Heiraten aufs Geratewohl

Da stimmt die Chemie: Brautpaar füttert sich mit Dessert. Foto: Tamara McCauley (Flickr)

Da stimmt die Chemie: Unbekanntes Brautpaar bei der Fütterung. Foto: Tamara McCauley (Flickr)

Als ich vor Monaten von dem Konzept der Sendung las, war mir sofort klar: Die muss ich sehen. Darüber will ich schreiben. Das ist ja die Krönung der Beklopptheit. Die Rede ist von der Sendung «Hochzeit auf den ersten Blick» auf Sat 1, über die man in letzter Zeit so einiges lesen konnte.

Also habe ich mich vor vier Wochen das erste Mal vor die Kiste gepflanzt, mit einer schön vorgefertigten Meinung. Tja, und dann war ich irritiert. Von mir und von der Sendung.

Aber eins nach dem anderen. Das Konzept ist simpel. Vier Experten (zwei Männer, zwei Frauen, jaja) lesen aus mehreren Hundert Kandidatinnen und Kandidaten aus, welche die besten vier Pärchen abgeben könnten, sollten und nach sogenannt wissenschaftlichen Kriterien auch müssten. Viele sind ausgestiegen, als ihnen klar wurde, dass das Ganze auf eine rechtsgültige Hochzeit hinausläuft, bei der sich die Paare das erste Mal vor dem Traualtar sehen.

Gut, die Sache mit dem unbesehenen Heiraten ist nicht neu, das gibts seit Jahrtausenden. Und im Gegensatz zu den unzähligen arrangierten Hochzeiten, die im realen Leben noch heute geschlossen werden, haben die Bräute und Bräutigame einen kurzen Augenblick Zeit, um frei zu entscheiden, ob sie ein telegenes «Ja» hauchen wollen oder nicht. Gesetzt den Fall, sie haben den Mut, die Macher, ihre Verwandten, die unbekannten potenziellen zukünftigen Verwandten und die Fernsehzuschauer vor den Kopf zu stossen und zu sagen: «Nö. Danke, aber nein danke.» Aber sie dürften. Darin unterscheidet sich die Hochzeits-TV-Show von klassisch arrangierten Hochzeiten.

Anderes ist hingegen sehr ähnlich. Wie bei guten Heiratsvermittlern seit jeher üblich, wird auch hier viel Aufhebens gemacht. Das Ganze wird sogar mit grosser Ernsthaftigkeit und viel gewichtigem Kopfnicken als wissenschaftliches Beziehungsexperiment verkauft. Und so gehts: Eine Psychologin, eine Matching-Expertin, ein Theologe und ein Wohnpsychologe versuchen, die offensichtlich verzweifelten Singles zu erfassen, zu vermessen, zu kategorisieren und zusammenzuführen. Kriterien sind unter anderem die DNA der beiden. Die Experten berufen sich damit auf die Tatsache, dass sich Menschen mit unterschiedlichem Immunsystem offenbar besonders gut riechen können. Zudem wirkt es am TV auch einfach saugut. Sobald DNA draufsteht und man einen Labormenschen sieht, halten wir die Sache für seriös. Klinisch getestet.

Nach dem Labor kommt die Psychologin und führt Gespräche. Viele. Lange. Und redet klug und guckt dabei wie ein Knutschehäschen mit Nerdbrille. Der Herr Theologe ist glaubs nur Deko. Aber er kümmert sich halt um die spirituelle Dimension, und die sieht man eben nicht am TV. Auf jeden Fall macht er sich fast so gut wie die DNA, mit seinem seriösen, weissen Kräglein. Jetzt darf der Wohnpsychologe ran, ein farbloser Mensch, an dessen Gesicht man sich nur erinnert, wenn man es grad sieht. Er besichtigt die Wohnungen der Versuchsmenschen und sagt ihnen Sachen über sie. Dann legt er ihnen ein paar Stoffmüsterchen auf den Couchtisch und fragt, welches für sie am ehesten mit Erotik zu tun habe. Man fragt sich, ob er vielleicht Esoterik meint und es nur falsch sagt.

Zum Schluss spricht noch die Matching-Expertin ein paar gewichtige Worte zu ihrem Bildschirm. Sie ist die überzeugendste Figur in diesem Spiel. Und hat ganz offensichtlich Erfahrung mit Paaren und mit den Erwartungen, die sie zusammen- und oft auch wieder auseinanderbringen.

