Leben


Michèle Binswanger am Mittwoch den 12. August 2009

Papas Modesünden

Männer und Mode – da herrscht selten heisse Liebe. Und haben Männer erst mal eine solche gefunden und werden womöglich gar Vater, bricht modisch allzu oft der nukleare Winter aus. Mit dem Junggesellentum verabschieden viele Männer jegliches Stilempfinden und regredieren zu modischen Kopffüsslern. Natürlich gibt es Schlimmeres im Leben – aber nachdem sich gestern der SVPler René Kuhn bemüssigt fühlte, die Schweizer Frauen zu rügen, schmettere ich ihm hier meinen Weckruf an die Papas entgegen. Wer Stil zeigen will, muss mehr tun, als bloss Kleidungsstücke vom Boden aufzuheben und reinzusteigen. Fragen Sie sich morgens vor dem Spiegel: Möchte ich in diesem Outfit Beyoncé begegnen? Wenn Sie die Antwort darauf Nein ist, sollten Sie sich umziehen. Zur Hilfe hier ein paar modische Richtlinien für Papas:

1. Der Schmerbauch. Viele Männer legen sich, sind sie erst mal warm und gemütlich in geregelte Familienstrukturen eingebetettet, einen Schmerbauch zu. Nun steht eine Gewichtsneurose Männern zwar fast noch weniger als ein Bauch, trotzdem müssen Sie sich ja nicht gleich in Helmut Kohl verwandeln, nur weil ihre Frau gut kocht. Wenn ihre Kinder, Nichten und Neffen plötzlich nur noch Mount Everest spielen wollen, mit ihnen in der Rolle des Berges, dann sollten Sie das Sixpack aus dem Kühlschrank schmeissen und sich dran erinnern, dass irgendwo unter ihrem Everest ein Sixpack auf sein Comeback wartet.

2. Mom-Jeans. Es gibt einen Grund, warum Männer keine Taille haben: damit sie nicht auf die Idee kommen, Mom-Jeans zu tragen. Denn was bei Müttern unvorteilhaft wirkt, steht Vätern erst recht nicht. Ebenso sollten Sie die Finger lassen von zu engen Hosen, Rüebli- und Acid-Stone-Washed-Jeans (sie sind seit den Achtzigerjahren nicht modischer geworden), gemusterten Hosen und Kurzhosen. Und verzichten Sie auch darauf, Natels an Ihren Gürtel zu heften und ihre Hosentaschen allzu voll zu stopfen. Beulen in den Hosen mag Frau nur an einer Stelle.

3. Schuhwerk. Zugegeben, viele Männerfüsse sind ein wüstes Eiland, unbeleckt von jeglicher Zivilisation. Wer dennoch in Sandalen wandeln möchte, sollte sich die Nägel schneiden oder zur Pedicüre gehen. Niemals aber sollte man Socken in Sandalen anziehen. Dieser Stil ist mit Jesus gestorben. Aber im Gegensatz zu ihm nie auferstanden.

4. Hemden. Wenn Sie depressiv, drogensüchtig, verrückt und genial sind und zudem Grunge erfunden haben, dann, aber nur dann, dürfen Sie Flanellhemden mit Holzfällerkaro tragen. Trifft das alles nicht auf Sie zu, investieren Sie ihren letzten Funken Hoffnung in neue Hemden – am besten nicht solche aus Jeansstoff, denn das sind die zweitschlimmsten. Wer Hemden trägt, sollte sich auch Gedanken über seinen Ausschnitt machen. Stürzt der wie ein Basejumper im freien Fall auf ihren Bauch runter, ist es Zeit, ein paar Knöpfe zu schliessen.

5. T-Shirts. Hier können Sie nicht viel falsch machen. Aber stopfen Sie sie nicht in die Hose – auch T-Shirts galoppieren gern in Freiheit und mögen keine engen Hosenbünde – es sei denn, sie sind SVP-Politiker und heissen René Kuhn, dann ist sowieso Hopfen und Malz verloren. Bei Signalfarben sollten Sie vorsichtig sein, und verzichten sie auch hier lieber auf auffällige Label-Drucke wie D&G, wenn Sie sich nicht zum Idioten machen wollen. Auch «witzige» Aufschriften wie: «Bier formte diesen wundervollen Körper» gehören grundsätzlich auf keinen Körper. Auch keinen wohlgeformten.

Lesen Sie dazu auch: Mütter aller Modesünden.

