uns sonst im Strassenverkehr, ohne dass uns dabei die Knie schlottern und die Zähne klappern. Und wir erzählen unseren Kindern auch nicht vor jeder Fahrt, wie GEFÄHRLICH das jetzt grad ist, was wir da zu tun gedenken.
in dem man ihnen schon von klein auf gesunden menschenverstand bei bringt zB dass händewaschen ganz einfach nach dem schuheausziehn dazugehört wenn sie von draussen in die wohnung kommen oder bevor man isst… da hätten wir das thema SG auch schon abgehäckelt, da anscheinend “händewaschen allein” das risiko zu verbreitung mindert. alles andere gehört sowieso nicht in kinderköpfe (ausser sie sind schon älter) aber angstmacherei wie das flugzeug könnte abstürzen ist absoluter nonsense. übrigens haben wir es vermieden unseren kinder gruselgeschichten zu erzählen oder ihnen angst vor der dunkelheit zu machen (es wird einfach nicht erwähnt – simpel) dass es dunkelwird gehört zum tag wie die sonne aufgeht und wenn die sonne schlafen geht, gehen auch wir schlafen. auch das mit dem donner – der donner bringt den regen.. sonst nichts. es gibt nichts wovor man davon angst haben soll.
@ ChristianVier Tage Urlaub wegen dreimal niesen? Ichfinde, die Schweinegrippe hat durchaus ihr Gutes…
))
Man darf sich übrigens fragen, wann ein Schüler kurz vor dem Abgeben der eben abverheiten Prüfung auf die Idee kommt, auf die Blätter zu husten und diese anschliessend zum Bannen der Seuchengefahr vor der ganzen Klasse zu verbrennen – nicht zu denken, welche Erreger andernfalls die Lehrperson hätten in den Abgrund dieser pestähnlichen Erkrankung ziehen können…
(soviel zum Thema “Kalauern”)
Dieselbe Problematik, andere Themen…
- “Rauchen ist tödlich.”, aber alle kennen irgend einen 93 Jährigen, der kerngesund ist und sein leben lang geraucht hat.
- “Keinen Velohelm zu tragen, kann Ihre Frisur ruinieren.” – leider (eigentlich zum Glück) kennt mein Sohn keinen mit ruinierter Frisur.
- “Trinken Sie grundsätzlich keinen Alkohol, wenn Sie fahren.” – und dann wird einem dennoch ein Bier aufgeschwatzt.
- “Steige in kein fremdes Auto”
- “Gib beim Chaten keine Adressen und Telefonnummern bekannt”
etc. etc.
Blablabla, wenn man davon nicht betroffen ist. Das kann sich jedoch schlagartig ändern. Gutgemeinte und korrekte Ratschläge zu ignorieren oder sogar lächerlich zu machen ist nicht cool sondern einfach unreif (wie übrigens ab jedem Gefahrenhinweis gleich in Panik zu geraten).
Aufklären natürlich, über den Virus, die Panik, die Unsicherheit, die Presse, die ja immer was bringen muss, und über den hysterischen Haufen, den diese Leute, die uns informieren und instruieren sollten, sind. Und dann das machen, was richtig ist, vorsichtig sein, nicht panisch. Ganz einfach, eigentlich… Man muss den Kids halt in allen Belangen beibringen, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen.
@leylah
“auch das mit dem donner – der donner bringt den regen.. sonst nichts. es gibt nichts wovor man davon angst haben soll”
Oh doch und wie! Echte Gefahren zu verniedlichen, nur damit keine Angst aufkommt, ist genauso schädlich wie “Gruselgeschichten” auf zu tischen um Angst zu schüren.
“Angst” ist ein wichtiges Gefühl, das einem auf ungewöhnliche/besondere/neue Situationen aufmerksam macht. Der richtige Umgang mit “Angst” zu lernen, bleibt eine lebenslange Herausforderung. “Angst” zu ignorieren endet auch nicht besser als sich von “Angst” beherrschen zu lassen.
Man kann die Risiken gegeneinander abwägen und vergleichen: es ist ungleich wahrscheinlicher, auf dem Schulweg zu verunfallen (inklusive dem Risiko, von einer Mutter [oder einem Vater] angefahren zu werden, die/der ihr/sein Kind zur Schule bringt oder gerade gebracht hat), als an der Schweinegrippe zu sterben.
Wenn die Pandemie anwächst, werden vielleicht 10 % erkranken (innerhalb einer Saison, nicht gleichzeitig); wenn davon (was sehr viel ist) 1% stirbt, heisst das, dass 0.1% der Bevölkerung sterben, also 7′000 Menschen.
Schwein oder nicht sein, das ist hier die Frage
Laut Stefan werden also mehr als 7000 Schulkinder werden jedes Jahr überfahren.
Es ist bei jeder Krise oder Lebensmittelhysterie das gleiche: Man muss sich eben richtig informieren, dann hat man sofort weniger Angst. Angst bringt nur einigen wenigen etwas (Banker, Politiger, Farmazeuten). Den Kindern sollte man keine Angst machen, die begreifen Änderungen im Alltag sowieso schneller.
Zwei von meinen drei engsten Freunden haben oder hatten die Schweinegrippe, im grösseren Umfeld sind es auch bald 10%. Einige hatten mit dem hohen Fieber wirklich sehr zu kämpfen und das will ich meinem dreimonatealten Sohn ersparen.
danke für den beitrag. etwas gutes hat diese ganze schweinegrippe – panik, nebst den anderen wie sars, finanzkrise etc. die kinder lernen, dass die gesellschaft nach einem kollektivem-angstmuster funktioniert. das heisst, dass man alles nicht so ernst nehmen darf und durchaus auch an das gute im leben glauben darf. das mit den leeren drohungen halte ich tatsächlich, wie sie das richtig schreiben, als für die grösste gefahr.
“Angst essen Seele auf”, da liegt was drin ! Kalauer sind ein Ventil der Seele, wenn’s zu unerträglich wird, reissen wir Witze und bringen uns wieder auf ein normales Niveau. Kinder muessen informiert werden, aber sachlich. Verniedlichung ist genauso schädlich wie Uebertreibung. Wie bei allen Aspekten der Kindererziehung ist das eine Gratwanderung und wer hier den Kod knackt, sollte fuer den Nobelpreis vorgeschlagen werden. Dass Ihre Tochter vom Schweinegerippe die Nase voll hat, zeugt von einer gesunden Psyche, und dass Ihre Erziehungsmethoden funktionieren, gratuliere
Ansonsten gibt’s nur eins: gesunder Menschenverstand, hysterische Massenmedien vermeiden oder hoffen, dass die “Nachrichtentrockenheit” bald vorbei ist und sie von was anderem berichten, und den Dingen entgegensehen, die da kommen. Wir können eh nix dran ändern, eine gewisse Portion Fatalismus ist nur gesund ! Händewaschen und in die Armbeuge niesen, bleibet gesund !
@Christian Müller: “SGP (schweinegrippeparanoia) ” –
Sehr gut!
Zur Erinnerung:
“TOD DURCH TAMIFLU®”
“18.11.2005, 08:12: Guten Morgen!
Hat einer von euch heute die Süddeutsche gelesen??
12 Leute sind an Tamiflu gestorben!!!
WHO überlegt sofortiges verbot!”
http://www.symptome.ch/vbboard/bakterien-viren-parasiten/2296-tod-tamiflu.html