Das ist denn auch der Punkt, welcher die Sendung wider Erwarten wirklich interessant macht, über Schadenfreude und Voyeurismus hinaus. Denn mit Erwartungen stellen wir uns alle vor den Traualtar, egal ob wir uns erst drei Minuten kennen oder schon seit drei Jahren. Vielleicht, so denkt es in mir plötzlich, ist die Idee mit dem sogenannt wissenschaftlichen Matching nicht nur bescheuert. Letztlich geht es um das Prinzip Hoffnung. Aber dann zweifle ich wieder. Denn was hier fehlt, ist das Prinzip Liebe. Die Magie. Das Metaphysische. Theologe hin oder her.

Zwar haben Experten auch darauf eine pfannenfertige Entgegnung: Verliebtsein werde überbewertet, und die Liebe könne dann schon noch kommen. Klingt recht mittelalterlich. Aber irgendwie hat auch das was. Vieles, was man am anderen lieben lernt, kannte man anfangs ja tatsächlich noch gar nicht.

Das alles ist sehr unterhaltsam anzusehen, birgt grosses Potenzial zum Mitraten, welches Paar es schafft und welches nicht. Es macht die Besserwisser glücklich, die immer schon gesagt haben, dass x und y nie und nimmer zusammenpassen, DNA hin oder her. Sogar eine gehörige Prise Rührung wird mitgeliefert.

Und doch ist der Nachgeschmack schal. Heiraten, um mal zu sehen, wie es ist, mit der Option Scheidung schon auf dem Radar, finde ich trist. Auch wenn das ganz schön altmodisch ist. Jänu. Schauen lohnt sich trotzdem auf jeden Fall. Am Sonntag um 17.55 Uhr auf Sat 1 gibts dann die grosse Entscheidung: Wer bleibt zusammen…

123 Kommentare zu «Heiraten aufs Geratewohl»

  • Katharina sagt:

    Frau F, Sie tun dieser Sendung mit Ihrem wohlgeschliffenen Text viel zu viel Ehre an.

  • Markus Schneider sagt:

    Brunz – ein Wort für drei Dinge: die Idee, die Sendung und den Artikel.

  • Irene feldmann sagt:

    Schiidech, oder zwei zusammen führen kann sehr wohl klappen, muss aber nicht, genau so wie niemand irgendetwas machen muss außer Leben und Sterben. Die Idee ist alt, im TV einfach neu, mögen auch die Skeptiker noch was dazu lernen, ich wünsche auf jeden Fall VIEL ERFOLG, mutige Kandidaten!!!!

  • Marcel Elsener sagt:

    Unabhängig von dieser typischen Prekariatssendung: Als Mann sollte man grundsätzlich nicht heiraten und auch keine Kinder zeugen. Am Ende wird der ehewillige Mann mit grosser Wahrscheinlichkeit feststellen, dass er von Ex-Ehefrau, Staat und Anwälten abgezockt wird und seine Kinder vielleicht noch jedes dritte Wochenende sieht – wenn überhaupt.

    Die Verliebtheit ist ohnehin nur eine hormonelle Reaktion auf äussere Reize. Irgendwann gewöhnt man sich an die Reize, so sie denn überhaupt noch vorhanden sind, und die Hormonproduktion fällt weg. Dann gibt es auch keine Verliebtheit mehr.

    • Franz Vontobel sagt:

      …gähn… next!

      • Marcel Elsener sagt:

        Naja, ich betrachte einfach unvoreingenommen die Realität unseres Ehe- und Familienrechts und gebe darauf basierend eine Handlungsempfehlung ab.

        Jeder Mann muss natürlich selbst wissen, worauf er sich bei Heirat und/oder Vaterschaft einlässt. Aber das ist ja gerade der springende Punkt: Die meisten Männer wissen nicht, worauf sie sich einlassen oder verdrängen es unter dem Eindruck ihrer eigenen Verliebtheit. Sie erwachen erst dann, wenn sie in die Pfanne gehauen werden.

        Der kluge Mann hingegen sieht die potentiellen Probleme voraus und umschifft sie beizeiten.

      • 13 sagt:

        Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Mann einfach eine Familie wünscht und für diesen Wunsch das Risiko bewusst eingeht, völlig ausgeschlossen.

      • Marcel Elsener sagt:

        @13
        Ich gehe davon aus, dass die meisten Männer, die eine Familie gründen, diese auch wünschen. Hingegen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie die rechtlichen Konsequenzen nicht vollumfänglich kennen oder sie allenfalls verdrängen, ziemlich hoch.

        Das hängt schon damit zusammen, dass das Ehe- und Familienrecht einem dauernden Wandel unterliegt. Die Zivilehe ist ein Vertrag zwischen drei Parteien: Mann, Frau und Staat, wovon letzterer der mächtigste ist, weil er die Vertragsklauseln jederzeit eigenmächtig ändern kann. Die Ehegatten hingegen können das nicht.

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