160 Kommentare zu „Papas Modesünden“

  1. Jasmina sagt:

    tja, all die Männer, die sich jetzt beschweren, haben bei der Liste der Mütter-Modesünde bestimmt zustimmend mit dem Köpfchen genickt.. aber sei’s drum:

    mein Mann weiss, dass er keinen Kleidergeschmack hat (jahrelanges Herumlaufen in zu kurzen, zu breiten Manchesterhosen) und lässt mich Pullis und Jeans aussuchen. Und da er in Jeans mit dem richtigen Pulli umwerfend aussieht, ich ihm aber NIE etwas kaufen würde, von dem ich weiss, dass er es nicht mag, sind alle zufrieden. Mann muss nicht shoppen gehen, Frau hat einen knackigen Kerl zu Hause :)

  2. ich sagt:

    rüeblihosen, enge und stonewashed sind schon modisch.
    vielleicht eher bei jungen vätern.

  3. Nadja Reuteler sagt:

    was mich stört ist das mit dem wachbrettbauch die viele Frauen mögen… was soll ich mich auf ein hartes Brett legen???
    doch nicht kuchelig… ein bisschen wäsche darf schon noch auf diesem Waschbrett liegen, meiner Meinung und meinem Geschmack nach…

    aber stimmt, sogar mich als nicht mode Frau störren Socken bei Sandalen und Kurzen Hosen…
    viele dieser Männer ziehen die Socken dann nicht mal beim…. Vergnügen aus… ächz!!!!

  4. Geschmackssache sagt:

    Ich mach mir sehr wenig aus den sogenannten Go’s und NoGo’s. Soll doch jeder die Klamotten anziehen in denen er sich wohlfühlt.
    Das macht doch unsere Welt auch viel individueller als das “modische schlechte Gewissen”.
    Zudem habe ich echt keine Lust jede Saison meinen Kleiderschrank neu zu füllen.
    Mehr Mühe habe ich im Kleiderladen, wenn schnäppchengeile Frauen die Männerabteilung verstopfen ;-)

  5. 13 jahre altes mädchen sagt:

    Also wenn mein papa so aussehen würde, würde ich mich echt schämen. Vor allem Socken in den Sandalen! Tzzz. Sieht ja komisch aus.

  6. Rahel sagt:

    Es gibt halt Männer und Männer! Die einen sehen selbst im sündhaft teuren Smoking einfach nur Sch………. aus, die anderen sehen im Kartoffelsack mit Knochen im Haar noch umwerfend aus………….:-)

  7. kason sagt:

    Selten so gelacht – und recht hat sie mit den Bemerkungen zur Männermode…auch Männer können/dürfen/sollten mal modisch sein und sich wenigstens korrekt anziehen.
    Mit was man so – ohne allzugrossen Anspruch – in der S-Bahn täglich konfrontiert wird, ist wahrhaftig kein Zeichen einer Gesellschaft, die sich selber zur ersten Klasse zählt – da findet man in manchem sogenannten Drittweltland besseren Kleidergeschmack und ein stärkeres Körperbewusstsein.
    Im Winter zeigen sich Jacken mit dem faden Geschmack nach einem alten Hund, Pullover die nach Wäsche schreien – wenn man das Pech hat, zunahe zu sitzen dank unserer allseits geliebten S-Bahn – im Sommer wabbeln die Bäuche – weibliche und männliche im Gleichschritt – und warum gerade Uebergewichtige enge Hosen tragen ist mir auch nicht klar. Es gibt auch für grosse Grössen passende und chice Mode….

  8. jasmine sagt:

    @kason
    Verschiedene Menschen, verschiedene Meinungen. Jeder soll tragen dürfen, was er/sie für den Anlass oder den Tag entsprechend findet. Was mich an an Deinem Kommentar nervt; “und warum gerade Uebergewichtige enge Hosen tragen ist mir auch nicht klar. Es gibt auch für grosse Grössen passende und chice Mode….”
    Übergewichtige, z.B. ich, möchte auf gar keinen Fall den Menschen gefallen, die mich als Übergewichtige schon rein vom Äusseren her unattraktiv finden. Sondern denjenigen, denen meine Rundungen gefallen. Und wenn ich die unter wallenden Röcken oder knielangen , viel zu weiten Pullovern verstecke, so werde ich sicher bei denen keine Aufmerksamkeit erreichen. Früher habe ich das getan, aber seit mir mein jetziger Partner, der meine Rundungen ehrlich mag, beigebracht hat, wie ich meinen üppigen Körper auch in knackigen Jeans und rassigen Oberteilen zeigen soll, seither werde ich sowohl von der Männerwelt als auch von allgemeinen Kontakten im Alltag ganz anders wahrgenommen. Nämlich nicht mehr als dumme Dicke, sondern als Mensch mit Vorzügen und Fehlern. Und, wenn ich ehrlich bin, ich bin extrem überrascht, wieviele Männer gerne übergewichtige Frauen haben. Und wenn es jemanden stört, der kann ja weggucken! Das gilt übrigens auch für Männer, auch die dürfen zeigen was sie haben. Und im Sommer: Hast Du wirklich das Gefühl, Dicke haben bei 30 Grad Sommerhitze nicht mindestens so heiss wie Du? Warum müssen die dann lange Hosen und Röcke ^tragen, während die “schönen Dünnen” die angenehme Brise u die Haut spüren dürfen? Nur, damit Du Dich in der S-Bahn nicht ekeln musst? Ob Fusschweiss, Übergewicht, Glatze, Mundgeruch, graue Haare, Riesenbrüste, Schmollmund, abstehende Ohren oder Damenbart – es gibt füe alle die Möglichkeit, sich zu verstecken, was dagegen zu tun, oder Menschen zu treffen, die angetan davon sind. Präsentieren muss man es auf seine eigene Art, bitte höre auf, denen, die nciht so sind, wie Du es gerne hättest zu sagen, sie sollen sich nicht mehr mti in die S-Bahn getrauen und sich so kleiden, damit Du nicht mit deren “Andersein” konfrontiert wirst. Steig doch ins Auto und kümmere Dich um andere Dinge als um die Kleidung der anderen.

    • Stef sagt:

      Du sprichst mir aus der Seele, auch wen ich noch niemanden getroffen hätte, der gesagt hätte, ich hätte ein Gramm zu viel, nervt mich dieser Modezwang. Ich mag Unterhemden und die in der Hose, das seit ich mich erinnern kann.

  9. max sagt:

    @jasmine
    Was genau bezeichnen Sie als “Übergewicht”? Ich jedenfalls kenne keinen Mann, der gerne einen Sack voll Knochen in den Händen hält, wenn er ihr in den Hintern langt.

    • Werner Graf sagt:

      Zwischen gut proportionierter gesunder schlankheit und Magersucht (Sack voll Knochen) besteht ein grosser Unterschied.
      Nur Pariser Modedesigner haben das noch nicht begriffen.

  10. Hans Gehr sagt:

    Wo, bitte, ist der “auferstandene Jesus” zu bewundern?

  11. steffen martens sagt:

    Was für ein Artikel, da beschwert sich eine Frau über Modesünden der Männer – die grösstenteils von mangelnder Kenntnis rühren, statt aus wirklich schlechtem Geschmack – anstatt deren Frauen totales Versagen vorzuwerfen.

    Seien wir mal ehrlich, in jeder Beziehung die ich geführt habe(oder deren Auswirkungen ich miterleben durfte), hatte sich jeweils die Partnerin die alleinige Entscheidungsgewalt über das Styling in die Hand gerissen – nicht schon beim zweiten Date aber langsam und mit Sicherheit… – und ich muss zugeben, meistens berechtigterweise.

    Ohne diesen Einfluss hätte ich garantiert nie Schuhe für 500 Franken gekauft, was ich heute immer wieder gern als einen Ausflug ins extravagante praktiziere – und das mit nicht wenig Vergnügen!

    Das heisst, das die Frauen zu diesen angesprochenen Männern sicherlich auch den Trash-look bevorzugen – und ich bin mir nicht sicher, ob irgendjemand diese Haltung beurteilen sollte.

    P.S. Lieber das T-Shirt in der Hose, statt ständig Blasenentzündung, oder verwechsle ich da die Zusammenhänge?

  12. Auguste sagt:

    @ steffen martens

    hmm…, der einfluss der blastechnik sollte nicht unterschätzt werden, aber wie kommen sie darauf, dass das etwas mit dem t-shirt zu hätte?

  13. braintester sagt:

    also erstens ist der Schreibstil von Frau Binswanger einfach umwerfend…
    und zweitens kann ich mich der Mehrheit ihrer Bemerkungen durchaus mit Leichtigkeit anschliessen, denn Geschmack zu haben oder nicht, hat nichts mit einem auch von mir verpönten Modediktat zu tun.

    Dennoch frage ich mich, das Konterfei von ihr selbst auf dieser Blogseite nachdenklich betrachtend, ob sie bei diesem Thema nicht doch aus Versehen ein wenig ins Glashaus gestolpert ist…

  14. Werner Graf sagt:

    Volltreffer!!!
    Wir Männer möchten, dass unsere Frauen gut und edel sexy (nicht schlampig) gekleidet sind.
    Also soll der Anspruch auch an uns gelten.
    Der beste Tipp ist es… ja liebe Geschlechtsgenossen, zusammen Shoppen gehen. Und wenn es 8 Stunden dauert, es lohnt sich.
    Er zeigt Ihr was Ihm gefällt und sie zeigt Ihm was Ihr gefällt.
    Beide bauen die Vorlieben des/der PartnerIn in den Kaufentscheid ein.
    So sehen dann beide besser aus.

Kommentieren

Verbleibende Anzahl Zeichen:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.